So lebte ich denn im Elternhause zu Ujjeni.--Diese meine Vaterstadt, o
Fremder, ist ja aber nicht weniger durch ihre Lustbarkeit und rauschende
Lebensfreude als wegen ihrer glänzenden Paläste, und prächtigen Tempel
in ganz Indien berühmt. Ihre breiten Straßen hallen bei Tage vom Wiehern
der Pferde und Trompeten der Elefanten wider, und bei Nacht vom
Lautenspiele der Verliebten und von den Liedern fröhlicher Zecher.
Besonders aber erfreuen sich die Hetären Ujjenis eines außerordentlichen
Rufes. Von den großen Kurtisanen, die in Palästen wohnen, Tempel den
Göttern und öffentliche Gärten dem Volke stiften und in deren
Empfangssälen man Dichter und Künstler, Schauspieler, vornehme Fremde,
ja manchmal sogar Prinzen trifft--bis zu den gewöhnlichen Dirnen herab
sind sie alle von schwellgliedriger Schönheit und unbeschreiblicher
Anmut. Bei den großen Festlichkeiten, bei Aufzügen und Schaustellungen
bilden sie den Hauptschmuck der blumenprangenden, wimpelumflatterten
Straßen. In cochenilleroten Kleidern, duftende Kränze in den Händen, von
Wohlgerüchen umwallt, von Diamanten funkelnd, siehst du sie dann, o
Bruder, auf ihren besonderen Prachttribünen sitzen oder die Straßen
dahinziehen, mit liebevollen Blicken, aufreizenden Gebärden und
lachenden Scherzworten allerwärts die Sinnenglut der Lustverlangenden zu
hellen Flammen schürend.
Vom König verehrt, vom Volke angebetet, von den Dichtern besungen,
heißen sie ja "die bunte Blumenkrone des felsenragenden Ujjeni" und
ziehen uns den Neid der weniger begünstigten Nachbarstädte zu. Öfters
gastieren auch dort die hervorragendsten unserer Schönheiten, ja es
kommt sogar vor, daß eine solche durch eine königliche Verordnung
zurückgerufen werden muß.
Mir, der ich nun meinen lebenverzehrenden Kummer ertränken wollte, wurde
von den Händen dieser fröhlichen Schwesterschaft der goldige Lustkelch
des berauschenden Vergessenheitstrankes willig und reichlich an die
Lippen geführt. Durch meine vielen Fähigkeiten und großen Kenntnisse der
schönen Künste aller Art und nicht weniger aller geselligen Spiele wurde
ich ein gern gesehener Gast der großen Kurtisanen, von denen eine sogar,
deren Gunst mit Geld kaum aufzuwiegen war, sich zuletzt so
leidenschaftlich in mich verliebte, daß sie sich meinetwegen mit einem
Prinzen überwarf. Andererseits wurde ich durch meine völlige
Beherrschung der Gaunersprache leicht vertraut mit den Dirnen der
Gäßchen, deren Gesellschaft ich auf dem Wege derben Lebensgenusses
keineswegs verschmähte, und von denen mehrere mir von Herzen ergeben
waren.
So tauchte ich denn tief in den rauschenden Strudel der Vergnügungen
meiner Vaterstadt, und es wurde, o Fremder, eine sprichwörtliche
Redensart in Ujjeni: "Ein Lebemann wie der junge Kamanita."
Nun zeigte es sich aber, daß schlechte Gewohnheiten, ja selbst Laster
manchmal dem Menschen einen Glücksfall bringen, so daß der weltlich
Gesinnte nicht leicht entscheiden kann, ob er am meisten seinen guten
oder seinen schlechten Eigenschaften sein Gedeihen zu verdanken hat.
