XXVI. DIE KETTE MIT DEM TIGERAUGE

Als du, mein Freund, Kosambi verlassen hattest, schleppte ich meine Tage

und Nächte elend dahin, wie es ein Mädchen tut, das vom schleichenden

Fieber der Sehnsucht verzehrt wird und dabei in tausend Ängsten um den

Geliebten schwebt. Ich wußte ja nicht einmal, ob du noch die Erdenluft

mit mir atmetest. Denn ich hatte gar oft von den Gefahren solcher Reisen

gehört. Und nun mußte ich mir auch noch die schrecklichsten Vorwürfe

machen, weil ich ja selber durch den törichten Eigensinn meiner Liebe

die Schuld daran trug, daß du nicht unter dem Schutze der Gesandtschaft

die Rückreise in völliger Sicherheit gemacht hattest. Und dennoch

vermochte ich nicht, diese meine Unbesonnenheit zu bereuen, da ich ihr

doch alle jene schönen Erinnerungen verdankte, die mein ganzer Schatz

waren.

Selbst Medinis aufmunternde und tröstende Worte vermochten nur selten

die Wolke meiner Schwermut zeitweilig zu vertreiben. Mein bester und

treuester Freund war der schöne Asokabaum, unter dem wir in jener

herrlichen Mondnacht standen, die du, mein süßer Freund, gewiß nicht

vergessen hast, und den ich damals mit den Worten Damayantis anredete.

Unzählige Male versuchte ich aus dem Rauschen seiner Blätter eine

Antwort auf meine besorgte Frage herauszuhören, in dem Fallen einer

Blume oder dem Spiele der Lichtflecken auf dem Boden irgend eine

Vorbedeutung zu sehen. War dann einmal ein solches selbstgemachtes

Orakelzeichen im günstigen Sinne ausgefallen, dann konnte ich mich einen

ganzen Tag oder noch länger fast glücklich fühlen und hoffnungsvoll in

die Zukunft schauen. Gerade dadurch wuchs dann aber die Sehnsucht, und

mit ihr kehrten dann die Befürchtungen zurück, wie böse Träume der

Fieberhitze entwachsen.

In diesem Zustand war es fast eine Wohltat, daß es bald nicht länger

meiner Liebe erlaubt wurde, in einsamer Tatenlosigkeit nur ihrem Leide

zu leben, sondern daß sie in eine Kampfstellung gedrängt wurde, in der

sie alle ihre Kräfte zusammennehmen mußte, wenn ich mich auch dadurch

fast mit meinen Nächsten völlig entzweit hätte.

Satagira, der Sohn des Ministers, verfolgte mich nämlich jetzt immer

eifriger mit den Zeichen seiner Liebe, und ich konnte mich nicht mehr in

einem öffentlichen Lustgarten mit meinen Gespielinnen zeigen, ohne daß

er da war und mich zum Gegenstand seiner aufdringlichen Aufmerksamkeit

machte. Daß ich diese nicht im geringsten erwiderte, ja ihm deutlicher,

als es höflich war, zeigte, wie sehr sie mir verhaßt war, hatte nicht

die mindeste abkühlende Wirkung. Bald fingen nun meine Eltern an, erst

mit allerlei Andeutungen, dann immer unverblümter, seine Sache zu

befürworten, und als er schließlich mit seinem Werben offert hervortrat,

verlangten sie, daß ich ihm meine Hand geben sollte. Ich versicherte

Ihnen unter bitteren Tränen, niemals Satagira lieben zu können; das

machte jedoch nur wenig Eindruck auf sie. Aber ebensowenig wirkten auf

mich ihre Vorstellungen, ihr Bitten und Zürnen, das Flehen meiner

Mutter, die Drohungen meines Vaters.

In die Enge getrieben, erklärte ich ihnen zuletzt geradeaus, daß ich

mich _dir_--von dem sie schon durch Satagira gehört hatten--versprochen

hätte, und daß keine Macht der Welt mich zwingen könnte, dir das heilige

Wort zu brechen und einem Anderen anzugehören. Käme es aber zum

Äußersten, dann würde ich durch dauernde Verweigerung jedweder Nahrung

mir selber den Tod geben.

Als meine Eltern nun merkten, daß ich wohl imstande war, diese Drohung

auszuführen, gaben sie endlich, wenn auch sehr betrübt und erzürnt, die

Sache auf; und auch Satagira schien sich nun in sein Schicksal zu fügen

und darauf bedacht zu sein, sich über seine Niederlage in der Liebe

durch Siegestaten auf einem rauheren Schlachtfelde zu trösten.

In dieser Zeit meldete das Gerücht viel Schreckliches von dem Räuber

Angulimala, der mit seiner Bande ganze Gegenden verheerte, die Dörfer

einäscherte und die Wege so unsicher machte, daß zuletzt fast niemand

mehr wagte, nach Kosambi zu reisen. Ich geriet darob in große Angst,

denn ich fürchtete natürlich, daß du jetzt endlich kommen und unterwegs

in seine Hände fallen möchtest. Es verlautete nun plötzlich, Satagira

habe den Oberbefehl über eine große Truppenmacht erhalten, um die ganze

Gegend von Kosambi zu säubern und womöglich Angulimala selber und die

anderen Hauptführer der Bande gefangen zu nehmen. Er habe, hieß es,

geschworen, dies zu erreichen oder bei dem Versuche im Kampfe zu fallen.

