XXXI. DIE ERSCHEINUNG AUF DER TERRASSE

Als Satagira sein Ziel, mich als Frau zu besitzen, erreicht hatte,

erkaltete seine Liebe schnell, um so mehr, als sie ja von meiner Seite

keine Erwiderung fand. Ich hatte versprochen, ihm eine treue Gattin zu

sein, und er wußte wohl, daß ich mein Versprechen halten würde. Mehr

stand aber auch nicht in meiner Macht, selbst wenn ich es gewollt hätte.

Da ich ihm nur eine Tochter gebar, die schon im zweiten Jahre starb,

wunderte sich niemand--und ich wahrlich am wenigsten--darüber, daß er

sich eine zweite Frau nahm. Diese gebar ihm den erwünschten Sohn.

Dadurch bekam sie die erste Stellung im Hause; auch verstand sie, seine

Liebe, auf die ich so willig verzichtet hatte, auf geschickte Weise zu

fesseln. Außerdem nahmen die Geschäfte meinen Gemahl immer mehr in

Anspruch, denn er war nach dem Tode seines Vaters mit dessen Stellung

betraut worden.

So gingen mehrere Jahre ruhig dahin, und ich vereinsamte mehr und mehr,

was mir denn auch ganz recht war. Ich gab mich meiner Trauer hin,

verkehrte mit meinen Erinnerungen und lebte in der Hoffnung auf ein

Wiedersehen hier oben, eine Hoffnung, die mich ja auch nicht getäuscht

hat.

Der Palast Satagiras lag an derselben Schlucht, aus der du so oft nach

der "Terrasse der Sorgenlosen" hinaufgestiegen bist, aber an einer viel

steileren Stelle, und hatte eine ganz ähnliche Terrasse wie mein

Vaterhaus. Hier pflegte ich alle schönen Abende zuzubringen, ja in der

heißen Zeit blieb ich dort oft die ganze Nacht, auf einem Ruhebett

schlafend. Denn die Felswand der Schlucht, die noch dazu von hohem

Mauerwerk gekrönt wurde, war so steil und glatt, daß gewiß kein Mensch

an ihr hinaufklettern konnte.

Einmal in einer herrlichen, milden Mondnacht lag ich nun dort auf meinem

Lager, ohne zu schlafen. Ich dachte an dich, und zwar an jenen ersten

Abend unseres Zusammenseins; der Augenblick, wo ich mit Medini auf der

marmornen Bank der Terrasse saß und eure Ankunft erwartete, stand mir so

lebhaft vor der Seele, und ich dachte daran, wie sich dann plötzlich,

noch bevor wir es hofften, deine Gestalt über den Mauerrand erhob--denn

du warst ja in deinem ungestümen Eifer Somadatta zuvorgekommen.

In diese süßen Träume verloren, hatte ich unwillkürlich meinen Blick auf

der Brustwehr ruhen lassen, als plötzlich eine Gestalt sich über

dieselbe erhob.

Ich war so überzeugt, daß nie und nimmer ein Mensch diese Stelle

erklimmen könne, daß ich gar nicht daran zweifelte, dein Geist, von

meiner Sehnsucht heraufbeschworen, käme, um mich zu trösten und um mir

Kunde zu bringen von dem seligen Orte, wo du mich erwartetest.

Deshalb erschrak ich denn auch gar nicht, sondern stand auf und breitete

die Arme gegen den Kommenden aus.

Wie nun aber dieser auf der Terrasse stand und sich mit raschen

Schritten näherte, sah ich, daß seine Gestalt viel größer als die deine,

ja sogar riesenhaft war, und ich merkte, daß ich den Geist Angulimalas

vor mir hatte. Nun erschrak ich so heftig, daß ich mich am Kopfende der

Ruhebank festhalten mußte, um nicht umzusinken.

"Wen hast du erwartet?" fragte der Furchtbare, an mich herantretend.

"Einen Geist, aber nicht den deinen," antwortete ich.

"Kamanitas Geist?"

Ich nickte.

"Als du jene Bewegung des Bewillkommnens machtest," fuhr er

fort,--"fürchtete ich, daß du einen Liebhaber hättest, der dich des

Nachts hier besuchte. Denn in dem Falle würdest du mir nicht helfen. Und

ich habe deine Hilfe so nötig, wie du jetzt die meinige."

Bei diesen sonderbaren Worten wagte ich aufzublicken, und nun schien es

mir, daß ich keinen Geist, sondern ein Wesen aus Fleisch und Blut vor

mir habe. Aber der Mond stand hinter ihm, und geblendet von seinen

Strahlen und vom Schrecken verwirrt, konnte ich nur die mächtigen

Umrisse einer Gestalt sehen, die wohl auch einem Dämon angehören

konnten.

