Nachdem der Erhabene seine Belehrung also beschlossen hatte, blieb der
Pilger Kamanita lange Zeit stumm und regungslos sitzen, in
widerstreitenden und zweifelnden Gedanken befangen. Endlich sagte er:
"Du hast mir da, Ehrwürdiger, gar vieles davon gesagt, wie der Mönch dem
Leiden schon bei Lebzeiten ein Ende macht, aber nichts davon, was aus
ihm wird, wenn dann sein Leib im Tode zerfällt und zu den Elementen
zurückkehrt, ausgenommen, daß von da ab weder Menschen noch Götter, noch
die Natur selber ihn sehen. Aber von einem ewigen Leben, von höchster
Wonne und himmlischer Seligkeit"-davon habe ich nichts vernommen. Hat
denn der Erhabene darüber nichts offenbart?
"So ist es, Bruder, so ist es. Der Erhabene hat darüber nichts
offenbart."
"Dann heißt das so viel, als daß der Erhabene von dieser wichtigsten
Frage nicht mehr weiß als ich selber," versetzte Kamanita unmutig.
"Meinst du? So höre denn, Pilger. In jenem Sinsapawalde bei Kosambi, wo
du und deine Vasitthi euch ewige Treue und Wiedersehen im Paradiese des
Westens zugeschworen habt, weilte auch zu einer Zeit der Erhabene. Und
der Erhabene trat aus dem Walde, ein Bündel Sinsapablätter in der Hand,
und sprach zu den Jüngern: 'Was meint ihr, ihr Jünger, ist mehr, diese
Sinsapablätter, die ich in die Hand genommen habe, oder die anderen
Blätter droben im Sinsapawalde?' Und ohne sich lange zu besinnen,
antworteten sie: 'Die Blätter, Herr, die der Erhabene in die Hand
genommen hat, sind wenige, und viel mehr sind jene Blätter droben im
Sinsapawalde.' 'Ebenso auch, ihr Jünger,' sprach der Erhabene, 'ist das
viel mehr, was ich erkannt und euch nicht verkündet, als das, was ich
euch verkündet habe. Und warum, ihr Jünger, habe ich euch jenes nicht
verkündet? Weil es nicht heilsam, nicht urasketentümlich ist, nicht zur
Abkehr, nicht zur Wendung, nicht zur Auflösung, nicht zum Erwachen,
nicht zum Nirvana führt."
"Wenn der Erhabene im Sinsapawalde vor Kosambi also gesprochen hat,"
antwortete Kamanita, "dann dürfte die Sache noch schlimmer stehen. Denn
er hat dann über diesen Punkt geschwiegen, um die Jünger nicht zu
entmutigen, oder gar abzuschrecken, indem er ihnen die letzte Wahrheit
enthüllte: nämlich die Vernichtung. Diese scheint mir denn auch als
notwendige Folge aus dem hervorzugehen, was du mir auseinandergesetzt
hast. Denn nachdem alle Gegenstände der fünf Sinne und des Denkens als
vergänglich, wesenlos und leidvoll abgewiesen und verneint sind, bleiben
eben keine Bestimmungen übrig, mittelst welcher irgend etwas zu fassen
wäre. Und so verstehe ich denn, Ehrwürdiger, die mir von dir dargelegte
Lehre dahin, daß ein Mönch, der alle Unreinheit von sich abgetan hat,
wenn sein Leib zerbricht, der Vernichtung anheimfällt, daß er vergeht,
daß er nicht mehr ist jenseits des Todes."
"Sagtest du mir nicht, Pilger," fragte dann der Buddha, "daß du binnen
eines Monats zu Füßen des Erhabenen im Waldparke Jetavana bei Savatthi
sitzen würdest?"
"Das hoff ich sicher zu tun, Ehrwürdiger; warum fragst du mich?"
"Wenn du nun also zu Füßen des Erhabenen sitzest, was meinst du dann,
Freund--die Körperform, die du dann siehst, die du mit den Händen
berühren kannst--ist die der Vollendete, siehst du es also an?"
"Das tue ich nicht, Ehrwürdiger."
"Wenn nun aber der Erhabene mit dir spricht,--das Bewußtsein, das dann
zum Vorschein kommt, mit seinen Empfindungen, Wahrnehmungen und
Vorstellungen--ist denn das der Vollendete? Siehst du es also an?"
"Das tue ich nicht, Ehrwürdiger." "So sind wohl, Freund, der Körper und
das Bewußtsein zusammengenommen der Vollendete?"
"Auch so sehe ich es nicht an, Ehrwürdiger."
"Ist denn der Vollendete geschieden von dem Körper? oder vom Bewußtsein?
oder von beiden? Siehst du es so an, Freund?"
