Halb ohnmächtig sank ich auf eine Bank nieder. Doch fingen meine
Gedanken sofort wieder zu arbeiten an. Angulimala war dagewesen, dessen
war kein Zweifel; und auch der Grund seines Kommens war mir nur zu klar.
Wie viele Geschichten hatte ich nicht über seine Unversöhnlichkeit und
Rachsucht gehört! Nun hatte ich ja aber das Unglück gehabt, seinen
besten Freund zu erschlagen, und von meinem Aufenthalt unter den Räubern
wußte ich wohl, daß die Freundschaft bei ihnen nicht weniger gilt als
bei einer ehrsamen Bürgerschaft, wenn nicht sogar weit mehr. Als ich
aber sein Gefangener war, konnte Angulimala mich nicht töten, ohne sich
gegen die Regeln der "Absender" zu versündigen; und trotzdem hätte er es
zweimal beinahe getan und damit einen unauslöschlichen Fleck auf seine
Räuberehre gesetzt. Nun aber hatte er endlich dieses, von dem sonstigen
Gebiete seiner Tätigkeit weit abseits gelegene Land aufsuchen können und
wollte jetzt das Versäumte nachholen. In der Verkleidung eines Asketen
hatte er die Örtlichkeiten bequem in Augenschein nehmen können und ohne
Zweifel wollte er noch in derselben Nacht handeln. Wenn er auch bemerkt
haben mochte, daß ich ihn wieder erkannte, durfte er doch nicht zögern,
denn diese Nacht war die letzte der dunklen Hälfte des Monats, und ein
Unternehmen wie dieses in der lichten Hälfte auszuführen, wäre ein
Verstoß gegen die heiligen Räubergesetze gewesen, der ihm den strafenden
Zorn der schrecklichen Göttin Kali hätte zuziehen müssen.
Sofort ließ ich mein bestes Pferd satteln und ritt in die Stadt nach dem
Palast des Königs. Leicht hätte ich bei ihm Zutritt erhalten, aber zu
meiner Enttäuschung erfuhr ich, daß er sich gerade in einem seiner
fernen Jagdschlösser aufhielt. Ich mußte mich also damit begnügen, den
Minister aufzusuchen. Dieser war gerade derselbe Mann, der einst jene
Gesandtschaft nach Kosambi geführt hatte und in dessen Obhut, wie du
dich erinnern wirst, ich wohl hin--aber nicht zurückgereist war. Seit
jenem Tage nun, an dem ich mich geweigert hatte, ihm zu folgen, war er
mir nicht sehr gewogen, was ich bei verschiedenen Begegnungen gespürt
hatte, wie ich denn auch wußte, daß er sich des öfteren über meinen
Lebenswandel aufgehalten hatte. Bei ihm meine Sache vorbringen zu
müssen, war mir nicht gerade angenehm; indessen ihre Berechtigung, ja
sogar Verdienstlichkeit war so augenscheinlich, daß hier, wie mir
schien, für persönliche Ab- oder Zuneigung wenig Spielraum war.
Ich erzählte ihm also so kurz und klar wie möglich, was sich in meinem
Hofe zugetragen hatte, und fügte die fast selbstverständliche Bitte
hinzu, eine Truppenabteilung möge für die Nacht in meinem Haus und
Garten aufgestellt werden, um mein Besitztum gegen den sicher zu
erwartenden Angriff der Räuber zu verteidigen und so viele wie möglich
von diesen gefangenzunehmen.
Der Minister hörte mich schweigend und mit einem unergründlichen Lächeln
an. Dann sagte er:
"Mein guter Kamanita! Ich weiß nicht, ob du heute schon einen recht
kräftigen Frühtrunk zu dir genommen hast, oder noch unter dem Einfluß
einer deiner in Ujjeni sprichwörtlich berühmten nächtlichen Gelage
stehst, oder ob du dir gar überhaupt durch deine ebenfalls
sprichwörtlich berühmten scharf gewürzten Leckereien dermaßen den Magen
verdorben hast, daß du nicht nur bei Nacht, sondern auch am hellen Tag
böse Träume hast. Denn nur als einen solchen kann ich diese hübsche
Geschichte betrachten, zumal wir wissen, daß Angulimala längst nicht
mehr unter den Lebenden weilt."
"Das war aber ein falsches Gerücht, wie wir jetzt sehen," rief ich
ungeduldig.
