Und der Erhabene sprach: "Der Vollendete, Bruder, der vollkommen
Erwachte hat zu Benares, am Sehersteine im Gazellenhain, das Rad der
Lehre ins Rollen gesetzt. Und dawiderstellen kann sich kein Asket und
kein Priester, kein Gott und kein Teufel, noch irgendwer in der Welt.
Sie ist die Enthüllung, die Offenbarung der vier heiligen Wahrheiten.
Welcher vier? Der heiligen Wahrheit vom Leiden, der heiligen Wahrheit
von der Leidensentstehung, der heiligen Wahrheit von der
Leidensvernichtung, der heiligen Wahrheit von dem zur Leidensvernichtung
führenden Pfad.
Was ist aber, Bruder, die heilige Wahrheit vom Leiden? Geburt ist
Leiden, Alter ist Leiden, Krankheit ist Leiden, Sterben ist Leiden;
Kummer, Jammer, Schmerz, Gram und Verzweiflung sind Leiden; von Liebem
getrennt sein, ist Leiden, mit Unliebem vereint sein, ist Leiden; das,
was man begehrt, nicht erlangen, ist Leiden; kurz, die verschiedenen
Formen des Anhangens sind Leiden. Das heißt man, Bruder, die heilige
Wahrheit vom Leiden.
Was ist aber, Bruder, die heilige Wahrheit von der Leidensentstehung? Es
ist dieser Durst, der von Wiedergeburt zu Wiedergeburt führende, von
Lust und Leidenschaft begleitete, bald da, bald dort sich ergötzende,
ist der Lüstedurst, der Werdedurst, der Vergänglichkeitsdurst. Das nennt
man, Bruder, die heilige Wahrheit von der Leidensentstehung.
Was ist aber, Bruder, die heilige Wahrheit von der Leidensvernichtung?
Es ist eben dieses Durstes vollkommene, restlose Vernichtung, das
Verlassen, das Sichlosmachen, die Befreiung, die Erlösung von ihm. Das
nennt man, Bruder, die heilige Wahrheit von der Leidensvernichtung.
Was ist aber, Bruder, die heilige Wahrheit von dem zur
Leidensvernichtung führenden Wege? Dieser heilige, achtfältige Pfad ist
es, der da besteht in rechtem Erkennen, rechtem Entschließen, rechter
Rede, rechtem Handeln, rechtem Wandeln, rechtem Streben, rechtem
Gedenken, rechtem Sichversenken. Das nennt man, Bruder, die heilige
Wahrheit von dem zur Leidensvernichtung führenden Wege."
Nachdem nun der Meister auf solche Weise die vier Ecksteine errichtet
hatte, ging er daran, das ganze Lehrgebäude aufzuführen, zu einem
wohnlichen Heim für die Gedanken und Gesinnungen seines Schülers; er
erläuterte jeden einzelnen Satz, wie man jeden einzelnen Stein behaut
und glättet, und so wie man Stein auf Stein legt, fügte er Satz zu Satz,
überall sorgfältig grundlegend und Alles genau aneinander passend. Der
Säule des Leidensgedankens zur Seite stellte er die Säule des
Vergänglichkeitsgedankens; beide verbindend und von beiden getragen,
schloß sich aber als Gebälk der schwerwiegende Gedanke von der
Wesenlosigkeit aller Erscheinungen an. Durch solch mächtiges Portal
stieg er, seinen Schüler behutsam führend, Schritt für Schritt die
wohlgefügte Stufenleiter des Grundfolgegesetzes mehrmals auf und ab,
überall befestigend und vervollkommnend.
Und wie ein geschickter Baumeister beim Errichten eines Prachtgebäudes
an passenden Stellen Bildwerke einfügt, und zwar so, daß sie nicht nur
als Schmuck, sondern auch als tragende oder stützende Teile dienen, also
brachte der Erhabene auch manchmal ein gefälliges und sinniges Gleichnis
an, da ja durch ein Gleichnis oft der dunkle Sinn einer tiefgedachten
Rede klar wird.
Schließlich aber faßte er das Ganze zusammen, indem er ihm gleichsam die
deckende, weithin leuchtende Kuppel aufsetzte, und sprach:
"Durch Haften, o Pilger, kommst du zum Entstehen; durch Nichthaften
kommst du nicht zum Entstehen.
Ein Mönch aber, der nirgend anhänglich haftet, dem geht in der
ungetrübten Heiterkeit seines Gleichmutes dieses Schauen auf:
Unerschütterlich ist meine Erlösung, dies ist die letzte Geburt, nicht
gibt es ferner ein neues Sein.
So ist nun ein dahin gelangter Mönch mit dieser höchsten Weisheit
belehnt. Das ist ja, Pilger, die höchste, heilige Weisheit: alles Leiden
versiegt zu wissen. Wer ihrer teilhaftig geworden, der hat eine Freiheit
gefunden, die wahrhaft, unantastbar besteht. Denn das, Pilger, ist ja
falsch, was eitel und vergänglich ist: und das ist wahr, was echt und
unvergänglich' ist: die Wahnerlöschung.
Und er, der von Hause aus der Geburt, dem Altern und dem Tode
unterworfen war, er hat nun, das Unheil dieses Naturgesetzes merkend,
sich die geburtlose, alterslose, todlose Sicherheit errungen; er, der
der Krankheit, dem Schmutze, der Sünde unterworfen war, hat die
unvergängliche, reine, heilige Sicherheit erreicht:
Im Erlösten ist die Erlösung, versiegt ist das Leben, gewirkt das Werk,
nicht mehr ist für mich diese Welt da.
Ein solcher, o Pilger, wird 'Endiger' genannt, denn er hat dem Leiden
ein Ende gemacht.
Ein solcher, o Pilger, wird 'Auslöscher' genannt, denn den Wahn von
'Ich' und 'Mein' hat er ausgelöscht.
Ein solcher, o Pilger, wird 'Ausroder' genannt, denn den Lebenstrieb hat
er mit der Wurzel ausgerodet, so daß kein Leben mehr keimen kann.
Ein solcher, solange er im Leibe ist, sehen ihn die Menschen und Götter;
nachdem aber sein Leib im Tode zerfallen ist, sehen ihn die Menschen und
Götter nicht mehr. Und auch die Natur, die Alles erspähende, sieht ihn
nicht mehr: geblendet hat er das Auge der Natur, entschwunden ist er der
bösen.
Den Strom des Werdens durchkreuzend, hat er die Insel erreicht, die
einzige, das Jenseits von Alter und Tod--das Nirvana."