"Er ist insofern von ihnen geschieden, als sein Wesen durch diese
Bestimmungen noch nicht erschöpft ist."
"Welche Bestimmungen hast du denn nun, Freund, außer denen der
Körperlichkeit mit allen ihren sinnlich wahrnehmbaren Eigenschaften und
dem Bewußtsein mit seinem ganzen Inhalt von Empfindungen, Wahrnehmungen
und Vorstellungen--welche Bestimmungen hast du noch außerdem, mittelst
welcher du das noch nicht Erschöpfte im Wesen des Vollendeten erschöpfen
kannst?"
"Solcher anderer Bestimmungen, Ehrwürdiger, habe ich freilich keine."
"So ist also, Freund Kamanita, schon hier in der Sinnenwelt der
Vollendete nicht in Wahrheit und Wesenhaftigkeit für dich zu erfassen.
Hast du da also ein Recht, zu sagen, daß der Vollendete--oder der Mönch,
der alle Unreinheit von sich abgetan hat--wenn sein Leben zerbricht, der
Vernichtung anheimfällt, daß er nicht ist jenseits des Todes; lediglich,
weil du kein Mittel besitzest, um ihn dort in Wahrheit und
Wesenhaftigkeit zu erfassen?"
Solchermaßen befragt, saß der Pilger Kamanita eine Weile, gebeugten
Rumpfes, gesenkten Kopfes, schweigend da.
"Wenn ich auch kein Recht habe, das zu behaupten," sagte er schließlich,
"so scheint es mir doch deutlich genug eben aus jenem Schweigen des
Vollendeten hervorzugehen. Denn gewiß hätte er nicht geschwiegen, wenn
er etwas Erfreuliches mitzuteilen gehabt hätte, was ja der Fall wäre,
wenn er wüßte, daß den Mönch, der dem Leiden ein Ende gemacht hat, nach
dem Tode keineswegs Vernichtung, sondern ewiges, seliges Leben erwartet.
Denn eine solche Mitteilung könnte ja die Jünger nur anspornen und ihnen
in ihrem rechten Streben förderlich sein."
"Wähnst du, Freund? Wie nun aber, wenn der Vollendete als letztes Ziel
nicht die Vernichtung des Leidens hingestellt hätte--ebenso wie er mit
dem Leiden selbst anfing--sondern noch darüber hinaus ein ewiges,
seliges Leben jenseits des Todes gepriesen hätte? Und gar viele von den
Jüngern hätten an dieser Vorstellung Gefallen gefunden, hingen ihr
anhänglich an, ersehnten ihre Erfüllung mit heißer Sucht, die alle
Heiterkeit der Gedenkenruhe trübte: hätten sie sich dann nicht wieder
unversehens in das gewaltige Fangnetz der Lebenslust verstrickt? Und
indem sie sich an ein Jenseits hielten, hierfür aber notwendigerweise
alle Farben vom Diesseits nähmen, würden sie da nicht, je mehr sie dem
Jenseits nachjagten, eben am Diesseits festkleben? Gleichwie etwa ein
Kettenhund, der an einen festen Pfahl gebunden ist und loszukommen
versucht, sich um diesen Pfahl im Kreise dreht:--ebenso würden jene
lieben Jünger aus Abscheu vor dem diesseitigen Leben sich gerade um das
diesseitige Leben im Kreise drehen."
"Wenn ich auch diese Gefahr zugeben muß," gab Kamanita zur Antwort, "so
halte ich doch das andere Übel, die durch das Schweigen hervorgerufene
Unsicherheit, für viel gefährlicher, weil es von vornherein den Eifer
lähmt. Denn wie kann wohl der Jünger entschlossen und mutig mit allen
Kräften streben, dem Leiden ein Ende zu machen, wenn er nicht weiß, was
darauf folgt--ob ewige Seligkeit oder Nichtsein?"
"Was meinst du, Freund, wenn da ein Haus wäre, das vom Feuer ergriffen
würde, und der Diener liefe, den Herrn zu wecken: 'Steh auf, Herr!
Flieh! Das Haus brennt! Schon flammen die Balken, und das Dach will
einstürzen'--würde wohl dann der Herr erwidern: 'Geh, mein Lieber, und
sieh nach, ob es draußen regnet und stürmt, oder ob es eine liebliche
Mondnacht ist; und ist letzteres der Fall, dann wollen wir uns ins Freie
begeben."'
"Wie könnte wohl, Ehrwürdiger, der Herr also antworten? Denn der Diener
hat ihm ja angstvoll zugerufen: 'Flieh, Herr! Das Haus brennt! Schon
flammen die Balken, und das Dach will einstürzen'."
