Als Kamanita merkte, daß selbst hier, am Orte der Seligkeit, diese
Erinnerungen die noch zarte, neuerwachte Seele der Geliebten wie mit
dunklen Fittichen überschatteten, faßte er sie bei der Hand und führte
sie weiter, indem er ihren gemeinsamen Flug nach jenem lieblichen Hügel
richtete, auf dessen Abhang er kürzlich gelegen und dem Spiele der
Schwebenden zugeschaut hatte.
Hier lagerten sie sich. Schon waren Haine und Gebüsche, Wiesen und
Hügelabhänge voll unzähliger schwebender Gestalten, roter, blauer und
weißer. Immer neue Gruppen umringten sie, um die Neuerwachte zu
begrüßen. Und die beiden mischten sich in die Reihen der Spielenden.
Schon lange waren sie hin und her durch die Haine, um die Felsen, über
Wiesen und Lotusteiche geschwebt, wohin der Reigen sie führte, als ihnen
jene Weiße begegnete, die damals Kamanita aufgefordert hatte, mit ihr
die Fahrt nach der Ganga zu wagen. Als sie sich im Tanze die Hände
reichten, fragte sie mit einem lieblichen Lächeln:
"Bist du nun auch am Gestade der Ganga gewesen? Jetzt hast du ja eine
Begleiterin."
"Noch nicht," antwortete Kamanita.
"Was ist das?" fragte Vasitthi.
Und Kamanita erzählte es ihr.
"Da wollen wir hin," sagte Vasitthi. "O, wie oft habe ich unten im
trüben Erdental hinaufgeblickt zu dem fernen Abglanz ihres
Himmelstromes, und an die seligen Gefilde gedacht, die von ihr
umschlungen und bewässert werden, und gefragt, ob wir wohl einst an
diesem Ort der Wonne vereinigt sein würden. Unwiderstehlich zieht es
mich jetzt dahin, mit dir zusammen an ihrem Gestade zu weilen."
Sie lösten sich aus der Kette des Reigens und lenkten ihren Flug in
einer Richtung, die sie von ihrem eigenen Teiche weit wegführte. Nach
einiger Zeit sahen sie keine Weiher mehr, deren Lotusrosen selige
Gestalten trugen, immer mehr nahm die Blütenpracht ab, immer seltener
begegneten sie schwebenden Gestalten; Herden von Antilopen belebten die
Ebene, auf den Seen segelten Schwäne, eine Schleppe von blanken Wellen
über das dunkle Wasser nach sich ziehend. Die Hügel, die anfangs immer
schroffer und felsiger geworden waren, verschwanden gänzlich.
Sie schwebten über eine flache, wüstenartige Ebene, die mit Tigergras
und Dornengebüsch bestanden war. Vor ihnen spannte sich der unabsehbare
Bogen eines Palmenwaldes.
Sie erreichten den Wald. Immer tiefer umgab sie der Schatten. Die
narbigen Schäfte leuchteten wie Bronze. Hoch oben rauschten die Wipfel
mit ehernem Klange.
Vor ihnen fingen glitzernde Punkte und Streifen zu tanzen an. Und
plötzlich strömte ihnen ein solcher Lichtglanz entgegen, daß sie die
Hände vor die Augen halten mußten. Es war, als ob im Walde eine
ungeheure Kolonnade von blanken Silbersäulen stände, die das Licht der
aufgehenden Sonne zurückwarf.
Als sie sich getrauten, die Hände wieder von den Augen zu nehmen,
schwebten sie gerade zwischen den letzten Palmen des Waldes hinaus.
Vor ihnen lag die himmlische Ganga, bis zum Horizonte ihre silbrige
Fläche breitend, während zu ihren Füßen flache Wellenzungen, wie
flüssiges Sternenlicht, flammenartig den perlgrauen Sand des flachen
Ufers beleckten.
Wenn sonst der Himmel nach unten zu allmählich heller wird, so war es
hier umgekehrt: das Ultramarinblau ging in Indigo über, das schließlich
mit einem fast gänzlich schwarzen Rand sich auf die silberweiße Kimmung
stützte.
Vom Dufte der Paradiesblüten war nichts mehr zu spüren. Wie aber im
Malachittale um den Korallenbaum jener erinnerungsschwangere Duft aller
Düfte gesammelt stand, so wehte hier den Weltenstrom entlang ein kühler
und herber Hauch, dem das Fehlen aller Düfte, das vollkommen Reine als
einziger Duft eignete. Und Vasitthi schien ihn begierig wie einen
erfrischenden Trank einzuschlürfen, während er Kamanita den Atem raubte.
