XX. DAS UNVERNÜNFTIGE KIND

Nachdem der Erhabene seine Belehrung also beschlossen hatte, blieb der

Pilger Kamanita lange Zeit stumm und regungslos sitzen, in

widerstreitenden und zweifelnden Gedanken befangen. Endlich sagte er:

"Du hast mir da, Ehrwürdiger, gar vieles davon gesagt, wie der Mönch dem

Leiden schon bei Lebzeiten ein Ende macht, aber nichts davon, was aus

ihm wird, wenn dann sein Leib im Tode zerfällt und zu den Elementen

zurückkehrt, ausgenommen, daß von da ab weder Menschen noch Götter, noch

die Natur selber ihn sehen. Aber von einem ewigen Leben, von höchster

Wonne und himmlischer Seligkeit"-davon habe ich nichts vernommen. Hat

denn der Erhabene darüber nichts offenbart?

"So ist es, Bruder, so ist es. Der Erhabene hat darüber nichts

offenbart."

"Dann heißt das so viel, als daß der Erhabene von dieser wichtigsten

Frage nicht mehr weiß als ich selber," versetzte Kamanita unmutig.

"Meinst du? So höre denn, Pilger. In jenem Sinsapawalde bei Kosambi, wo

du und deine Vasitthi euch ewige Treue und Wiedersehen im Paradiese des

Westens zugeschworen habt, weilte auch zu einer Zeit der Erhabene. Und

der Erhabene trat aus dem Walde, ein Bündel Sinsapablätter in der Hand,

und sprach zu den Jüngern: 'Was meint ihr, ihr Jünger, ist mehr, diese

Sinsapablätter, die ich in die Hand genommen habe, oder die anderen

Blätter droben im Sinsapawalde?' Und ohne sich lange zu besinnen,

antworteten sie: 'Die Blätter, Herr, die der Erhabene in die Hand

genommen hat, sind wenige, und viel mehr sind jene Blätter droben im

Sinsapawalde.' 'Ebenso auch, ihr Jünger,' sprach der Erhabene, 'ist das

viel mehr, was ich erkannt und euch nicht verkündet, als das, was ich

euch verkündet habe. Und warum, ihr Jünger, habe ich euch jenes nicht

verkündet? Weil es nicht heilsam, nicht urasketentümlich ist, nicht zur

Abkehr, nicht zur Wendung, nicht zur Auflösung, nicht zum Erwachen,

nicht zum Nirvana führt."

"Wenn der Erhabene im Sinsapawalde vor Kosambi also gesprochen hat,"

antwortete Kamanita, "dann dürfte die Sache noch schlimmer stehen. Denn

er hat dann über diesen Punkt geschwiegen, um die Jünger nicht zu

entmutigen, oder gar abzuschrecken, indem er ihnen die letzte Wahrheit

enthüllte: nämlich die Vernichtung. Diese scheint mir denn auch als

notwendige Folge aus dem hervorzugehen, was du mir auseinandergesetzt

hast. Denn nachdem alle Gegenstände der fünf Sinne und des Denkens als

vergänglich, wesenlos und leidvoll abgewiesen und verneint sind, bleiben

eben keine Bestimmungen übrig, mittelst welcher irgend etwas zu fassen

wäre. Und so verstehe ich denn, Ehrwürdiger, die mir von dir dargelegte

Lehre dahin, daß ein Mönch, der alle Unreinheit von sich abgetan hat,

wenn sein Leib zerbricht, der Vernichtung anheimfällt, daß er vergeht,

daß er nicht mehr ist jenseits des Todes."

"Sagtest du mir nicht, Pilger," fragte dann der Buddha, "daß du binnen

eines Monats zu Füßen des Erhabenen im Waldparke Jetavana bei Savatthi

sitzen würdest?"

"Das hoff ich sicher zu tun, Ehrwürdiger; warum fragst du mich?"

"Wenn du nun also zu Füßen des Erhabenen sitzest, was meinst du dann,

Freund--die Körperform, die du dann siehst, die du mit den Händen

berühren kannst--ist die der Vollendete, siehst du es also an?"

"Das tue ich nicht, Ehrwürdiger."

"Wenn nun aber der Erhabene mit dir spricht,--das Bewußtsein, das dann

zum Vorschein kommt, mit seinen Empfindungen, Wahrnehmungen und

Vorstellungen--ist denn das der Vollendete? Siehst du es also an?"

"Das tue ich nicht, Ehrwürdiger." "So sind wohl, Freund, der Körper und

das Bewußtsein zusammengenommen der Vollendete?"

"Auch so sehe ich es nicht an, Ehrwürdiger."

"Ist denn der Vollendete geschieden von dem Körper? oder vom Bewußtsein?

oder von beiden? Siehst du es so an, Freund?"

