Als der Erhabene beim ersten Morgengrauen erwachte, sah er, wie der
Pilger Kamanita emsig seine Matte zusammenrollte, seine Kürbisflasche
umhängte und sich nach dem Stabe umsah, den er nicht gleich in der Ecke
bemerkte, weil er umgefallen war. Dabei hatte er in allen seinen
Bewegungen das Gepräge eines Menschen, der es sehr eilig hat.
Der Erhabene setzte sich auf und grüßte ihn freundlich.
"Willst du schon aufbrechen, Bruder?"
"Freilich, freilich," rief Kamanita erregt. "Denke dir, es ist wirklich
kaum zu glauben--rein zum Lachen, und doch so wunderbar--ein wahres
Glück! Vor wenigen Minuten erwachte ich und fühlte mich, nach dem vielen
Reden von gestern, recht trocken im Halse. Ich sprang sofort auf und
lief zum Brunnen--unter den Tamarinden, quer über den Weg. Dort stand
schon ein Mädchen und schöpfte Wasser. Und was meinst du wohl, was ich
von ihr höre?--Der Vollendete ist gar nicht in Savatthi! Und wo ist er
denn, glaubst du? Gestern ist er, von dreihundert Mönchen begleitet,
hier in Rajagaha angekommen! Und er weilt jetzt in seinem Mangohaine
jenseits der Stadt. In einer Stunde, in weniger vielleicht, werde ich
ihn gesehen haben--ich, der ich glaubte, noch vier Wochen pilgern zu
müssen! Was sage ich--in einer Stunde?--Es ist nur eine gute halbe
Stunde bis dahin, sagte das Mädchen, wenn man nicht durch die
Hauptstraßen geht, sondern durch die Gäßchen und Höfe nach dem Westtor
läuft...ich kann mir's kaum denken! Mir brennt der Boden unter den
Sohlen--leb' wohl, Bruder! Du hast es gut mit mir gemeint, und ich werde
nicht unterlassen, auch dich zum Erhabenen zu führen--jetzt aber kann
ich mich wahrlich keinen Augenblick mehr aufhalten."
Und der Pilger Kamanita stürzte aus der Halle hinaus und lief die Straße
dahin, so schnell ihn die Beine nur tragen wollten. Als er aber das
Stadttor Rajagahas erreichte, war es noch nicht geöffnet, und er mußte
eine kleine Weile warten, die ihm wie eine Ewigkeit vorkam und seine
Ungeduld aufs höchste steigerte.
Indessen benutzte er die Zeit, um von einer alten Frau, die einen Korb
voll Gemüse nach der Stadt trug und, wie er selbst, dort warten mußte,
genaue Erkundigungen über den kürzesten Weg einzuziehen--wie er durch
jene Gäßchen, rechts an einem Tempelchen und links an einem Brunnen
vorübergehen müsse und dann einen Turm ja nicht aus den Augen verlieren
dürfe, so daß er die vor der Stadtmauer verlorene Zeit vielleicht
innerhalb derselben einholen könne.
Als nun das Tor sich geöffnet hatte, stürzte er unaufhaltsam in der ihm
bezeichneten Richtung fort. Manchmal rannte er ein paar Kinder über den
Haufen, rempelte eine Frau an, die am Rinnstein Geschirr spülte, so daß
eine Schüssel ihr klirrend davonrollte und zerbrach, oder er stieß mit
einem Wasserträger zusammen. Aber die Schimpfworte, die hinter ihm
herflogen, erreichten verschlossene Ohren, so ganz war er von dem einen
Gedanken erfüllt, daß er bald, ganz bald den Buddha sehen würde.
"Welches Glück!" sagte er zu sich selber. "Wie viele Geschlechter leben
dahin, ohne daß ein Buddha auf der Erde mit ihnen zusammen wandert; und
von dem Geschlecht, das einen Buddha zum Zeitgenossen hat--o wie so
wenige sind es, die ihn sehen! Mir aber ist jetzt dies Glück
gewiß!--Immer habe ich ja gefürchtet, daß auf dem weiten, gefahrvollen
Wege wilde Tiere oder Räuber mich um dies Glück bringen könnten, jetzt
aber kann es mir nicht mehr geraubt werden!"
Während er so dachte, war er in ein sehr enges Gäßchen eingebogen. In
seinem törichten Vorwärtsstürmen sah er nicht, daß vom anderen Ende her
eine Kuh, die aus irgend einem Grunde scheu geworden war, ihm
entgegenstürzte, bemerkte auch nicht, wie ein paar Leute vor ihm sich
eiligst in ein Haus flüchteten, und andere sich hinter einem
vorspringenden Mauerstück verbargen; er hörte nicht den Ruf, durch den
eine auf einem Söller stehende Frau ihn warnen wollte--er spähte nur
hinauf nach den Turmzinnen, die ihn am Verfehlen des Weges hindern
sollten.
