Als Satagira sein Ziel, mich als Frau zu besitzen, erreicht hatte,
erkaltete seine Liebe schnell, um so mehr, als sie ja von meiner Seite
keine Erwiderung fand. Ich hatte versprochen, ihm eine treue Gattin zu
sein, und er wußte wohl, daß ich mein Versprechen halten würde. Mehr
stand aber auch nicht in meiner Macht, selbst wenn ich es gewollt hätte.
Da ich ihm nur eine Tochter gebar, die schon im zweiten Jahre starb,
wunderte sich niemand--und ich wahrlich am wenigsten--darüber, daß er
sich eine zweite Frau nahm. Diese gebar ihm den erwünschten Sohn.
Dadurch bekam sie die erste Stellung im Hause; auch verstand sie, seine
Liebe, auf die ich so willig verzichtet hatte, auf geschickte Weise zu
fesseln. Außerdem nahmen die Geschäfte meinen Gemahl immer mehr in
Anspruch, denn er war nach dem Tode seines Vaters mit dessen Stellung
betraut worden.
So gingen mehrere Jahre ruhig dahin, und ich vereinsamte mehr und mehr,
was mir denn auch ganz recht war. Ich gab mich meiner Trauer hin,
verkehrte mit meinen Erinnerungen und lebte in der Hoffnung auf ein
Wiedersehen hier oben, eine Hoffnung, die mich ja auch nicht getäuscht
hat.
Der Palast Satagiras lag an derselben Schlucht, aus der du so oft nach
der "Terrasse der Sorgenlosen" hinaufgestiegen bist, aber an einer viel
steileren Stelle, und hatte eine ganz ähnliche Terrasse wie mein
Vaterhaus. Hier pflegte ich alle schönen Abende zuzubringen, ja in der
heißen Zeit blieb ich dort oft die ganze Nacht, auf einem Ruhebett
schlafend. Denn die Felswand der Schlucht, die noch dazu von hohem
Mauerwerk gekrönt wurde, war so steil und glatt, daß gewiß kein Mensch
an ihr hinaufklettern konnte.
Einmal in einer herrlichen, milden Mondnacht lag ich nun dort auf meinem
Lager, ohne zu schlafen. Ich dachte an dich, und zwar an jenen ersten
Abend unseres Zusammenseins; der Augenblick, wo ich mit Medini auf der
marmornen Bank der Terrasse saß und eure Ankunft erwartete, stand mir so
lebhaft vor der Seele, und ich dachte daran, wie sich dann plötzlich,
noch bevor wir es hofften, deine Gestalt über den Mauerrand erhob--denn
du warst ja in deinem ungestümen Eifer Somadatta zuvorgekommen.
In diese süßen Träume verloren, hatte ich unwillkürlich meinen Blick auf
der Brustwehr ruhen lassen, als plötzlich eine Gestalt sich über
dieselbe erhob.
Ich war so überzeugt, daß nie und nimmer ein Mensch diese Stelle
erklimmen könne, daß ich gar nicht daran zweifelte, dein Geist, von
meiner Sehnsucht heraufbeschworen, käme, um mich zu trösten und um mir
Kunde zu bringen von dem seligen Orte, wo du mich erwartetest.
Deshalb erschrak ich denn auch gar nicht, sondern stand auf und breitete
die Arme gegen den Kommenden aus.
Wie nun aber dieser auf der Terrasse stand und sich mit raschen
Schritten näherte, sah ich, daß seine Gestalt viel größer als die deine,
ja sogar riesenhaft war, und ich merkte, daß ich den Geist Angulimalas
vor mir hatte. Nun erschrak ich so heftig, daß ich mich am Kopfende der
Ruhebank festhalten mußte, um nicht umzusinken.
"Wen hast du erwartet?" fragte der Furchtbare, an mich herantretend.
"Einen Geist, aber nicht den deinen," antwortete ich.
"Kamanitas Geist?"
Ich nickte.
"Als du jene Bewegung des Bewillkommnens machtest," fuhr er
fort,--"fürchtete ich, daß du einen Liebhaber hättest, der dich des
Nachts hier besuchte. Denn in dem Falle würdest du mir nicht helfen. Und
ich habe deine Hilfe so nötig, wie du jetzt die meinige."
Bei diesen sonderbaren Worten wagte ich aufzublicken, und nun schien es
mir, daß ich keinen Geist, sondern ein Wesen aus Fleisch und Blut vor
mir habe. Aber der Mond stand hinter ihm, und geblendet von seinen
Strahlen und vom Schrecken verwirrt, konnte ich nur die mächtigen
Umrisse einer Gestalt sehen, die wohl auch einem Dämon angehören
konnten.
