XVI. KAMPFBEREIT

Halb ohnmächtig sank ich auf eine Bank nieder. Doch fingen meine

Gedanken sofort wieder zu arbeiten an. Angulimala war dagewesen, dessen

war kein Zweifel; und auch der Grund seines Kommens war mir nur zu klar.

Wie viele Geschichten hatte ich nicht über seine Unversöhnlichkeit und

Rachsucht gehört! Nun hatte ich ja aber das Unglück gehabt, seinen

besten Freund zu erschlagen, und von meinem Aufenthalt unter den Räubern

wußte ich wohl, daß die Freundschaft bei ihnen nicht weniger gilt als

bei einer ehrsamen Bürgerschaft, wenn nicht sogar weit mehr. Als ich

aber sein Gefangener war, konnte Angulimala mich nicht töten, ohne sich

gegen die Regeln der "Absender" zu versündigen; und trotzdem hätte er es

zweimal beinahe getan und damit einen unauslöschlichen Fleck auf seine

Räuberehre gesetzt. Nun aber hatte er endlich dieses, von dem sonstigen

Gebiete seiner Tätigkeit weit abseits gelegene Land aufsuchen können und

wollte jetzt das Versäumte nachholen. In der Verkleidung eines Asketen

hatte er die Örtlichkeiten bequem in Augenschein nehmen können und ohne

Zweifel wollte er noch in derselben Nacht handeln. Wenn er auch bemerkt

haben mochte, daß ich ihn wieder erkannte, durfte er doch nicht zögern,

denn diese Nacht war die letzte der dunklen Hälfte des Monats, und ein

Unternehmen wie dieses in der lichten Hälfte auszuführen, wäre ein

Verstoß gegen die heiligen Räubergesetze gewesen, der ihm den strafenden

Zorn der schrecklichen Göttin Kali hätte zuziehen müssen.

Sofort ließ ich mein bestes Pferd satteln und ritt in die Stadt nach dem

Palast des Königs. Leicht hätte ich bei ihm Zutritt erhalten, aber zu

meiner Enttäuschung erfuhr ich, daß er sich gerade in einem seiner

fernen Jagdschlösser aufhielt. Ich mußte mich also damit begnügen, den

Minister aufzusuchen. Dieser war gerade derselbe Mann, der einst jene

Gesandtschaft nach Kosambi geführt hatte und in dessen Obhut, wie du

dich erinnern wirst, ich wohl hin--aber nicht zurückgereist war. Seit

jenem Tage nun, an dem ich mich geweigert hatte, ihm zu folgen, war er

mir nicht sehr gewogen, was ich bei verschiedenen Begegnungen gespürt

hatte, wie ich denn auch wußte, daß er sich des öfteren über meinen

Lebenswandel aufgehalten hatte. Bei ihm meine Sache vorbringen zu

müssen, war mir nicht gerade angenehm; indessen ihre Berechtigung, ja

sogar Verdienstlichkeit war so augenscheinlich, daß hier, wie mir

schien, für persönliche Ab- oder Zuneigung wenig Spielraum war.

Ich erzählte ihm also so kurz und klar wie möglich, was sich in meinem

Hofe zugetragen hatte, und fügte die fast selbstverständliche Bitte

hinzu, eine Truppenabteilung möge für die Nacht in meinem Haus und

Garten aufgestellt werden, um mein Besitztum gegen den sicher zu

erwartenden Angriff der Räuber zu verteidigen und so viele wie möglich

von diesen gefangenzunehmen.

Der Minister hörte mich schweigend und mit einem unergründlichen Lächeln

an. Dann sagte er:

"Mein guter Kamanita! Ich weiß nicht, ob du heute schon einen recht

kräftigen Frühtrunk zu dir genommen hast, oder noch unter dem Einfluß

einer deiner in Ujjeni sprichwörtlich berühmten nächtlichen Gelage

stehst, oder ob du dir gar überhaupt durch deine ebenfalls

sprichwörtlich berühmten scharf gewürzten Leckereien dermaßen den Magen

verdorben hast, daß du nicht nur bei Nacht, sondern auch am hellen Tag

böse Träume hast. Denn nur als einen solchen kann ich diese hübsche

Geschichte betrachten, zumal wir wissen, daß Angulimala längst nicht

mehr unter den Lebenden weilt."

"Das war aber ein falsches Gerücht, wie wir jetzt sehen," rief ich

ungeduldig.