Erst als es zum Ausweichen zu spät war, sah er entsetzt, gerade vor
sich, die dampfenden Nüstern, die mit Blut unterlaufenen Augen und das
blanke Horn, das ihm unmittelbar danach tief in die Seite drang.
Mit einem lauten Schrei fiel er an der Mauer nieder. Die Kuh stürzte
weiter und verschwand in einer anderen Straße.
Sofort eilten nun Leute herbei, teils aus Neugier, teils um zu helfen.
Das Weib, das ihn gewarnt hatte, brachte Wasser, um die Wunde zu
reinigen. Man zerriß seinen Mantel, um ihm einen Verband anzulegen und
womöglich das Blut zu stillen, das wie ein Quell hervorbrach.
Kamanita hatte fast keinen Augenblick das Bewußtsein verloren. Es war
ihm sofort klar, daß dies seinen Tod bedeute. Aber weder diese
Vorstellung, noch die Schmerzen quälten ihn so sehr, wie die Angst, daß
er den Buddha jetzt nicht zu sehen bekäme. Mit bewegter Stimme flehte er
die Umstehenden an, ihn nach dem Mangohaine zum Buddha zu tragen:
"So weit bin ich gepilgert, ihr lieben Leute!--So nahe war ich schon am
Ziel! O, habt Erbarmen mit mir, zögert nicht, mich dahin zu tragen!
Denkt nicht an die Schmerzen, fürchtet nicht, daß ich ihnen
unterliege--ich werde nicht sterben, bevor ihr mich dem Vollendeten zu
Füßen niedergelegt habt, und dann werde ich selig sterben, selig
auferstehen."
Einige liefen nun, Stangen und eine Matratze zu holen. Eine Frau brachte
ein stärkendes Getränk, von dem Kamanita ein paar Löffel voll nahm. Die
Männer waren uneinig, welcher Weg zur Versammlungshalle im Mangohaine
der kürzeste sei, da es wohl auf jeden Schritt ankommen konnte. Denn es
war jedem klar, daß es mit dem Pilger bald zu Ende ging.
"Da kommen Jünger des Vollendeten!" rief einer der Umstehenden, das
Gäßchen hinanzeigend, "die werden uns das am besten sagen können."
Wirklich nahten sich einige Mönche aus dem Orden des Buddha, in gelbe
Mäntel gehüllt, die den rechten Ann frei ließen, und die Almosenschale
in der Hand. Die meisten waren jüngere Leute; aber zuvörderst schritten
zwei ehrwürdige Gestalten: ein Greis, dessen ernstes, etwas strenges
Gesicht mit dem durchdringenden Blick und dem kräftigen Kinn
unwillkürlich die Aufmerksamkeit auf sich lenkte, und ein Mann in
mittleren Jahren, aus dessen Zügen eine so herzgewinnende Milde
leuchtete, daß er dadurch fast das Aussehen eines Jünglings bekam. Auch
konnte ein erfahrener Beobachter in seiner Haltung und in den etwas
lebhaften Bewegungen, wie auch im feurigen Blicke, die unveräußerlichen
Merkmale der Kriegerkaste entdecken, während die bedächtige Ruhe des
Älteren den geborenen Brahmanen verriet. An hohem Wuchs und fürstlichem
Anstand kamen aber beide einander gleich.
Als diese Mönche bei der Gruppe, die sich um den verwundeten Mann
gebildet hatte, Halt machten, erzählten ihnen viele redselige Zungen
sofort, was vorgefallen war, und daß man im Begriff sei, diesen
verwundeten Pilger auf einer Bahre--die gerade gebracht wurde--nach dem
Mangohaine zum Buddha zu tragen, um dadurch seinen sehnlichen Wunsch zu
erfüllen;--ob nicht einer der jüngeren Mönche mit zurückkehren wolle, um
ihnen den kürzesten Weg nach der Stelle zu weisen, wo der Erhabene sich
augenblicklich aufhielt?
"Der Erhabene," antwortete der Greis mit dem strengen Gesicht, "ist
nicht im Mangohaine, und wir wissen selbst noch nicht, wo er sich
aufhält."
Bei dieser Antwort entrang ein verzweifeltes Stöhnen sich der wunden
Brust Kamanitas.
