Als du, mein Freund, Kosambi verlassen hattest, schleppte ich meine Tage
und Nächte elend dahin, wie es ein Mädchen tut, das vom schleichenden
Fieber der Sehnsucht verzehrt wird und dabei in tausend Ängsten um den
Geliebten schwebt. Ich wußte ja nicht einmal, ob du noch die Erdenluft
mit mir atmetest. Denn ich hatte gar oft von den Gefahren solcher Reisen
gehört. Und nun mußte ich mir auch noch die schrecklichsten Vorwürfe
machen, weil ich ja selber durch den törichten Eigensinn meiner Liebe
die Schuld daran trug, daß du nicht unter dem Schutze der Gesandtschaft
die Rückreise in völliger Sicherheit gemacht hattest. Und dennoch
vermochte ich nicht, diese meine Unbesonnenheit zu bereuen, da ich ihr
doch alle jene schönen Erinnerungen verdankte, die mein ganzer Schatz
waren.
Selbst Medinis aufmunternde und tröstende Worte vermochten nur selten
die Wolke meiner Schwermut zeitweilig zu vertreiben. Mein bester und
treuester Freund war der schöne Asokabaum, unter dem wir in jener
herrlichen Mondnacht standen, die du, mein süßer Freund, gewiß nicht
vergessen hast, und den ich damals mit den Worten Damayantis anredete.
Unzählige Male versuchte ich aus dem Rauschen seiner Blätter eine
Antwort auf meine besorgte Frage herauszuhören, in dem Fallen einer
Blume oder dem Spiele der Lichtflecken auf dem Boden irgend eine
Vorbedeutung zu sehen. War dann einmal ein solches selbstgemachtes
Orakelzeichen im günstigen Sinne ausgefallen, dann konnte ich mich einen
ganzen Tag oder noch länger fast glücklich fühlen und hoffnungsvoll in
die Zukunft schauen. Gerade dadurch wuchs dann aber die Sehnsucht, und
mit ihr kehrten dann die Befürchtungen zurück, wie böse Träume der
Fieberhitze entwachsen.
In diesem Zustand war es fast eine Wohltat, daß es bald nicht länger
meiner Liebe erlaubt wurde, in einsamer Tatenlosigkeit nur ihrem Leide
zu leben, sondern daß sie in eine Kampfstellung gedrängt wurde, in der
sie alle ihre Kräfte zusammennehmen mußte, wenn ich mich auch dadurch
fast mit meinen Nächsten völlig entzweit hätte.
Satagira, der Sohn des Ministers, verfolgte mich nämlich jetzt immer
eifriger mit den Zeichen seiner Liebe, und ich konnte mich nicht mehr in
einem öffentlichen Lustgarten mit meinen Gespielinnen zeigen, ohne daß
er da war und mich zum Gegenstand seiner aufdringlichen Aufmerksamkeit
machte. Daß ich diese nicht im geringsten erwiderte, ja ihm deutlicher,
als es höflich war, zeigte, wie sehr sie mir verhaßt war, hatte nicht
die mindeste abkühlende Wirkung. Bald fingen nun meine Eltern an, erst
mit allerlei Andeutungen, dann immer unverblümter, seine Sache zu
befürworten, und als er schließlich mit seinem Werben offert hervortrat,
verlangten sie, daß ich ihm meine Hand geben sollte. Ich versicherte
Ihnen unter bitteren Tränen, niemals Satagira lieben zu können; das
machte jedoch nur wenig Eindruck auf sie. Aber ebensowenig wirkten auf
mich ihre Vorstellungen, ihr Bitten und Zürnen, das Flehen meiner
Mutter, die Drohungen meines Vaters.
In die Enge getrieben, erklärte ich ihnen zuletzt geradeaus, daß ich
mich _dir_--von dem sie schon durch Satagira gehört hatten--versprochen
hätte, und daß keine Macht der Welt mich zwingen könnte, dir das heilige
Wort zu brechen und einem Anderen anzugehören. Käme es aber zum
Äußersten, dann würde ich durch dauernde Verweigerung jedweder Nahrung
mir selber den Tod geben.
Als meine Eltern nun merkten, daß ich wohl imstande war, diese Drohung
auszuführen, gaben sie endlich, wenn auch sehr betrübt und erzürnt, die
Sache auf; und auch Satagira schien sich nun in sein Schicksal zu fügen
und darauf bedacht zu sein, sich über seine Niederlage in der Liebe
durch Siegestaten auf einem rauheren Schlachtfelde zu trösten.
In dieser Zeit meldete das Gerücht viel Schreckliches von dem Räuber
Angulimala, der mit seiner Bande ganze Gegenden verheerte, die Dörfer
einäscherte und die Wege so unsicher machte, daß zuletzt fast niemand
mehr wagte, nach Kosambi zu reisen. Ich geriet darob in große Angst,
denn ich fürchtete natürlich, daß du jetzt endlich kommen und unterwegs
in seine Hände fallen möchtest. Es verlautete nun plötzlich, Satagira
habe den Oberbefehl über eine große Truppenmacht erhalten, um die ganze
Gegend von Kosambi zu säubern und womöglich Angulimala selber und die
anderen Hauptführer der Bande gefangen zu nehmen. Er habe, hieß es,
geschworen, dies zu erreichen oder bei dem Versuche im Kampfe zu fallen.
