XXV. DIE KNOSPE ÖFFNET SICH

Plötzlich schien es Kamanita, als ob unten im Teiche sich etwas

Lebendiges bewege. In der kristallenen Tiefe wurde er undeutlich einen

aufsteigenden Schatten gewahr. Das Wasser brodelte und wallte, und eine

große Lotusknospe mit roter Spitze schoß wie ein Fisch aus der Flut

empor, um dann schwimmend auf der Wasserfläche sich zu wiegen, die erst

in Kreisen wellte und dann noch lange danach wie zersplittert zitterte

und glitzerte, farbensprühend, als ob der Teich mit fließenden Diamanten

gefüllt wäre, während der Widerschein der Wasserblinke wie kleine

Flammen über die Lotusblätter, die Gewänder und die Gesichter der

seligen Gestalten emporflatterte.

Und auch das Gemüt Kamanitas erzitterte und strahlte in allen seinen

verborgenen Farben, auch über sein Herz schien ein Widerschein freudiger

Bewegung spielend hinzutanzen.

"Was war das wohl?" fragte sein Blick den blauen Nachbar.

"Tief unten, in weiten Weltfernen, auf der trüben Erde, hat in diesem

Augenblick eine menschliche Seele ihren Herzenswunsch darauf gerichtet,

hier in Sukhavati wieder ins Dasein zu treten. Nun wollen wir auch

beobachten, ob die Knospe sich schön entwickelt und zum Blühen gelangt.

Denn gar manche Seele richtet ihren Wunsch auf den reinen Ort der

Seligkeit, vermag aber nicht, danach zu leben, sondern verstrickt sich

wieder in unheilige Leidenschaften, versinkt in die Lust des Fleisches

und bleibt an dem Erdenschmutze haften. Dann aber verkümmert die Knospe

und verschwindet zuletzt gänzlich. Diesmal ist es, wie du siehst, eine

männliche Seele. Eine solche kommt in dem bunten Welttreiben leichter

vom Paradieswege ab, weshalb du auch bemerken wirst, daß, wenn auch die

roten und die weißen sich an Zahl ziemlich gleichkommen, unter den

blauen die helleren, weiblichen, bei weitem die meisten sind."

Bei dieser Mitteilung erbebte das Herz Kamanitas gar sonderbar, als ob

auf einmal schmerzliche Freude und lustgebärendes Weh es in schwankende

Bewegung setzten, und sein Blick ruhte rätselratend auf einer

geschlossenen Lotusrose, die, weiß wie die Brust eines Schwans, dicht

neben ihm sich in dem noch leise bewegten Wasser anmutig wiegte.

"Kannst du dich auch darauf besinnen, daß du einmal gesehen hast, wie

die Knospe meines Lotus sich aus der Tiefe erhob?" fragte er den

erfahrenen Nachbar.

"Gewiß, denn sie tauchte ja zusammen mit dieser weißen Blume auf, die du

jetzt gerade betrachtest. Und ich habe das Paar immer beobachtet,

manchmal nicht ohne Besorgnis. Denn ziemlich bald fing deine Knospe an,

sichtlich zusammenzuschrumpfen und sie war fast gänzlich unter die

Wässerfläche hinabgesunken, als sie sich plötzlich wieder erhob, voller

und blanker wurde und sich dann gar prächtig bis zum Entfalten

entwickelte. Die weiße aber wuchs langsam, allmählich und gleichmäßig

ihrer Entfaltung entgegen--dann aber wurde auch sie plötzlich wie von

einer Krankheit befallen. Doch sie erholte sich rasch wieder und wurde

solch herrliche Blume, wie du sie jetzt vor dir siehst."

Bei diesen Worten erhob sich in Kamanita eine so freudige Bewegung, daß

es ihn dünken wollte, als sei er bis jetzt nur ein trüber Gast an einem

trüben Ort gewesen,--dermaßen schien jetzt Alles um ihn herum zu

leuchten, zu duften und zu klingen.

Und als ob sein Blick, der unverwandt auf dem weißen Lotus ruhte, ein

Zauberstab wäre, um verborgene Schätze zu heben, regte sich die Spitze

der Blume, die Blätter bogen ihre Ränder nach vorne und neigten sich

nach allen Seiten; und sieh'--in ihrer Mitte saß Vasitthi mit weit

geöffneten Augen, deren süß lächelnder Bück dem seinigen begegnete.