"Aber freilich kann er nicht weit von hier sein," fügte der Jüngere
hinzu. "Der Erhabene hat gestern die Mönchsgemeinschaft vorausgeschickt
und ist allein weitergegangen. Er wird sich wohl verspätet haben und
irgendwo, vielleicht im Vororte, eingekehrt sein. Wir sind jetzt
unterwegs, ihn zu suchen."
"O, suchet eifrig, findet ihn!" rief Kamanita.
"Wenn wir auch wüßten, wo der Erhabene ist, so ginge es doch nicht an,
diesen Verwundeten hinzutragen," meinte der strenge Mönch. "Denn die
Erschütterung auf der Bahre würde seinen Zustand schnell verschlimmern,
und wenn er es auch überstände, so würde er doch sterbend ankommen, und
sein Geist würde nicht fähig sein, die Worte des Erhabenen zu erfassen.
Wenn er sich aber jetzt schont, und von einem kundigen Wundarzt
behandelt und sorgfältig gepflegt wird, dann ist doch immer noch
Hoffnung vorhanden, daß er so weit zu Kräften kommen kann, um der Rede
des Erhabenen zu lauschen.
Aber Kamanita zeigte ungeduldig auf die Bahre:
"Keine Zeit--sterben--mich mitnehmen--ihn sehen--berühren--selig
sterben--mitnehmen--eilet!"
Achselzuckend wandte sich der Mönch an die jüngeren Brüder:
"Dieser arme Mann hält den siegreich Vollendeten für ein Götzenbild, bei
dessen Berührung man entsühnt wird."
"Er hat Vertrauen zum Vollendeten gefaßt, Sariputta, wenn ihm auch das
tiefere Verständnis fehlt," sagte der andere und beugte sich über den
Verwundeten, um den Grad seiner Kräfte festzustellen; "vielleicht könnte
man es doch wagen. Der Arme dauert mich, und ich glaube, man kann ihm
nichts Besseres antun, als den Versuch zu machen."
Ein dankbarer Blick des Pilgers belohnte ihn für seine Fürsprache.
"Wie es dir beliebt, Ananda," antwortete Sariputta freundlich.
In diesem Augenblick kam von der Seite, von welcher auch Kamanita
gekommen war, ein Hafner gegangen, der auf dem Rücken einen Korb mit
allerlei Töpferwaren trug. Als er den Pilger Kamanita bemerkte, den man
soeben mit großer Vorsicht, aber nicht ohne ihm heftige Schmerzen zu
verursachen, auf die Bahre gelegt hatte, blieb er erschrocken
stehen--und zwar so plötzlich, daß die aufeinandergetürmten Schüsseln,
die er auf dem Kopfe trug, zu Boden fielen und zerbrachen.
"Ihr Götter! Was ist denn hier vorgefallen? Das ist ja der fromme
Pilger, der meiner Halle die Ehre angetan hat, dort zu übernachten. In
der Gesellschaft eines Mönches, der dasselbe Gewand trug, wie diese
Ehrwürdigen, hat er in meinem Hause die Nacht zugebracht."
"War jener Mönch ein alter Mann und von hoher Gestalt?" fragte
Sariputta.
"Gewiß, Ehrwürdiger--und er schien mir dir selber nicht unähnlich zu
sein."
Da wußten nun die Mönche, daß sie nicht länger zu suchen brauchten, und
daß der Erhabene im Hause des Hafners war. Denn "der Jünger, der dem
Meister ähnelt"--also wurde ja Sariputta genannt.
"Ist es möglich?" sagte Ananda und blickte von dem Verwundeten auf, der
durch die Schmerzen, die ihm das Emporheben verursacht hatte, fast
bewußtlos geworden war und die Ankunft des Hafners gar nicht bemerkt
hatte.--"Ist es möglich? Dieser arme Mann hätte das Glück, nach dem er
so sehnlich trachtet, die ganze Nacht genossen, ohne es auch nur im
geringsten zu ahnen?"
"Das ist die Art des Toren," sagte Sariputta. "Aber gehen wir; jetzt
kann er ja hingebracht werden."
"Einen Augenblick!" rief Ananda, "die Schmerzen haben ihn überwältigt."
In der Tat zeigte der leere Blick Kamanitas, daß er kaum bemerkte, was
um ihn vorging. Es fing an, ihm schwarz vor den Augen zu werden. Aber
der lange Streifen des Morgenhimmels, der oben zwischen den hohen Mauern
leuchtete, drang doch noch bis zu seinem Bewußtsein durch und mochte ihm
wohl als die den Nachthimmel durchquerende Milchstraße erscheinen. Seine
Lippen bewegten sich:
"Die Ganga--," murmelte er.
"Seine Sinne wandern," sagte Ananda.
Die Zunächststehenden, die das Wort vernommen hatten, faßten es anders
auf.
