Eines Morgens ging ich in den Anlagen mit meinem Obergärtner, um zu
erwägen welche neue Verbesserungen anzubringen wären, als mein Vater auf
seinem alten Esel in den Hof ritt. Ich eilte hin, um ihm beim Absteigen
behilflich zu sein, und wollte ihn in den Garten führen, da ich glaubte,
er käme, um dessen Blumenpracht zu genießen. Er zog es aber vor, ins
erste beste Zimmer zu treten, und als ich dem Diener befahl,
Erfrischungen zu bringen, schlug er auch diese aus--er wolle ungestört
mit mir sprechen.
Etwas unheimlich berührt, eine drohende Gefahr witternd, nahm ich neben
ihm auf einem niedrigen Sitze Platz.
"Mein Sohn," fing er nun sehr ernst an, "deine Frau hat dir nur zwei
Töchter geboren, und es ist keine Aussicht, daß sie dir einen Sohn
schenken wird. Nun heißt es ja aber sehr richtig, daß der Mann
erbärmlich stirbt, für den kein Sohn das Totenopfer vollziehen kann. Ich
tadle dich nicht, mein Sohn," fügte er hinzu, als er bemerken mochte,
daß ich etwas unruhig wurde; und obwohl ich nicht wußte, wodurch ich mir
in diesem Handel hätte Tadel verdienen können, dankte ich ihm mit
geziemender Demut für seine Milde und küßte seine Hand.
"Nein, ich muß mich selber tadeln, weil ich bei der Wahl deiner Frau
mich durch weltliche Rücksichten auf Familie und Güter zu sehr habe
blenden lassen und nicht genügend auf die Zeichen achtete. Das Mädchen,
das ich jetzt für dich im Auge habe, ist zwar aus einer wenig
hervorragenden und keineswegs begüterten Familie; auch kann man ihr das,
was der oberflächliche Betrachter 'Schönheit' nennt, nicht nachrühmen.
Dafür aber hat sie einen tief sitzenden und nach rechts gedrehten Nabel;
sowohl Hände wie Füße weisen Lotus-, Krug- und Radmal auf; ihr Haar ist
ganz glatt, nur im Nacken hat sie zwei nach rechts gewundene Locken. Von
einem Mädchen, das solche Zeichen besitzt, sagen ja die Weisen, daß es
fünf Heldensöhne gebären wird."
Ich erklärte mich mit dieser Aussicht vollkommen befriedigt, dankte
meinem Vater für die Güte, mit der er für mich sorgte, und sagte, ich
sei bereit, das Mädchen sofort heimzuführen. Denn ich dachte: wenn es
doch sein muß!...
"Sofort?" rief mein Vater erschrocken aus. "Aber, mein Sohn! Dämpfe dein
Ungestüm! Wir sind ja jetzt im südlichen Laufe der Sonne. Wenn diese
Gottheit in ihren nördlichen Lauf eintritt, und wir dann die
Monatshälfte, in welcher der Mond zunimmt, erreichen, dann wollen wir
einen günstigen Tag zur Handergreifung erwählen--aber eher nicht--eher
nicht, mein Sohn! Was würden uns sonst alle guten Eigenschaften der
Braut nützen?"
Ich bat meinen Vater, unbesorgt zu sein. Ich würde mich so lange
gedulden und mich in allen Punkten von seiner Weisheit leiten lassen;
worauf er meinen Gehorsam lobte, mir seinen Segen erteilte und mir
gestattete, daß ich Erfrischungen kommen ließ.
Endlich nahte der von mir nicht sehr ersehnte Tag, auf den sich alle
glückverheißenden Zeichen vereinten. Die Zeremonien waren diesmal noch
viel umständlicher; ich hatte vorher volle vierzehn Tage gebraucht, um
alle notwendigen Sprüche genau einzustudieren. Welche Angst ich während
der Handergreifung im Hause meines Schwiegervaters ausgestanden habe,
läßt sich mit Worten kaum beschreiben, Ich zitterte fortwährend vor
Furcht, daß ich irgend einen Vers nicht ganz richtig oder genau bei der
Bewegung, zu der er gehörte, hersagen möchte; denn mein Vater hätte mir
das ja nie vergeben. Und darüber hätte ich beinahe die Hauptsache
vergessen, denn anstatt ihren Daumen zu ergreifen, faßte ich nach ihren
vier Fingern, als ob ich wünschte, daß sie mir Töchter gebären
sollte--aber glücklicherweise hatte die Braut Geistesgegenwart genug, um
mir den Daumen in die Hand zu schieben.