"_Ich_ sehe das keineswegs," versetzte er in scharfem Ton. "Von falschem
Gerücht kann hier keine Rede sein, denn kurze Zeit nach der Begebenheit
hat Satagira selber mir in Kosambi erzählt, daß Angulimala in den
unterirdischen Gewölben des Ministerpalastes unter den Folterwerkzeugen
gestorben sei, und ich habe noch seinen Kopf über dem östlichen Stadttor
aufgespießt gesehen."
"Ich weiß nicht, wessen Kopf du dort gesehen hast," sagte ich--"das aber
weiß ich genau, daß ich noch vor einer Stunde den Kopf Angulimalas
wohlbehalten auf seinen Schultern gesehen habe, und daß ich so wenig
deinen Spott verdiene, daß du mir vielmehr danken solltest, weil du
durch mich Gelegenheit bekommst--
"Einen toten Mann totzuschlagen und aus mir selbst einen Narren zu
machen," unterbrach mich der Minister--"ich danke!"
"Dann bitte ich wenigstens zu bedenken, daß es sich hier nicht um den
ersten besten Besitz handelt, sondern um ein Haus und um Gartenanlagen,
die zu den Wundern Ujjenis gerechnet werden, und die unser gnädiger
König selber mit großer Bewunderung besichtigt hat. Er wird dir's nicht
danken, wenn Angulimala diese Herrlichkeiten seiner Hauptstadt
einäschert."
"O, das kümmert mich wenig," antwortete dieser Unmensch lachend. "Folge
meinem Rat, gehe nach Hause, beruhige dich durch ein Schläfchen und laß
die Sache dich nicht weiter kümmern. Das Ganze kommt übrigens daher, daß
du dich damals in Kosambi in ein galantes Abenteuer gestürzt hast und
töricht genug warst, meine Worte in den Wind zu schlagen und nicht mit
mir abzureisen. Hättest du das getan, dann wärest du nie in Angulimalas
Hände gefallen und würdest jetzt nicht von einer grundlosen und leeren
Angst geplagt. Auch ist dein monatelanges Zusammenleben mit dem
Räubergesindel für deine Sitten nicht günstig gewesen, wie wir ja alle
hier in Ujjeni gesehen haben."
Er erging sich noch in einigen moralisierenden Gemeinplätzen und entließ
mich dann.
Schon unterwegs überlegte ich mir, was nun, da ich auf mich selber
angewiesen war, zu tun sei. In meinem Hause angekommen, ließ ich sofort
alle beweglichen Schätze, die sich da fanden, vornehmlich solche Dinge
wie kostbare Teppiche, eingelegte Tische und ähnliches in den Hof
bringen und dort auf Karren verladen, um diesen Teil meiner Güter in der
inneren Stadt in Sicherheit zu bringen. Gleichzeitig ließ ich an alle
meine Leute Waffen verteilen--sowohl Karren wie Waffen waren ja
reichlich wegen der beabsichtigten Karawanenfahrt vorhanden. Aber dabei
ließ ich es nicht bewenden. Das Allererste, was ich zu tun hatte, war,
einige vertraute Diener in die Stadt zu schicken, um dort gegen
Versprechen eines ansehnlichen Lohnes mutige und waffentüchtige Kerle
für die Nacht zu werben. Für jeden anderen wäre dies nun freilich ein
gar gefährliches Wagestück gewesen; denn wie leicht konnten solche Leute
im entscheidenden Augenblick mit den Angreifern gemeinsame Sache machen!
Ich vertraute aber gewissen Freundinnen, die meinen Dienern nur
zuverlässige Spitzbuben empfahlen--nämlich solche, die zwar sonst zu
Allem fähig sind, denen aber doch ihr feierlich gegebenes Wort und das
genommene Handgeld heilig sind. Da ich dies Gesindel und seine
sonderbaren Gewohnheiten kannte, wußte ich wohl, was ich tat.
