XIV. DER EHEMANN

Eines Morgens ging ich in den Anlagen mit meinem Obergärtner, um zu

erwägen welche neue Verbesserungen anzubringen wären, als mein Vater auf

seinem alten Esel in den Hof ritt. Ich eilte hin, um ihm beim Absteigen

behilflich zu sein, und wollte ihn in den Garten führen, da ich glaubte,

er käme, um dessen Blumenpracht zu genießen. Er zog es aber vor, ins

erste beste Zimmer zu treten, und als ich dem Diener befahl,

Erfrischungen zu bringen, schlug er auch diese aus--er wolle ungestört

mit mir sprechen.

Etwas unheimlich berührt, eine drohende Gefahr witternd, nahm ich neben

ihm auf einem niedrigen Sitze Platz.

"Mein Sohn," fing er nun sehr ernst an, "deine Frau hat dir nur zwei

Töchter geboren, und es ist keine Aussicht, daß sie dir einen Sohn

schenken wird. Nun heißt es ja aber sehr richtig, daß der Mann

erbärmlich stirbt, für den kein Sohn das Totenopfer vollziehen kann. Ich

tadle dich nicht, mein Sohn," fügte er hinzu, als er bemerken mochte,

daß ich etwas unruhig wurde; und obwohl ich nicht wußte, wodurch ich mir

in diesem Handel hätte Tadel verdienen können, dankte ich ihm mit

geziemender Demut für seine Milde und küßte seine Hand.

"Nein, ich muß mich selber tadeln, weil ich bei der Wahl deiner Frau

mich durch weltliche Rücksichten auf Familie und Güter zu sehr habe

blenden lassen und nicht genügend auf die Zeichen achtete. Das Mädchen,

das ich jetzt für dich im Auge habe, ist zwar aus einer wenig

hervorragenden und keineswegs begüterten Familie; auch kann man ihr das,

was der oberflächliche Betrachter 'Schönheit' nennt, nicht nachrühmen.

Dafür aber hat sie einen tief sitzenden und nach rechts gedrehten Nabel;

sowohl Hände wie Füße weisen Lotus-, Krug- und Radmal auf; ihr Haar ist

ganz glatt, nur im Nacken hat sie zwei nach rechts gewundene Locken. Von

einem Mädchen, das solche Zeichen besitzt, sagen ja die Weisen, daß es

fünf Heldensöhne gebären wird."

Ich erklärte mich mit dieser Aussicht vollkommen befriedigt, dankte

meinem Vater für die Güte, mit der er für mich sorgte, und sagte, ich

sei bereit, das Mädchen sofort heimzuführen. Denn ich dachte: wenn es

doch sein muß!...

"Sofort?" rief mein Vater erschrocken aus. "Aber, mein Sohn! Dämpfe dein

Ungestüm! Wir sind ja jetzt im südlichen Laufe der Sonne. Wenn diese

Gottheit in ihren nördlichen Lauf eintritt, und wir dann die

Monatshälfte, in welcher der Mond zunimmt, erreichen, dann wollen wir

einen günstigen Tag zur Handergreifung erwählen--aber eher nicht--eher

nicht, mein Sohn! Was würden uns sonst alle guten Eigenschaften der

Braut nützen?"

Ich bat meinen Vater, unbesorgt zu sein. Ich würde mich so lange

gedulden und mich in allen Punkten von seiner Weisheit leiten lassen;

worauf er meinen Gehorsam lobte, mir seinen Segen erteilte und mir

gestattete, daß ich Erfrischungen kommen ließ.

Endlich nahte der von mir nicht sehr ersehnte Tag, auf den sich alle

glückverheißenden Zeichen vereinten. Die Zeremonien waren diesmal noch

viel umständlicher; ich hatte vorher volle vierzehn Tage gebraucht, um

alle notwendigen Sprüche genau einzustudieren. Welche Angst ich während

der Handergreifung im Hause meines Schwiegervaters ausgestanden habe,

läßt sich mit Worten kaum beschreiben, Ich zitterte fortwährend vor

Furcht, daß ich irgend einen Vers nicht ganz richtig oder genau bei der

Bewegung, zu der er gehörte, hersagen möchte; denn mein Vater hätte mir

das ja nie vergeben. Und darüber hätte ich beinahe die Hauptsache

vergessen, denn anstatt ihren Daumen zu ergreifen, faßte ich nach ihren

vier Fingern, als ob ich wünschte, daß sie mir Töchter gebären

sollte--aber glücklicherweise hatte die Braut Geistesgegenwart genug, um

mir den Daumen in die Hand zu schieben.