Ich war ganz in Schweiß gebadet, als ich endlich zur Abfahrt die Stiere
einspannen konnte, während meine Braut in die Kummetlöcher der Geschirre
je einen Zweig von einem fruchttragenden Baume steckte. Ich sprach aber
den betreffenden Halbvers mit dem Bewußtsein, daß jetzt das Schlimmste
vorüber sei. Die Gefahren waren jedoch keineswegs überstanden.
Zwar erreichten wir mein Haus, ohne daß irgend einer von den vielen
kleinen Unfällen, die bei einer solchen Gelegenheit wie auf der Lauer
liegen, unterwegs sich ereignet hätte. Vor der Tür angekommen, wurde die
Braut von drei Brahmanenfrauen unbescholtenen Wandels, die alle nur
Knaben geboren hatten, und deren Männer noch lebten, vom Wagen gehoben.
So weit ging Alles gut. Nun aber kannst du dir, Bruder, meinen Schrecken
denken, als beim Eintreten ins Haus der Fuß meiner Frau _beinahe_ die
Schwelle berührt hätte. Ich weiß noch heute nicht, woher ich die
Entschlossenheit nahm, sie in meinen Armen hoch empor zu heben und
dadurch zu verhüten, daß eine Berührung wirklich stattfände. Immerhin
war eine solche Unregelmäßigkeit beim Hineingehen schlimm genug, und
dazu kam, daß ich nun selber vergaß, mit dem rechten Fuß zuerst
einzutreten. Glücklicherweise waren Alle, und besonders mein Vater, über
die drohende Berührung der Schwelle dermaßen entsetzt, daß mein
Fehltritt fast gänzlich unbeachtet blieb.
In der Mitte des Hauses nahm ich zur Linken meiner Frau auf einem roten
Stierfell Platz, das mit der Nackenseite nach Osten und mit der
Haarseite nach oben lag. Nun hatte mein Vater nach langem Suchen und mit
unendlicher Mühe ein männliches Wunderkind ausfindig gemacht, das selber
nur Brüder und keine Schwester--auch keine gestorbene--hatte und von
einem Vater stammte, der sich in demselben Fall befand, nur Brüder zu
haben, was sogar auch noch von dessen Vater galt--alles gerichtlich
bescheinigt. Dies Knäblein sollte nun meiner Braut auf den Schoß gesetzt
werden. Schon stand an ihrer Seite die kupferne Schüssel bereit mit den
im Schlamme gewachsenen Lotusblumen, die sie dem Kinde in die
zusammengelegten Hände geben sollte;--da war das Unglücksmenschlein
nirgends zu finden. Erst nachher, als es schon zu spät war, entdeckte
ein Diener, daß der Kleine das Opferbett zwischen den Feuern gar zu
verlockend gefunden und sich in dem weichen Grase gewälzt hatte, bis er
fast gänzlich darin begraben war. Nun mußte natürlich das Opferbett neu
geschichtet und dazu frisches Kugagras geschnitten werden--was schon an
sich verkehrt war, weil ja das Gras bei Sonnenaufgang geschnitten sein
muß.
Diese Krone des ganzen Werkes fahren lassend, mußten wir uns mit einem
in aller Hast herbeigeschafften Knäblein begnügen, dessen Mutter nur
Söhne geboren hatte. Mein Vater war aber über das Mißlingen dieser
Maßregel, auf die er so große Hoffnung gesetzt hatte, dermaßen erregt,
daß ich fürchtete, der Schlag könne plötzlich seinem teuren Leben ein
Ende machen. Freilich wäre er unter keinen Umständen jetzt gestorben, um
nur nicht dadurch den Zeremonien den allerverderblichsten Abbruch zu
tun. Diese tröstliche Betrachtung stellte ich aber damals nicht an.
