XXVII. DER WAHRHEITSAKT (SACCAKIRIYA)

Die resten Stunden der Nacht verbrachte ich in dieser Zeit immer auf der

Terrasse der Sorgenlosen, entweder allein oder mit Medini zusammen. An

diesem Abend war ich allein da, was mir in meiner augenblicklichen

Stimmung auch das liebste war. Der Vollmond strahlte herab wie damals,

und ich stand vor dem großen blütenreichen Asoka, um mir von ihm, dem

"Herzfrieden", eine tröstende Vorbedeutung für mein friedloses Herz zu

erbitten. Und ich sagte zu mir selber: "Wenn zwischen mir und dem Stamm

eine safrangelbe Blume niederfällt, bevor ich bis hundert gezählt habe,

dann ist mein geliebter Kamanita noch am Leben."

Als ich bis fünfzig gezählt hatte, fiel eine Blume nieder, aber eine

orangefarbige. Als ich die Zahl achtzig erreicht hatte, fing ich an,

langsamer und immer langsamer zu zählen. Da öffnete sich knarrend eine

Tür in der Ecke zwischen Terrasse und Hausmauer, wo eine Treppe in den

Hof hinunterführte--ein Zugang, der eigentlich nur für Arbeiter und

Gärtner bestimmt war.

Mein Vater trat hervor und hinter ihm Satagira. Ein paar bis an die

Zähne bewaffnete Reisige folgten, danach kam ein Mann, der die anderen

um Haupteslänge überragte, und zuletzt beschlossen noch andere Reisige

diesen seltsamen, ja unerklärlichen Aufzug. Zwei von den letzteren

blieben als Wache an der Tür zurück, alle übrigen kamen auf mich zu.

Dabei fiel es mir auf, daß der Riese in ihrer Mitte nur mit Mühe gehen

konnte, und daß bei jedem seiner Schritte ein unheimliches Klirren und

Rasseln ertönte.

In diesem Augenblick schwebte eine safrangelbe Asokablume nieder und

blieb gerade vor meinen Füßen liegen. Aber ich hatte vor Verwunderung zu

zählen aufgehört und wußte daher nicht mehr festzustellen, ob sie vor

oder nach der Zahl Hundert gefallen war.

Als die Gruppe nun aus dem Mauerschatten in das volle Mondlicht

heraustrat, sah ich mit Entsetzen, daß jene Riesengestalt mit

Eisenketten beladen war. Die Hände waren ihm auf dem Rücken gefesselt;

um die Fußknöchel klirrten schwere, durch Kugelstangen verbundene

eiserne Ringe, von denen doppelte Eisenketten zum Halsringe

hinaufführten, an welchen wiederum zwei andere Ketten befestigt waren,

die von zwei Reisigen gehalten wurden. Wie bei Einem, der zum Richtplatz

geführt wird, hing ihm ein Gewinde von roten Kanaverablüten um den

Nacken und die haarige Brust, und das rotgelbe Backsteinpulver, mit dem

sein Haupt bestreut war, ließ das wirr über die Stirn herabhängende Haar

und den fast bis an die Augen reichenden Bart noch wilder erscheinen.

Aus dieser Maske hervor blitzten die Augen mir entgegen--jedoch nur eben

blitzartig schnell; dann senkte sich der Blick und irrte scheu wie der

eines bösen Tieres am Boden umher.

Wen ich vor mir hatte, danach hätte ich auch _dann_ nicht zu fragen

gebraucht, wenn die Kanaverablüten jenes Wahrzeichen seines furchtbaren

Namens verdeckt hätten: das Halsband von Menschendaumen.[1]

[1] Angulimala = Fingerkranz.

"Nun, Angulimala," brach Satagira das Schweigen, "wiederhole vor dieser

edlen Jungfrau, was du auf der Folter von der Ermordung des jungen

Kaufmanns Kamanita aus Ujjeni gestanden hast."

"Kamanita wurde nicht ermordet," antwortete der Räuber mürrisch,

"sondern gefangen genommen und unseren Gebräuchen gemäß umgebracht."

Und er erzählte mir nun in wenigen Worten, was mein Vater mir schon

darüber gesagt hatte.

Ich stand unterdessen mit dem Rücken an den Asokabaum gelehnt und hielt

mich mit beiden Händen an den Stamm gestützt, die Fingernägel krampfhaft

in die Rinde grabend, um nicht umzusinken. Als Angulimala zu Ende

gesprochen hatte, schien sich Alles um mich im Kreise zu drehen. Noch

gab ich es aber nicht auf.

"Du bist ein ehrloser Räuber und Mörder," sagte ich, "was kann mir dein

Wort gelten? Warum solltest du nicht aussagen, was der dir befiehlt, in

dessen Gewalt dich deine Missetaten gebracht haben?"