"Freilich hat der Diener ihm das zugerufen. Wenn nun aber dennoch der
Herr antwortete: 'Geh, mein Lieber, und sieh nach, ob es draußen regnet
und stürmt, oder ob es eine liebliche Mondnacht ist; und ist letzteres
der Fall, dann wollen wir uns ins Freie begeben'--würdest du dann nicht
daraus schließen, daß der Herr gar nicht richtig gehört hat, was ihm der
getreue Diener zurief? daß es ihm keineswegs klar geworden ist, welche
tödliche Gefahr über seinem Kopfe schwebt?"
"Freilich müßte ich ja diese Schlußfolgerung ziehen, Ehrwürdiger, da es
anderenfalls undenkbar wäre, daß der Mann eine solche törichte Antwort
geben könnte."
"Ebenso nun auch, Pilger--wandere, als ob dein Haupt von Flammen umgeben
wäre! denn das Haus brennt. Und welches Haus? Die Welt! Durch welches
Feuer entflammt? Durch der Begierde Feuer, durch des Hasses Feuer, durch
der Verblendung Feuer. Die ganze Welt wird von Flammen verzehrt, die
ganze Welt ist von Rauch umwölkt, die ganze Welt erbebt."
Solchermaßen angerufen, zitterte der Pilger Kamanita, wie ein junger
Büffel zittert, wenn er zum erstenmal aus dem Dickicht den Ruf des Löwen
vernimmt. Gebeugten Rumpfes, gesenkten Kopfes, das Gesicht von
brennender Röte übergossen, saß er eine Weile schweigend da. Dann sagte
er mit mürrischer, obwohl etwas bebender Stimme:
"Das will mir aber dennoch nicht gefallen, daß der Erhabene darüber
nichts offenbart hat, wenn er etwas Verheißungsvolles darüber hätte
mitteilen können. Und auch wenn er geschwiegen hat, weil das, was er
wußte, eben trostlos und abschreckend ist, oder weil er überhaupt nichts
wußte: so will mir das auch nicht gefallen. Denn des Menschen Sinnen und
Trachten geht auf Glückseligkeit und Wonne, was auch in der Natur
begründet ist und nicht anders sein kann. Und so habe ich ja auch die
Brahmanischen Priester verkünden hören:
'Gesetzt, es sei ein Jungling, ein wackerer Jüngling, ein
lernbegieriger, der schnellste, kräftigste, stärkste, und ihm gehörte
die ganze Erde mit all ihrem Reichtum: so ist das eine menschliche
Wonne. Aber hundert menschliche Wonnen sind _eine_ Wonne der himmlischen
Genien. Und hundert Wonnen der himmlischen Genien sind _eine_ Wonne der
Götter. Und hundert Wonnen der Götter sind _eine_ Wonne des Indra. Und
hundert Wonnen des Indra sind _eine_ Wonne des Prajapati, und hundert
Wonnen des Prajapati sind _eine_ Wonne des Brahman. Dies ist die höchste
Wonne, dies ist der Weg zur höchsten Wonne!'"
"Gleichwie, o Pilger, wenn da ein unerfahrenes Kind wäre, der
vernünftigen Erwägung unfähig. Dieses Kind empfände in einem Zahne
brennenden, stechenden, bohrenden Schmerz; und es liefe zu einem
kundigen, bewährten Arzt und klagte ihm seine Not: 'Wolle,
Ehrwürdigster, durch deine Kunst schaffen, daß ich in diesem Zahn
anstatt des Schmerzes ein wonniges Hochgefühl empfinde.' Und der Arzt
antwortete: 'Liebes Kind, meine Kunst befaßt sich nur damit, den Schmerz
zu beseitigen.'--Aber das unvernünftige Kind finge an zu klagen: 'Habe
ich doch, ach! in diesem Zahne nun so lange brennenden, stechenden,
bohrenden Schmerz empfunden; wie billig ist es da, daß ich jetzt statt
dessen ein wonniges Gefühl, süße Lust darin genösse. Auch gibt es ja,
habe ich gehört, kundige, bewährte Ärzte, deren Kunst so weit reicht,
und ich glaubte, daß du ein solcher wärest!' Und dies unvernünftige Kind
liefe nun zu einem Heilzauberer, einem Wunderarzt aus dem Lande der
Gandarer, einem Marktschreier, der durch einen öffentlichen Ausrufer zum
Schall von Trommeln und Muschelhörnern auf den Straßen verkünden ließe:
'Gesundheit ist das höchste Gut, Gesundheit ist des Menschen Ziel.