So wenig ich auch sonst dem Sohne des Ministers hold war, so konnte ich
doch nicht umhin, ihm diesmal besten Erfolg zu gönnen, und als er
auszog, folgten meine segnenden Wünsche seinen Fahnen.
Etwa eine Woche später war ich mit Medini im Garten, als wir von der
Straße her lautes Geschrei vernahmen. Medini lief sofort hin, um zu
erfahren, was geschehen sei und meldete alsbald, Satagira kehre im
Triumph nach der Stadt zurück, nachdem er die Räuber niedergemetzelt
oder gefangen genommen habe; auch der schreckliche Angulimala sei
lebendig in seine Hände gefallen. Sie forderte mich auf, mit ihr und
Somadatta auf die Straße zu gehen, um den Einzug der Krieger und der
gefangenen Räuber zu sehen, aber ich wollte nicht, weil ich es Satagira
nicht gönnte, mich unter den Zuschauern seines Triumphes zu sehen. So
blieb ich denn allein zurück, überglücklich bei dem Gedanken, daß die
Wege für meinen Geliebten jetzt wieder geöffnet seien. Denn so wenig
ahnen ja die Sterblichen den Gang des Schick-sals, daß sie manchmal, wie
ich es damals tat, als einen Glückstag den Tag begrüßen, an welchem
gerade ihr Leben eine Wendung zum Düsteren nimmt.
Am folgenden Morgen trat mein Vater in mein Zimmer. Er überreichte mir
eine kristallene Kette mit einem Tigeraugen-Amulett und fragte mich, ob
ich sie wohl erkenne.
Mir war, als ob ich umsinken müßte, aber ich nahm alle meine Kräfte
zusammen und antwortete, die Kette ähnele einer, die du immer um den
Hals getragen hättest.
"Sie ähnelt ihr nicht," sagte mein Vater mit grausamer Ruhe--"sie _ist_
es. Als Angulimala gefangen genommen wurde, trug er sie, und Satagira
erkannte sie sofort wieder. Denn, wie er mir erzählte, hat er einmal mit
Kamanita im Parke um deinen Ball gerungen. Dabei zerriß Kamanitas Kette,
die er ergriffen hatte, um seinen Widersacher daran zurückzuhalten, und
blieb in seinen Händen, so daß er sie genau betrachten konnte. Er war
überzeugt, sich nicht zu täuschen. Auch hat dann Angulimala, peinlich
befragt, eingestanden, daß er vor etwa zwei Jahren die Karawane
Kamanitas auf ihrem Rückwege nach Ujjeni in der Gegend von Vedisa
angegriffen, die Leute niedergemetzelt und Kamanita mit einem Diener
gefangen genommen habe. Den Diener schickte er nach Ujjeni um Lösegeld.
Da dies aber aus irgend einem Grunde ausblieb, hat er nach dem Brauch
der Räuber Kamanita getötet."
Bei diesen schrecklichen Worten hätte mich wohl die Besinnung verlassen,
wenn sich nicht meinen verzweifelten Gedanken sofort eine Möglichkeit
eröffnet hätte, noch gegen die Hoffnung selbst zu hoffen:
"Satagira ist ein schlechter und verschlagener Mensch," antwortete ich
mit scheinbarer Ruhe, "der vor keinem Betrug zurückschreckt, und er hat
sein Herz oder vielmehr seinen Stolz darauf gesetzt, mich zur Frau zu
gewinnen. Wenn er damals die Kette so genau betrachtet hat, was sollte
ihn dann hindern, eine ähnliche anfertigen zu lassen? Ich glaube, als er
von Angulimala hörte, ist er auf diesen Gedanken verfallen. Hätte er
auch nicht Angulimala selber gefangen, so könnte er doch immer sagen,
die Kette sei im Besitz der Räuber gefunden worden und sie hätten
eingestanden, Kamanita getötet zu haben."
"Das ist kaum möglich, meine Tochter," sagte mein Vater
kopfschüttelnd--"und zwar aus einem Grunde, den du freilich nicht sehen
kannst, den ich aber glücklicherweise als Goldschmied dir aufdecken
kann. Wenn du die kleinen Goldglieder betrachtest, die die
Kristallstücke miteinander verbinden, so wirst du bemerken, daß das
Metall rötlicher ist als das der hiesigen Schmucksachen, weil wir in
unseren Legierungen mehr Silber als Kupfer verwenden. Auch ist die
Arbeit gerade von der etwas gröberen Art, wie man sie in den
Gebirgsländern ausführt."
Mir schwebte die Antwort auf der Zunge, er sei selber ein so geschickter
Goldschmied, daß sowohl die richtige Zusammensetzung als auch die
charakteristische Bearbeitung des Goldes ihm wohl gelingen dürfte; denn
ich sah Alles gegen unsere Liebe verschworen und traute selbst meinen
Nächsten nicht. Indessen begnügte ich mich damit, zu sagen, ich ließe
mich keineswegs durch diese Kette überzeugen, daß mein Kamanita nicht
mehr am Leben sei.
Mein Vater verließ mich nun in großem Zorn, und ich konnte mich in der
Einsamkeit ganz meiner Verzweiflung hingeben.