"Er ist insofern von ihnen geschieden, als sein Wesen durch diese

Bestimmungen noch nicht erschöpft ist."

"Welche Bestimmungen hast du denn nun, Freund, außer denen der

Körperlichkeit mit allen ihren sinnlich wahrnehmbaren Eigenschaften und

dem Bewußtsein mit seinem ganzen Inhalt von Empfindungen, Wahrnehmungen

und Vorstellungen--welche Bestimmungen hast du noch außerdem, mittelst

welcher du das noch nicht Erschöpfte im Wesen des Vollendeten erschöpfen

kannst?"

"Solcher anderer Bestimmungen, Ehrwürdiger, habe ich freilich keine."

"So ist also, Freund Kamanita, schon hier in der Sinnenwelt der

Vollendete nicht in Wahrheit und Wesenhaftigkeit für dich zu erfassen.

Hast du da also ein Recht, zu sagen, daß der Vollendete--oder der Mönch,

der alle Unreinheit von sich abgetan hat--wenn sein Leben zerbricht, der

Vernichtung anheimfällt, daß er nicht ist jenseits des Todes; lediglich,

weil du kein Mittel besitzest, um ihn dort in Wahrheit und

Wesenhaftigkeit zu erfassen?"

Solchermaßen befragt, saß der Pilger Kamanita eine Weile, gebeugten

Rumpfes, gesenkten Kopfes, schweigend da.

"Wenn ich auch kein Recht habe, das zu behaupten," sagte er schließlich,

"so scheint es mir doch deutlich genug eben aus jenem Schweigen des

Vollendeten hervorzugehen. Denn gewiß hätte er nicht geschwiegen, wenn

er etwas Erfreuliches mitzuteilen gehabt hätte, was ja der Fall wäre,

wenn er wüßte, daß den Mönch, der dem Leiden ein Ende gemacht hat, nach

dem Tode keineswegs Vernichtung, sondern ewiges, seliges Leben erwartet.

Denn eine solche Mitteilung könnte ja die Jünger nur anspornen und ihnen

in ihrem rechten Streben förderlich sein."

"Wähnst du, Freund? Wie nun aber, wenn der Vollendete als letztes Ziel

nicht die Vernichtung des Leidens hingestellt hätte--ebenso wie er mit

dem Leiden selbst anfing--sondern noch darüber hinaus ein ewiges,

seliges Leben jenseits des Todes gepriesen hätte? Und gar viele von den

Jüngern hätten an dieser Vorstellung Gefallen gefunden, hingen ihr

anhänglich an, ersehnten ihre Erfüllung mit heißer Sucht, die alle

Heiterkeit der Gedenkenruhe trübte: hätten sie sich dann nicht wieder

unversehens in das gewaltige Fangnetz der Lebenslust verstrickt? Und

indem sie sich an ein Jenseits hielten, hierfür aber notwendigerweise

alle Farben vom Diesseits nähmen, würden sie da nicht, je mehr sie dem

Jenseits nachjagten, eben am Diesseits festkleben? Gleichwie etwa ein

Kettenhund, der an einen festen Pfahl gebunden ist und loszukommen

versucht, sich um diesen Pfahl im Kreise dreht:--ebenso würden jene

lieben Jünger aus Abscheu vor dem diesseitigen Leben sich gerade um das

diesseitige Leben im Kreise drehen."

"Wenn ich auch diese Gefahr zugeben muß," gab Kamanita zur Antwort, "so

halte ich doch das andere Übel, die durch das Schweigen hervorgerufene

Unsicherheit, für viel gefährlicher, weil es von vornherein den Eifer

lähmt. Denn wie kann wohl der Jünger entschlossen und mutig mit allen

Kräften streben, dem Leiden ein Ende zu machen, wenn er nicht weiß, was

darauf folgt--ob ewige Seligkeit oder Nichtsein?"

"Was meinst du, Freund, wenn da ein Haus wäre, das vom Feuer ergriffen

würde, und der Diener liefe, den Herrn zu wecken: 'Steh auf, Herr!

Flieh! Das Haus brennt! Schon flammen die Balken, und das Dach will

einstürzen'--würde wohl dann der Herr erwidern: 'Geh, mein Lieber, und

sieh nach, ob es draußen regnet und stürmt, oder ob es eine liebliche

Mondnacht ist; und ist letzteres der Fall, dann wollen wir uns ins Freie

begeben."'

"Wie könnte wohl, Ehrwürdiger, der Herr also antworten? Denn der Diener

hat ihm ja angstvoll zugerufen: 'Flieh, Herr! Das Haus brennt! Schon

flammen die Balken, und das Dach will einstürzen'."