Blühende, üppige Gesundheit, wohliges, wonniges Hochgefühl in allen
Gliedern, in allen Adern und Fasern des Körpers, wie es die seligen
Götter genießen, kann auch der Kränkste um eine geringe Opfergabe durch
meine Hilfe erlangen.' Zu diesem Wunderarzt liefe das Kind und klagte
ihm seine Not: 'Wolle, Ehrwürdigster, durch deine Kunst schaffen, daß
ich in diesem Zahn anstatt des Schmerzes ein wohliges, wonniges
Hochgefühl genieße.' Und der Zauberer antwortete: 'Liebes Kind, gerade
darin besteht meine Kunst.' Und nachdem er das ihm vom Kinde
dargereichte Geld eingestrichen, berührte er den Zahn mit seinem Finger
und brächte eine magische Wirkung hervor, wodurch ein wonniges
Lustgefühl sofort den Schmerz verdrängte. Und das unvernünftige Kind
liefe erfreut und hochbeglückt nach Hause.--Nach einer kurzen Weile aber
ließe das Lustgefühl nach, und der Schmerz stellte sich wieder ein. Und
warum? _Weil ja die Ursache des Übels nicht beseitigt war_.
Aber, o Pilger, ein verständiger Mann empfände in einem Zahn brennenden,
stechenden, bohrenden Schmerz. Und er ginge zu dem kundigen, bewährten
Arzt und klagte ihm seine Not: 'Wolle, Ehrwürdigster, durch deine Kunst
mich von diesem Schmerz befreien.' Und der Arzt antwortete: 'Wenn du,
mein Lieber, nichts weiter von mir verlangst, so viel vertraue ich
meiner Kunst.' 'Was könnte ich wohl weiter verlangen?' fragte der
verständige Mann. Und der Arzt untersuchte den Zahn und fände die
Ursache des Schmerzes in einer Entzündung an der Zahnwurzel. 'Geh nach
Hause, mein Lieber, und lasse dir an dieser Stelle einen Blutegel
setzen. Wenn er sich vollgesogen hat und abfällt, dann lege diese
Kräuter auf die Wunde. Dann wird der Eiter und das ungesunde Blut
entfernt sein, und der Schmerz wird aufhören.' Und der verständige Mann
ginge nach Hause und täte, wie der Arzt ihm gesagt. Und der Schmerz
verginge und kehrte nicht wieder. Und warum nicht? _Weil ja die Ursache
des Übels beseitigt war_."
Als nun der Erhabene nach Beendigung dieses Gleichnisses schwieg, saß
der Pilger Kamanita verstummt und verstört, gebeugten Rumpfes, gesenkten
Hauptes, das Antlitz von brennender Röte übergossen, wortlos da, und der
Angstschweiß tröpfelte ihm von der Stirn herab und rieselte ihm aus den
Achselhöhlen herunter. Fühlte er sich doch von diesem Ehrwürdigen mit
einem unvernünftigen Kinde verglichen und ihm gleichgestellt. Und da er
trotz aller Anstrengung keine Antwort zu finden vermochte, war er dem
Weinen nahe.
Endlich, als er seine Stimme beherrschen konnte, fragte er kleinlaut:
"Hast du, Ehrwürdiger, dies alles aus dem Munde des Erhabenen, des
vollendeten Buddha selber?"
Selten geschieht es, daß Vollendete lächeln. Bei dieser Frage jedoch
umspielte ein Lächeln die Lippen des Erhabenen.
"Das freilich nicht, Bruder."
Als der Pilger Kamanita dies vernahm, richtete er freudig seinen Körper
empor, blickte leuchtenden Auges auf und sprach mit frisch belebter
Stimme:
"Dachte ich's doch! O, ich wußte ja, daß dies nicht die ureigene Lehre
des Vollendeten sein könne, sondern nur deine eigene mißverständlich
ergrübelte Auslegung derselben. Heißt es ja doch, daß die Lehre des
Buddha im Anfange beseligend, in der Mitte beseligend und am Ende
beseligend sei. Wie aber könnte jemand das von einer Lehre sagen, die
mir nicht ein ewiges, seliges Leben in höchster Wonne verheißt? Nun, in
wenigen Wochen werde ich ja zu Füßen des Vollendeten sitzen und von
seinen eigenen Lippen die Heilslehre empfangen, wie ein Kind aus der
Mutterbrust seine süße Nahrung saugt. Und auch du wirst da sein und
richtig belehrt von deiner irrigen, verderblichen Auffassung
zurückkommen. Aber sieh, jene Streifen des Mondlichtes haben sich fast
bis zur Schwelle der Halle zurückgezogen; wir müssen tief in der Nacht
sein. Wohlan, wir wollen uns jetzt schlafen legen."
"Wie es dir, Bruder, belieben mag," antwortete der Erhabene freundlich.
Und sich fester in seinen Mantel hüllend, legte der Erhabene sich auf
der Matte in der Stellung des Löwen hin, auf den rechten Arm gestützt,
den linken Fuß auf dem rechten ruhen lassend.
Und der Stunde des Erwachens gedenkend, schlief er sofort ein.