Jene Vertrautheit mit den niedrigeren Dirnen kam mir nämlich sehr
zustatten. Im Hause meines Vaters wurde ein Einbruch verübt, und
Juwelen, die ihm zum großen Teil zur Schätzung anvertraut waren,
gestohlen, und zwar in einem Betrage, der kaum mehr zu ersetzen war. Ich
war außer mir, denn völliger Ruin drohte uns. Vergebens bot ich alle die
Kenntnisse auf, die ich im Walde mir erworben hatte. Nach der Weise, wie
der unterirdische Gang angelegt war, konnte ich wohl sagen, was für
einer Art von Dieben die Täterschaft zuzuschreiben sei. Aber selbst
dieser so nützliche Wink war zwecklos für die Polizei--die allerdings in
Ujjeni nicht auf ähnlicher Höhe steht wie die Hetärenwirtschaft, was
vielleicht nicht ganz ohne inneren Zusammenhang sein mag. Habe ich doch
in einem sehr gelehrten Vortrag über das Liebesleben der verschiedenen
Stände folgenden Satz gehört: "Die Liebesabenteuer des Polizeimeisters
haben während der nächtlichen Inspizierung stattzufinden und zwar mit
den Stadtdirnen;"--was in Verbindung mit jener Vorlesung Vajaçravas'
"Über die Nützlichkeit der Dirnen zum Hineinlegen der Polizei" in jener
Zeit des ängstlichen Wartens mir manches zu denken gab.
Nun scheint es ja aber in dieser unserer sonderbaren Welt so
eingerichtet zu sein, daß die linke Seite für das aufkommen muß, was die
rechte versäumt. Und so geschah es denn auch hier, daß jene üppige Blüte
Ujjenis mir die Frucht trug, welche der, vielleicht wegen dieser
Üppigkeit etwas kümmerlich geratene Dornenhag des Polizeiwesens zu
zeitigen nicht vermochte. Denn die guten Mädchen, als sie mich wegen der
mir und den Meinigen drohenden Not untröstlich sahen, ermittelten die
Täter und zwangen sie, durch Androhung völliger Entziehung ihrer Gunst,
die Beute wieder herauszugeben, so daß wir glimpflich davon kamen, mit
Verlust des Wenigen, das schon verpraßt gewesen, und mit einem
Schrecken, der für mich nicht ohne gute Wirkung blieb.
Durch ihn wurde ich nämlich aus meinem Zeit und Jugendkraft unnütz
vergeudenden Wüstlingsleben aufgerüttelt. Dieses war ohnehin zu einem
Punkt gelangt, wo es mich entweder unter dem Joch der Gewohnheit völlig
knechten und versumpfen lassen, oder aber mich anzuwidern anfangen
mußte. Die letztere Wirkung wurde nun eben durch jenes Erlebnis
gefördert. Ich hatte die Armut mir ins Gesicht starren sehen--die Armut,
der mich jenes Leben wehrlos überliefert hätte, um mich dann treulos mit
allen seinen kostspieligen Freuden zu verlassen. Nun besann ich mich auf
jenes Wort des Kaufmannes am Grabe Vajaçravas: "Wenn ich so hoch in
Gunst bei Vajaçravas stände wie du, dann würde ich in wenigen Jahren der
reichste Mann in Kosambi sein." Und ich beschloß, der reichste Mann in
Ujjeni zu werden, und zu diesem Zwecke mich mit aller Kraft auf den
Karawanenhandel zu verlegen.
Ob nun mein im Jenseits weilender Freund und Meister, Vajaçravas, mir
bei meinen Unternehmungen in eigener Person beistand, wage ich nicht zu
entscheiden, wiewohl ich es manchmal glaubte; sicher aber ist, daß seine
Worte es jetzt nachträglich taten. Denn daß ich durch seine Belehrung
mit allen Gewohnheiten und Gebräuchen der verschiedenen Räuberarten
vertraut, ja selbst in ihre geheimen Regeln eingeweiht war, das setzte
mich jetzt in den Stand, ohne törichte Waghalsigkeit Unternehmungen
durchzuführen, die ein anderer nimmermehr hätte wagen dürfen. Gerade
solche aber suchte ich mir jetzt aus und gab mich mit gewöhnlichen
Reisen gar nicht mehr ab.
