XV. DER KAHLE PFAFF

So waren die Verhältnisse in meinem Hausstande, als ich mich eines

Vormittags in dem geräumigen, auf der Schattenseite gelegenen Zimmer

befand, das ich zum Besorgen aller geschäftlichen Angelegenheiten

benutzte, und das deswegen dem Hofe zugekehrt war; denn es war mir

bequem, von dort aus die wirtschaftlichen Vorgänge im Auge behalten zu

können. Vor mir stand ein bewährter Diener, der alle meine Fahrten

während einer Reihe von Jahren mitgemacht hatte, und ich gab ihm genaue

Anweisungen über die Führung einer Karawane nach einem ziemlich

entfernten Orte, sowie über die Art und Weise, wie er dort am besten die

Waren würde absetzen können, welche Produkte er von dort aus

zurückbringen müsse, welche Geschäftsverbindungen er dort anzuknüpfen

habe und was dergleichen mehr war--denn ich wollte ihm die ganze Sache

anvertrauen.

Allerdings war meine Häuslichkeit weniger anheimelnd als je, und man

könnte glauben, daß ich mit Freuden jede Gelegenheit ergriffen hätte, um

in der Fremde umherzuschweifen. Aber ich fing jetzt an, etwas bequem und

verwöhnt zu werden und scheute eine längere Reise, nicht nur wegen der

Strapazen der Fahrt, sondern vor allem wegen der kargen Kost, mit der

man, wenigstens unterwegs, vorlieb nehmen mußte. Ja, wenn man auch an

Ort und Stelle angekommen, das Verlorene nachholen und sich recht

gütlich tun wollte, so erlitt man doch oft Enttäuschungen, und

jedenfalls, so gut wie am eigenen Tische aß ich dort nirgends.

So hatte ich denn angefangen, meine Karawanen unter zuverlässigen

Führern auszusenden, während ich selber zu Hause sitzen blieb.

Als ich nun mitten in meinen sehr umständlichen und gar wohlüberlegten

Anweisungen war, erschallten vom Hofe her die zänkischen Stimmen meiner

beiden Frauen, und zwar ungewöhnlich laut und mit einem Redefluß, der

nicht aufhören zu wollen schien. Ärgerlich über diese lästige Störung

sprang ich schließlich auf, und nachdem ich vergebens durchs Fenster

geblickt hatte, trat ich in den Hof hinaus.

Ich sah meine beiden Frauen am Eingangstor stehen. Aber weit davon

entfernt, sie in gegenseitigem Zank zu finden--wie ich es erwartet

hatte--, traf ich sie zum ersten Male einig, indem sie sich einen

gemeinsamen Gegner ausgesucht hatten, über den sich ihr vereinigter Zorn

ergoß. Dieser Unglückliche war ein wandernder Asket, der an den

Torpfosten gelehnt dastand, und ruhig diesen Strom von Beschimpfungen

über sich ergehen ließ. Was der eigentliche Grund ihres Angriffes war,

habe ich nie erfahren, vermute aber, daß der bei beiden stark

entwickelte mütterliche Instinkt in diesem Entsager einen Verräter gegen

die heilige Sache der menschlichen Vermehrung und einen Feind ihres

Geschlechts gewittert hatte, und daß sie sich so unwillkürlich über ihn

geworfen hatten wie zwei Ichneumons über eine Cobra.

"Pfui über ihn, den kahlen Pfaffen, den schamlosen Bettler!--Sieh

nur, wie er dasteht, mit gebeugten Schultern und gesenktem

Blick--Frömmigkeit, Beschaulichkeit atmet er aus, der Heuchler, der

Gleißner! Nach dem Kochtopf späht er hin, schaut nach und schnüffelt und

schnuppert--wie der Esel, vom Karren losgeschnallt, im Hofe zum

Kehrichthaufen geht und hinspäht, und nachschaut, und schnüffelt und

schnuppert.... Pfui über ihn, den faulen Tagedieb, den schamlosen

Bettler, den kahlen Pfaffen!"

Der Gegenstand dieser und ähnlicher Schmähreden, jener wandernde Asket,

ein Mann von auffallend hohem Wuchse, stand unterdessen immer noch an

den Türpfosten gelehnt, in gelassener Haltung da. Sein Mantel, von der

gelben Farbe der Kanikarablume und dem deinigen nicht unähnlich, fiel in

malerischen Falten über seine linke Schulter bis zu den Füßen hinab und

ließ einen kräftigen Körperbau erraten. Der schlaff herabhängende rechte

Arm war unbedeckt, und ich konnte nicht umhin, das gewaltige Geflecht

der Muskeln zu bewundern, das eher der wohlerworbene Besitz eines

Kriegers als das müßige Erbteil eines Asketen zu sein schien; auch die

tönerne Almosenschale mutete mich in seiner nervigen Hand ebenso

sonderbar und unangemessen an, wie eine eiserne Keule mir dort an

rechter Stelle erschienen wäre. Sein Kopf war geneigt, der Blick zu

Boden gesenkt, keine Miene verzog sich um den Mundwinkel, und so stand

er regungslos da, als ob ein tüchtiger Künstler das Bild eines

wandernden Asketen in Stein gehauen und fein bemalt und bekleidet hätte,

und ich nun dieses Bildwerk an meinem Tor hätte aufstellen lassen--etwa

als Wahrzeichen meiner Freigebigkeit.

Diese seine Ungestörtheit, die ich für Sanftmut hielt, meine beiden

Frauen aber als Verachtung auffaßten, spornte natürlich diese zu immer

größeren Anstrengungen an, und so wäre es wohl schließlich zu

Tätlichkeiten gekommen, wenn ich nicht dazwischen getreten wäre, meinen

bösen Frauen ihr schändliches Betragen verwiesen und sie ins Haus gejagt

hätte.