"Freilich hat der Diener ihm das zugerufen. Wenn nun aber dennoch der

Herr antwortete: 'Geh, mein Lieber, und sieh nach, ob es draußen regnet

und stürmt, oder ob es eine liebliche Mondnacht ist; und ist letzteres

der Fall, dann wollen wir uns ins Freie begeben'--würdest du dann nicht

daraus schließen, daß der Herr gar nicht richtig gehört hat, was ihm der

getreue Diener zurief? daß es ihm keineswegs klar geworden ist, welche

tödliche Gefahr über seinem Kopfe schwebt?"

"Freilich müßte ich ja diese Schlußfolgerung ziehen, Ehrwürdiger, da es

anderenfalls undenkbar wäre, daß der Mann eine solche törichte Antwort

geben könnte."

"Ebenso nun auch, Pilger--wandere, als ob dein Haupt von Flammen umgeben

wäre! denn das Haus brennt. Und welches Haus? Die Welt! Durch welches

Feuer entflammt? Durch der Begierde Feuer, durch des Hasses Feuer, durch

der Verblendung Feuer. Die ganze Welt wird von Flammen verzehrt, die

ganze Welt ist von Rauch umwölkt, die ganze Welt erbebt."

Solchermaßen angerufen, zitterte der Pilger Kamanita, wie ein junger

Büffel zittert, wenn er zum erstenmal aus dem Dickicht den Ruf des Löwen

vernimmt. Gebeugten Rumpfes, gesenkten Kopfes, das Gesicht von

brennender Röte übergossen, saß er eine Weile schweigend da. Dann sagte

er mit mürrischer, obwohl etwas bebender Stimme:

"Das will mir aber dennoch nicht gefallen, daß der Erhabene darüber

nichts offenbart hat, wenn er etwas Verheißungsvolles darüber hätte

mitteilen können. Und auch wenn er geschwiegen hat, weil das, was er

wußte, eben trostlos und abschreckend ist, oder weil er überhaupt nichts

wußte: so will mir das auch nicht gefallen. Denn des Menschen Sinnen und

Trachten geht auf Glückseligkeit und Wonne, was auch in der Natur

begründet ist und nicht anders sein kann. Und so habe ich ja auch die

Brahmanischen Priester verkünden hören:

'Gesetzt, es sei ein Jungling, ein wackerer Jüngling, ein

lernbegieriger, der schnellste, kräftigste, stärkste, und ihm gehörte

die ganze Erde mit all ihrem Reichtum: so ist das eine menschliche

Wonne. Aber hundert menschliche Wonnen sind _eine_ Wonne der himmlischen

Genien. Und hundert Wonnen der himmlischen Genien sind _eine_ Wonne der

Götter. Und hundert Wonnen der Götter sind _eine_ Wonne des Indra. Und

hundert Wonnen des Indra sind _eine_ Wonne des Prajapati, und hundert

Wonnen des Prajapati sind _eine_ Wonne des Brahman. Dies ist die höchste

Wonne, dies ist der Weg zur höchsten Wonne!'"

"Gleichwie, o Pilger, wenn da ein unerfahrenes Kind wäre, der

vernünftigen Erwägung unfähig. Dieses Kind empfände in einem Zahne

brennenden, stechenden, bohrenden Schmerz; und es liefe zu einem

kundigen, bewährten Arzt und klagte ihm seine Not: 'Wolle,

Ehrwürdigster, durch deine Kunst schaffen, daß ich in diesem Zahn

anstatt des Schmerzes ein wonniges Hochgefühl empfinde.' Und der Arzt

antwortete: 'Liebes Kind, meine Kunst befaßt sich nur damit, den Schmerz

zu beseitigen.'--Aber das unvernünftige Kind finge an zu klagen: 'Habe

ich doch, ach! in diesem Zahne nun so lange brennenden, stechenden,

bohrenden Schmerz empfunden; wie billig ist es da, daß ich jetzt statt

dessen ein wonniges Gefühl, süße Lust darin genösse. Auch gibt es ja,

habe ich gehört, kundige, bewährte Ärzte, deren Kunst so weit reicht,

und ich glaubte, daß du ein solcher wärest!' Und dies unvernünftige Kind

liefe nun zu einem Heilzauberer, einem Wunderarzt aus dem Lande der

Gandarer, einem Marktschreier, der durch einen öffentlichen Ausrufer zum

Schall von Trommeln und Muschelhörnern auf den Straßen verkünden ließe:

'Gesundheit ist das höchste Gut, Gesundheit ist des Menschen Ziel.

