Kamanita folgte ihnen lange mit dem Blick und wunderte sich. Und dann
wunderte er sich über sein Wundern. "Wie kommt es denn, daß Alles mich
hier so seltsam anmutet? Wenn ich hierher gehöre, warum scheint mir dann
nicht Alles selbstverständlich?--Aber jede neue Erscheinung hier ist mir
rätselhaft und setzt mich in Erstaunen. Zum Beispiel dieser Duft, der
jetzt plötzlich an mir vorüberweht. Wie ist er doch so ganz verschieden
von allem anderen Blumendufte hier--viel voller und mächtiger, anziehend
und beunruhigend zugleich. Wo mag er wohl herkommen?
...Aber wo mag ich wohl selber herkommen? Es scheint, als ob ich vor
kurzem noch ein Nichts gewesen bin. Oder habe ich doch ein Dasein
gehabt, nur nicht hier? Aber wo dann? Und wie bin ich denn
hierhergekommen?"
Während diese Fragen in ihm aufstiegen, hatte sich sein Körper, ohne daß
er es bemerkte, vom Rasen losgelöst, und er schwebte schon weiter--aber
in keiner von den Richtungen, denen die anderen gefolgt waren. Kamanita
stieg aufwärts, gegen eine Einsattelung im Gipfel des Hügels. Als er
über sie hinstrich, wurde er von einem noch stärkeren Hauch jenes neuen,
seltsamen Duftes empfangen.
Kamanita flog weiter.
Jenseits des Hügels verlor die Gegend etwas an Lieblichkeit. Der
Blumenflor war spärlicher, das Gebüsch dunkler, die Haine dichter, die
Felsen schroffer und höher. Herden von Gazellen weideten da, aber nur
ganz vereinzelt zeigte sich eine selige Gestalt.
Das Tal verengte sich und mündete in eine Kluft. Hier war jener Duft
noch stärker. Immer schneller wurde seine Flucht, immer nackter, steiler
und höher schlossen sich die Felsenwände zusammen, bis nirgends mehr ein
Ausgang zu sehen war.
Die Schlucht machte ein paar scharfe Wendungen und öffnete sich
plötzlich.
Um Kamanita breitete sich ein von himmelstrebenden Malachitfelsen
eingeschlossener Talkessel, und mitten in diesem stand der Wunderbaum.
Stamm und Äste waren von blanker, roter Koralle; ein wenig gelblicher
war die Röte des krausen Laubwerkes, aus dem die Blüten tief
karmesinfarbig hervorglühten.
Über Felsenzinnen und Baumwipfel spannte der Himmel sich dunkelblau,
ohne daß ein einziges Wölkchen zu sehen war. Auch drang die Musik der
Genien kaum hierher--was noch in der Luft zitterte, war wie eine
Erinnerung an längst gehörte Melodien.
Nur drei Farben waren da: das Ultramarinblau des Himmels, das
Malachitgrün der Felsen, das Korallenrot des Baumes. Und nur _ein_
Duft--jener geheimnisvolle, allen anderen unähnliche Duft der
karmesinroten Blumen, der Kamanita hierher geführt hatte.
Und alsbald zeigte sich nun auch die Wunderart dieses Duftes:
Als Kamanita ihn hier einsog, wo er verdichtet den ganzen Kessel füllte,
erweiterte sich plötzlich sein Bewußtsein und überschwemmte und
durchbrach die Schranke, die bis jetzt hinter seinem Erwachen im Teiche
errichtet gewesen war.
Sein vorheriges Leben lag offen vor ihm:
Er sah die Halle des Hafners, wo er mit jenem törichten Buddhamönch im
Gespräche saß; er sah das Gäßchen in Rajagaha, das er durcheilte, und
die ihm entgegenstürmende Kuh--dann die bestürzten Gesichter ringsum und
die gelbgekleideten Mönche....
Und er sah die Waldungen und Landstraßen seiner Pilgerschaft, seinen
Palast und seine beiden Frauen, die Hetären Ujjenis, die Räuber, den
Krishnahain und die Terrasse der Sorgenlosen mit Vasitthi, das
Elternhaus und die Kinderstube....
Und dahinter sah er ein anderes Leben und noch eins und noch eins--und
immer noch andere, wie man die Baumreihe einer Landstraße sieht, bis die
Bäume zu Punkten werden und die Punkte in einen einzigen
Schattenstreifen zusammenschmelzen.
Bei diesem Anblick schwindelte ihm. Und sofort befand er sich wieder in
der Kluft, wie ein Blatt, das vom Winde getrieben wird. Denn das
erstemal hält niemand den Duft des Korallenbaumes lange aus, und der
Selbsterhaltungstrieb führt Jeden beim ersten Schwindel von dannen.
Als er nun ruhiger durch das offene Tal schwebte, erwog Kamanita:
"Jetzt verstehe ich, warum die Weiße sagte, ich sei wohl noch nicht am
Korallenbaume gewesen. Denn freilich konnte ich damals nicht verstehen,
was sie mit 'Traumgestalten' meinten; jetzt aber weiß ich es, denn in
jenem Leben habe ich ja solche gesehen. Und jetzt begreife ich auch,
warum ich hier bin. Ich wollte ja im Mangohaine bei Rajagaha den Buddha
aufsuchen. Freilich wurde das durch meinen plötzlichen, gewaltsamen Tod
vereitelt, aber mein guter Wille ist mir angerechnet worden, und so bin
ich an diesen Ort der Seligkeit gelangt, als ob ich zu seinen Füßen
gesessen und in seiner beseligenden Lehre gestorben wäre. Also ist mein
Pilgergang nicht vergebens gewesen."
Und Kamanita erreichte bald wieder den Teich und ließ sich auf seine
rote Lotusrose nieder, wie ein Vogel, der sein Nest aufsucht.