Welch ungekannte Stille umfing mich jetzt, o Bruder, als ich, nachdem
ich den Leuten ihre Posten angewiesen hatte, wieder ins Haus trat! Daß
ich die Stimmen meiner Frauen nicht hörte--das war es nicht allein,
sondern daß ich diese Stimmen sich zum Torweg hinaus hatte entfernen
hören, daß keine Möglichkeit da war, aus irgend welchen Ecken plötzlich
die keifenden Stimmen zu vernehmen, bis sie, gegenseitig sich steigernd,
sich schließlich zu einem mißtönigen Zankduett vereinigten oder vielmehr
entzweiten:--das war es, was meinem Hause eine für mich fast
unbegreifliche und unsagbar wohltuende Ruhe verlieh.
So erschien mir nun mein von weiten Parkanlagen umfriedeter Palast
herrlicher denn je, und ich zitterte bei dem Gedanken, daß diese
Herrlichkeit in wenigen Stunden durch verruchte Räuberhände vernichtet
werden sollte. Weit weniger kümmerte mich die Angst um mein eigenes
Leben, als die beständige, lebhafte Vorstellung, wie diese
wohlgepflegten Baumgänge verwüstet, diese kunstfertig ausgehauenen
Marmorsäulen gestürzt werden würden, und daß all dies, dessen
Herrichtung mir so viele Überlegung und so langwierige Mühe gekostet,
dessen Vollendung mir so große Freude gemacht hatte, ein Trümmerhaufen
sein würde, wenn die Sonne wieder aufging. Denn nur zu gut kannte ich ja
die Spuren Angulimalas.
Indessen war nun für mich nichts anderes mehr zu tun als zu warten; und
bis zur Mitternacht blieben noch mehrere Stunden.
Nun hatte ich aber stets in einer immerfort rollenden Kette von
Vergnügungen und Geschäften gelebt, so daß ich nie zur Besinnung kam;
und wie ich hier, ohne irgend etwas zu tun zu haben, allein in einem
nach der Säulenhalle und dem Garten sich öffnenden Zimmer, mitten im
totenstillen Palast, dasaß, erlebte ich gewissermaßen seit meiner
frühesten Jugend die ersten Stunden, die gänzlich mir selbst gehörten.
Da fingen nun auch meine freigelassenen Gedanken an, sich zum erstenmal
auf mich selber zu richten; und mein ganzes Leben zog an mir vorüber.
Und indem ich es so gleichsam als ein Fremder betrachtete, konnte ich
keinerlei Gefallen daran finden.
Diese Betrachtungen unterbrach ich ein paarmal, um einen Gang durch
Haus, Hof und Garten zu machen und mich so zu vergewissern, daß die
Leute wachten. Als ich zum dritten- oder viertenmal zwischen die Säulen
hinaustrat, bemerkte mein durch so viele Karawanenfahrten geübtes Auge
am Stande der Sternbilder, daß es nur noch eine halbe Stunde bis
Mitternacht war. Ich machte eilig die Runde und ermahnte meine Leute zur
äußersten Wachsamkeit. Ich selbst fühlte mein Blut in allen Adern
hämmern, und die Kehle wollte sich vor angstvoller Spannung
zusammenschnüren. Nach dem Zimmer zurückgekehrt, setzte ich mich nieder
wie zuvor. Aber kein Gedanke wollte sich regen; ich spürte einen starken
Druck vor der Brust, und bald war es mir, als ob ich ersticken müßte.
Ich sprang auf und trat, um Luft zu schöpfen, zwischen die Säulen
hinaus. Ein weichfächelnder Hauch strich mir plötzlich über die Wange
und gleich danach ertönte das Geschrei einer Eule; in demselben
Augenblick wehte mir von den Gartenteichen ein starker Duft von
Nachtlotusblüten entgegen. Ich hatte den Blick erhoben, um wiederum nach
den Sternen die Zeit zu bemessen: da sah ich quer über dem tiefblauen
Ausschnitt des Himmels zwischen den schwarzen Baumwipfeln den mild
leuchtenden Streifen der Milchstraße.
"Die himmlische Ganga," murmelte ich unwillkürlich. Da war es auf
einmal, als ob jener Druck vor der Brust sich auflöste und in einer
warmen Welle emporstiege, um sich schließlich in einem heißen
Tränenstrom durch die Augen zu ergießen.