"Er wünscht jetzt an die Ganga gebracht zu werden, damit die heiligen
Wogen seine Sünden abspülen.--Aber Mutter Ganga ist ja weit von
hier--wer könnte ihn wohl dahin tragen?"
"Erst der Buddha, dann die Ganga!"--murmelte Sariputta mit dem halb
verächtlichen Mitleid des Weisen einem Toren gegenüber, der unrettbar
von einem Aberglauben in den anderen fällt.
Aber plötzlich belebten die Augen Kamanitas sich wunderbar. Ein seliges
Lächeln verklärte seine Züge. Sein Körper wollte sich aufrichten. Ananda
stützte ihn.
"Die himmlische Ganga," flüsterte er mit schwacher, aber freudiger
Stimme, und zeigte mit der rechten Hand nach dem Himmelsstreifen über
seinem Haupte: "Die himmlische Ganga!--wir schwuren--bei ihren
Wellen--Vasitthi--"
Sein Körper zitterte, Blut quoll ihm aus dem Munde, und in den Armen
Anandas verschied er.--
Kaum eine halbe Stunde später traten Sariputta und Ananda, von den
Mönchen begleitet, in die Halle des Hafners ein, begrüßten den Erhabenen
ehrerbietig und setzten sich ihm zur Seite nieder.
"Nun, mein lieber Sariputta," fragte da der Erhabene, nachdem er ihnen
freundlichen Gruß entboten,--"hat die junge Mönchsgemeinde unter deiner
Führung die weite Wanderung gut und ohne Unfälle überstanden? Habt ihr
Mangel an Nahrung oder Arznei für die Kranken unterwegs gehabt? Ist die
Jüngerschaft fröhlich beflissen?"
"Glücklich bin ich, Ehrwürdigster, sagen zu können, daß es uns an nichts
gefehlt hat, und daß die jungen Mönche voll Eifer und Zuversicht, sich
nur danach sehnen, den Erhabenen von Angesicht zu Angesicht zu sehen.
Diese edlen Jünglinge, Kenner des Wortes, Nachfolger der Lehre, habe ich
mitgenommen, um sie schon jetzt dem Meister vorzustellen."
Bei diesen Worten erhoben sich drei junge Mönche und begrüßten den
Erhabenen mit zusammengelegten Händen:
"Heil dem Erhabenen, dem vollendeten Buddha--Heil!"
"Seid mir willkommen," sprach der Erhabene und lud sie mit einer
Handbewegung wieder zum Sitzen ein.
"Und ist auch der Erhabene," fragte Ananda, "nach der gestrigen
Wanderung ohne Übermüdung oder üble Folgen gut hier angekommen? Und hat
der Erhabene in dieser Halle die Nacht leidlich zugebracht?"
"So ist es, Brüder. Ich bin bei einbrechender Dunkelheit zwar recht
müde, doch ohne üble Folgen der Wanderung hier angekommen und habe in
der Gesellschaft eines fremden Pilgers die Nacht nicht eben schlecht
zugebracht."
"Dieser Pilger," nahm Sariputta das Wort, "ist in den Straßen Rajagahas
durch eine Kuh des Lebens beraubt worden."
"Und nicht ahnend, mit wem er die Nacht hier zugebracht hatte," fügte
Ananda hinzu, "begehrte er sehnlich, zu Füßen des Erhabenen gebracht zu
werden."
"Bald danach freilich verlangte er, man möchte ihn nach der Ganga
tragen," bemerkte Sariputta.
"Nicht doch, Bruder Sariputta!"--berichtigte Ananda. "Denn er sprach von
der _himmlischen_ Ganga. Leuchtenden Blickes gedachte er eines Schwures
und nannte dabei einen Frauennamen--Vasitthi, glaube ich--und so
verschied er."
"Irgend einen Frauennamen auf den Lippen, ging er von dannen," sagte
Sariputta.--"Wo ist er wohl wieder ins Dasein getreten?"
"Töricht, ihr Jünger, war der Pilger Kamanita, einem unvernünftigen
Kinde vergleichbar. Diesem Pilger, ihr Jünger, der in meinem Namen
umherzog und sich zur Lehre des Erhabenen bekennen wollte, habe ich die
Lehre ausführlich und eingehend dargelegt. Und er hat an der Lehre
Anstoß genommen. Auf Seligkeit und Himmelswonnen war das Sehnen und
Trachten seines Herzens gerichtet. Der Pilger Kamanita, ihr Jünger, ist
in Sukhavati, im Paradiese des Westens, wieder ins Dasein getreten,
tausend- und abertausendjährige Himmelswonnen zu genießen."