Blühende, üppige Gesundheit, wohliges, wonniges Hochgefühl in allen

Gliedern, in allen Adern und Fasern des Körpers, wie es die seligen

Götter genießen, kann auch der Kränkste um eine geringe Opfergabe durch

meine Hilfe erlangen.' Zu diesem Wunderarzt liefe das Kind und klagte

ihm seine Not: 'Wolle, Ehrwürdigster, durch deine Kunst schaffen, daß

ich in diesem Zahn anstatt des Schmerzes ein wohliges, wonniges

Hochgefühl genieße.' Und der Zauberer antwortete: 'Liebes Kind, gerade

darin besteht meine Kunst.' Und nachdem er das ihm vom Kinde

dargereichte Geld eingestrichen, berührte er den Zahn mit seinem Finger

und brächte eine magische Wirkung hervor, wodurch ein wonniges

Lustgefühl sofort den Schmerz verdrängte. Und das unvernünftige Kind

liefe erfreut und hochbeglückt nach Hause.--Nach einer kurzen Weile aber

ließe das Lustgefühl nach, und der Schmerz stellte sich wieder ein. Und

warum? _Weil ja die Ursache des Übels nicht beseitigt war_.

Aber, o Pilger, ein verständiger Mann empfände in einem Zahn brennenden,

stechenden, bohrenden Schmerz. Und er ginge zu dem kundigen, bewährten

Arzt und klagte ihm seine Not: 'Wolle, Ehrwürdigster, durch deine Kunst

mich von diesem Schmerz befreien.' Und der Arzt antwortete: 'Wenn du,

mein Lieber, nichts weiter von mir verlangst, so viel vertraue ich

meiner Kunst.' 'Was könnte ich wohl weiter verlangen?' fragte der

verständige Mann. Und der Arzt untersuchte den Zahn und fände die

Ursache des Schmerzes in einer Entzündung an der Zahnwurzel. 'Geh nach

Hause, mein Lieber, und lasse dir an dieser Stelle einen Blutegel

setzen. Wenn er sich vollgesogen hat und abfällt, dann lege diese

Kräuter auf die Wunde. Dann wird der Eiter und das ungesunde Blut

entfernt sein, und der Schmerz wird aufhören.' Und der verständige Mann

ginge nach Hause und täte, wie der Arzt ihm gesagt. Und der Schmerz

verginge und kehrte nicht wieder. Und warum nicht? _Weil ja die Ursache

des Übels beseitigt war_."

Als nun der Erhabene nach Beendigung dieses Gleichnisses schwieg, saß

der Pilger Kamanita verstummt und verstört, gebeugten Rumpfes, gesenkten

Hauptes, das Antlitz von brennender Röte übergossen, wortlos da, und der

Angstschweiß tröpfelte ihm von der Stirn herab und rieselte ihm aus den

Achselhöhlen herunter. Fühlte er sich doch von diesem Ehrwürdigen mit

einem unvernünftigen Kinde verglichen und ihm gleichgestellt. Und da er

trotz aller Anstrengung keine Antwort zu finden vermochte, war er dem

Weinen nahe.

Endlich, als er seine Stimme beherrschen konnte, fragte er kleinlaut:

"Hast du, Ehrwürdiger, dies alles aus dem Munde des Erhabenen, des

vollendeten Buddha selber?"

Selten geschieht es, daß Vollendete lächeln. Bei dieser Frage jedoch

umspielte ein Lächeln die Lippen des Erhabenen.

"Das freilich nicht, Bruder."

Als der Pilger Kamanita dies vernahm, richtete er freudig seinen Körper

empor, blickte leuchtenden Auges auf und sprach mit frisch belebter

Stimme:

"Dachte ich's doch! O, ich wußte ja, daß dies nicht die ureigene Lehre

des Vollendeten sein könne, sondern nur deine eigene mißverständlich

ergrübelte Auslegung derselben. Heißt es ja doch, daß die Lehre des

Buddha im Anfange beseligend, in der Mitte beseligend und am Ende

beseligend sei. Wie aber könnte jemand das von einer Lehre sagen, die

mir nicht ein ewiges, seliges Leben in höchster Wonne verheißt? Nun, in

wenigen Wochen werde ich ja zu Füßen des Vollendeten sitzen und von

seinen eigenen Lippen die Heilslehre empfangen, wie ein Kind aus der

Mutterbrust seine süße Nahrung saugt. Und auch du wirst da sein und

richtig belehrt von deiner irrigen, verderblichen Auffassung

zurückkommen. Aber sieh, jene Streifen des Mondlichtes haben sich fast

bis zur Schwelle der Halle zurückgezogen; wir müssen tief in der Nacht

sein. Wohlan, wir wollen uns jetzt schlafen legen."

"Wie es dir, Bruder, belieben mag," antwortete der Erhabene freundlich.

Und sich fester in seinen Mantel hüllend, legte der Erhabene sich auf

der Matte in der Stellung des Löwen hin, auf den rechten Arm gestützt,

den linken Fuß auf dem rechten ruhen lassend.

Und der Stunde des Erwachens gedenkend, schlief er sofort ein.

Der Pilger Kamanita: Ein Legendenroman · 第 25 / 55 题