So waren die Verhältnisse in meinem Hausstande, als ich mich eines
Vormittags in dem geräumigen, auf der Schattenseite gelegenen Zimmer
befand, das ich zum Besorgen aller geschäftlichen Angelegenheiten
benutzte, und das deswegen dem Hofe zugekehrt war; denn es war mir
bequem, von dort aus die wirtschaftlichen Vorgänge im Auge behalten zu
können. Vor mir stand ein bewährter Diener, der alle meine Fahrten
während einer Reihe von Jahren mitgemacht hatte, und ich gab ihm genaue
Anweisungen über die Führung einer Karawane nach einem ziemlich
entfernten Orte, sowie über die Art und Weise, wie er dort am besten die
Waren würde absetzen können, welche Produkte er von dort aus
zurückbringen müsse, welche Geschäftsverbindungen er dort anzuknüpfen
habe und was dergleichen mehr war--denn ich wollte ihm die ganze Sache
anvertrauen.
Allerdings war meine Häuslichkeit weniger anheimelnd als je, und man
könnte glauben, daß ich mit Freuden jede Gelegenheit ergriffen hätte, um
in der Fremde umherzuschweifen. Aber ich fing jetzt an, etwas bequem und
verwöhnt zu werden und scheute eine längere Reise, nicht nur wegen der
Strapazen der Fahrt, sondern vor allem wegen der kargen Kost, mit der
man, wenigstens unterwegs, vorlieb nehmen mußte. Ja, wenn man auch an
Ort und Stelle angekommen, das Verlorene nachholen und sich recht
gütlich tun wollte, so erlitt man doch oft Enttäuschungen, und
jedenfalls, so gut wie am eigenen Tische aß ich dort nirgends.
So hatte ich denn angefangen, meine Karawanen unter zuverlässigen
Führern auszusenden, während ich selber zu Hause sitzen blieb.
Als ich nun mitten in meinen sehr umständlichen und gar wohlüberlegten
Anweisungen war, erschallten vom Hofe her die zänkischen Stimmen meiner
beiden Frauen, und zwar ungewöhnlich laut und mit einem Redefluß, der
nicht aufhören zu wollen schien. Ärgerlich über diese lästige Störung
sprang ich schließlich auf, und nachdem ich vergebens durchs Fenster
geblickt hatte, trat ich in den Hof hinaus.
Ich sah meine beiden Frauen am Eingangstor stehen. Aber weit davon
entfernt, sie in gegenseitigem Zank zu finden--wie ich es erwartet
hatte--, traf ich sie zum ersten Male einig, indem sie sich einen
gemeinsamen Gegner ausgesucht hatten, über den sich ihr vereinigter Zorn
ergoß. Dieser Unglückliche war ein wandernder Asket, der an den
Torpfosten gelehnt dastand, und ruhig diesen Strom von Beschimpfungen
über sich ergehen ließ. Was der eigentliche Grund ihres Angriffes war,
habe ich nie erfahren, vermute aber, daß der bei beiden stark
entwickelte mütterliche Instinkt in diesem Entsager einen Verräter gegen
die heilige Sache der menschlichen Vermehrung und einen Feind ihres
Geschlechts gewittert hatte, und daß sie sich so unwillkürlich über ihn
geworfen hatten wie zwei Ichneumons über eine Cobra.
"Pfui über ihn, den kahlen Pfaffen, den schamlosen Bettler!--Sieh
nur, wie er dasteht, mit gebeugten Schultern und gesenktem
Blick--Frömmigkeit, Beschaulichkeit atmet er aus, der Heuchler, der
Gleißner! Nach dem Kochtopf späht er hin, schaut nach und schnüffelt und
schnuppert--wie der Esel, vom Karren losgeschnallt, im Hofe zum
Kehrichthaufen geht und hinspäht, und nachschaut, und schnüffelt und
schnuppert.... Pfui über ihn, den faulen Tagedieb, den schamlosen
Bettler, den kahlen Pfaffen!"
Der Gegenstand dieser und ähnlicher Schmähreden, jener wandernde Asket,
ein Mann von auffallend hohem Wuchse, stand unterdessen immer noch an
den Türpfosten gelehnt, in gelassener Haltung da. Sein Mantel, von der
gelben Farbe der Kanikarablume und dem deinigen nicht unähnlich, fiel in
malerischen Falten über seine linke Schulter bis zu den Füßen hinab und
ließ einen kräftigen Körperbau erraten. Der schlaff herabhängende rechte
Arm war unbedeckt, und ich konnte nicht umhin, das gewaltige Geflecht
der Muskeln zu bewundern, das eher der wohlerworbene Besitz eines
Kriegers als das müßige Erbteil eines Asketen zu sein schien; auch die
tönerne Almosenschale mutete mich in seiner nervigen Hand ebenso
sonderbar und unangemessen an, wie eine eiserne Keule mir dort an
rechter Stelle erschienen wäre. Sein Kopf war geneigt, der Blick zu
Boden gesenkt, keine Miene verzog sich um den Mundwinkel, und so stand
er regungslos da, als ob ein tüchtiger Künstler das Bild eines
wandernden Asketen in Stein gehauen und fein bemalt und bekleidet hätte,
und ich nun dieses Bildwerk an meinem Tor hätte aufstellen lassen--etwa
als Wahrzeichen meiner Freigebigkeit.
Diese seine Ungestörtheit, die ich für Sanftmut hielt, meine beiden
Frauen aber als Verachtung auffaßten, spornte natürlich diese zu immer
größeren Anstrengungen an, und so wäre es wohl schließlich zu
Tätlichkeiten gekommen, wenn ich nicht dazwischen getreten wäre, meinen
bösen Frauen ihr schändliches Betragen verwiesen und sie ins Haus gejagt
hätte.