"Ich bin nicht der Geist Angulimalas," sagte er, meinen Zweifel

erratend, "ich bin er selber, ein Mensch wie du."

Ich fing heftig zu zittern an, nicht vor Angst, sondern, weil ich dem

Menschen gegenüberstand, der meinen Geliebten grausam ermordet hatte.

"Fürchte dich nicht, edle Frau!" fuhr er fort--"du hast von mir nichts

zu befürchten; bist du doch der einzige Mensch, vor dem ich selber mich

gefürchtet habe, und dem ich, wie du so richtig sagtest, nicht in die

Augen sehen durfte, weil ich dich betrog."

"Du betrogst mich?" rief ich, und kaum weiß ich, ob in meiner Seele

Freude aufstieg, geweckt durch die Hoffnung, mein Geliebter sei noch am

Leben, oder ob noch größere Verzweiflung mich bei dem Gedanken ergriff,

daß ich mich hatte verleiten lassen, mich von dem Lebenden zu trennen.

"Ich tat es," antwortete er, "und deshalb sind wir aufeinander

angewiesen. Denn wir haben beide etwas zu rächen und an demselben Mann:

an Satagira!"

Mit dem Anstand eines Fürsten machte dieser Räuber eine Handbewegung,

mit der er mich aufforderte, mich zu setzen, als ob er mir viel zu sagen

hätte. Ich, die ich mich nur noch mit Mühe aufrechthalten konnte, ließ

mich willenlos auf die Bank niedersinken, und staunte ihn an, atemlos

begierig auf seine nächsten Worte, die mich über das Schicksal des

Geliebten aufklären mußten.

"Kamanita mit seiner Karawane," fuhr er fort--"fiel mir in der

Waldgegend Vedisas in die Hände. Er verteidigte sich tapfer, wurde aber

unverwundet gefangen genommen, und als das Lösegeld zur rechten Zeit

eintraf, unbehelligt nach Hause geschickt. Wohlbehalten kam er in Ujjeni

an."

Bei dieser Nachricht entrang sich ein tiefer Seufzer meiner Brust. Ich

empfand in diesem Augenblick nur Freude darüber, den Geliebten unter den

Lebenden zu wissen, so töricht dies Gefühl auch war. Denn durch das

Leben war er mir noch mehr als durch den Tod entfernt.

"Als ich in Satagiras Gewalt fiel," fuhr Angulimala fort, "erkannte

dieser sofort die kristallene Kette mit dem Tieraugen-Amulett an meinem

Halse, als dieselbe, die Kamanita angehört hatte. Am folgenden Abend kam

er allein in mein Gefängnis und versprach mir, zu meinem größten

Erstaunen, mir die Freiheit zu schenken, wenn ich vor einem Mädchen

beschwören wollte, daß ich Kamanita umgebracht habe. 'Dein Eid allein,'

sagte er, 'würde sie freilich nicht überzeugen, aber einem

'Wahrheitsakte' muß sie glauben.'--Er erklärte mir jetzt, ich sollte in

der ersten Stunde der Nacht auf eine Terrasse geführt werden, wo das

Mädchen sich aufhalten werde. Er wollte dafür sorgen, daß die Fesseln

durchfeilt wären, so daß ich sie unschwer sprengen könne, worauf es dann

ein leichtes für mich sei, mich über die Brustwehr zu schwingen, in die

Schlucht hinabzusteigen und derselben abwärts folgend zu entfliehen, da

sie schließlich in eine enge Rinne ausmünde, durch die ein kleiner Bach

unter der Stadtmauer sich in die Ganga ergösse. Mit einem feierlichen

Eide schwor er mir zu, mich an der Flucht aus Kosambi nicht hindern zu

wollen.

Zwar traute ich ihm nicht allzusehr, aber ich sah keinen anderen Ausweg.

Einen ganz falschen Wahrheitsakt zu begeben, dazu hätte mich allerdings

nichts verleiten können, denn ich hätte ja dadurch das furchtbarste

Zorngericht der beleidigten Göttin auf mich geladen. Aber ich erkannte

sofort, wie ich meinen Schwur so einrichten könnte, daß ich nicht mit

klaren Worten eine Unwahrheit sagte, während dennoch ein jeder

heraushören würde, daß ich Kamanita getötet habe: und ich vertraute

darauf, daß Kali, die an allen Schlauheiten Gefallen findet, mir wegen

dieses Kraftstückes mit aller Macht beistehen und mich heil durch die

Gefahren führen würde, die ein Verrat Satagiras mir bereiten möchte.