Und Kamanita und Vasitthi streckten gleichzeitig die Arme nach einander

aus, und, ihre Hände ineinanderlegend, schwebten sie über den Teich dem

Ufer zu.

Kamanita merkte wohl, daß Vasitthi ihn noch nicht wiedererkannte,

sondern sich ihm nur unwillkürlich zuwandte, wie die Sonnenblume der

Sonne. Wie hätte sie ihn auch erkennen sollen, da doch niemand sofort

bei seinem Erwachen sich seines vorausgegangenen Lebens erinnerte--wenn

auch in den Tiefen ihres Gemütes sich bei seinem Anblick dunkle Ahnungen

regen mochten, wie einst bei ihm, als sein Nachbar von der himmlischen

Ganga sprach.

Er zeigte ihr den strahlenden Fluß, der sich still in den Teich ergoß:

"So speisen die silbrigen Wellen der himmlischen Ganga alle Lotusteiche

in den Gefilden der Seligen."

"Die himmlische Ganga?" wiederholte sie fragend und strich sich mit der

Hand über die Stirn.

"Komm, wir wollen nach dem Korallenbaum."

"Dort aber ist der Hain und das Gebüsch so lieblich, und sie spielen

dort solch heitere Spiele," sagte Vasitthi, nach einer anderen Richtung

zeigend.

"Nachher! Jetzt wollen wir zuerst nach dem Korallenbaum, um dich durch

seinen Wunderduft zu erquicken."

Wie ein Kind, das man durch Versprechen auf ein neues Spielzeug darüber

getröstet hat, daß es am fröhlichen Treiben der Kameraden nicht

teilnehmen darf, so folgte Vasitthi ihm willig. Als der Duft ihnen

entgegenzuwehen begann, belebten sich ihre Züge mehr und mehr.

"Wo führst du mich hin?" fragte sie, als sie in die enge Felsenschlucht

einlenkten. "Niemals bin ich noch so erwartungsvoll gewesen. Und es

kommt mir vor, als ob ich schon oft voll Erwartung war, obschon dein

Lächeln mich daran erinnert, daß ich ja eben erst zum Bewußtsein erwacht

bin. Aber du hast dich geirrt, hier kann man ja nicht weiter."

"O, man kann weiter, viel, _viel_ weiter," lächelte Kamanita, "und

vielleicht wirst du jetzt gewahr, daß jenes Gefühl dich nicht getäuscht

hat, liebste Vasitthi!"

Und schon öffnete sich vor ihnen das Talbecken der Malachitfelsen mit

dem roten Korallenbaum und dem tiefblauen Himmel, und der Duft aller

Düfte umfing sie.

Vasitthi legte die Hände auf ihre Brust, wie um ihr gar zu tiefes Atmen

zu hemmen, und am schnellen Wechsel von Licht und Schatten in ihren

Zügen erkannte Kamanita, wie der Sturm der Lebenserinnerungen über sie

dahinbrauste.

Plötzlich erhob sie ihre Arme und warf sich an seine Brust:

"Kamanita, mein Liebster!"

Und er trug sie von dannen, im Eilfluge durch die Schlucht

zurückstürmend.

Im offenen, noch etwas ernsten Tal, mit dunklem Gebüsch und dichten

Hainen, wo die Gazellen spielten, aber keine menschliche Gestalt die

Einsamkeit störte, ließ er sich mit ihr unter einem Baume nieder.

"O, du Ärmster!"--sprach Vasitthi, "was mußt du gelitten haben! Und was

mußt du von mir gedacht haben, als du erfuhrst, daß ich Satagira

geheiratet hatte!"

Aber Kamanita erzählte ihr, wie er das nicht durch eine Nachricht

erfahren, sondern selber in der Hauptstraße Kosambis den Hochzeitszug

gesehen habe, und wie der namenlose Jammer, der auf ihrem Gesichte

geprägt stand, ihn unmittelbar davon überzeugt habe, daß sie nur dem

Zwang ihrer Eltern nachgegeben hätte.

"Aber keine Macht der Erde hätte mich gezwungen, du einzig Geliebter,

wenn ich nicht hätte glauben müssen, den sicheren Beweis zu haben, daß

du nicht mehr am Leben seist."

Und Vasitthi hub an, ihre damaligen Erlebnisse zu berichten.

Der Pilger Kamanita: Ein Legendenroman · 第 31 / 55 题