"_Ich_ sehe das keineswegs," versetzte er in scharfem Ton. "Von falschem

Gerücht kann hier keine Rede sein, denn kurze Zeit nach der Begebenheit

hat Satagira selber mir in Kosambi erzählt, daß Angulimala in den

unterirdischen Gewölben des Ministerpalastes unter den Folterwerkzeugen

gestorben sei, und ich habe noch seinen Kopf über dem östlichen Stadttor

aufgespießt gesehen."

"Ich weiß nicht, wessen Kopf du dort gesehen hast," sagte ich--"das aber

weiß ich genau, daß ich noch vor einer Stunde den Kopf Angulimalas

wohlbehalten auf seinen Schultern gesehen habe, und daß ich so wenig

deinen Spott verdiene, daß du mir vielmehr danken solltest, weil du

durch mich Gelegenheit bekommst--

"Einen toten Mann totzuschlagen und aus mir selbst einen Narren zu

machen," unterbrach mich der Minister--"ich danke!"

"Dann bitte ich wenigstens zu bedenken, daß es sich hier nicht um den

ersten besten Besitz handelt, sondern um ein Haus und um Gartenanlagen,

die zu den Wundern Ujjenis gerechnet werden, und die unser gnädiger

König selber mit großer Bewunderung besichtigt hat. Er wird dir's nicht

danken, wenn Angulimala diese Herrlichkeiten seiner Hauptstadt

einäschert."

"O, das kümmert mich wenig," antwortete dieser Unmensch lachend. "Folge

meinem Rat, gehe nach Hause, beruhige dich durch ein Schläfchen und laß

die Sache dich nicht weiter kümmern. Das Ganze kommt übrigens daher, daß

du dich damals in Kosambi in ein galantes Abenteuer gestürzt hast und

töricht genug warst, meine Worte in den Wind zu schlagen und nicht mit

mir abzureisen. Hättest du das getan, dann wärest du nie in Angulimalas

Hände gefallen und würdest jetzt nicht von einer grundlosen und leeren

Angst geplagt. Auch ist dein monatelanges Zusammenleben mit dem

Räubergesindel für deine Sitten nicht günstig gewesen, wie wir ja alle

hier in Ujjeni gesehen haben."

Er erging sich noch in einigen moralisierenden Gemeinplätzen und entließ

mich dann.

Schon unterwegs überlegte ich mir, was nun, da ich auf mich selber

angewiesen war, zu tun sei. In meinem Hause angekommen, ließ ich sofort

alle beweglichen Schätze, die sich da fanden, vornehmlich solche Dinge

wie kostbare Teppiche, eingelegte Tische und ähnliches in den Hof

bringen und dort auf Karren verladen, um diesen Teil meiner Güter in der

inneren Stadt in Sicherheit zu bringen. Gleichzeitig ließ ich an alle

meine Leute Waffen verteilen--sowohl Karren wie Waffen waren ja

reichlich wegen der beabsichtigten Karawanenfahrt vorhanden. Aber dabei

ließ ich es nicht bewenden. Das Allererste, was ich zu tun hatte, war,

einige vertraute Diener in die Stadt zu schicken, um dort gegen

Versprechen eines ansehnlichen Lohnes mutige und waffentüchtige Kerle

für die Nacht zu werben. Für jeden anderen wäre dies nun freilich ein

gar gefährliches Wagestück gewesen; denn wie leicht konnten solche Leute

im entscheidenden Augenblick mit den Angreifern gemeinsame Sache machen!

Ich vertraute aber gewissen Freundinnen, die meinen Dienern nur

zuverlässige Spitzbuben empfahlen--nämlich solche, die zwar sonst zu

Allem fähig sind, denen aber doch ihr feierlich gegebenes Wort und das

genommene Handgeld heilig sind. Da ich dies Gesindel und seine

sonderbaren Gewohnheiten kannte, wußte ich wohl, was ich tat.

Während dieser Vorbereitungen schickte ich, da ich selber nicht Zeit

hatte, zu meinen Frauen zu gehen, einen Diener zu einer jeden von ihnen

und ließ ihnen sagen, sie müßten sich bereit halten--die erste mit ihren

beiden Töchterchen, die zweite mit ihrem Söhnlein--noch heute nach der

Stadt ins Vaterhaus zu ziehen. Daß es nur für die eine Nacht sein

sollte, ließ ich sie nicht wissen, weil ich wohlweislich bedacht hatte,

wenn sie erst einmal dort wären, könnten sie auch eine Woche oder länger

dort bleiben, und ich würde unterdessen zu Hause einen ungeahnten

Frieden genießen--vorausgesetzt natürlich, daß es mir gelänge, den

Angriff abzuschlagen. Ebensowenig ließ ich sie den Grund zu dieser

Maßregel erfahren, weil man ja überhaupt Weibern gegenüber sich nicht

auf Gründe berufen soll.