Während ich von entsetzlicher Furcht gequält wurde, mußte ich die
Wartezeit bis zur Ankunft des Ersatzknaben damit ausfüllen, daß ich
ununterbrochen geeignete Sprüche hersagte, damit ja nicht eine leere
Pause entstände.
In dieser Stunde aber gelobte ich mir fest, daß ich, was auch kommen
möchte, nie wieder heiraten würde.
Nachdem endlich Alles erledigt war, mußte ich mit meiner Gemahlin--die
gar nicht ein solcher Ausbund von Häßlichkeit war, wie ich nach der
Empfehlung meines Vaters erwartet hatte--zwölf Nächte in gänzlicher
Enthaltsamkeit und unter strengem Fasten, auf dem Fußboden schlafend,
zubringen. Diesmal waren es nämlich _zwölf_ Nächte, weil mein Vater
meinte, wir müßten lieber zuviel, denn zuwenig des Guten tun. Dabei
empfand ich nun freilich recht schmerzlich, daß ich während der ganzen
Zeit alle meine gewürzten Lieblingsgerichte entbehren mußte.
Indessen auch diese Probe wurde überstanden, und das Leben ging in dem
alten Geleise weiter--jedoch mit einem sehr wesentlichen Unterschied. Es
sollte sich mir nämlich nun bald zeigen, wie berechtigt meine Scheu vor
dem neuen Heiratsvorschlag meines Vaters gewesen war. Wohl hatte ich
mich sofort damit getröstet, daß man, wenn man _eine_ Frau hatte, auch
zwei haben konnte. Aber, ach! wie hatte ich mich darin getäuscht!
Meine erste Frau hatte immer einen sanftmütigen Charakter gezeigt, der
eher zum Stumpfsinn als zu auffahrender Heftigkeit neigte; und auch
meiner zweiten Frau rühmte man eine echt weibliche Milde nach. So sind
ja auch, o Bruder, das Wasser und das Hausfeuer alle beide gar
wohltätige Dinge; wenn sie aber auf dem Kochherd zusammentreffen, dann
zischt's. Und so hat es denn von jenem Unglückstage an in meinem Hause
gezischt. Aber wie wurde es erst, als meine zweite Frau mir nun wirklich
den ersten jener fünf verheißenen Heldensöhne gebar! Nun beschuldigte
mich meine erste Frau, ich hätte mit ihr keine Söhne haben wollen und
nicht die rechten Opfer gebracht, um so einen Vorwand zu haben, eine
andere zu heiraten; während meine zweite Frau, wenn sie von der ersten
gereizt wurde, es an bitterem Hohn ihr gegenüber nicht fehlen ließ. Auch
herrschte ein fortwährender Rangstreit; meine erste Frau forderte als
solche den Vorrang, während meine zweite als Mutter meines Sohnes
dieselbe Forderung erhob.
Aber bald sollte es noch schlimmer kommen. Eines Tages stürzte meine
zweite Frau ganz zitternd vor Erregung zu mir herein und verlangte, ich
sollte die erste fortschicken, da diese meinen Sohn vergiften wolle--der
Knabe hatte nämlich Leibschneiden bekommen, weil er genascht hatte. Ich
wies sie streng zurecht, kaum aber war ich sie los geworden, als die
erste hereinstürzte und rief, ihre beiden Lämmchen wären ihres Lebens
nicht mehr sicher, solange jenes niederträchtige Weib im Hause
bliebe--ihre Nebenbuhlerin wolle meine Töchterchen aus dem Wege räumen,
damit deren Mitgift nicht das Erbe ihres Sohnes vermindern sollte.
So war denn unter meinem Dach kein Frieden mehr zu finden. Wenn du, o
Bruder, vorhin vielleicht am Gehöfte des reichen Brahmanen unweit von
hier stehen geblieben bist und gehört hast, wie drinnen die beiden
Frauen des Brahmanen keiften, mit lauten, schreienden Stimmen sich
zankten und sich gegenseitig mit groben Schimpfworten bewarfen--dann
bist du sozusagen auch an meinem Hause vorübergekommen.
Und es wurde nun leider auch eine sprichwörtliche Redensart in Ujjeni;
"Die beiden vertragen sich wie die Frauen Kamanitas."