Dann trat ich zum Asketen hin, verneigte mich ehrerbietig und sprach:
"Wolle, Ehrwürdigster, dir nicht zu Herzen nehmen, was diese Frauen,
deren Verstand ja kaum zwei Finger breit ist, an Ungebührlichem,
Unziemlichem gesagt haben mögen! Wolle, Ehrwürdigster, nicht deshalb mit
deinem Asketenzorn dies mein Haus vernichtend treffen! Ich will ja,
Ehrwürdigster, selber deine Almosenschale mit dem Besten füllen, was das
Haus vermag--welch ein Glück, daß sie noch leer ist! Ich will sie
füllen, daß kein Bissen mehr hineingeht, und kein Nachbar sich heute
dadurch, daß er dich ernährt, Verdienst erwerben kann. Du bist auch
wahrlich nicht vor die unrechte Schmiede gekommen, Ehrwürdigster, und
ich denke, das Essen wird dir munden, denn es ist sogar eine
sprichwörtliche Redensart hier in Ujjeni: 'Man ißt bei ihm, wie beim
Kaufmann Kamanita'--und der bin ich. Wolle also, Ehrwürdiger, nicht über
das Vorgefallene zürnen und meinem Hause fluchen."
Der Asket aber antwortete darauf, mit nicht eben unfreundlicher Miene:
"Wie könnte ich wohl, o Hausvater, über solche Schimpfereien zürnen, da
es mir doch zusteht, wegen viel gröberer Behandlung sogar dankbar zu
sein. Denn einst, o Hausvater, begab ich mich, zeitig gerüstet, mit
Mantel und Schale versehen, in eine Stadt, um Almosenspeisen zu sammeln.
In dieser Stadt aber hatte Mara, der Teufel, gerade damals die Brahmanen
und Hausväter gegen den Orden der Heiligen aufgehetzt. 'Geht mir mit
euren tugendhaften, edelgearteten Asketen! Beschimpft sie, beleidigt
sie, verjagt sie, verfolgt sie.' Und so geschah es, Hausvater, als ich
nun die Straßen daherging, daß bald ein Stein mir an den Kopf flog, bald
ein Scherben mich im Gesicht traf, bald ein Stock meinen Arm halb
zerquetschte. Als ich nun mit zerschnittenem, von Blut überströmtem
Kopfe, mit zerbrochener Schale und zerrissenem Mantel zum Meister
zurückkam, sagte dieser: 'Dulde nur, Asket, dulde nur! Um welcher Tat
Vergeltung du viele Jahre Höllenqual erlitten hättest, dieser Tat
Vergeltung findest du noch bei Lebzeiten.'
Bei den ersten Lauten seiner Stimme zuckte mir ein jäher Schreck durch
den Leib vom Scheitel bis zur Sohle, und mit jedem Wort durchdrang ein
eisiges Erstarren tiefer mein ganzes Wesen. Denn das war ja, o Bruder,
die Stimme Angulimalas, des Räubers--wie konnte ich daran zweifeln? Und
als mein krampfhafter Blick sich an sein Gesicht heftete, erkannte ich
auch dieses wieder, obschon ihm früher der Bart fast bis an die Augen
gegangen und das Haar ihm tief in die Stirn gewachsen war, während er
jetzt kahl und rasiert vor mir stand. Nur zu gut erkannte ich die Augen
unter den buschigen, zusammengewachsenen Brauen wieder, obwohl sie mir
nicht wie damals Zornesblitze entgegensprühten, sondern mit tiefer
Verstellungskunst mich vielmehr freundlich anblickten; und die sehnigen
Finger, die die Almosenschale umspannten--gewiß waren es dieselben, die
einst wie Teufelskrallen meine Kehle umklammert hatten.
"Wie sollte ich wohl, o Hausvater"--fuhr mein unheimlicher Gast
fort,--"wie sollte ich wohl über Schimpfreden in Zorn geraten? Denn der
Meister hat ja gesagt: 'Wenn auch, ihr Jünger, Räuber und Mörder euch
mit einer Baumsäge Gelenke und Glieder abtrennten, so würde, wer da in
Wut geriete, nicht meine Weisung erfüllen.'"
Als ich aber, o Bruder, diese Worte mit ihrer so teuflisch versteckten
und mir so deutlichen Drohung vernahm, zitterten mir die Beine dermaßen,
daß ich mich an der Wand festhalten mußte, um nicht umzusinken. Nur mit
Mühe vermochte ich mich so weit zusammenzunehmen, daß ich, mehr noch
durch Gebärden als mit einigen hergestammelten Worten, dem als Asketen
verkleideten Räuber bedeuten konnte, er möchte sich gedulden, bis ich
die Speisen beschafft hätte.
Dann eilte ich, so schnell wie meine wackeligen Beine mich tragen
wollten, quer über den Hof in die große Küche, wo gerade das Mittagsmahl
für meine Familie und die ganze Haushaltung zubereitet wurde, und es in
allen Pfannen und Töpfen briet und brodelte. Hier wählte ich nun ebenso
schnell wie sorgfältig das Beste und Schmackhafteste aus. Mit einer
goldenen Kelle bewaffnet und von einer ganzen Schar schüsseltragender
Diener gefolgt, stürzte ich wieder in den Hof, um meinen furchtbaren
Gast zu bedienen und womöglich zu versöhnen.
Angulimala aber war verschwunden.