Sie besuchten in der Tat nicht wieder jenes ungastliche Gestade der
himmlischen Ganga. Oft aber lenkten sie ihren Flug nach dem Tale der
Malachitfelsen. Unter der mächtigen Krone des Korallenbaumes gelagert,
atmeten sie jenen Duft aller Düfte, der den karmesinroten Blüten
entströmte, und in der Tiefe ihrer Erinnerung öffnete sich dann die
Aussicht auf ihre früheren Leben.
Bald in Palästen, bald in Hütten sahen sie sich nun wieder, aber ob in
Seide und Musselin gehüllt oder in die groben Erzeugnisse des
Dorfwebstuhles gekleidet: immer war die gegenseitige Liebe da. Bald
wurde sie durch das Glück der Vereinigung gekrönt, bald war die Trennung
durch Lebensgeschicke oder durch den Tod ihr jammervolles Los: aber
glücklich oder unglücklich, die Liebe blieb dieselbe.
Und sie sahen sich in anderen Zeiten, da die Menschen gewaltiger waren
als jetzt, in jenen ewig unvergessenen Heroentagen, als er sich aus
ihren Armen riß und seinen Kampfilfen bestieg, um nach der Ilfenstadt zu
ziehen und seinen Freunden, den Pandaverprinzen, im Kampfe gegen die
Kuruinge beizustehen; wo er dann an der Seite Arjunas und Krishnas
kämpfend, am zehnten Tage der Riesenschlacht auf der Ebene Kurukschetra
seine Heldenseele aushauchte. Sie aber, als sie die Nachricht von seinem
Tode empfing, bestieg vor dem Palaste, von allen ihren Frauen gefolgt,
den Scheiterhaufen, den sie mit eigener Hand anzündete.
* * * * *
Und wieder sahen sie sich in fremden Gegenden und in anderer Natur. Es
war nicht länger das Tal der Ganga und der Jamuna mit seinen prächtigen,
palastreichen Städten, wo waffenstrahlende Krieger, stolze Brahmanen,
reiche Bürger und fleißige Çudras die Straßen belebten; mit seinen
Reisfeldern und vielstämmigen Feigenbaumriesen, seinen Palmenhainen
und seinen Dschungeln, seinen Elefanten und Tigern und den
weithinleuchtenden Schneezinnen des Himavat. Dieser Schauplatz, der mit
seiner mannigfachen tropischen Pracht so oft ihr gemeinsames Leben
umschlossen hatte, als ob es keine andere Welt gäbe, verschwand nun
gänzlich, um einem öderen und herberen Lande Platz zu machen.
Hier brennt freilich die Sommersonne so heiß wie an der Ganga, trocknet
die Wasseradern aus und versengt das Gras. Aber im Winter beraubt der
Frost die Wälder ihres Laubes, und Reif bedeckt die Felder. Keine Städte
erheben ihre Türme, aber weitgedehnte Dörfer mit großen Hürden liegen
mitten in ihren weidereichen Triften, und die schützende Anhöhe daneben
ist durch Wälle und rohe Mauern in eine kleine Feste verwandelt. Ein
kriegerisches Hirtenvolk ist hier seßhaft. Die Wälder sind voll von
Wölfen, und meilenweit hört der zitternde Wanderer das Gebrüll des
Löwen, "des furchtbaren, schweifenden, in Bergen hausenden Wildes"--wie
_er_ ihn nennt; denn er ist ein Sänger.
Nach langer Wanderung nähert er sich einem Dorfe, als unbekannter, aber
willkommener Gast; denn das ist er überall. Über seiner Schulter hängt
seine einzige sichtbare Habe, eine kleine Laute; aber im Kopfe trägt er
das ganze kostbare Erbe seiner Väter: alte, geheime Hymnen an Agni und
Indra, an Varuna und Mitra, ja sogar an unbekannte Götter; Kriegs- und
Trinklieder für die Männer; Liebeslieder für die Mädchen; segnende
Zaubersprüche für die Milchspendenden. Und er hat Kraft und Kenntnisse,
um diesen Vorrat aus eigenen Mitteln zu vermehren. Wo wäre wohl ein
solcher Gast nicht willkommen?
Es ist um die Zeit, da die Rinder nach Hause getrieben werden. An der
Spitze einer Herde schreitet mit der höchsten Anmut in allen Bewegungen
des jugendlichen Körpers ein hochgewachsenes Mädchen; ihr zur Seite geht
ihre Lieblingskuh, deren Glocke die anderen folgen, und leckt ab und zu
ihre Hand. Er bietet ihr guten Abend; sie erwidert freundlich den Gruß.
Lächelnd sehen sie sich an--und es ist derselbe Blick, der im Lustparke
von Kosambi zwischen der Ballspielerin auf der Bühne und dem fremden
Zuschauer hin und her flog.
* * * * *
Aber auch das Land der fünf Ströme, nachdem es sie mehrmals beherbergt
hat, verschwindet, wie zuvor das Gangatal--andere Gegenden tun sich auf,
andere Menschen und Sitten umgeben sie--Alles rauher, wilder und
ärmlicher.