Ich war ganz in Schweiß gebadet, als ich endlich zur Abfahrt die Stiere

einspannen konnte, während meine Braut in die Kummetlöcher der Geschirre

je einen Zweig von einem fruchttragenden Baume steckte. Ich sprach aber

den betreffenden Halbvers mit dem Bewußtsein, daß jetzt das Schlimmste

vorüber sei. Die Gefahren waren jedoch keineswegs überstanden.

Zwar erreichten wir mein Haus, ohne daß irgend einer von den vielen

kleinen Unfällen, die bei einer solchen Gelegenheit wie auf der Lauer

liegen, unterwegs sich ereignet hätte. Vor der Tür angekommen, wurde die

Braut von drei Brahmanenfrauen unbescholtenen Wandels, die alle nur

Knaben geboren hatten, und deren Männer noch lebten, vom Wagen gehoben.

So weit ging Alles gut. Nun aber kannst du dir, Bruder, meinen Schrecken

denken, als beim Eintreten ins Haus der Fuß meiner Frau _beinahe_ die

Schwelle berührt hätte. Ich weiß noch heute nicht, woher ich die

Entschlossenheit nahm, sie in meinen Armen hoch empor zu heben und

dadurch zu verhüten, daß eine Berührung wirklich stattfände. Immerhin

war eine solche Unregelmäßigkeit beim Hineingehen schlimm genug, und

dazu kam, daß ich nun selber vergaß, mit dem rechten Fuß zuerst

einzutreten. Glücklicherweise waren Alle, und besonders mein Vater, über

die drohende Berührung der Schwelle dermaßen entsetzt, daß mein

Fehltritt fast gänzlich unbeachtet blieb.

In der Mitte des Hauses nahm ich zur Linken meiner Frau auf einem roten

Stierfell Platz, das mit der Nackenseite nach Osten und mit der

Haarseite nach oben lag. Nun hatte mein Vater nach langem Suchen und mit

unendlicher Mühe ein männliches Wunderkind ausfindig gemacht, das selber

nur Brüder und keine Schwester--auch keine gestorbene--hatte und von

einem Vater stammte, der sich in demselben Fall befand, nur Brüder zu

haben, was sogar auch noch von dessen Vater galt--alles gerichtlich

bescheinigt. Dies Knäblein sollte nun meiner Braut auf den Schoß gesetzt

werden. Schon stand an ihrer Seite die kupferne Schüssel bereit mit den

im Schlamme gewachsenen Lotusblumen, die sie dem Kinde in die

zusammengelegten Hände geben sollte;--da war das Unglücksmenschlein

nirgends zu finden. Erst nachher, als es schon zu spät war, entdeckte

ein Diener, daß der Kleine das Opferbett zwischen den Feuern gar zu

verlockend gefunden und sich in dem weichen Grase gewälzt hatte, bis er

fast gänzlich darin begraben war. Nun mußte natürlich das Opferbett neu

geschichtet und dazu frisches Kugagras geschnitten werden--was schon an

sich verkehrt war, weil ja das Gras bei Sonnenaufgang geschnitten sein

muß.

Diese Krone des ganzen Werkes fahren lassend, mußten wir uns mit einem

in aller Hast herbeigeschafften Knäblein begnügen, dessen Mutter nur

Söhne geboren hatte. Mein Vater war aber über das Mißlingen dieser

Maßregel, auf die er so große Hoffnung gesetzt hatte, dermaßen erregt,

daß ich fürchtete, der Schlag könne plötzlich seinem teuren Leben ein

Ende machen. Freilich wäre er unter keinen Umständen jetzt gestorben, um

nur nicht dadurch den Zeremonien den allerverderblichsten Abbruch zu

tun. Diese tröstliche Betrachtung stellte ich aber damals nicht an.

