XVII. IN DIE HEIMATLOSIGKEIT

Welch ungekannte Stille umfing mich jetzt, o Bruder, als ich, nachdem

ich den Leuten ihre Posten angewiesen hatte, wieder ins Haus trat! Daß

ich die Stimmen meiner Frauen nicht hörte--das war es nicht allein,

sondern daß ich diese Stimmen sich zum Torweg hinaus hatte entfernen

hören, daß keine Möglichkeit da war, aus irgend welchen Ecken plötzlich

die keifenden Stimmen zu vernehmen, bis sie, gegenseitig sich steigernd,

sich schließlich zu einem mißtönigen Zankduett vereinigten oder vielmehr

entzweiten:--das war es, was meinem Hause eine für mich fast

unbegreifliche und unsagbar wohltuende Ruhe verlieh.

So erschien mir nun mein von weiten Parkanlagen umfriedeter Palast

herrlicher denn je, und ich zitterte bei dem Gedanken, daß diese

Herrlichkeit in wenigen Stunden durch verruchte Räuberhände vernichtet

werden sollte. Weit weniger kümmerte mich die Angst um mein eigenes

Leben, als die beständige, lebhafte Vorstellung, wie diese

wohlgepflegten Baumgänge verwüstet, diese kunstfertig ausgehauenen

Marmorsäulen gestürzt werden würden, und daß all dies, dessen

Herrichtung mir so viele Überlegung und so langwierige Mühe gekostet,

dessen Vollendung mir so große Freude gemacht hatte, ein Trümmerhaufen

sein würde, wenn die Sonne wieder aufging. Denn nur zu gut kannte ich ja

die Spuren Angulimalas.

Indessen war nun für mich nichts anderes mehr zu tun als zu warten; und

bis zur Mitternacht blieben noch mehrere Stunden.

Nun hatte ich aber stets in einer immerfort rollenden Kette von

Vergnügungen und Geschäften gelebt, so daß ich nie zur Besinnung kam;

und wie ich hier, ohne irgend etwas zu tun zu haben, allein in einem

nach der Säulenhalle und dem Garten sich öffnenden Zimmer, mitten im

totenstillen Palast, dasaß, erlebte ich gewissermaßen seit meiner

frühesten Jugend die ersten Stunden, die gänzlich mir selbst gehörten.

Da fingen nun auch meine freigelassenen Gedanken an, sich zum erstenmal

auf mich selber zu richten; und mein ganzes Leben zog an mir vorüber.

Und indem ich es so gleichsam als ein Fremder betrachtete, konnte ich

keinerlei Gefallen daran finden.

Diese Betrachtungen unterbrach ich ein paarmal, um einen Gang durch

Haus, Hof und Garten zu machen und mich so zu vergewissern, daß die

Leute wachten. Als ich zum dritten- oder viertenmal zwischen die Säulen

hinaustrat, bemerkte mein durch so viele Karawanenfahrten geübtes Auge

am Stande der Sternbilder, daß es nur noch eine halbe Stunde bis

Mitternacht war. Ich machte eilig die Runde und ermahnte meine Leute zur

äußersten Wachsamkeit. Ich selbst fühlte mein Blut in allen Adern

hämmern, und die Kehle wollte sich vor angstvoller Spannung

zusammenschnüren. Nach dem Zimmer zurückgekehrt, setzte ich mich nieder

wie zuvor. Aber kein Gedanke wollte sich regen; ich spürte einen starken

Druck vor der Brust, und bald war es mir, als ob ich ersticken müßte.

Ich sprang auf und trat, um Luft zu schöpfen, zwischen die Säulen

hinaus. Ein weichfächelnder Hauch strich mir plötzlich über die Wange

und gleich danach ertönte das Geschrei einer Eule; in demselben

Augenblick wehte mir von den Gartenteichen ein starker Duft von

Nachtlotusblüten entgegen. Ich hatte den Blick erhoben, um wiederum nach

den Sternen die Zeit zu bemessen: da sah ich quer über dem tiefblauen

Ausschnitt des Himmels zwischen den schwarzen Baumwipfeln den mild

leuchtenden Streifen der Milchstraße.

"Die himmlische Ganga," murmelte ich unwillkürlich. Da war es auf

einmal, als ob jener Druck vor der Brust sich auflöste und in einer

warmen Welle emporstiege, um sich schließlich in einem heißen

Tränenstrom durch die Augen zu ergießen.