Die Steppe, über welche der Zug sich hinzieht--Reiter, Wagen und
Fußgänger in endloser Reihe--ist weiß von Schnee. Die Luft ist voll von
den wirbelnden Flocken. Schwarze Berge schauen schattenartig herein. Aus
dem Zeltdache eines schweren Ochsenwagens beugt sich ein Mädchen so
lebhaft hervor, daß der Schafpelz zur Seite gleitet, und die goldene
Haarfülle ihr über Wangen, Hals und Brust niederwallt. Angst leuchtet
aus ihren Augen, als sie hinausspäht, wohin alle Blicke sich wenden,
alle Finger hinzeigen:--wie eine dunkle, vom Winde aufgewirbelte Wolke
braust eine Reiterhorde heran. Aber vertrauensvoll lächelt sie, als ihr
Blick dem des Jünglings begegnet, der neben dem Wagen auf einem
schwarzen Stiere reitet;--und es ist wieder derselbe Blick, wenn auch
aus blauen Augen. Dieser Blick entflammt das Herz des blonden Jünglings,
der seine Streitaxt schwingt und laut rufend mit den anderen Kriegern
dem Feind entgegenstürmt--entflammt es und wärmt es noch, als es vom
kalten Eisen eines Skythenpfeiles durchbohrt wird.
* * * * *
Aber noch größere Veränderungen erlebten sie; noch weitere Wanderungen
unternahmen sie, vom Dufte des Korallenbaumes geleitet.
Sie fanden sich selbst als Hirsch und Hinde im ungeheuren Walde. Wortlos
war jetzt ihre Liebe, aber nicht blicklos. Und wiederum war es derselbe
Blick:--tief im innersten Dunkel ihrer großen, ahnungsvollen Augen
leuchtete noch, wenn auch wie durch trübe Nebelbläue hindurch, derselbe
Funken, der so strahlend von Menschenauge zu Menschenauge den Weg
gefunden hatte.
Sie ästen zusammen, nebeneinander wateten sie im klaren, kühlen
Waldbach, Körper an Körper ruhten sie im hohen, weichen Grase. Gemeinsam
waren ihre Freuden, gemeinsam zitterten sie vor Angst, wenn plötzlich
ein Ast lebendig wurde und der Rachen des Pythons sich aufsperrte; oder
wenn in der Stille der Nacht eine fast unhörbare, schleichende Bewegung
von ihren regen Ohren aufgefangen wurde, während ihre geblähten Nüstern
den scharfen Geruch eines Raubtieres witterten, und sie dann in
mächtigen Sätzen davonflohen, gerade als es im Gebüsche knisterte und
knackte und das Zorngebrüll des zu kurz gekommenen Tigers durch den
jetzt ringsum lebendig werdenden Wald rollte.
Viele Jahre schon hatten sie so gemeinsam alle Wonnen und Schrecken des
Waldes durchgekostet, als sie eines Tages an einem schattigen Orte die
jungen saftigen Schößlinge benagten. Da geschah es, daß die Hinde sich
in die Wildschlinge eines Jägers verstrickte. Vergebens arbeitete das
Männchen mit Zacken und Klauen, um die Bande, welche die Freundin
fesselten, zu zersprengen, und ließ nicht davon ab, bis der Jäger sich
nahte. Dann stellte er sich diesem mit gefälltem Geweih entgegen und
bald machte der Jagdspieß beider Leben ein Ende.
* * * * *
Und als ein paar Goldadler horsteten sie hoch im wilden Felsengebirge,
schwebten über die bläulichen Abgründe des Himavat und umkreisten seine
schneeigen Zinnen.--
Als zwei Delphine aber befuhren sie die grenzenlose Salzflut des
Ozeans.--
Ja, einmal erwuchsen sie als zwei Palmen auf einer Insel mitten im
Weltmeere, schlangen im kühlen Strandsande ihre Wurzeln ineinander und
ließen gemeinsam ihre Wipfel im Seewinde rauschen.
* * * * *
Und wie ein Fürstenpaar sich zur Kurzweil und Belehrung vom Hoferzähler
mancherlei vortragen läßt--bald den Lebenslauf eines Königs, bald eine
einfache Dorfgeschichte, bald ein Heldenepos, bald eine Sage aus uralten
Tagen, bald irgend eine Tierfabel oder ein Märchen, und dabei weiß: wie
oft es uns auch gelüstet, zu lauschen, so ist doch nicht zu befürchten,
daß diesem trefflichen Erzähler jemals der Stoff ausgeht, da der Hort
seiner Sagenkenntnisse und die Fülle seines Erfindungsvermögens
unerschöpflich sind--ebenso wußten diese beiden:--wie oft und wie lange
wir auch hier weilen, und wäre es auch eine ganze Ewigkeit hindurch, so
ist doch keine Gefahr da, daß dieser Duft keine Erinnerungen mehr wecken
könnte; denn je weiter wir in die Zeit hinabsteigen, um so weiter
schiebt sich die Vorzeit zurück.
Und sie wunderten sich sehr.
"Wir sind so alt wie die Welt," sagte Vasitthi.