Während dieser Vorbereitungen schickte ich, da ich selber nicht Zeit
hatte, zu meinen Frauen zu gehen, einen Diener zu einer jeden von ihnen
und ließ ihnen sagen, sie müßten sich bereit halten--die erste mit ihren
beiden Töchterchen, die zweite mit ihrem Söhnlein--noch heute nach der
Stadt ins Vaterhaus zu ziehen. Daß es nur für die eine Nacht sein
sollte, ließ ich sie nicht wissen, weil ich wohlweislich bedacht hatte,
wenn sie erst einmal dort wären, könnten sie auch eine Woche oder länger
dort bleiben, und ich würde unterdessen zu Hause einen ungeahnten
Frieden genießen--vorausgesetzt natürlich, daß es mir gelänge, den
Angriff abzuschlagen. Ebensowenig ließ ich sie den Grund zu dieser
Maßregel erfahren, weil man ja überhaupt Weibern gegenüber sich nicht
auf Gründe berufen soll.
Ich war nun gerade im Begriff, meiner bewaffneten Dienerschaft eine
anfeuernde Rede zu halten, wie ich das bei gefahrdrohenden Gelegenheiten
während einer Karawanenreise immer und mit großem Erfolg getan hatte. Da
stürzten gleichzeitig, wie auf Verabredung, aus zwei verschiedenen Türen
meine beiden Frauen in den Hof, mit verstörten Mienen und lautem
Schreien, so daß Alle sich nach ihnen umsahen, und ich meine kaum
angefangene Rede unterbrechen mußte. Die erste schleppte die beiden
Töchterlein, die zweite mein Söhnchen mit sich.
Vor mir angelangt, zeigte die eine auf die andere und beide schrien:
"So ist es denn endlich diesem schlechten Weib gelungen, dein Herz gegen
mich zu wenden, daß du mich verstoßen willst, und mir, deiner getreuen
Ehefrau, die Schande antust, mich ins Vaterhaus zurückzuschicken mit
deinen unschuldigen Töchterlein--(mit deinem armen Söhnlein)--."
Die überschäumende Wut, unterstützt von ihrem angeborenen kurzen
Verstande, verursachte, daß keine von ihnen merkte, wie die andere _sie_
genau derselben Sache beschuldigte, die sie selbst dieser zur Last
legte, und sich genau über das gleiche Schicksal beklagte, das sie
selbst als das ihrige beweinte, und daß also jedenfalls ein Irrtum
vorliegen mußte. Aber weit entfernt davon, so etwas zu ahnen, schrien
und heulten sie immer weiter, wobei sie sich die Haare rauften und ihre
Brüste mit den Fäusten schlugen, bis sie dann, wie zur Erholung, sich
gegen die vermeintliche siegreiche Gegnerin in Schimpfreden ergingen,
die an Grobheit Alles, was ich je in der Gesellschaft übelberufener
Weiber gehört hatte, weit übertrafen.
Endlich gelang es mir doch, zu Wort zu kommen und ihnen, wenn auch mit
großer Mühe, klar zu machen, daß sie meine Diener gänzlich mißverstanden
hätten, daß keine von ihnen zu ihren eigenen Eltern zurückgeschickt
werden sollte, sondern daß sie beide in das Haus meiner Eltern gebracht
würden, und zwar nicht zur Strafe oder als Zeichen meiner Ungnade,
sondern lediglich um ihrer und der Kinder Sicherheit willen. Als ich nun
aber sah, daß sie dies vollkommen begriffen hatten, ließ ich mich
hinreißen und rief:
"Das habt ihr von eurer Unart, nun lernet endlich euch anständig zu
betragen! Da habt ihr euren "kahlen Pfaffen"! Wer, glaubt ihr wohl, daß
das war? _Angulimala_ war es, der Räuber, der Schreckliche, der die
Menschen tötet und sich ihre Daumen um den Hals hängt! _Den_ habt ihr
beschimpft, _den_ habt ihr gereizt! Ein Wunder, daß er euch nicht mit
der Almosenschale totgeschlagen hat. Wir anderen, wenn jemand von uns in
seine Hände fällt, wir werden es ausbaden müssen, und wer weiß, ob ihr
noch im Hause meines Vaters vor ihm sicher seid."
Als meinen Frauen der Sinn dieser Rede völlig aufging, fingen sie
alsbald an zu schreien, als ob sie schon die Messerschneide an der Kehle
spürten, und wollten mit den Kindern zum Tor hinausstürzen. Ich ließ sie
jedoch zurückhalten und setzte ihnen umständlich auseinander, daß
vorläufig noch gar keine Gefahr zu befürchten sei, da Angulimala, wie
ich wohl wußte, uns auf keinen Fall vor Mitternacht angreifen würde.