Dann trat ich zum Asketen hin, verneigte mich ehrerbietig und sprach:

"Wolle, Ehrwürdigster, dir nicht zu Herzen nehmen, was diese Frauen,

deren Verstand ja kaum zwei Finger breit ist, an Ungebührlichem,

Unziemlichem gesagt haben mögen! Wolle, Ehrwürdigster, nicht deshalb mit

deinem Asketenzorn dies mein Haus vernichtend treffen! Ich will ja,

Ehrwürdigster, selber deine Almosenschale mit dem Besten füllen, was das

Haus vermag--welch ein Glück, daß sie noch leer ist! Ich will sie

füllen, daß kein Bissen mehr hineingeht, und kein Nachbar sich heute

dadurch, daß er dich ernährt, Verdienst erwerben kann. Du bist auch

wahrlich nicht vor die unrechte Schmiede gekommen, Ehrwürdigster, und

ich denke, das Essen wird dir munden, denn es ist sogar eine

sprichwörtliche Redensart hier in Ujjeni: 'Man ißt bei ihm, wie beim

Kaufmann Kamanita'--und der bin ich. Wolle also, Ehrwürdiger, nicht über

das Vorgefallene zürnen und meinem Hause fluchen."

Der Asket aber antwortete darauf, mit nicht eben unfreundlicher Miene:

"Wie könnte ich wohl, o Hausvater, über solche Schimpfereien zürnen, da

es mir doch zusteht, wegen viel gröberer Behandlung sogar dankbar zu

sein. Denn einst, o Hausvater, begab ich mich, zeitig gerüstet, mit

Mantel und Schale versehen, in eine Stadt, um Almosenspeisen zu sammeln.

In dieser Stadt aber hatte Mara, der Teufel, gerade damals die Brahmanen

und Hausväter gegen den Orden der Heiligen aufgehetzt. 'Geht mir mit

euren tugendhaften, edelgearteten Asketen! Beschimpft sie, beleidigt

sie, verjagt sie, verfolgt sie.' Und so geschah es, Hausvater, als ich

nun die Straßen daherging, daß bald ein Stein mir an den Kopf flog, bald

ein Scherben mich im Gesicht traf, bald ein Stock meinen Arm halb

zerquetschte. Als ich nun mit zerschnittenem, von Blut überströmtem

Kopfe, mit zerbrochener Schale und zerrissenem Mantel zum Meister

zurückkam, sagte dieser: 'Dulde nur, Asket, dulde nur! Um welcher Tat

Vergeltung du viele Jahre Höllenqual erlitten hättest, dieser Tat

Vergeltung findest du noch bei Lebzeiten.'

Bei den ersten Lauten seiner Stimme zuckte mir ein jäher Schreck durch

den Leib vom Scheitel bis zur Sohle, und mit jedem Wort durchdrang ein

eisiges Erstarren tiefer mein ganzes Wesen. Denn das war ja, o Bruder,

die Stimme Angulimalas, des Räubers--wie konnte ich daran zweifeln? Und

als mein krampfhafter Blick sich an sein Gesicht heftete, erkannte ich

auch dieses wieder, obschon ihm früher der Bart fast bis an die Augen

gegangen und das Haar ihm tief in die Stirn gewachsen war, während er

jetzt kahl und rasiert vor mir stand. Nur zu gut erkannte ich die Augen

unter den buschigen, zusammengewachsenen Brauen wieder, obwohl sie mir

nicht wie damals Zornesblitze entgegensprühten, sondern mit tiefer

Verstellungskunst mich vielmehr freundlich anblickten; und die sehnigen

Finger, die die Almosenschale umspannten--gewiß waren es dieselben, die

einst wie Teufelskrallen meine Kehle umklammert hatten.

"Wie sollte ich wohl, o Hausvater"--fuhr mein unheimlicher Gast

fort,--"wie sollte ich wohl über Schimpfreden in Zorn geraten? Denn der

Meister hat ja gesagt: 'Wenn auch, ihr Jünger, Räuber und Mörder euch

mit einer Baumsäge Gelenke und Glieder abtrennten, so würde, wer da in

Wut geriete, nicht meine Weisung erfüllen.'"

Als ich aber, o Bruder, diese Worte mit ihrer so teuflisch versteckten

und mir so deutlichen Drohung vernahm, zitterten mir die Beine dermaßen,

daß ich mich an der Wand festhalten mußte, um nicht umzusinken. Nur mit

Mühe vermochte ich mich so weit zusammenzunehmen, daß ich, mehr noch

durch Gebärden als mit einigen hergestammelten Worten, dem als Asketen

verkleideten Räuber bedeuten konnte, er möchte sich gedulden, bis ich

die Speisen beschafft hätte.

Dann eilte ich, so schnell wie meine wackeligen Beine mich tragen

wollten, quer über den Hof in die große Küche, wo gerade das Mittagsmahl

für meine Familie und die ganze Haushaltung zubereitet wurde, und es in

allen Pfannen und Töpfen briet und brodelte. Hier wählte ich nun ebenso

schnell wie sorgfältig das Beste und Schmackhafteste aus. Mit einer

goldenen Kelle bewaffnet und von einer ganzen Schar schüsseltragender

Diener gefolgt, stürzte ich wieder in den Hof, um meinen furchtbaren

Gast zu bedienen und womöglich zu versöhnen.

Angulimala aber war verschwunden.

Der Pilger Kamanita: Ein Legendenroman · 第 19 / 55 题