Ich war nun gerade im Begriff, meiner bewaffneten Dienerschaft eine

anfeuernde Rede zu halten, wie ich das bei gefahrdrohenden Gelegenheiten

während einer Karawanenreise immer und mit großem Erfolg getan hatte. Da

stürzten gleichzeitig, wie auf Verabredung, aus zwei verschiedenen Türen

meine beiden Frauen in den Hof, mit verstörten Mienen und lautem

Schreien, so daß Alle sich nach ihnen umsahen, und ich meine kaum

angefangene Rede unterbrechen mußte. Die erste schleppte die beiden

Töchterlein, die zweite mein Söhnchen mit sich.

Vor mir angelangt, zeigte die eine auf die andere und beide schrien:

"So ist es denn endlich diesem schlechten Weib gelungen, dein Herz gegen

mich zu wenden, daß du mich verstoßen willst, und mir, deiner getreuen

Ehefrau, die Schande antust, mich ins Vaterhaus zurückzuschicken mit

deinen unschuldigen Töchterlein--(mit deinem armen Söhnlein)--."

Die überschäumende Wut, unterstützt von ihrem angeborenen kurzen

Verstande, verursachte, daß keine von ihnen merkte, wie die andere _sie_

genau derselben Sache beschuldigte, die sie selbst dieser zur Last

legte, und sich genau über das gleiche Schicksal beklagte, das sie

selbst als das ihrige beweinte, und daß also jedenfalls ein Irrtum

vorliegen mußte. Aber weit entfernt davon, so etwas zu ahnen, schrien

und heulten sie immer weiter, wobei sie sich die Haare rauften und ihre

Brüste mit den Fäusten schlugen, bis sie dann, wie zur Erholung, sich

gegen die vermeintliche siegreiche Gegnerin in Schimpfreden ergingen,

die an Grobheit Alles, was ich je in der Gesellschaft übelberufener

Weiber gehört hatte, weit übertrafen.

Endlich gelang es mir doch, zu Wort zu kommen und ihnen, wenn auch mit

großer Mühe, klar zu machen, daß sie meine Diener gänzlich mißverstanden

hätten, daß keine von ihnen zu ihren eigenen Eltern zurückgeschickt

werden sollte, sondern daß sie beide in das Haus meiner Eltern gebracht

würden, und zwar nicht zur Strafe oder als Zeichen meiner Ungnade,

sondern lediglich um ihrer und der Kinder Sicherheit willen. Als ich nun

aber sah, daß sie dies vollkommen begriffen hatten, ließ ich mich

hinreißen und rief:

"Das habt ihr von eurer Unart, nun lernet endlich euch anständig zu

betragen! Da habt ihr euren "kahlen Pfaffen"! Wer, glaubt ihr wohl, daß

das war? _Angulimala_ war es, der Räuber, der Schreckliche, der die

Menschen tötet und sich ihre Daumen um den Hals hängt! _Den_ habt ihr

beschimpft, _den_ habt ihr gereizt! Ein Wunder, daß er euch nicht mit

der Almosenschale totgeschlagen hat. Wir anderen, wenn jemand von uns in

seine Hände fällt, wir werden es ausbaden müssen, und wer weiß, ob ihr

noch im Hause meines Vaters vor ihm sicher seid."

Als meinen Frauen der Sinn dieser Rede völlig aufging, fingen sie

alsbald an zu schreien, als ob sie schon die Messerschneide an der Kehle

spürten, und wollten mit den Kindern zum Tor hinausstürzen. Ich ließ sie

jedoch zurückhalten und setzte ihnen umständlich auseinander, daß

vorläufig noch gar keine Gefahr zu befürchten sei, da Angulimala, wie

ich wohl wußte, uns auf keinen Fall vor Mitternacht angreifen würde.

Dann hieß ich sie in die Wohnung zurückkehren und Alles zusammenpacken,

was sie und die Kinder während der Zeit, die sie, der Räubergefahr

wegen, in der Stadt bleiben mußten, nötig haben könnten. Das taten sie

denn auch sofort.