Alles ging nun in der Tat, wie es zwischen uns verabredet war, und du

selber hast gesehen, wie ich die eisernen Ketten sprengte. Noch heute

weiß ich aber nicht, ob Satagira Wort gehalten und die Ketten hat

durchfeilen lassen, wie er es mir versprochen hatte, oder ob mir Kali

durch ein Wunder half. Doch glaube ich eher das erstere. Denn kaum war

ich einige Klafter in die Ganga hinausgeschwommen, so wurde ich von

einem Boote voll Bewaffneter überfallen. Auf diesen Hinterhalt hatte er

also vertraut. Hier aber zeigte es sich, was die Hilfe Kalis wert ist:

denn obwohl die an meinen Handgelenken hängenden Kettenstücke meine

einzigen Waffen waren, gelang es mir doch, alle Krieger totzuschlagen,

und auf dem während des Kampfes gekenterten Boote erreichte ich

glücklich das sichere nördliche Ufer; freilich nicht ohne so viele und

tiefe Wunden davonzutragen, daß ein ganzes Jahr verging, bevor ich mich

davon erholt hatte. In dieser Zeit habe ich aber oft genug geschworen,

daß Satagira mir dies büßen solle. Und nun ist die Zeit dazu gekommen."

In meiner Seele wütete ein Sturm von Entrüstung über diesen an mir

verübten, unerhörten Betrug. Ich konnte es dem Räuber nicht verdenken,

daß er durch dies Mittel sein Leben gerettet hatte, und da er seine

Hände nicht mit dem Blute meines Geliebten befleckt hatte, vergaß ich in

diesem Augenblick, wieviel anderes unschuldiges Blut aber an ihnen

klebte, und empfand weder Schreck noch Abscheu vor diesem Manne, der mir

die Botschaft gebracht hatte, daß mein Kamanita noch auf dieser Erde

wanderte wie ich selber. Aber ein bitterer Haß erhob sich in mir gegen

ihn, der schuld daran war, daß wir beide getrennt unsere Erdenwanderung

zu Ende führen mußten, und die Drohung Angulimalas gegen sein Leben

vernahm ich mit einer unwillkürlichen Freude, die wohl in meinem

Oesichtsausdrucke zu lesen war.

Denn mit erregter, leidenschaftlicher Stimme fuhr Angulimala fort:

"Ich sehe, hohe Frau! daß deine edle Seele nach Rache dürstet, und die

soll dir auch bald werden. Deshalb bin ich ja hierher gekommen. Schon

viele Wochen habe ich hier vor Kosambi auf Satagira gelauert. Endlich

habe ich jetzt aus sicherer Quelle in Erfahrung gebracht, daß er in

diesen Tagen die Stadt verlassen wird, um sich nach den östlichen Gauen

zu begeben, wo ein zwischen zwei Dörfern schwebender Rechtsstreit zu

schlichten ist. Ehe ich davon wußte, war mein ursprünglicher Plan, ihn

zu zwingen, einen Ausfall gegen mich zu machen, um mich wieder gefangen

zu nehmen; diese seine Reise macht es mir aber noch bequemer. Freilich

habe ich infolge meiner ersten Absicht kein Geheimnis aus meiner

Anwesenheit gemacht, sondern meine Taten für mich sprechen lassen, und

das Gerücht von meinem Wiedererscheinen ist längst verbreitet. Obwohl

die meisten glauben, daß irgend ein Betrüger erstanden ist und sich für

Angulimala ausgibt, so hat doch die Furcht schon so sehr um sich

gegriffen, daß nur größere und gut bewaffnete Züge sich in die bewaldete

östliche Gegend, wo ich hause, hinauswagen. Du scheinst freilich davon

nichts gehört zu haben, weil du eben als eine um ihr Lebensglück

betrogene Frau allein mit deiner Trauer verkehrst."

"Ich habe wohl von einer dreisten Räuberbande vernommen," sagte ich,

"aber deinen Namen noch nicht nennen gehört, weshalb ich auch glaubte,

deinen Geist zu sehen."