Dann hieß ich sie in die Wohnung zurückkehren und Alles zusammenpacken,
was sie und die Kinder während der Zeit, die sie, der Räubergefahr
wegen, in der Stadt bleiben mußten, nötig haben könnten. Das taten sie
denn auch sofort.
Dabei hatte ich nun allerdings die Wirkung nicht bedacht, die meine
Worte auf meine Leute haben könnten. Und diese erwies sich bald als
wenig günstig. Denn als sie erfuhren, daß es der schreckliche, für tot
gehaltene Angulimala war, der mein Haus ausgekundschaftet hatte und es
sicher in der Nacht angreifen wollte, schlich erst der eine und andere
still davon, dann aber warfen sie zu Dutzenden die Waffen von sich und
erklärten, mit einem solchen Teufel nicht anbinden zu wollen: das könne
man keineswegs von ihnen verlangen. Auch die in der Stadt Angeworbenen,
von denen gerade jetzt die ersten ankamen und hörten, wie die Dinge
standen, meinten, so hätten sie nicht gewettet und zogen wieder ab. Nur
etwa zwanzig meiner eigenen Leute, an ihrer Spitze mein braver
Hausmeier, erklärten, sie wollten mich nicht verlassen, sondern bis zum
letzten Blutstropfen das Haus verteidigen, denn sie sahen wohl, daß ich
entschlossen war, diesen herrlichen Besitz, an dem mein Herz hing, nicht
preiszugeben, sondern, wenn es sein müßte, mit ihm unterzugehen.
Mehrere entschlossene Kerle aus der Stadt, die die Aussicht auf einen
tüchtigen Kampf fast noch mehr als das Geld lockte und die sich nicht
einmal vor dem Namen Angulimala fürchteten, ja sich wohl gar einredeten,
daß sie, nachdem sie sich brav geschlagen und gefangengenommen worden,
der Bande einverleibt werden würden--mehrere solche verzweifelte
Gesellen schlossen sich an, und so gebot ich doch zuletzt über gegen
vierzig wohlbewaffnete und tapfere Männer.
Unterdessen war es fast Abend geworden, und der Wagen für meine Frauen
fuhr vor. Diese kamen mit den Kindern einigermaßen beruhigt heraus; aber
ein neues Geheul erhob sich sofort, als sie merkten, daß ich nicht
mitfahren wollte, ja überhaupt nicht beabsichtigte, das Haus zu
verlassen. Sie warfen sich auf die Knie, ergriffen mein Gewand und
beschworen mich unter strömenden Tränen, mich mit ihnen zu retten:
"Unser Gebieter, unser Beschützer, verlaß uns nicht, stürze dich nicht
in den Rachen des Todes!" Ich erklärte ihnen, daß, wenn ich meinen
Posten verließe, dies Haus sicher ein Raub der Flammen und plündernder
Hände werden, und mein Sohn den Hauptteil seines Erbes verlieren würde,
während es jetzt noch vielleicht durch tapferes Ausharren zu retten sei,
da man nicht wisse, ob Angulimala mit großer Stärke angreifen würde.
"Ach, weh uns!" riefen sie, "unser Herr und Beschützer verläßt uns! Und
der schreckliche Angulimala wird ihn umbringen und seine Daumen an der
Halskette tragen! Zu Tode martern wird er unseren Gemahl in seinem
furchtbaren Grimm, und unsere Schuld wird es sein! Um unserer
Schimpfreden willen muß unser Gatte leiden, und uns wird es deshalb in
der Hölle übel ergehen!"
Ich versuchte sie zu beruhigen so gut es ging, und als sie sahen, daß
ich unerschütterlich war, mußten sie sich dazu bequemen, den Wagen zu
besteigen. Kaum aber hatten sie ihre Plätze eingenommen, so fingen sie
an sich mit gegenseitigen Beschuldigungen anzufeinden.
"Du warst's, die anfing."--"Nein, du--du hast mich auf ihn aufmerksam
gemacht, wie er dort am Torpfosten stand. Jawohl--gerade dort, du
zeigtest mit Fingern auf ihn."
"Und du hast nach ihm ausgespuckt--roten Speichel--_ich_ hatte noch
keinen Betel gekaut, das tu ich morgens nie."--"Aber du nanntest ihn
einen Landstreicher, einen faulen Bettler."--"Und du einen kahlen
Pfaffen...."
Und so ging's weiter; aber das Knarren der Räder, als die Ochsen jetzt
anzogen, übertäubte ihre Stimmen,