Plötzlich schien es Kamanita, als ob unten im Teiche sich etwas
Lebendiges bewege. In der kristallenen Tiefe wurde er undeutlich einen
aufsteigenden Schatten gewahr. Das Wasser brodelte und wallte, und eine
große Lotusknospe mit roter Spitze schoß wie ein Fisch aus der Flut
empor, um dann schwimmend auf der Wasserfläche sich zu wiegen, die erst
in Kreisen wellte und dann noch lange danach wie zersplittert zitterte
und glitzerte, farbensprühend, als ob der Teich mit fließenden Diamanten
gefüllt wäre, während der Widerschein der Wasserblinke wie kleine
Flammen über die Lotusblätter, die Gewänder und die Gesichter der
seligen Gestalten emporflatterte.
Und auch das Gemüt Kamanitas erzitterte und strahlte in allen seinen
verborgenen Farben, auch über sein Herz schien ein Widerschein freudiger
Bewegung spielend hinzutanzen.
"Was war das wohl?" fragte sein Blick den blauen Nachbar.
"Tief unten, in weiten Weltfernen, auf der trüben Erde, hat in diesem
Augenblick eine menschliche Seele ihren Herzenswunsch darauf gerichtet,
hier in Sukhavati wieder ins Dasein zu treten. Nun wollen wir auch
beobachten, ob die Knospe sich schön entwickelt und zum Blühen gelangt.
Denn gar manche Seele richtet ihren Wunsch auf den reinen Ort der
Seligkeit, vermag aber nicht, danach zu leben, sondern verstrickt sich
wieder in unheilige Leidenschaften, versinkt in die Lust des Fleisches
und bleibt an dem Erdenschmutze haften. Dann aber verkümmert die Knospe
und verschwindet zuletzt gänzlich. Diesmal ist es, wie du siehst, eine
männliche Seele. Eine solche kommt in dem bunten Welttreiben leichter
vom Paradieswege ab, weshalb du auch bemerken wirst, daß, wenn auch die
roten und die weißen sich an Zahl ziemlich gleichkommen, unter den
blauen die helleren, weiblichen, bei weitem die meisten sind."
Bei dieser Mitteilung erbebte das Herz Kamanitas gar sonderbar, als ob
auf einmal schmerzliche Freude und lustgebärendes Weh es in schwankende
Bewegung setzten, und sein Blick ruhte rätselratend auf einer
geschlossenen Lotusrose, die, weiß wie die Brust eines Schwans, dicht
neben ihm sich in dem noch leise bewegten Wasser anmutig wiegte.
"Kannst du dich auch darauf besinnen, daß du einmal gesehen hast, wie
die Knospe meines Lotus sich aus der Tiefe erhob?" fragte er den
erfahrenen Nachbar.
"Gewiß, denn sie tauchte ja zusammen mit dieser weißen Blume auf, die du
jetzt gerade betrachtest. Und ich habe das Paar immer beobachtet,
manchmal nicht ohne Besorgnis. Denn ziemlich bald fing deine Knospe an,
sichtlich zusammenzuschrumpfen und sie war fast gänzlich unter die
Wässerfläche hinabgesunken, als sie sich plötzlich wieder erhob, voller
und blanker wurde und sich dann gar prächtig bis zum Entfalten
entwickelte. Die weiße aber wuchs langsam, allmählich und gleichmäßig
ihrer Entfaltung entgegen--dann aber wurde auch sie plötzlich wie von
einer Krankheit befallen. Doch sie erholte sich rasch wieder und wurde
solch herrliche Blume, wie du sie jetzt vor dir siehst."
Bei diesen Worten erhob sich in Kamanita eine so freudige Bewegung, daß
es ihn dünken wollte, als sei er bis jetzt nur ein trüber Gast an einem
trüben Ort gewesen,--dermaßen schien jetzt Alles um ihn herum zu
leuchten, zu duften und zu klingen.
Und als ob sein Blick, der unverwandt auf dem weißen Lotus ruhte, ein
Zauberstab wäre, um verborgene Schätze zu heben, regte sich die Spitze
der Blume, die Blätter bogen ihre Ränder nach vorne und neigten sich
nach allen Seiten; und sieh'--in ihrer Mitte saß Vasitthi mit weit
geöffneten Augen, deren süß lächelnder Bück dem seinigen begegnete.
