XXIX. IM DUFTE DER KORALLENBLÜTEN

Sie besuchten in der Tat nicht wieder jenes ungastliche Gestade der

himmlischen Ganga. Oft aber lenkten sie ihren Flug nach dem Tale der

Malachitfelsen. Unter der mächtigen Krone des Korallenbaumes gelagert,

atmeten sie jenen Duft aller Düfte, der den karmesinroten Blüten

entströmte, und in der Tiefe ihrer Erinnerung öffnete sich dann die

Aussicht auf ihre früheren Leben.

Bald in Palästen, bald in Hütten sahen sie sich nun wieder, aber ob in

Seide und Musselin gehüllt oder in die groben Erzeugnisse des

Dorfwebstuhles gekleidet: immer war die gegenseitige Liebe da. Bald

wurde sie durch das Glück der Vereinigung gekrönt, bald war die Trennung

durch Lebensgeschicke oder durch den Tod ihr jammervolles Los: aber

glücklich oder unglücklich, die Liebe blieb dieselbe.

Und sie sahen sich in anderen Zeiten, da die Menschen gewaltiger waren

als jetzt, in jenen ewig unvergessenen Heroentagen, als er sich aus

ihren Armen riß und seinen Kampfilfen bestieg, um nach der Ilfenstadt zu

ziehen und seinen Freunden, den Pandaverprinzen, im Kampfe gegen die

Kuruinge beizustehen; wo er dann an der Seite Arjunas und Krishnas

kämpfend, am zehnten Tage der Riesenschlacht auf der Ebene Kurukschetra

seine Heldenseele aushauchte. Sie aber, als sie die Nachricht von seinem

Tode empfing, bestieg vor dem Palaste, von allen ihren Frauen gefolgt,

den Scheiterhaufen, den sie mit eigener Hand anzündete.

* * * * *

Und wieder sahen sie sich in fremden Gegenden und in anderer Natur. Es

war nicht länger das Tal der Ganga und der Jamuna mit seinen prächtigen,

palastreichen Städten, wo waffenstrahlende Krieger, stolze Brahmanen,

reiche Bürger und fleißige Çudras die Straßen belebten; mit seinen

Reisfeldern und vielstämmigen Feigenbaumriesen, seinen Palmenhainen

und seinen Dschungeln, seinen Elefanten und Tigern und den

weithinleuchtenden Schneezinnen des Himavat. Dieser Schauplatz, der mit

seiner mannigfachen tropischen Pracht so oft ihr gemeinsames Leben

umschlossen hatte, als ob es keine andere Welt gäbe, verschwand nun

gänzlich, um einem öderen und herberen Lande Platz zu machen.

Hier brennt freilich die Sommersonne so heiß wie an der Ganga, trocknet

die Wasseradern aus und versengt das Gras. Aber im Winter beraubt der

Frost die Wälder ihres Laubes, und Reif bedeckt die Felder. Keine Städte

erheben ihre Türme, aber weitgedehnte Dörfer mit großen Hürden liegen

mitten in ihren weidereichen Triften, und die schützende Anhöhe daneben

ist durch Wälle und rohe Mauern in eine kleine Feste verwandelt. Ein

kriegerisches Hirtenvolk ist hier seßhaft. Die Wälder sind voll von

Wölfen, und meilenweit hört der zitternde Wanderer das Gebrüll des

Löwen, "des furchtbaren, schweifenden, in Bergen hausenden Wildes"--wie

_er_ ihn nennt; denn er ist ein Sänger.

Nach langer Wanderung nähert er sich einem Dorfe, als unbekannter, aber

willkommener Gast; denn das ist er überall. Über seiner Schulter hängt

seine einzige sichtbare Habe, eine kleine Laute; aber im Kopfe trägt er

das ganze kostbare Erbe seiner Väter: alte, geheime Hymnen an Agni und

Indra, an Varuna und Mitra, ja sogar an unbekannte Götter; Kriegs- und

Trinklieder für die Männer; Liebeslieder für die Mädchen; segnende

Zaubersprüche für die Milchspendenden. Und er hat Kraft und Kenntnisse,

um diesen Vorrat aus eigenen Mitteln zu vermehren. Wo wäre wohl ein

solcher Gast nicht willkommen?

Es ist um die Zeit, da die Rinder nach Hause getrieben werden. An der

Spitze einer Herde schreitet mit der höchsten Anmut in allen Bewegungen

des jugendlichen Körpers ein hochgewachsenes Mädchen; ihr zur Seite geht

ihre Lieblingskuh, deren Glocke die anderen folgen, und leckt ab und zu

ihre Hand. Er bietet ihr guten Abend; sie erwidert freundlich den Gruß.

Lächelnd sehen sie sich an--und es ist derselbe Blick, der im Lustparke

von Kosambi zwischen der Ballspielerin auf der Bühne und dem fremden

Zuschauer hin und her flog.

* * * * *

Aber auch das Land der fünf Ströme, nachdem es sie mehrmals beherbergt

hat, verschwindet, wie zuvor das Gangatal--andere Gegenden tun sich auf,

andere Menschen und Sitten umgeben sie--Alles rauher, wilder und

ärmlicher.