Wohl hatte ich vorher, als mein Leben an meinem inneren Blicke
vorüberzog, auch an Vasitthi und an die Zeit meiner Liebe gedacht--aber
wie an etwas Fernes und Fremdes, das mir fast wie ein törichter Traum
erschien. Jetzt aber _dachte_ ich nicht mehr daran, sondern erlebte es
wieder; ich war auf einmal ich selber von damals und ich selber von
jetzt, und mit wahrem Entsetzen wurde ich den ganzen Unterschied inne.
Damals besaß ich nichts außer mir selbst und meiner Liebe; wie wären die
zu trennen gewesen? _Jetzt_--o, was besaß ich jetzt nicht alles! Frauen
und Kinder, Elefanten, Rosse und Rinder, Zugochsen, Diener und Sklaven,
reich gefüllte Warenhäuser, Gold und Juwelen, einen Lustpark und einen
Palast, um die mich meine Mitbürger beneideten--wo aber war ich selber
geblieben? Wie in einer mißratenen Frucht war der Kern eingetrocknet,
verschwunden, und Alles war zur Schale geworden!...
Wie erwachend sah ich mich um.
Der weitgedehnte Park, der seine schwarzen Baumkronen gegen den
sternenbesäten, von der Milchstraße durchzogenen Nachthimmel erhob, und
die stolze Halle, wo alabasterne Lampen zwischen den Säulen leuchteten:
sie erschienen mir jetzt in einem ganz neuen Licht; feindselig und
drohend umgaben sie mich, wie prächtig schimmernde Vampyre, die schon
fast mein ganzes Herzblut ausgesogen hatten und begierig gähnten, um
sich noch an den letzten Tropfen zu laben und nur den dürren Leichnam
eines verfehlten Menschenlebens übrig zu lassen.
Ein ferner undeutlicher Lärm--Murmeln oder Tritte, wie mir
schien--schreckte mich auf. Das entblößte Schwert in der Hand, sprang
ich ein paar Stufen hinunter, und blieb dann stehen, um zu lauschen. Die
Räuber!--Doch nein! Alles war still, Alles blieb still; weit und breit
rührte sich nichts. Es war nur einer jener unergründlichen Laute der
Nachtstille, die mich so oft am Wachtfeuer der Karawane hatten
aufspringen lassen.--Draußen war nichts! Aber was war das in _mir_? Das
war nicht mehr Angst, was mir jetzt das Blut in den Schläfen pochen
ließ; und auch der Mut der Verzweiflung war es nicht; nein, das war
frohlockender Jubel:
"Willkommen, ihr Räuber! Nur her, Angulimala! Verwüstet, äschert ein!
Das sind ja meine Todfeinde, die ihr vernichtet! Was mich erdrücken
würde, nehmt ihr von mir! Her zu mir! Die Schwerter in mein Blut
getaucht! Das ist ja mein ärgster Feind, den ihr durchbohrt, dieser
Leib, der der Wollust ergebene, der Völlerei verfallene! Das ist ja mein
schlimmster Besitz, dies Leben, das ihr mir nehmt.--Willkommen, Räuber,
gute Freunde, alte Kameraden!"
Es konnte ja nicht lange dauern; Mitternacht war vorüber. Und wie freute
ich mich jetzt auf den Kampf! Angulimala würde mich suchen: ich wollte
doch sehen, ob er mir auch diesmal das Schwert aus der Hand schlagen
könnte! O, wie süß würde das sein, zu sterben, nachdem ich ihn
durchbohrt--ihn, der allein die Schuld an meinem ganzen Unglück trug.
"Es kann nicht mehr lange dauern"--wie oft mag ich mir in jenen
Nachtstunden diesen Trost wiederholt haben!
Jetzt--endlich! Nein, es war ein Rauschen der Baumwipfel, das in der
Ferne dahinstarb, um sich wieder zu erheben. Es klang als ob ein großes
zottiges Tier sich schüttelte. Immer wieder geschah es, und einmal
ertönte der kurze Schrei irgend eines Vogels.
Waren das nicht Zeichen des herannahenden Tages?