Und Kamanita und Vasitthi streckten gleichzeitig die Arme nach einander
aus, und, ihre Hände ineinanderlegend, schwebten sie über den Teich dem
Ufer zu.
Kamanita merkte wohl, daß Vasitthi ihn noch nicht wiedererkannte,
sondern sich ihm nur unwillkürlich zuwandte, wie die Sonnenblume der
Sonne. Wie hätte sie ihn auch erkennen sollen, da doch niemand sofort
bei seinem Erwachen sich seines vorausgegangenen Lebens erinnerte--wenn
auch in den Tiefen ihres Gemütes sich bei seinem Anblick dunkle Ahnungen
regen mochten, wie einst bei ihm, als sein Nachbar von der himmlischen
Ganga sprach.
Er zeigte ihr den strahlenden Fluß, der sich still in den Teich ergoß:
"So speisen die silbrigen Wellen der himmlischen Ganga alle Lotusteiche
in den Gefilden der Seligen."
"Die himmlische Ganga?" wiederholte sie fragend und strich sich mit der
Hand über die Stirn.
"Komm, wir wollen nach dem Korallenbaum."
"Dort aber ist der Hain und das Gebüsch so lieblich, und sie spielen
dort solch heitere Spiele," sagte Vasitthi, nach einer anderen Richtung
zeigend.
"Nachher! Jetzt wollen wir zuerst nach dem Korallenbaum, um dich durch
seinen Wunderduft zu erquicken."
Wie ein Kind, das man durch Versprechen auf ein neues Spielzeug darüber
getröstet hat, daß es am fröhlichen Treiben der Kameraden nicht
teilnehmen darf, so folgte Vasitthi ihm willig. Als der Duft ihnen
entgegenzuwehen begann, belebten sich ihre Züge mehr und mehr.
"Wo führst du mich hin?" fragte sie, als sie in die enge Felsenschlucht
einlenkten. "Niemals bin ich noch so erwartungsvoll gewesen. Und es
kommt mir vor, als ob ich schon oft voll Erwartung war, obschon dein
Lächeln mich daran erinnert, daß ich ja eben erst zum Bewußtsein erwacht
bin. Aber du hast dich geirrt, hier kann man ja nicht weiter."
"O, man kann weiter, viel, _viel_ weiter," lächelte Kamanita, "und
vielleicht wirst du jetzt gewahr, daß jenes Gefühl dich nicht getäuscht
hat, liebste Vasitthi!"
Und schon öffnete sich vor ihnen das Talbecken der Malachitfelsen mit
dem roten Korallenbaum und dem tiefblauen Himmel, und der Duft aller
Düfte umfing sie.
Vasitthi legte die Hände auf ihre Brust, wie um ihr gar zu tiefes Atmen
zu hemmen, und am schnellen Wechsel von Licht und Schatten in ihren
Zügen erkannte Kamanita, wie der Sturm der Lebenserinnerungen über sie
dahinbrauste.
Plötzlich erhob sie ihre Arme und warf sich an seine Brust:
"Kamanita, mein Liebster!"
Und er trug sie von dannen, im Eilfluge durch die Schlucht
zurückstürmend.
Im offenen, noch etwas ernsten Tal, mit dunklem Gebüsch und dichten
Hainen, wo die Gazellen spielten, aber keine menschliche Gestalt die
Einsamkeit störte, ließ er sich mit ihr unter einem Baume nieder.
"O, du Ärmster!"--sprach Vasitthi, "was mußt du gelitten haben! Und was
mußt du von mir gedacht haben, als du erfuhrst, daß ich Satagira
geheiratet hatte!"
Aber Kamanita erzählte ihr, wie er das nicht durch eine Nachricht
erfahren, sondern selber in der Hauptstraße Kosambis den Hochzeitszug
gesehen habe, und wie der namenlose Jammer, der auf ihrem Gesichte
geprägt stand, ihn unmittelbar davon überzeugt habe, daß sie nur dem
Zwang ihrer Eltern nachgegeben hätte.
"Aber keine Macht der Erde hätte mich gezwungen, du einzig Geliebter,
wenn ich nicht hätte glauben müssen, den sicheren Beweis zu haben, daß
du nicht mehr am Leben seist."
Und Vasitthi hub an, ihre damaligen Erlebnisse zu berichten.