Auch von jener lieblichen Musik der Genien vernahm man hier nicht den
leisesten Ton. Aber aus dem Strome schienen mächtige, donnerartig
dröhnende Klänge emporzusteigen.
"Horch!"--flüsterte Vasitthi und erhob ihre Hand.
"Sonderbar!"--sagte Kamanita. "Einst war ich in eine Hütte eingekehrt,
die an dem Ausgange einer Bergschlucht lag und an der ein kleiner,
lieblicher Bach vorüberfloß, in dessen klarem Wasser ich nach meiner
Wanderung meine Füße wusch. Während der Nacht ging ein mächtiger Regen
nieder, und als ich in der Hütte wach lag, hörte ich, wie der Bach, der
abends nur leise gerauscht hatte, immer ungestümer brauste und tobte.
Zugleich aber vernahm ich einen polternden, donnernden Schall, den ich
mir durchaus nicht zu erklären wußte. Am nächsten Morgen sah ich nun,
daß aus dem klaren Bach ein reißender Gebirgsstrom mit grauen,
schäumenden Fluten geworden war, in welchem große Steine rollend und
springend dahinstürzten. Und diese waren es, die dies Getöse verursacht
hatten. Wie mag es wohl kommen, daß nun hier, beim Anhören jener Klänge,
diese Erinnerung aus meiner Pilgerschaft in mir emporsteigt?"
"Es kommt daher," antwortete Vasitthi, "weil in jenem Gebirgsbache
Steine, in dem Strome der himmlischen Ganga aber Welten gerollt und
mitgetrieben werden, und die sind es, von denen jene donnerartig
dröhnenden Klänge herrühren."
"Welten!"--rief Kamanita entsetzt.
Vasitthi lächelte und schwebte dabei weiter; aber erschrocken hielt
Kamanita sie an ihrem Gewände zurück.
"Hüte dich, Vasitthi! Wer weiß, welche Mächte, welche furchtbaren Kräfte
draußen über diesem Weltenstrome schweben, Mächte, in deren Gewalt du
geraten könntest, wenn du dieses Ufer verließest. Ich zittere schon bei
dem Gedanken, dich plötzlich fortgerissen zu sehen."
"Dürftest du mir dann nicht folgen?"
"Gewiß würde ich dir folgen. Wer weiß aber, ob ich dich erreichen
könnte, ob man uns nicht voneinander reißen würde? Und wenn wir auch
zusammen blieben, welcher Jammer wäre es doch, in das Unbegrenzte
getragen zu werden, weit weg von diesem trauten Orte der Seligkeit."
"In das Unbegrenzte!" wiederholte Vasitthi sinnend, und ihr Blick
schweifte über die Fläche der himmlischen Ganga hinaus bis dorthin, wo
die silberne Flut den schwarzen Himmelsrand erreichte, und schien noch
immer weiterdringen zu wollen;--"und kann denn ewige Seligkeit bestehen,
wo Begrenzung ist?" sprach sie gleichsam in Gedanken verloren.
"Vasitthi!" rief Kamanita, ernstlich erschreckend--"ich wollte, ich
hätte dich nie hierher geführt! Komm, Geliebte, komm!"
Und noch ängstlicher als vom Korallenbaume zog er sie von dannen.
Nicht unwillig folgte sie ihm, wobei sie jedoch zwischen den äußersten
Palmen das Haupt wandte und einen letzten Blick auf den himmlischen
Strom warf....
* * * * *
Und wiederum thronten sie auf ihren Lotussitzen im kristallklaren
Teiche, wiederum schwebten sie zwischen juwelenblühenden Bäumen und
mischten sich unter die Reihen der Seligen und genossen die himmlischen
Wonnen, glücklich in ihrer ungetrübten Liebe.
Aber als sie im Reigen einmal der Weißen begegneten, sagte diese:
"So seid ihr also wirklich am Gestade der Ganga gewesen?"
"Wie kannst du es wissen, daß wir dort gewesen sind?"
"Ich sehe es; denn Alle, die da waren, tragen gleichsam einen Schatten
über den Brauen. Deshalb will ich auch nicht dahin. Und ihr werdet auch
nicht zum zweiten Male hingehen, niemand tut das"