"Satagira aber hat mich nennen gehört," fuhr der Räuber fort, "verlasse

dich darauf, und da er guten Grund hat, zu glauben, daß es der richtige

Angulimala ist und noch besseren Grund, diesen zu fürchten, so ist

anzunehmen, daß er nicht nur unter starker Bedeckung reisen, sondern

auch noch andere Vorsichtsmaßregeln treffen und sich vieler auf

Täuschung berechneter Schliche bedienen wird. Indessen, obschon die

Bande, über die ich gebiete, nicht sehr groß ist, soll weder das eine

noch das andere ihm helfen, wenn ich nur mit Sicherheit weiß, zu welcher

Stunde er auszieht und welchen Weg er einschlägt. Und dies ist es, was

ich durch dich zu erfahren hoffe."

Wenn ich auch bis jetzt stumm und gleichsam in einen Bann geschlagen

seiner Erklärung gelauscht hatte, ohne zu bedenken, wieviel ich mir

schon dadurch vergab, so stand ich doch bei dieser Zumutung entrüstet

auf und fragte ihn, was ihm wohl berechtige, zu glauben, daß ich tief

genug gesunken wäre, um einen Dieb und Räuber zum Bundesgenossen zu

nehmen.

"Bei einem Bundesgenossen," erwiderte Angulimala ruhig, "ist die

Hauptsache, daß er zuverlässig ist, und du fühlst wohl, daß du dich in

dieser Sache ganz auf mich verlassen kannst. Auch brauche ich deine

Hilfe, denn nur durch sie kann ich das, was ich wünsche, mit Sicherheit

erfahren. Wohl habe ich eine sonst gute Quelle für Nachrichten, durch

die ich eben auch von der bevorstehenden Reise Satagiras weiß; aber wenn

er vorsichtshalber ein falsches Gerücht verbreitet, so kann auch sie

getrübt werden. Du aber bedarfst meiner, weil eine stolze und edle Seele

in einem Fall wie dem deinigen nur durch den Tod des Verräters

Genugtuung findet. Wärest du ein Mann, dann würdest du ihn selber töten;

da du eine Frau bist, brauchst du dazu meines Armes."

Ich wollte ihn heftig abweisen, aber er gab mir mit einer so würdigen

Handbewegung zu verstehen, er habe noch nicht Alles gesagt, daß ich

gegen meinen Willen schwieg.

"Dies, edle Frau," fuhr er fort, "ist die Rache. Aber es gibt noch ein

Anderes, Wichtigeres. Für dich: das künftige Glück zu ergreifen; für

mich: Vergangenes zu sühnen. Mit Recht sagt man ja von mir, daß ich

grausam sei, ohne Mitleid gegen Mensch und Tier. Ja, ich habe tausend

Taten vollbracht, für deren jede man hundert oder tausend Jahre in einer

Erzhölle büßen muß, wie die Priester lehren. Zwar hatte ich einen

gelehrten und weisen Freund, Vajacravas, den das Volk jetzt sogar als

einen Heiligen verehrt, und an dessen Grab ich auch reichlich geopfert

habe: der hat uns oft bewiesen, daß es solche Höllenstrafen nicht gebe,

und daß der Räuber im Gegenteil das brahmandurchdrungenste Wesen und die

Krone der Schöpfung sei. Doch hat er mich nie so recht davon überzeugen

können....

Sei dem nun, wie es wolle. Ob es Höllenstrafen gibt oder nicht:--gewiß

ist es, daß von allen meinen Taten nur eine mir schwer auf dem Herzen

liegt, und zwar die, daß ich mit meinem schlauen Wahrheitsakt dich

betrogen habe. Schon damals durfte ich dir nicht ins Gesicht sehen, und

die Erinnerung an jene Stunde sitzt mir noch immer wie ein Dorn im

Fleische. Nun wohl, was ich damals gegen dich verbrach, möchte ich jetzt

wieder gut machen, soweit es noch möglich ist; die bösen Folgen möchte

ich vernichten. Du wurdest durch meine Schuld von dem tot geglaubten

Kamanita getrennt und an diesen falschen Satagira gebunden. Diese Fessel

will ich dir nun abnehmen, so daß du wieder frei bist, dich mit dem

Geliebten zu verbinden; und ich selber will nach Ujjeni gehen und ihn

heil und sicher herbringen. Nun tue du das deinige, ich werde das

meinige tun. Für eine schöne Frau ist es ja nicht schwer, dem Gemahl ein

Geheimnis zu entlocken. Morgen, sobald es dunkel ist, komme ich hierher,

um mir den Bescheid von dir zu holen."

Er verbeugte sich tief, und bevor es mir in meiner Verwirrung und

Bestürzung möglich war, ein Wort hervorzubringen, war er so plötzlich

von der Terrasse verschwunden, wie er erschienen war.

Der Pilger Kamanita: Ein Legendenroman · 第 37 / 55 题