"Gewiss sind wir so alt wie die Welt," sagte Kamanita. "Aber bisher sind
wir immer ruhelos gewandert, und immer wieder hat uns der Tod in ein
neues Leben gestürzt. Jetzt aber haben wir endlich eine Stätte erreicht,
wo es kein Vergehen mehr gibt, sondern nur ewige Wonne unser Los ist."
Als er so sprach, kehrten sie gerade vom Korallenbaume zu ihrem Teiche
zurück. Er wollte sich soeben auf seine Lotusrose niedersenken, als er
zu bemerken glaubte, daß ihre rote Farbe an Frische und Glanz etwas
eingebüßt habe. Ja, als er nun über ihr in der Luft schwebend stehen
blieb und aufmerksam auf sie hinunterblickte, sah er mit Schrecken, daß
die Kronenblätter am Rande bräunlich und gleichsam verbrannt waren, und
daß ihre Spitzen sich erschlaffend krümmten.
Nicht anders sah Vasitthis weißer Lotus aus, über dem auch sie stehen
geblieben war, offenbar durch dieselbe Wahrnehmung gefesselt.
Er richtete seinen Blick nach seinem blauen Nachbar. _Sein_ Lotus zeigte
die gleiche Wandlung und es fiel Kamanita auf, daß sein Gesicht nicht so
freudig strahlte wie damals, als er ihn zuerst begrüßt hatte; die Züge
waren nicht so belebt wie früher, seine Haltung war nicht so frei, ja in
seinem Blick las er dieselbe Befremdung, die ihn und Vasitthi ergriffen
hatte.
Und so war es in der Tat überall, wo er hinsah. Mit Blumen und Gestalten
war eine Veränderung vor sich gegangen.
Wieder senkte er prüfend den Blick zu seinem eigenen Lotus nieder. Ein
Kronenblatt schien lebendig zu werden--langsam neigte es sich vornüber
und fiel losgelöst auf die Wasserfläche.
Gleichzeitig aber hatte sich von jeder Lotusblume ein Kronenblatt
abgelöst--die Wasserfläche glitzerte zitternd und schaukelte leise die
bunten Blätternachen. Durch die Haine am Ufer ging ein Frösteln, und ein
juwelenfunkelnder Blütenregen fiel zur Erde. Ein Seufzer entrang sich
jeder Brust, und eine leise, doch schneidende Disharmonie durchdrang die
Musik der himmlischen Genien.
"Vasitthi, Geliebte!" rief Kamanita, bestürzt ihre Hand
ergreifend--"siehst du? Hörst du?--Was ist denn dies? Was kann das
bedeuten?"
Aber Vasitthi sah ihn ruhig lächelnd an:
"Daran hat er gedacht, als er sagte:
'Alles Entstandene auflösend weht dahin der Verwesung Hauch,
Wie ein irdischer Prachtgarten welken Paradiesblumen auch.'"
"Wer hat denn diesen schrecklichen, diesen hoffnungsvernichtenden
Ausspruch getan?"
"Wer denn sonst als er, der Erhabene, der Wandels-und Wissensbewährte,
der aus Mitleid mit den Menschen die Lehre darlegt, Allen zur
Aufklärung, dem Einzelnen zum Trost; der die Welt mit ihren edlen und
unedlen Wesen, ihren Scharen von Göttern, Menschen und Dämonen offenbart
und erklärt, der Wegweiser, der den Weg aus dieser Wandelwelt zeigt: der
Erhabene, der Vollendete, der Buddha."
"Der Buddha hätte das gesagt? O nein, Vasitthi, das glaub' ich nicht.
Vielfach werden ja die Worte solch großer Lehrer mißverstanden und
unrichtig wiedergegeben, wie ich selber am besten weiß. Denn einst, zu
Rajagaha, habe ich in der Vorhalle eines Hafners mit einem törichten
Asketen zusammen übernachtet, der mir durchaus die Lehre des Buddha
darlegen wollte. Was er vorbrachte, war aber trauriges Zeug, eine
grüblerische, vernagelte Lehre, wiewohl ich schon spüren konnte, daß
echte Aussprüche des Erhabenen ihr zugrunde lagen--jedoch verballhornt
und von diesem Querkopfe umgedeutet. Gewiß hat man auch dir dies Wort
falsch berichtet."
"Nicht doch, mein Freund! Denn aus dem Munde des Erhabenen selber habe
ich es ja."
"Wie, Geliebte? So hast du denn selbst den Vollendeten von Angesicht zu
Angesicht gesehen?"
"Gewiß habe ich das. Zu seinen Füßen bin ich ja gesessen."
"Glücklich preise ich dich, Vassitthi! Glücklich--das sehe ich ja--bist
du jetzt in der Erinnerung. Ach, auch ich würde ja glücklich und
zuversichtlich sein wie du, wenn nicht im letzten Augenblick mein böses
Geschick--die eben reif gewordene Frucht von schlechten Taten der
Vergangenheit--mich des Glücks beraubt hätte, den erhabenen Buddha zu
sehen. Denn ein gewaltsamer Tod raffte mich dahin, als ich auf dem Wege
zu ihm war, in demselben Orte, in dem er weilte, eben gerade in
Rajagaha, an dem Morgen nach meinem Gespräch mit jenem törichten
Asketen. Nur etwa noch eine Viertelstunde entfernt von dem Mangohaine,
in dem der Erhabene sich aufhielt, ereilte mich mein Schicksal. Aber nun
ist mir _dies_ zum Tröste gegeben, daß meine Vasitthi das erreichte, was
mir versagt blieb. O, erzähle mir Alles davon, wie du zu ihm, dem
Erhabenen, kamst. Denn gewiß wird mich das aufrichten und stärken, und
jenes Wort, das mir so schrecklich, so hoffnungsvernichtend erschien,
wird mir dann verständlich werden und seinen Stachel verlieren, ja
vielleicht sogar irgend einen geheimen Trostgrund enthalten."
"Gern, mein Freund," antwortete Vasitthi.
Sie ließen sich auf ihre Lotusrosen nieder, und Vasitthi setzte den
Bericht ihrer Erlebnisse fort.