"Ich bin nicht der Geist Angulimalas," sagte er, meinen Zweifel
erratend, "ich bin er selber, ein Mensch wie du."
Ich fing heftig zu zittern an, nicht vor Angst, sondern, weil ich dem
Menschen gegenüberstand, der meinen Geliebten grausam ermordet hatte.
"Fürchte dich nicht, edle Frau!" fuhr er fort--"du hast von mir nichts
zu befürchten; bist du doch der einzige Mensch, vor dem ich selber mich
gefürchtet habe, und dem ich, wie du so richtig sagtest, nicht in die
Augen sehen durfte, weil ich dich betrog."
"Du betrogst mich?" rief ich, und kaum weiß ich, ob in meiner Seele
Freude aufstieg, geweckt durch die Hoffnung, mein Geliebter sei noch am
Leben, oder ob noch größere Verzweiflung mich bei dem Gedanken ergriff,
daß ich mich hatte verleiten lassen, mich von dem Lebenden zu trennen.
"Ich tat es," antwortete er, "und deshalb sind wir aufeinander
angewiesen. Denn wir haben beide etwas zu rächen und an demselben Mann:
an Satagira!"
Mit dem Anstand eines Fürsten machte dieser Räuber eine Handbewegung,
mit der er mich aufforderte, mich zu setzen, als ob er mir viel zu sagen
hätte. Ich, die ich mich nur noch mit Mühe aufrechthalten konnte, ließ
mich willenlos auf die Bank niedersinken, und staunte ihn an, atemlos
begierig auf seine nächsten Worte, die mich über das Schicksal des
Geliebten aufklären mußten.
"Kamanita mit seiner Karawane," fuhr er fort--"fiel mir in der
Waldgegend Vedisas in die Hände. Er verteidigte sich tapfer, wurde aber
unverwundet gefangen genommen, und als das Lösegeld zur rechten Zeit
eintraf, unbehelligt nach Hause geschickt. Wohlbehalten kam er in Ujjeni
an."
Bei dieser Nachricht entrang sich ein tiefer Seufzer meiner Brust. Ich
empfand in diesem Augenblick nur Freude darüber, den Geliebten unter den
Lebenden zu wissen, so töricht dies Gefühl auch war. Denn durch das
Leben war er mir noch mehr als durch den Tod entfernt.
"Als ich in Satagiras Gewalt fiel," fuhr Angulimala fort, "erkannte
dieser sofort die kristallene Kette mit dem Tieraugen-Amulett an meinem
Halse, als dieselbe, die Kamanita angehört hatte. Am folgenden Abend kam
er allein in mein Gefängnis und versprach mir, zu meinem größten
Erstaunen, mir die Freiheit zu schenken, wenn ich vor einem Mädchen
beschwören wollte, daß ich Kamanita umgebracht habe. 'Dein Eid allein,'
sagte er, 'würde sie freilich nicht überzeugen, aber einem
'Wahrheitsakte' muß sie glauben.'--Er erklärte mir jetzt, ich sollte in
der ersten Stunde der Nacht auf eine Terrasse geführt werden, wo das
Mädchen sich aufhalten werde. Er wollte dafür sorgen, daß die Fesseln
durchfeilt wären, so daß ich sie unschwer sprengen könne, worauf es dann
ein leichtes für mich sei, mich über die Brustwehr zu schwingen, in die
Schlucht hinabzusteigen und derselben abwärts folgend zu entfliehen, da
sie schließlich in eine enge Rinne ausmünde, durch die ein kleiner Bach
unter der Stadtmauer sich in die Ganga ergösse. Mit einem feierlichen
Eide schwor er mir zu, mich an der Flucht aus Kosambi nicht hindern zu
wollen.
Zwar traute ich ihm nicht allzusehr, aber ich sah keinen anderen Ausweg.
Einen ganz falschen Wahrheitsakt zu begeben, dazu hätte mich allerdings
nichts verleiten können, denn ich hätte ja dadurch das furchtbarste
Zorngericht der beleidigten Göttin auf mich geladen. Aber ich erkannte
sofort, wie ich meinen Schwur so einrichten könnte, daß ich nicht mit
klaren Worten eine Unwahrheit sagte, während dennoch ein jeder
heraushören würde, daß ich Kamanita getötet habe: und ich vertraute
darauf, daß Kali, die an allen Schlauheiten Gefallen findet, mir wegen
dieses Kraftstückes mit aller Macht beistehen und mich heil durch die
Gefahren führen würde, die ein Verrat Satagiras mir bereiten möchte.