Und wie auf eine plötzliche Eingebung, die mich selber überraschte und

mir fast einen Hoffnungsschimmer aufleuchten ließ, fügte ich hinzu:

"Du darfst mir ja nicht einmal in die Augen sehen--du, der Schrecken

aller Menschen--mir, einem schwachen Mädchen! Du darfst es nicht--weil

du auf Anstiftung dieses Mannes eine feige Lüge sagst."

Angulimala blickte nicht auf, aber er lachte grimmig und antwortete mit

einer Stimme, die wie das Brummen eines gefesselten Raubtieres klang:

"Wozu sollte das wohl gut sein, dir in die Augen zu sehen? Das überlasse

ich den jungen Fanten. Dem Blicke eines ehrlosen Räubers würdest du ja

doch ebensowenig glauben wie seinen Worten. Und von seinem Eide würdest

du wohl auch nicht mehr halten."

Er trat einen Schritt näher.

"Wohlan, Mädchen! So sei nun Zeugin meines 'Wahrheitsaktes'."

Noch einmal traf mich der Blitz seines Blickes, als dieser sich aufwärts

nach dem Monde richtete, so daß mitten im Gewirr seines mißfarbigen

Haares und Bartes nur die weißen Augäpfel zu sehen waren. Seine Brust

arbeitete, daß die roten Blumen sich tanzend bewegten, und mit einer

Stimme, wie wenn der Donner zwischen den Wolken rollt, rief er:

"Die du den Tiger zäumest, schlangengekrönte, nächtige Göttin! Die du im

Mondschein auf Bergeszinnen tanzest, mit dem Schädelhalsband rasselnd,

zähnefletschend, die Blutschale schwingend, Kali, Herrin der Räuber, die

du mich durch tausend Gefahren geführt hast, höre mich! So wahr ich nie

mit dem Opfer kargte, so wahr ich deine Gesetze immer treulich gehalten

habe, so wahr ich auch mit diesem Kamanita getreu verfuhr nach deiner

Satzung, die uns 'Absendern' gebietet, wenn das Lösegeld nicht zur

festgesetzten Stunde eintrifft, den Gefangenen mitten durchzusägen und

die Körperteile auf die Landstraße zu werfen:--so wahr wirst du mir

jetzt in meiner höchsten Not beistehen, meine Ketten zerreißen und mich

aus den Händen meiner Feinde befreien!"

Indem er das sagte, machte er eine gewaltsame Bewegung--die Ketten

klirrten--Anne und Beine waren frei--die beiden Reisigen, die ihn

hielten, lagen am Boden, einen dritten schlug er mit dem Kettenstück,

das an seinem Handgelenke hing, nieder, und bevor jemand von uns recht

begriff, was eigentlich geschehen war, hatte Angulimala sich über die

Brustwehr geschwungen. Mit einem wilden Schrei stürmte Satagira ihm

nach.--Das war das Letzte, was ich sah und hörte.

Nachher erfuhr ich, daß Angulimala gestürzt sei, sich einen Fuß

gebrochen habe und von der Wache festgenommen worden sei; später sei er

dann im Gefängnis auf der Folter gestorben, und sein Kopf über dem

nördlichen Stadttor aufgesteckt worden, woselbst Medini und Somadatta

ihn gesehen haben.

Durch den Wahrheitsakt Angulimalas war der letzte Zweifel und die letzte

Hoffnung von mir gewichen. Denn ich wußte wohl, daß selbst jene

teuflische Göttin kein Wunder zu seiner Rettung hätte wirken können,

wenn er nicht die Macht der Wahrheit auf seiner Seite gehabt hätte.

Was nun aus mir wurde, darum kümmerte ich mich wenig, denn auf dieser

Erde war ja doch Alles für mich verloren. Nur im Paradiese des Westens

konnten wir uns wiedersehen: du warst vorausgegangen, und ich würde, so

hoffte ich, bald folgen. Dort blühte das Glück, alles andere war

gleichgültig.

Da nun Satagira sein Werben fortsetzte und meine Mutter mir immer wieder

jammernd und weinend Vorstellungen machte, sie würde gebrochenen Herzens

sterben, wenn sie durch mich die Schmach erlitte, daß ich unverheiratet

im Elternhause sitzen bliebe--hätte sie dann doch ebensogut das

häßlichste Mädchen von Kosambi zur Welt bringen können!--da erlahmte

endlich nach und nach mein Widerstand.

Übrigens hatte ich auch jetzt nicht mehr so viel gegen Satagira

einzuwenden wie früher. Ich konnte nicht umhin, die Standhaftigkeit und

Treue seiner Neigung anzuerkennen, und ich fühlte auch, daß ich ihm

Dankbarkeit schuldig war, weil er den Tod meines Geliebten gerächt

hatte.

So wurde ich denn--als wiederum fast ein Jahr verstrichen war--die Braut

Satagiras.

Der Pilger Kamanita: Ein Legendenroman · 第 33 / 55 题