Mir wurde kalt vor Schrecken. War es möglich, daß ich enttäuscht werden
sollte? Ja, ich zitterte jetzt bei dem Gedanken, daß die Räuber
schließlich _nicht_ kämen. Wie greifbar nahe war mir das Ende
erschienen--ein kurzer, aufregender Kampf und dann der Tod, kaum
gespürt. Nichts schien mir nun so trostlos, als die gemeine Aussicht, am
Morgen hier angetroffen zu werden, in der alten Umgebung, selbst wieder
der alte und dem alten Leben verschrieben. Sollte das wirklich
geschehen?--Kämen sie nicht, die Befreier! Es mußte sicher die höchste
Zeit sein--ich wagte nicht einmal nachzuforschen. Aber wie war das
möglich? War ich am Ende doch das Opfer einer Sinnestäuschung geworden,
als ich in jenem Asketen Angulimala erkannte? Wieder und wieder warf ich
diese Frage auf, jedoch ich konnte das nicht glauben. Dann aber mußte er
ja noch kommen--ohne Zweck hatte er sich doch gewiß nicht in dieser sehr
geschickten Verkleidung bei mir eingefunden, um sofort wieder zu
verschwinden, als ob ihn die Erde verschlungen hätte. Denn ich hatte
Nachforschungen angestellt und wußte, daß er nirgends sonst um
Almosenspeise vorgesprochen hatte.
Das schlaftrunkene Krähen eines jungen Hahnes im nahen Hofe weckte mich
aus meinem Grübeln. Das Sternbild, das ich suchte, konnte ich kaum mehr
finden; einige seiner Sterne waren schon hinter die Baumwipfel gesunken,
und die Gestirne hatten, mit Ausnahme der am höchsten stehenden, ihr
klares Funkeln eingebüßt. Es war kein Zweifel: das Tagesgrauen kündigte
sich schon an, und ein Angriff Angulimalas war völlig ausgeschlossen.
Von allem Wunderlichen, was ich in dieser Nacht erlebte, kam aber jetzt
das Wunderlichste.
Diese Erkenntnis war nämlich von keinem Gefühl der Enttäuschung
begleitet, noch weniger freilich von einer Erleichterung durch das
Verschwinden aller Gefahr. Sondern ein neuer Gedanke war da und erfüllte
mich ganz:
"Was habe ich denn auch diese Räuber nötig?
Ihre Fackeln und Pechkränze wollte ich, um von der Last dieses
prächtigen Besitztums befreit zu werden. Aber es gibt ja Männer, die
freiwillig sich ihres Besitzes entäußern und als Pilger umherziehen. Wie
ein Vogel, wohin er auch fliegt, nur mit seinen Fittichen versehen
fliegt, ebenso ist auch der Pilger mit dem Gewande zufrieden, das seinen
Leib deckt, mit der Almosenspeise, die sein Leben fristet. Und ich habe
sie ja preisend sagen hören: 'Ein Gefängnis, ein Schmutzwinkel ist die
Häuslichkeit, der freie Himmelsraum ist die Pilgerschaft.'
Und die Schwerter der Räuber rief ich an, um diesen Leib zu töten. Wenn
aber dieser Leib zerfällt, bildet sich ja ein neuer, und aus diesem
Leben geht ein neues als seine Frucht hervor.--Was für eins würde wohl
aber aus dem meinigen hervorgehen? Freilich haben wir ja, Vasitthi und
ich, uns bei jener himmlischen Ganga, deren Silberwellen die Lotusteiche
des westlichen Paradieses speisen, feierlich zugeschworen, uns in jenen
seligen Gefilden zu finden--und mit jenem Schwur hat sich; wie sie
sagte, dort im heiligen, kristallklaren See für jeden von uns eine
Lebensknospe gebildet; durch jeden reinen Gedanken, jede gute Tat müsse
sie wachsen, alles Böse und Nichtswürdige aber werde wie ein Wurm an ihr
nagen. Ach, längst muß ja die meinige zernagt sein! Ich habe ja auf mein
Leben zurück geblickt: nichtswürdig hat es sich gestaltet,
Nichtswürdiges würde aus ihm hervorgehen. Was hätte ich denn durch einen
solchen Tausch gewonnen?
Nun gibt es ja aber Männer, die schon in diesem Leben jede irdische
Wiedergeburt vernichten und die unerschütterliche Gewißheit ewiger
Seligkeit gewinnen. Und das sind eben dieselben Männer, die, Alles
hinter sich lassend, frei umherpilgern.