XXII. IM PARADIESE DES WESTENS

Als der Erhabene in der Halle des Hafners zu Rajagaha diese Worte

sprach, erwachte der Pilger Kamanita im Paradiese des Westens. In einen

roten Mantel gehüllt, der zart und glänzend wie ein Blumenblatt in

reichem Faltenwurf um ihn herabfloß, fand er sich mit untergeschlagenen

Beinen, auf einer mächtigen, gleichfarbigen Lotusrose sitzend, die

mitten auf einem großen Teiche schwamm. Auf der weiten Wasserfläche

waren überall solche Lotusblumen zu sehen, rote, blaue und weiße, einige

noch als Knospen, andere, obwohl ziemlich entwickelt, doch immer noch

geschlossen, aber unzählige offen wie die seine; und fast auf einer

jeden thronte eine menschliche Gestalt, deren faltiges Gewand aus den

Blumenblättern emporzuwachsen schien.

Auf den schrägen Ufern des Teiches, im grünsten Gras, lachte ein

Blumenflor, als ob alle Edelsteine der Erde hier in Blumengestalt

wiedergeboren wären, ihren Glanz und ihr durchleuchtetes Farbenspiel

beibehaltend, aber den harten Panzer, den sie in ihrem Erdenleben

getragen, gegen die Weiche, schmiegsame, lebendige Pflanzenhülle

eintauschend. So war auch der Duft, den sie aushauchten, mächtiger als

die herrlichste Essenz, die je in ein kristallenes Fläschchen

eingeschlossen wurde, und hatte doch die ganze herzhafte Frische des

natürlichen Blumenduftes.

Von diesem fesselnden Ufersaum schweifte nun der entzückte Blick weiter

zwischen hohen und breitwipfeligen, smaragdlaubigen und juwelenblühenden

Bäumen, die bald einzeln sich erhoben, bald in Gruppen zusammen standen,

bald tiefe Haine bildeten, hinüber nach den anmutigsten Felsenhügeln,

die bald nackt ihre kristallenen, marmornen und alabasternen Formen

zeigten, bald sie mit dichtem Gebüsch bedeckten oder mit duftigem

Blütenflor verhüllten. An einer Stelle aber wichen Haine und Felsen

gänzlich zur Seite, um einem schönen Fluß Raum zu geben, der sich still,

wie ein Strom von Sternenglanz, in den Teich ergoß.

Über die ganze Gegend wölbte sich ein Himmel, dessen Ultramarinblau nach

unten zu eher noch tiefer wurde, und unter dieser Kuppel schwebten

weiße, geballte Wölkchen, auf welchen liebliche Genien gelagert waren,

deren Instrumente den ganzen Raum mit den Zauberklängen wonniger Weisen

erfüllten.

Aber an diesem Himmel war keine Sonne zu sehen, noch bedurfte es einer

solchen. Denn von den Wölkchen und den Genien, von Felsen und Blumen,

vom Wasser und von den Lotusrosen, von den Gewändern der Seligen, noch

mehr aber von ihren Gesichtern strahlte ein wundersames Licht aus. Und

wie dies Licht von strahlender Helligkeit war, ohne doch im mindesten zu

blenden, so wurde die weiche, duftgesättigte Wärme durch den ständigen

Hauch des Wassers erfrischt, und schon diese Luft einzuatmen war eine

Lust, der nichts auf Erden gleichkommt.

Als Kamanita den ersten Anblick dieser Herrlichkeiten so weit verwunden

hatte, daß sie ihn nicht mehr überwältigten, sondern anfingen, sich ihm

als seine natürliche Umgebung unterzuordnen, richtete er seine

Aufmerksamkeit auf jene anderen Wesen, die, wie er selber, ringsum auf

den schwimmenden Lotusthronen saßen. Er bemerkte bald, daß die rot

gekleideten männlichen, die weiß gekleideten weiblichen Geschlechts

waren, während von den in blaue Mäntel gehüllten Gestalten, wie ihm

schien, einige diesem, einige jenem Geschlechte angehörten. Alle

miteinander aber standen sie in vollster Jugendblüte, und alle schienen

von freundlichster Gesinnung erfüllt zu sein.

Ein Nachbar in blauem Mantel flößte ihm besonderes Vertrauen ein, und

die Lust, ein Gespräch mit ihm anzuknüpfen, regte sich in ihm.

"Ob es wohl angeht, von selber und unaufgefordert diesen Ehrwürdigen zu

fragen?" dachte er. "Gar zu gern möchte ich doch wissen, wo ich bin."

Zu seiner größten Verwunderung erfolgte die Antwort sofort, lautlos und

ohne daß der Blaue die Lippen auch nur leise bewegt hätte:

"Du bist in Sukhavati, dem Orte der Seligkeit."

Unwillkürlich fragte Kamanita in Gedanken weiter:

"Du warst hier, Ehrwürdigster, als ich die Augen aufschlug, denn mein

Blick fiel sofort auf dich. Bist du vielleicht gleichzeitig mit mir

erwacht, oder warst du schon lange hier?"

"Seit undenklichen Zeiten bin ich hier," antwortete der Blaue, "und ich

würde glauben, daß ich von Ewigkeit her hier wäre, wenn ich nicht so oft

gesehen hätte, wie eine Lotusblume sich öffnete und ein neues Wesen zum

Vorschein kam--und wenn nicht der Duft des Korallenbaumes wäre."

"Was ist's denn mit diesem Duft?"

"Das wirst du selber bald entdecken. Der Korallenbaum ist das größte

Wunder dieses Paradieses."

Die Musik der himmlischen Genien, die wie von selber dieses lautlose

Gespräch zu begleiten schien, mit ihren Weisen und Klängen sich jedem

Satz desselben anschmiegend, gleichsam um seinen Sinn zu vertiefen und

das klar zu machen, was die Worte nicht fassen konnten, wob bei diesen

Worten ein seltsam mystisches Tongebilde, und es schien dem lauschenden

Kamanita, als ob in seinem Geiste unendliche Tiefen sich öffneten, in

deren Schatten formlose Erinnerungen sich regten, ohne erwachen zu

können.

"Das größte Wunder!" sagte er nach einer Pause. "Ich meinte, von allem

Wunderbaren hier sei das Wunderbarste jener herrliche Strom, der sich in

unsern Teich ergießt."

"Die himmlische Ganga," nickte der Blaue.

"Die himmlische Ganga!"--wiederholte Kamanita träumerisch, und wiederum

überkam ihn, nur in verstärktem Maße, jenes Gefühl von etwas, das er

kennen müsse und doch nicht kennen konnte, während die geheimnisvollen

Töne in den tiefsten Abgründen seines eigenen Selbstes die Quellen jenes

Stromes zu suchen schienen.

Der Pilger Kamanita: Ein Legendenroman · 第 27 / 55 题