Die Steppe, über welche der Zug sich hinzieht--Reiter, Wagen und

Fußgänger in endloser Reihe--ist weiß von Schnee. Die Luft ist voll von

den wirbelnden Flocken. Schwarze Berge schauen schattenartig herein. Aus

dem Zeltdache eines schweren Ochsenwagens beugt sich ein Mädchen so

lebhaft hervor, daß der Schafpelz zur Seite gleitet, und die goldene

Haarfülle ihr über Wangen, Hals und Brust niederwallt. Angst leuchtet

aus ihren Augen, als sie hinausspäht, wohin alle Blicke sich wenden,

alle Finger hinzeigen:--wie eine dunkle, vom Winde aufgewirbelte Wolke

braust eine Reiterhorde heran. Aber vertrauensvoll lächelt sie, als ihr

Blick dem des Jünglings begegnet, der neben dem Wagen auf einem

schwarzen Stiere reitet;--und es ist wieder derselbe Blick, wenn auch

aus blauen Augen. Dieser Blick entflammt das Herz des blonden Jünglings,

der seine Streitaxt schwingt und laut rufend mit den anderen Kriegern

dem Feind entgegenstürmt--entflammt es und wärmt es noch, als es vom

kalten Eisen eines Skythenpfeiles durchbohrt wird.

* * * * *

Aber noch größere Veränderungen erlebten sie; noch weitere Wanderungen

unternahmen sie, vom Dufte des Korallenbaumes geleitet.

Sie fanden sich selbst als Hirsch und Hinde im ungeheuren Walde. Wortlos

war jetzt ihre Liebe, aber nicht blicklos. Und wiederum war es derselbe

Blick:--tief im innersten Dunkel ihrer großen, ahnungsvollen Augen

leuchtete noch, wenn auch wie durch trübe Nebelbläue hindurch, derselbe

Funken, der so strahlend von Menschenauge zu Menschenauge den Weg

gefunden hatte.

Sie ästen zusammen, nebeneinander wateten sie im klaren, kühlen

Waldbach, Körper an Körper ruhten sie im hohen, weichen Grase. Gemeinsam

waren ihre Freuden, gemeinsam zitterten sie vor Angst, wenn plötzlich

ein Ast lebendig wurde und der Rachen des Pythons sich aufsperrte; oder

wenn in der Stille der Nacht eine fast unhörbare, schleichende Bewegung

von ihren regen Ohren aufgefangen wurde, während ihre geblähten Nüstern

den scharfen Geruch eines Raubtieres witterten, und sie dann in

mächtigen Sätzen davonflohen, gerade als es im Gebüsche knisterte und

knackte und das Zorngebrüll des zu kurz gekommenen Tigers durch den

jetzt ringsum lebendig werdenden Wald rollte.

Viele Jahre schon hatten sie so gemeinsam alle Wonnen und Schrecken des

Waldes durchgekostet, als sie eines Tages an einem schattigen Orte die

jungen saftigen Schößlinge benagten. Da geschah es, daß die Hinde sich

in die Wildschlinge eines Jägers verstrickte. Vergebens arbeitete das

Männchen mit Zacken und Klauen, um die Bande, welche die Freundin

fesselten, zu zersprengen, und ließ nicht davon ab, bis der Jäger sich

nahte. Dann stellte er sich diesem mit gefälltem Geweih entgegen und

bald machte der Jagdspieß beider Leben ein Ende.

* * * * *

Und als ein paar Goldadler horsteten sie hoch im wilden Felsengebirge,

schwebten über die bläulichen Abgründe des Himavat und umkreisten seine

schneeigen Zinnen.--

Als zwei Delphine aber befuhren sie die grenzenlose Salzflut des

Ozeans.--

Ja, einmal erwuchsen sie als zwei Palmen auf einer Insel mitten im

Weltmeere, schlangen im kühlen Strandsande ihre Wurzeln ineinander und

ließen gemeinsam ihre Wipfel im Seewinde rauschen.

* * * * *

Und wie ein Fürstenpaar sich zur Kurzweil und Belehrung vom Hoferzähler

mancherlei vortragen läßt--bald den Lebenslauf eines Königs, bald eine

einfache Dorfgeschichte, bald ein Heldenepos, bald eine Sage aus uralten

Tagen, bald irgend eine Tierfabel oder ein Märchen, und dabei weiß: wie

oft es uns auch gelüstet, zu lauschen, so ist doch nicht zu befürchten,

daß diesem trefflichen Erzähler jemals der Stoff ausgeht, da der Hort

seiner Sagenkenntnisse und die Fülle seines Erfindungsvermögens

unerschöpflich sind--ebenso wußten diese beiden:--wie oft und wie lange

wir auch hier weilen, und wäre es auch eine ganze Ewigkeit hindurch, so

ist doch keine Gefahr da, daß dieser Duft keine Erinnerungen mehr wecken

könnte; denn je weiter wir in die Zeit hinabsteigen, um so weiter

schiebt sich die Vorzeit zurück.

Und sie wunderten sich sehr.

"Wir sind so alt wie die Welt," sagte Vasitthi.

Der Pilger Kamanita: Ein Legendenroman · 第 35 / 55 题