Alles ging nun in der Tat, wie es zwischen uns verabredet war, und du
selber hast gesehen, wie ich die eisernen Ketten sprengte. Noch heute
weiß ich aber nicht, ob Satagira Wort gehalten und die Ketten hat
durchfeilen lassen, wie er es mir versprochen hatte, oder ob mir Kali
durch ein Wunder half. Doch glaube ich eher das erstere. Denn kaum war
ich einige Klafter in die Ganga hinausgeschwommen, so wurde ich von
einem Boote voll Bewaffneter überfallen. Auf diesen Hinterhalt hatte er
also vertraut. Hier aber zeigte es sich, was die Hilfe Kalis wert ist:
denn obwohl die an meinen Handgelenken hängenden Kettenstücke meine
einzigen Waffen waren, gelang es mir doch, alle Krieger totzuschlagen,
und auf dem während des Kampfes gekenterten Boote erreichte ich
glücklich das sichere nördliche Ufer; freilich nicht ohne so viele und
tiefe Wunden davonzutragen, daß ein ganzes Jahr verging, bevor ich mich
davon erholt hatte. In dieser Zeit habe ich aber oft genug geschworen,
daß Satagira mir dies büßen solle. Und nun ist die Zeit dazu gekommen."
In meiner Seele wütete ein Sturm von Entrüstung über diesen an mir
verübten, unerhörten Betrug. Ich konnte es dem Räuber nicht verdenken,
daß er durch dies Mittel sein Leben gerettet hatte, und da er seine
Hände nicht mit dem Blute meines Geliebten befleckt hatte, vergaß ich in
diesem Augenblick, wieviel anderes unschuldiges Blut aber an ihnen
klebte, und empfand weder Schreck noch Abscheu vor diesem Manne, der mir
die Botschaft gebracht hatte, daß mein Kamanita noch auf dieser Erde
wanderte wie ich selber. Aber ein bitterer Haß erhob sich in mir gegen
ihn, der schuld daran war, daß wir beide getrennt unsere Erdenwanderung
zu Ende führen mußten, und die Drohung Angulimalas gegen sein Leben
vernahm ich mit einer unwillkürlichen Freude, die wohl in meinem
Oesichtsausdrucke zu lesen war.
Denn mit erregter, leidenschaftlicher Stimme fuhr Angulimala fort:
"Ich sehe, hohe Frau! daß deine edle Seele nach Rache dürstet, und die
soll dir auch bald werden. Deshalb bin ich ja hierher gekommen. Schon
viele Wochen habe ich hier vor Kosambi auf Satagira gelauert. Endlich
habe ich jetzt aus sicherer Quelle in Erfahrung gebracht, daß er in
diesen Tagen die Stadt verlassen wird, um sich nach den östlichen Gauen
zu begeben, wo ein zwischen zwei Dörfern schwebender Rechtsstreit zu
schlichten ist. Ehe ich davon wußte, war mein ursprünglicher Plan, ihn
zu zwingen, einen Ausfall gegen mich zu machen, um mich wieder gefangen
zu nehmen; diese seine Reise macht es mir aber noch bequemer. Freilich
habe ich infolge meiner ersten Absicht kein Geheimnis aus meiner
Anwesenheit gemacht, sondern meine Taten für mich sprechen lassen, und
das Gerücht von meinem Wiedererscheinen ist längst verbreitet. Obwohl
die meisten glauben, daß irgend ein Betrüger erstanden ist und sich für
Angulimala ausgibt, so hat doch die Furcht schon so sehr um sich
gegriffen, daß nur größere und gut bewaffnete Züge sich in die bewaldete
östliche Gegend, wo ich hause, hinauswagen. Du scheinst freilich davon
nichts gehört zu haben, weil du eben als eine um ihr Lebensglück
betrogene Frau allein mit deiner Trauer verkehrst."
"Ich habe wohl von einer dreisten Räuberbande vernommen," sagte ich,
"aber deinen Namen noch nicht nennen gehört, weshalb ich auch glaubte,
deinen Geist zu sehen."