Wohl hatte ich vorher, als mein Leben an meinem inneren Blicke

vorüberzog, auch an Vasitthi und an die Zeit meiner Liebe gedacht--aber

wie an etwas Fernes und Fremdes, das mir fast wie ein törichter Traum

erschien. Jetzt aber _dachte_ ich nicht mehr daran, sondern erlebte es

wieder; ich war auf einmal ich selber von damals und ich selber von

jetzt, und mit wahrem Entsetzen wurde ich den ganzen Unterschied inne.

Damals besaß ich nichts außer mir selbst und meiner Liebe; wie wären die

zu trennen gewesen? _Jetzt_--o, was besaß ich jetzt nicht alles! Frauen

und Kinder, Elefanten, Rosse und Rinder, Zugochsen, Diener und Sklaven,

reich gefüllte Warenhäuser, Gold und Juwelen, einen Lustpark und einen

Palast, um die mich meine Mitbürger beneideten--wo aber war ich selber

geblieben? Wie in einer mißratenen Frucht war der Kern eingetrocknet,

verschwunden, und Alles war zur Schale geworden!...

Wie erwachend sah ich mich um.

Der weitgedehnte Park, der seine schwarzen Baumkronen gegen den

sternenbesäten, von der Milchstraße durchzogenen Nachthimmel erhob, und

die stolze Halle, wo alabasterne Lampen zwischen den Säulen leuchteten:

sie erschienen mir jetzt in einem ganz neuen Licht; feindselig und

drohend umgaben sie mich, wie prächtig schimmernde Vampyre, die schon

fast mein ganzes Herzblut ausgesogen hatten und begierig gähnten, um

sich noch an den letzten Tropfen zu laben und nur den dürren Leichnam

eines verfehlten Menschenlebens übrig zu lassen.

Ein ferner undeutlicher Lärm--Murmeln oder Tritte, wie mir

schien--schreckte mich auf. Das entblößte Schwert in der Hand, sprang

ich ein paar Stufen hinunter, und blieb dann stehen, um zu lauschen. Die

Räuber!--Doch nein! Alles war still, Alles blieb still; weit und breit

rührte sich nichts. Es war nur einer jener unergründlichen Laute der

Nachtstille, die mich so oft am Wachtfeuer der Karawane hatten

aufspringen lassen.--Draußen war nichts! Aber was war das in _mir_? Das

war nicht mehr Angst, was mir jetzt das Blut in den Schläfen pochen

ließ; und auch der Mut der Verzweiflung war es nicht; nein, das war

frohlockender Jubel:

"Willkommen, ihr Räuber! Nur her, Angulimala! Verwüstet, äschert ein!

Das sind ja meine Todfeinde, die ihr vernichtet! Was mich erdrücken

würde, nehmt ihr von mir! Her zu mir! Die Schwerter in mein Blut

getaucht! Das ist ja mein ärgster Feind, den ihr durchbohrt, dieser

Leib, der der Wollust ergebene, der Völlerei verfallene! Das ist ja mein

schlimmster Besitz, dies Leben, das ihr mir nehmt.--Willkommen, Räuber,

gute Freunde, alte Kameraden!"

Es konnte ja nicht lange dauern; Mitternacht war vorüber. Und wie freute

ich mich jetzt auf den Kampf! Angulimala würde mich suchen: ich wollte

doch sehen, ob er mir auch diesmal das Schwert aus der Hand schlagen

könnte! O, wie süß würde das sein, zu sterben, nachdem ich ihn

durchbohrt--ihn, der allein die Schuld an meinem ganzen Unglück trug.

"Es kann nicht mehr lange dauern"--wie oft mag ich mir in jenen

Nachtstunden diesen Trost wiederholt haben!

Jetzt--endlich! Nein, es war ein Rauschen der Baumwipfel, das in der

Ferne dahinstarb, um sich wieder zu erheben. Es klang als ob ein großes

zottiges Tier sich schüttelte. Immer wieder geschah es, und einmal

ertönte der kurze Schrei irgend eines Vogels.

Waren das nicht Zeichen des herannahenden Tages?

