XXXV. LAUTERE SPENDE

Ich weiss nicht, wie lange es dauerte, ehe ich meine Lippen öffnete,

aber eine recht lange Zeit, glaube ich, saß ich stumm da und ließ Alles,

was mir Angulimala erzählt hatte, Punkt für Punkt vor mir auftauchen,

und dachte darüber nach und wunderte mich immer mehr. Denn obwohl ich

viele Sagen aus alter Zeit von göttlichen Wundern und besonders von den

Wundertaten Krishnas, als er auf dieser Erde wanderte, gehört hatte, so

kamen sie mir doch alle miteinander geringfügig vor, wenn ich sie mit

dem verglich, was an diesem Tage Angulimala im Walde widerfahren war.

Und ich fragte mich nun selber, ob jener große Mann, der in wenigen

Stunden aus dem schrecklichen Räuber diesen sanften Menschen, der soeben

zu mir gesprochen, gemacht hatte--jener "Vollendete", der das Wildeste,

was es in der ganzen Natur gab, so leicht und sicher gezähmt hatte: ob

er nicht auch imstande sei, mein friedloses, von Leidenschaften

stürmisch bewegtes Herz zu beruhigen und durch das Licht seiner Worte

die nächtige Trauerwolke von ihm zu verscheuchen? Oder war dies

vielleicht noch schwieriger, ja wohl gar eine Aufgabe, deren Lösung

selbst die Kräfte des heiligsten Asketen überstieg?

Fast fürchtete ich, das letztere möchte der Fall sein, aber ich fragte

doch, wo wohl jener große Asket, den er seinen Meister nannte, sich

aufhielte, und ob auch ich ihn wohl aufsuchen könne.

"Recht so," antwortete Angulimala, "daß du sofort danach fragst--und

wonach solltest du auch sonst fragen? Deshalb bin ich ja zu dir

gekommen. Die wir im Bösen Verbündete sein wollten, wir werden es jetzt

im Guten sein. Der Erhabene weilt jetzt im Sinsapawalde, von dem du

selber sprachst. Begib dich morgen dorthin, aber erst gegen Abend. Denn

dann haben die Mönche ihre Gedenkenruhe beendigt und versammeln sich am

alten Krishnatempel, und der Erhabene spricht da zu ihnen und zu den

sonst Anwesenden. Zu dieser Stunde gehen nämlich viele Männer und Frauen

von der Stadt dort hinaus, um den Gesegneten zu sehen und seinen

lichtspendenden Worten zu lauschen; und mit jedem Abend wird der Andrang

größer. Oft dauert ein solcher Vortrag bis in die späte Nacht hinein.

Von alledem war ich schon genau unterrichtet, weil ich in der

Sündhaftigkeit meines Herzens den scheußlichen Plan geschmiedet hatte,

mit meinen Leuten nächstens die Versammlung zu überfallen. Die Gaben an

Lebensmitteln und Stoffen, die viele der Besucher als Geschenke für den

Orden mitbringen, bilden schon eine--wenn auch nicht reiche--so doch

keineswegs ganz zu verschmähende Beute. Besonders aber gedachte ich

einige vornehme Bürger aufzuheben und schweres Lösegeld von ihnen zu

erpressen, und verband damit die Hoffnung, durch einen so dreisten

Handstreich, gerade vor den Toren der Stadt, Satagira endlich aus den

Mauern herauszulocken. Denn als ich den Plan faßte, war mir seine

bevorstehende Reise noch unbekannt.--Versäume also nicht, edle Frau,

morgen gegen Abend nach dem alten Krishnatempel zu gehen, das wird dir

lange zum Heil gereichen. Mich verlangt es jetzt eiligst dahin zu

kommen, ob ich wohl noch etwas hören werde. Doch in solchen schönen

Mondnächten bleiben die Mönche lange beisammen, in religiöse Gespräche

vertieft, und erlauben Einem gern zuzuhören."

Der Pilger Kamanita: Ein Legendenroman · 第 41 / 55 题