"Satagira aber hat mich nennen gehört," fuhr der Räuber fort, "verlasse
dich darauf, und da er guten Grund hat, zu glauben, daß es der richtige
Angulimala ist und noch besseren Grund, diesen zu fürchten, so ist
anzunehmen, daß er nicht nur unter starker Bedeckung reisen, sondern
auch noch andere Vorsichtsmaßregeln treffen und sich vieler auf
Täuschung berechneter Schliche bedienen wird. Indessen, obschon die
Bande, über die ich gebiete, nicht sehr groß ist, soll weder das eine
noch das andere ihm helfen, wenn ich nur mit Sicherheit weiß, zu welcher
Stunde er auszieht und welchen Weg er einschlägt. Und dies ist es, was
ich durch dich zu erfahren hoffe."
Wenn ich auch bis jetzt stumm und gleichsam in einen Bann geschlagen
seiner Erklärung gelauscht hatte, ohne zu bedenken, wieviel ich mir
schon dadurch vergab, so stand ich doch bei dieser Zumutung entrüstet
auf und fragte ihn, was ihm wohl berechtige, zu glauben, daß ich tief
genug gesunken wäre, um einen Dieb und Räuber zum Bundesgenossen zu
nehmen.
"Bei einem Bundesgenossen," erwiderte Angulimala ruhig, "ist die
Hauptsache, daß er zuverlässig ist, und du fühlst wohl, daß du dich in
dieser Sache ganz auf mich verlassen kannst. Auch brauche ich deine
Hilfe, denn nur durch sie kann ich das, was ich wünsche, mit Sicherheit
erfahren. Wohl habe ich eine sonst gute Quelle für Nachrichten, durch
die ich eben auch von der bevorstehenden Reise Satagiras weiß; aber wenn
er vorsichtshalber ein falsches Gerücht verbreitet, so kann auch sie
getrübt werden. Du aber bedarfst meiner, weil eine stolze und edle Seele
in einem Fall wie dem deinigen nur durch den Tod des Verräters
Genugtuung findet. Wärest du ein Mann, dann würdest du ihn selber töten;
da du eine Frau bist, brauchst du dazu meines Armes."
Ich wollte ihn heftig abweisen, aber er gab mir mit einer so würdigen
Handbewegung zu verstehen, er habe noch nicht Alles gesagt, daß ich
gegen meinen Willen schwieg.
"Dies, edle Frau," fuhr er fort, "ist die Rache. Aber es gibt noch ein
Anderes, Wichtigeres. Für dich: das künftige Glück zu ergreifen; für
mich: Vergangenes zu sühnen. Mit Recht sagt man ja von mir, daß ich
grausam sei, ohne Mitleid gegen Mensch und Tier. Ja, ich habe tausend
Taten vollbracht, für deren jede man hundert oder tausend Jahre in einer
Erzhölle büßen muß, wie die Priester lehren. Zwar hatte ich einen
gelehrten und weisen Freund, Vajacravas, den das Volk jetzt sogar als
einen Heiligen verehrt, und an dessen Grab ich auch reichlich geopfert
habe: der hat uns oft bewiesen, daß es solche Höllenstrafen nicht gebe,
und daß der Räuber im Gegenteil das brahmandurchdrungenste Wesen und die
Krone der Schöpfung sei. Doch hat er mich nie so recht davon überzeugen
können....
Sei dem nun, wie es wolle. Ob es Höllenstrafen gibt oder nicht:--gewiß
ist es, daß von allen meinen Taten nur eine mir schwer auf dem Herzen
liegt, und zwar die, daß ich mit meinem schlauen Wahrheitsakt dich
betrogen habe. Schon damals durfte ich dir nicht ins Gesicht sehen, und
die Erinnerung an jene Stunde sitzt mir noch immer wie ein Dorn im
Fleische. Nun wohl, was ich damals gegen dich verbrach, möchte ich jetzt
wieder gut machen, soweit es noch möglich ist; die bösen Folgen möchte
ich vernichten. Du wurdest durch meine Schuld von dem tot geglaubten
Kamanita getrennt und an diesen falschen Satagira gebunden. Diese Fessel
will ich dir nun abnehmen, so daß du wieder frei bist, dich mit dem
Geliebten zu verbinden; und ich selber will nach Ujjeni gehen und ihn
heil und sicher herbringen. Nun tue du das deinige, ich werde das
meinige tun. Für eine schöne Frau ist es ja nicht schwer, dem Gemahl ein
Geheimnis zu entlocken. Morgen, sobald es dunkel ist, komme ich hierher,
um mir den Bescheid von dir zu holen."
Er verbeugte sich tief, und bevor es mir in meiner Verwirrung und
Bestürzung möglich war, ein Wort hervorzubringen, war er so plötzlich
von der Terrasse verschwunden, wie er erschienen war.