Mir wurde kalt vor Schrecken. War es möglich, daß ich enttäuscht werden

sollte? Ja, ich zitterte jetzt bei dem Gedanken, daß die Räuber

schließlich _nicht_ kämen. Wie greifbar nahe war mir das Ende

erschienen--ein kurzer, aufregender Kampf und dann der Tod, kaum

gespürt. Nichts schien mir nun so trostlos, als die gemeine Aussicht, am

Morgen hier angetroffen zu werden, in der alten Umgebung, selbst wieder

der alte und dem alten Leben verschrieben. Sollte das wirklich

geschehen?--Kämen sie nicht, die Befreier! Es mußte sicher die höchste

Zeit sein--ich wagte nicht einmal nachzuforschen. Aber wie war das

möglich? War ich am Ende doch das Opfer einer Sinnestäuschung geworden,

als ich in jenem Asketen Angulimala erkannte? Wieder und wieder warf ich

diese Frage auf, jedoch ich konnte das nicht glauben. Dann aber mußte er

ja noch kommen--ohne Zweck hatte er sich doch gewiß nicht in dieser sehr

geschickten Verkleidung bei mir eingefunden, um sofort wieder zu

verschwinden, als ob ihn die Erde verschlungen hätte. Denn ich hatte

Nachforschungen angestellt und wußte, daß er nirgends sonst um

Almosenspeise vorgesprochen hatte.

Das schlaftrunkene Krähen eines jungen Hahnes im nahen Hofe weckte mich

aus meinem Grübeln. Das Sternbild, das ich suchte, konnte ich kaum mehr

finden; einige seiner Sterne waren schon hinter die Baumwipfel gesunken,

und die Gestirne hatten, mit Ausnahme der am höchsten stehenden, ihr

klares Funkeln eingebüßt. Es war kein Zweifel: das Tagesgrauen kündigte

sich schon an, und ein Angriff Angulimalas war völlig ausgeschlossen.

Von allem Wunderlichen, was ich in dieser Nacht erlebte, kam aber jetzt

das Wunderlichste.

Diese Erkenntnis war nämlich von keinem Gefühl der Enttäuschung

begleitet, noch weniger freilich von einer Erleichterung durch das

Verschwinden aller Gefahr. Sondern ein neuer Gedanke war da und erfüllte

mich ganz:

"Was habe ich denn auch diese Räuber nötig?

Ihre Fackeln und Pechkränze wollte ich, um von der Last dieses

prächtigen Besitztums befreit zu werden. Aber es gibt ja Männer, die

freiwillig sich ihres Besitzes entäußern und als Pilger umherziehen. Wie

ein Vogel, wohin er auch fliegt, nur mit seinen Fittichen versehen

fliegt, ebenso ist auch der Pilger mit dem Gewande zufrieden, das seinen

Leib deckt, mit der Almosenspeise, die sein Leben fristet. Und ich habe

sie ja preisend sagen hören: 'Ein Gefängnis, ein Schmutzwinkel ist die

Häuslichkeit, der freie Himmelsraum ist die Pilgerschaft.'

Und die Schwerter der Räuber rief ich an, um diesen Leib zu töten. Wenn

aber dieser Leib zerfällt, bildet sich ja ein neuer, und aus diesem

Leben geht ein neues als seine Frucht hervor.--Was für eins würde wohl

aber aus dem meinigen hervorgehen? Freilich haben wir ja, Vasitthi und

ich, uns bei jener himmlischen Ganga, deren Silberwellen die Lotusteiche

des westlichen Paradieses speisen, feierlich zugeschworen, uns in jenen

seligen Gefilden zu finden--und mit jenem Schwur hat sich; wie sie

sagte, dort im heiligen, kristallklaren See für jeden von uns eine

Lebensknospe gebildet; durch jeden reinen Gedanken, jede gute Tat müsse

sie wachsen, alles Böse und Nichtswürdige aber werde wie ein Wurm an ihr

nagen. Ach, längst muß ja die meinige zernagt sein! Ich habe ja auf mein

Leben zurück geblickt: nichtswürdig hat es sich gestaltet,

Nichtswürdiges würde aus ihm hervorgehen. Was hätte ich denn durch einen

solchen Tausch gewonnen?

Nun gibt es ja aber Männer, die schon in diesem Leben jede irdische

Wiedergeburt vernichten und die unerschütterliche Gewißheit ewiger

Seligkeit gewinnen. Und das sind eben dieselben Männer, die, Alles

hinter sich lassend, frei umherpilgern.

Der Pilger Kamanita: Ein Legendenroman · 第 21 / 55 题