So wenig ich auch sonst dem Sohne des Ministers hold war, so konnte ich

doch nicht umhin, ihm diesmal besten Erfolg zu gönnen, und als er

auszog, folgten meine segnenden Wünsche seinen Fahnen.

Etwa eine Woche später war ich mit Medini im Garten, als wir von der

Straße her lautes Geschrei vernahmen. Medini lief sofort hin, um zu

erfahren, was geschehen sei und meldete alsbald, Satagira kehre im

Triumph nach der Stadt zurück, nachdem er die Räuber niedergemetzelt

oder gefangen genommen habe; auch der schreckliche Angulimala sei

lebendig in seine Hände gefallen. Sie forderte mich auf, mit ihr und

Somadatta auf die Straße zu gehen, um den Einzug der Krieger und der

gefangenen Räuber zu sehen, aber ich wollte nicht, weil ich es Satagira

nicht gönnte, mich unter den Zuschauern seines Triumphes zu sehen. So

blieb ich denn allein zurück, überglücklich bei dem Gedanken, daß die

Wege für meinen Geliebten jetzt wieder geöffnet seien. Denn so wenig

ahnen ja die Sterblichen den Gang des Schick-sals, daß sie manchmal, wie

ich es damals tat, als einen Glückstag den Tag begrüßen, an welchem

gerade ihr Leben eine Wendung zum Düsteren nimmt.

Am folgenden Morgen trat mein Vater in mein Zimmer. Er überreichte mir

eine kristallene Kette mit einem Tigeraugen-Amulett und fragte mich, ob

ich sie wohl erkenne.

Mir war, als ob ich umsinken müßte, aber ich nahm alle meine Kräfte

zusammen und antwortete, die Kette ähnele einer, die du immer um den

Hals getragen hättest.

"Sie ähnelt ihr nicht," sagte mein Vater mit grausamer Ruhe--"sie _ist_

es. Als Angulimala gefangen genommen wurde, trug er sie, und Satagira

erkannte sie sofort wieder. Denn, wie er mir erzählte, hat er einmal mit

Kamanita im Parke um deinen Ball gerungen. Dabei zerriß Kamanitas Kette,

die er ergriffen hatte, um seinen Widersacher daran zurückzuhalten, und

blieb in seinen Händen, so daß er sie genau betrachten konnte. Er war

überzeugt, sich nicht zu täuschen. Auch hat dann Angulimala, peinlich

befragt, eingestanden, daß er vor etwa zwei Jahren die Karawane

Kamanitas auf ihrem Rückwege nach Ujjeni in der Gegend von Vedisa

angegriffen, die Leute niedergemetzelt und Kamanita mit einem Diener

gefangen genommen habe. Den Diener schickte er nach Ujjeni um Lösegeld.

Da dies aber aus irgend einem Grunde ausblieb, hat er nach dem Brauch

der Räuber Kamanita getötet."

Bei diesen schrecklichen Worten hätte mich wohl die Besinnung verlassen,

wenn sich nicht meinen verzweifelten Gedanken sofort eine Möglichkeit

eröffnet hätte, noch gegen die Hoffnung selbst zu hoffen:

"Satagira ist ein schlechter und verschlagener Mensch," antwortete ich

mit scheinbarer Ruhe, "der vor keinem Betrug zurückschreckt, und er hat

sein Herz oder vielmehr seinen Stolz darauf gesetzt, mich zur Frau zu

gewinnen. Wenn er damals die Kette so genau betrachtet hat, was sollte

ihn dann hindern, eine ähnliche anfertigen zu lassen? Ich glaube, als er

von Angulimala hörte, ist er auf diesen Gedanken verfallen. Hätte er

auch nicht Angulimala selber gefangen, so könnte er doch immer sagen,

die Kette sei im Besitz der Räuber gefunden worden und sie hätten

eingestanden, Kamanita getötet zu haben."

"Das ist kaum möglich, meine Tochter," sagte mein Vater

kopfschüttelnd--"und zwar aus einem Grunde, den du freilich nicht sehen

kannst, den ich aber glücklicherweise als Goldschmied dir aufdecken

kann. Wenn du die kleinen Goldglieder betrachtest, die die

Kristallstücke miteinander verbinden, so wirst du bemerken, daß das

Metall rötlicher ist als das der hiesigen Schmucksachen, weil wir in

unseren Legierungen mehr Silber als Kupfer verwenden. Auch ist die

Arbeit gerade von der etwas gröberen Art, wie man sie in den

Gebirgsländern ausführt."

Mir schwebte die Antwort auf der Zunge, er sei selber ein so geschickter

Goldschmied, daß sowohl die richtige Zusammensetzung als auch die

charakteristische Bearbeitung des Goldes ihm wohl gelingen dürfte; denn

ich sah Alles gegen unsere Liebe verschworen und traute selbst meinen

Nächsten nicht. Indessen begnügte ich mich damit, zu sagen, ich ließe

mich keineswegs durch diese Kette überzeugen, daß mein Kamanita nicht

mehr am Leben sei.

Mein Vater verließ mich nun in großem Zorn, und ich konnte mich in der

Einsamkeit ganz meiner Verzweiflung hingeben.

Der Pilger Kamanita: Ein Legendenroman · 第 32 / 55 题