Dabei hatte ich nun allerdings die Wirkung nicht bedacht, die meine

Worte auf meine Leute haben könnten. Und diese erwies sich bald als

wenig günstig. Denn als sie erfuhren, daß es der schreckliche, für tot

gehaltene Angulimala war, der mein Haus ausgekundschaftet hatte und es

sicher in der Nacht angreifen wollte, schlich erst der eine und andere

still davon, dann aber warfen sie zu Dutzenden die Waffen von sich und

erklärten, mit einem solchen Teufel nicht anbinden zu wollen: das könne

man keineswegs von ihnen verlangen. Auch die in der Stadt Angeworbenen,

von denen gerade jetzt die ersten ankamen und hörten, wie die Dinge

standen, meinten, so hätten sie nicht gewettet und zogen wieder ab. Nur

etwa zwanzig meiner eigenen Leute, an ihrer Spitze mein braver

Hausmeier, erklärten, sie wollten mich nicht verlassen, sondern bis zum

letzten Blutstropfen das Haus verteidigen, denn sie sahen wohl, daß ich

entschlossen war, diesen herrlichen Besitz, an dem mein Herz hing, nicht

preiszugeben, sondern, wenn es sein müßte, mit ihm unterzugehen.

Mehrere entschlossene Kerle aus der Stadt, die die Aussicht auf einen

tüchtigen Kampf fast noch mehr als das Geld lockte und die sich nicht

einmal vor dem Namen Angulimala fürchteten, ja sich wohl gar einredeten,

daß sie, nachdem sie sich brav geschlagen und gefangengenommen worden,

der Bande einverleibt werden würden--mehrere solche verzweifelte

Gesellen schlossen sich an, und so gebot ich doch zuletzt über gegen

vierzig wohlbewaffnete und tapfere Männer.

Unterdessen war es fast Abend geworden, und der Wagen für meine Frauen

fuhr vor. Diese kamen mit den Kindern einigermaßen beruhigt heraus; aber

ein neues Geheul erhob sich sofort, als sie merkten, daß ich nicht

mitfahren wollte, ja überhaupt nicht beabsichtigte, das Haus zu

verlassen. Sie warfen sich auf die Knie, ergriffen mein Gewand und

beschworen mich unter strömenden Tränen, mich mit ihnen zu retten:

"Unser Gebieter, unser Beschützer, verlaß uns nicht, stürze dich nicht

in den Rachen des Todes!" Ich erklärte ihnen, daß, wenn ich meinen

Posten verließe, dies Haus sicher ein Raub der Flammen und plündernder

Hände werden, und mein Sohn den Hauptteil seines Erbes verlieren würde,

während es jetzt noch vielleicht durch tapferes Ausharren zu retten sei,

da man nicht wisse, ob Angulimala mit großer Stärke angreifen würde.

"Ach, weh uns!" riefen sie, "unser Herr und Beschützer verläßt uns! Und

der schreckliche Angulimala wird ihn umbringen und seine Daumen an der

Halskette tragen! Zu Tode martern wird er unseren Gemahl in seinem

furchtbaren Grimm, und unsere Schuld wird es sein! Um unserer

Schimpfreden willen muß unser Gatte leiden, und uns wird es deshalb in

der Hölle übel ergehen!"

Ich versuchte sie zu beruhigen so gut es ging, und als sie sahen, daß

ich unerschütterlich war, mußten sie sich dazu bequemen, den Wagen zu

besteigen. Kaum aber hatten sie ihre Plätze eingenommen, so fingen sie

an sich mit gegenseitigen Beschuldigungen anzufeinden.

"Du warst's, die anfing."--"Nein, du--du hast mich auf ihn aufmerksam

gemacht, wie er dort am Torpfosten stand. Jawohl--gerade dort, du

zeigtest mit Fingern auf ihn."

"Und du hast nach ihm ausgespuckt--roten Speichel--_ich_ hatte noch

keinen Betel gekaut, das tu ich morgens nie."--"Aber du nanntest ihn

einen Landstreicher, einen faulen Bettler."--"Und du einen kahlen

Pfaffen...."

Und so ging's weiter; aber das Knarren der Räder, als die Ochsen jetzt

anzogen, übertäubte ihre Stimmen,

Der Pilger Kamanita: Ein Legendenroman · 第 20 / 55 题