XIX. DER MEISTER

Und der Erhabene sprach: "Der Vollendete, Bruder, der vollkommen

Erwachte hat zu Benares, am Sehersteine im Gazellenhain, das Rad der

Lehre ins Rollen gesetzt. Und dawiderstellen kann sich kein Asket und

kein Priester, kein Gott und kein Teufel, noch irgendwer in der Welt.

Sie ist die Enthüllung, die Offenbarung der vier heiligen Wahrheiten.

Welcher vier? Der heiligen Wahrheit vom Leiden, der heiligen Wahrheit

von der Leidensentstehung, der heiligen Wahrheit von der

Leidensvernichtung, der heiligen Wahrheit von dem zur Leidensvernichtung

führenden Pfad.

Was ist aber, Bruder, die heilige Wahrheit vom Leiden? Geburt ist

Leiden, Alter ist Leiden, Krankheit ist Leiden, Sterben ist Leiden;

Kummer, Jammer, Schmerz, Gram und Verzweiflung sind Leiden; von Liebem

getrennt sein, ist Leiden, mit Unliebem vereint sein, ist Leiden; das,

was man begehrt, nicht erlangen, ist Leiden; kurz, die verschiedenen

Formen des Anhangens sind Leiden. Das heißt man, Bruder, die heilige

Wahrheit vom Leiden.

Was ist aber, Bruder, die heilige Wahrheit von der Leidensentstehung? Es

ist dieser Durst, der von Wiedergeburt zu Wiedergeburt führende, von

Lust und Leidenschaft begleitete, bald da, bald dort sich ergötzende,

ist der Lüstedurst, der Werdedurst, der Vergänglichkeitsdurst. Das nennt

man, Bruder, die heilige Wahrheit von der Leidensentstehung.

Was ist aber, Bruder, die heilige Wahrheit von der Leidensvernichtung?

Es ist eben dieses Durstes vollkommene, restlose Vernichtung, das

Verlassen, das Sichlosmachen, die Befreiung, die Erlösung von ihm. Das

nennt man, Bruder, die heilige Wahrheit von der Leidensvernichtung.

Was ist aber, Bruder, die heilige Wahrheit von dem zur

Leidensvernichtung führenden Wege? Dieser heilige, achtfältige Pfad ist

es, der da besteht in rechtem Erkennen, rechtem Entschließen, rechter

Rede, rechtem Handeln, rechtem Wandeln, rechtem Streben, rechtem

Gedenken, rechtem Sichversenken. Das nennt man, Bruder, die heilige

Wahrheit von dem zur Leidensvernichtung führenden Wege."

Nachdem nun der Meister auf solche Weise die vier Ecksteine errichtet

hatte, ging er daran, das ganze Lehrgebäude aufzuführen, zu einem

wohnlichen Heim für die Gedanken und Gesinnungen seines Schülers; er

erläuterte jeden einzelnen Satz, wie man jeden einzelnen Stein behaut

und glättet, und so wie man Stein auf Stein legt, fügte er Satz zu Satz,

überall sorgfältig grundlegend und Alles genau aneinander passend. Der

Säule des Leidensgedankens zur Seite stellte er die Säule des

Vergänglichkeitsgedankens; beide verbindend und von beiden getragen,

schloß sich aber als Gebälk der schwerwiegende Gedanke von der

Wesenlosigkeit aller Erscheinungen an. Durch solch mächtiges Portal

stieg er, seinen Schüler behutsam führend, Schritt für Schritt die

wohlgefügte Stufenleiter des Grundfolgegesetzes mehrmals auf und ab,

überall befestigend und vervollkommnend.

Und wie ein geschickter Baumeister beim Errichten eines Prachtgebäudes

an passenden Stellen Bildwerke einfügt, und zwar so, daß sie nicht nur

als Schmuck, sondern auch als tragende oder stützende Teile dienen, also

brachte der Erhabene auch manchmal ein gefälliges und sinniges Gleichnis

an, da ja durch ein Gleichnis oft der dunkle Sinn einer tiefgedachten

Rede klar wird.

Schließlich aber faßte er das Ganze zusammen, indem er ihm gleichsam die

deckende, weithin leuchtende Kuppel aufsetzte, und sprach:

"Durch Haften, o Pilger, kommst du zum Entstehen; durch Nichthaften

kommst du nicht zum Entstehen.

Ein Mönch aber, der nirgend anhänglich haftet, dem geht in der

ungetrübten Heiterkeit seines Gleichmutes dieses Schauen auf:

Unerschütterlich ist meine Erlösung, dies ist die letzte Geburt, nicht

gibt es ferner ein neues Sein.

So ist nun ein dahin gelangter Mönch mit dieser höchsten Weisheit

belehnt. Das ist ja, Pilger, die höchste, heilige Weisheit: alles Leiden

versiegt zu wissen. Wer ihrer teilhaftig geworden, der hat eine Freiheit

gefunden, die wahrhaft, unantastbar besteht. Denn das, Pilger, ist ja

falsch, was eitel und vergänglich ist: und das ist wahr, was echt und

unvergänglich' ist: die Wahnerlöschung.

Und er, der von Hause aus der Geburt, dem Altern und dem Tode

unterworfen war, er hat nun, das Unheil dieses Naturgesetzes merkend,

sich die geburtlose, alterslose, todlose Sicherheit errungen; er, der

der Krankheit, dem Schmutze, der Sünde unterworfen war, hat die

unvergängliche, reine, heilige Sicherheit erreicht:

Im Erlösten ist die Erlösung, versiegt ist das Leben, gewirkt das Werk,

nicht mehr ist für mich diese Welt da.

Ein solcher, o Pilger, wird 'Endiger' genannt, denn er hat dem Leiden

ein Ende gemacht.

Ein solcher, o Pilger, wird 'Auslöscher' genannt, denn den Wahn von

'Ich' und 'Mein' hat er ausgelöscht.

Ein solcher, o Pilger, wird 'Ausroder' genannt, denn den Lebenstrieb hat

er mit der Wurzel ausgerodet, so daß kein Leben mehr keimen kann.

Ein solcher, solange er im Leibe ist, sehen ihn die Menschen und Götter;

nachdem aber sein Leib im Tode zerfallen ist, sehen ihn die Menschen und

Götter nicht mehr. Und auch die Natur, die Alles erspähende, sieht ihn

nicht mehr: geblendet hat er das Auge der Natur, entschwunden ist er der

bösen.

Den Strom des Werdens durchkreuzend, hat er die Insel erreicht, die

einzige, das Jenseits von Alter und Tod--das Nirvana."

Der Pilger Kamanita: Ein Legendenroman · 第 24 / 55 题