Als der Erhabene in der Halle des Hafners zu Rajagaha diese Worte
sprach, erwachte der Pilger Kamanita im Paradiese des Westens. In einen
roten Mantel gehüllt, der zart und glänzend wie ein Blumenblatt in
reichem Faltenwurf um ihn herabfloß, fand er sich mit untergeschlagenen
Beinen, auf einer mächtigen, gleichfarbigen Lotusrose sitzend, die
mitten auf einem großen Teiche schwamm. Auf der weiten Wasserfläche
waren überall solche Lotusblumen zu sehen, rote, blaue und weiße, einige
noch als Knospen, andere, obwohl ziemlich entwickelt, doch immer noch
geschlossen, aber unzählige offen wie die seine; und fast auf einer
jeden thronte eine menschliche Gestalt, deren faltiges Gewand aus den
Blumenblättern emporzuwachsen schien.
Auf den schrägen Ufern des Teiches, im grünsten Gras, lachte ein
Blumenflor, als ob alle Edelsteine der Erde hier in Blumengestalt
wiedergeboren wären, ihren Glanz und ihr durchleuchtetes Farbenspiel
beibehaltend, aber den harten Panzer, den sie in ihrem Erdenleben
getragen, gegen die Weiche, schmiegsame, lebendige Pflanzenhülle
eintauschend. So war auch der Duft, den sie aushauchten, mächtiger als
die herrlichste Essenz, die je in ein kristallenes Fläschchen
eingeschlossen wurde, und hatte doch die ganze herzhafte Frische des
natürlichen Blumenduftes.
Von diesem fesselnden Ufersaum schweifte nun der entzückte Blick weiter
zwischen hohen und breitwipfeligen, smaragdlaubigen und juwelenblühenden
Bäumen, die bald einzeln sich erhoben, bald in Gruppen zusammen standen,
bald tiefe Haine bildeten, hinüber nach den anmutigsten Felsenhügeln,
die bald nackt ihre kristallenen, marmornen und alabasternen Formen
zeigten, bald sie mit dichtem Gebüsch bedeckten oder mit duftigem
Blütenflor verhüllten. An einer Stelle aber wichen Haine und Felsen
gänzlich zur Seite, um einem schönen Fluß Raum zu geben, der sich still,
wie ein Strom von Sternenglanz, in den Teich ergoß.
Über die ganze Gegend wölbte sich ein Himmel, dessen Ultramarinblau nach
unten zu eher noch tiefer wurde, und unter dieser Kuppel schwebten
weiße, geballte Wölkchen, auf welchen liebliche Genien gelagert waren,
deren Instrumente den ganzen Raum mit den Zauberklängen wonniger Weisen
erfüllten.
Aber an diesem Himmel war keine Sonne zu sehen, noch bedurfte es einer
solchen. Denn von den Wölkchen und den Genien, von Felsen und Blumen,
vom Wasser und von den Lotusrosen, von den Gewändern der Seligen, noch
mehr aber von ihren Gesichtern strahlte ein wundersames Licht aus. Und
wie dies Licht von strahlender Helligkeit war, ohne doch im mindesten zu
blenden, so wurde die weiche, duftgesättigte Wärme durch den ständigen
Hauch des Wassers erfrischt, und schon diese Luft einzuatmen war eine
Lust, der nichts auf Erden gleichkommt.
Als Kamanita den ersten Anblick dieser Herrlichkeiten so weit verwunden
hatte, daß sie ihn nicht mehr überwältigten, sondern anfingen, sich ihm
als seine natürliche Umgebung unterzuordnen, richtete er seine
Aufmerksamkeit auf jene anderen Wesen, die, wie er selber, ringsum auf
den schwimmenden Lotusthronen saßen. Er bemerkte bald, daß die rot
gekleideten männlichen, die weiß gekleideten weiblichen Geschlechts
waren, während von den in blaue Mäntel gehüllten Gestalten, wie ihm
schien, einige diesem, einige jenem Geschlechte angehörten. Alle
miteinander aber standen sie in vollster Jugendblüte, und alle schienen
von freundlichster Gesinnung erfüllt zu sein.
Ein Nachbar in blauem Mantel flößte ihm besonderes Vertrauen ein, und
die Lust, ein Gespräch mit ihm anzuknüpfen, regte sich in ihm.
"Ob es wohl angeht, von selber und unaufgefordert diesen Ehrwürdigen zu
fragen?" dachte er. "Gar zu gern möchte ich doch wissen, wo ich bin."
Zu seiner größten Verwunderung erfolgte die Antwort sofort, lautlos und
ohne daß der Blaue die Lippen auch nur leise bewegt hätte:
"Du bist in Sukhavati, dem Orte der Seligkeit."
Unwillkürlich fragte Kamanita in Gedanken weiter:
"Du warst hier, Ehrwürdigster, als ich die Augen aufschlug, denn mein
Blick fiel sofort auf dich. Bist du vielleicht gleichzeitig mit mir
erwacht, oder warst du schon lange hier?"
"Seit undenklichen Zeiten bin ich hier," antwortete der Blaue, "und ich
würde glauben, daß ich von Ewigkeit her hier wäre, wenn ich nicht so oft
gesehen hätte, wie eine Lotusblume sich öffnete und ein neues Wesen zum
Vorschein kam--und wenn nicht der Duft des Korallenbaumes wäre."
"Was ist's denn mit diesem Duft?"
"Das wirst du selber bald entdecken. Der Korallenbaum ist das größte
Wunder dieses Paradieses."
Die Musik der himmlischen Genien, die wie von selber dieses lautlose
Gespräch zu begleiten schien, mit ihren Weisen und Klängen sich jedem
Satz desselben anschmiegend, gleichsam um seinen Sinn zu vertiefen und
das klar zu machen, was die Worte nicht fassen konnten, wob bei diesen
Worten ein seltsam mystisches Tongebilde, und es schien dem lauschenden
Kamanita, als ob in seinem Geiste unendliche Tiefen sich öffneten, in
deren Schatten formlose Erinnerungen sich regten, ohne erwachen zu
können.
"Das größte Wunder!" sagte er nach einer Pause. "Ich meinte, von allem
Wunderbaren hier sei das Wunderbarste jener herrliche Strom, der sich in
unsern Teich ergießt."
"Die himmlische Ganga," nickte der Blaue.
"Die himmlische Ganga!"--wiederholte Kamanita träumerisch, und wiederum
überkam ihn, nur in verstärktem Maße, jenes Gefühl von etwas, das er
kennen müsse und doch nicht kennen konnte, während die geheimnisvollen
Töne in den tiefsten Abgründen seines eigenen Selbstes die Quellen jenes
Stromes zu suchen schienen.