Während ich von entsetzlicher Furcht gequält wurde, mußte ich die

Wartezeit bis zur Ankunft des Ersatzknaben damit ausfüllen, daß ich

ununterbrochen geeignete Sprüche hersagte, damit ja nicht eine leere

Pause entstände.

In dieser Stunde aber gelobte ich mir fest, daß ich, was auch kommen

möchte, nie wieder heiraten würde.

Nachdem endlich Alles erledigt war, mußte ich mit meiner Gemahlin--die

gar nicht ein solcher Ausbund von Häßlichkeit war, wie ich nach der

Empfehlung meines Vaters erwartet hatte--zwölf Nächte in gänzlicher

Enthaltsamkeit und unter strengem Fasten, auf dem Fußboden schlafend,

zubringen. Diesmal waren es nämlich _zwölf_ Nächte, weil mein Vater

meinte, wir müßten lieber zuviel, denn zuwenig des Guten tun. Dabei

empfand ich nun freilich recht schmerzlich, daß ich während der ganzen

Zeit alle meine gewürzten Lieblingsgerichte entbehren mußte.

Indessen auch diese Probe wurde überstanden, und das Leben ging in dem

alten Geleise weiter--jedoch mit einem sehr wesentlichen Unterschied. Es

sollte sich mir nämlich nun bald zeigen, wie berechtigt meine Scheu vor

dem neuen Heiratsvorschlag meines Vaters gewesen war. Wohl hatte ich

mich sofort damit getröstet, daß man, wenn man _eine_ Frau hatte, auch

zwei haben konnte. Aber, ach! wie hatte ich mich darin getäuscht!

Meine erste Frau hatte immer einen sanftmütigen Charakter gezeigt, der

eher zum Stumpfsinn als zu auffahrender Heftigkeit neigte; und auch

meiner zweiten Frau rühmte man eine echt weibliche Milde nach. So sind

ja auch, o Bruder, das Wasser und das Hausfeuer alle beide gar

wohltätige Dinge; wenn sie aber auf dem Kochherd zusammentreffen, dann

zischt's. Und so hat es denn von jenem Unglückstage an in meinem Hause

gezischt. Aber wie wurde es erst, als meine zweite Frau mir nun wirklich

den ersten jener fünf verheißenen Heldensöhne gebar! Nun beschuldigte

mich meine erste Frau, ich hätte mit ihr keine Söhne haben wollen und

nicht die rechten Opfer gebracht, um so einen Vorwand zu haben, eine

andere zu heiraten; während meine zweite Frau, wenn sie von der ersten

gereizt wurde, es an bitterem Hohn ihr gegenüber nicht fehlen ließ. Auch

herrschte ein fortwährender Rangstreit; meine erste Frau forderte als

solche den Vorrang, während meine zweite als Mutter meines Sohnes

dieselbe Forderung erhob.

Aber bald sollte es noch schlimmer kommen. Eines Tages stürzte meine

zweite Frau ganz zitternd vor Erregung zu mir herein und verlangte, ich

sollte die erste fortschicken, da diese meinen Sohn vergiften wolle--der

Knabe hatte nämlich Leibschneiden bekommen, weil er genascht hatte. Ich

wies sie streng zurecht, kaum aber war ich sie los geworden, als die

erste hereinstürzte und rief, ihre beiden Lämmchen wären ihres Lebens

nicht mehr sicher, solange jenes niederträchtige Weib im Hause

bliebe--ihre Nebenbuhlerin wolle meine Töchterchen aus dem Wege räumen,

damit deren Mitgift nicht das Erbe ihres Sohnes vermindern sollte.

So war denn unter meinem Dach kein Frieden mehr zu finden. Wenn du, o

Bruder, vorhin vielleicht am Gehöfte des reichen Brahmanen unweit von

hier stehen geblieben bist und gehört hast, wie drinnen die beiden

Frauen des Brahmanen keiften, mit lauten, schreienden Stimmen sich

zankten und sich gegenseitig mit groben Schimpfworten bewarfen--dann

bist du sozusagen auch an meinem Hause vorübergekommen.

Und es wurde nun leider auch eine sprichwörtliche Redensart in Ujjeni;

"Die beiden vertragen sich wie die Frauen Kamanitas."

Der Pilger Kamanita: Ein Legendenroman · 第 18 / 55 题