Wenn ich nun eine große Karawane nach einer Stadt führte, zu der
monatelang keine andere hatte vordringen können, weil gerade zu der Zeit
starke Räuberbanden die Gegend gleichsam abgesperrt hatten, so fand ich
die Einwohner dermaßen auf meine Waren erpicht, daß ich diese manchmal
mit dem zehnfachen Gewinn absetzen konnte. Aber damit nicht genug: einen
unschätzbaren Vorteil zog ich aus jener Belehrung "über die Kennzeichen
der für Bestechung zugänglichen Beamten höheren und niederen Ranges
nebst Anweisung über die dabei in Frage kommenden Geldbeträge"; und was
ich im Verlauf weniger Jahre durch geschickte Benutzung dieser Winke
gewonnen habe, kommt für sich allein einem mäßigen Vermögen gleich.--
So vergingen denn einige Jahre in gesundem Wechsel zwischen allerlei
Lebensgenüssen meiner freudigen Vaterstadt und gefahrreichen
Geschäftsreisen, die übrigens bei allem Ernst auch nicht die Lust
ausschlossen; denn ich stieg in den fremden Städten immer bei einer
Hetäre ab, an die ich gewöhnlich von einer gemeinsamen Ujjenier Freundin
empfohlen war, und die meine Kaufmannsgeschäfte oft gar schlau für mich
einfädelte.
Eines Tages trat nun mein Vater vormittags in mein Zimmer, als ich
gerade damit beschäftigt war, auf meine Lippen Lackfarbe aufzutragen,
während ich gleichzeitig meinem Diener Anweisungen gab, der im Hofe vor
meinem Fenster mein Lieblingspferd sattelte. Das mußte diesmal mit
besonderer Sorgfalt geschehen, und es sollten durch eine eigenartige
Vorrichtung Kissen angeschnallt werden, denn ich mußte unterwegs eine
Gazellenäugige vor mir im Sattel halten. Ich hatte nämlich mit mehreren
Freunden und Freundinnen einen Besuch in einem öffentlichen Garten
verabredet.
Ich wollte sofort meinem Vater Erfrischungen bringen lassen; er lehnte
es aber ab, und als ich ihm aus meiner goldenen Dose wohlriechende
Mundkügelchen anbot, schlug er auch diese aus und nahm nur etwas Betel.
Ich schloß daraus sofort, nicht ohne einige Beklemmung, daß er wohl
etwas Ernstes vorhaben mochte.
"Ich sehe, daß du dich zu einem Vergnügungsausflug bereit machst, mein
Sohn," sagte er, nachdem er auf dem ihm von mir gebotenen Sitze Platz
genommen hatte; "auch kann ich dies keineswegs tadeln, da du erst
kürzlich von einer anstrengenden Geschäftsreise zurückgekehrt bist. Wo
willst du heute hin, mein Sohn?"
"Ich will, Vater, mit einigen Freunden und Freundinnen nach dem Garten
der hundert Lotusteiche reiten, wo wir uns mit Spielen belustigen
wollen."
"Gut, sehr gut, mein Sohn! Reizend, entzückend ist ja der Aufenthalt im
Garten der hundert Lotusteiche--tiefer Schatten der Bäume und kühlender
Hauch des Wassers laden da zum Verweilen ein. Auch sind artige und
sinnige Spiele zu loben, denn sie beschäftigen Körper und Geist ohne sie
anzustrengen. Ob wohl jetzt noch dieselben Spiele gebräuchlich sind, die
wir in meiner Jugend spielten? Was meinst du, Kamanita, wird wohl heute
dort gespielt werden?"
"Es kommt darauf an, Vater, wer von uns mit seinem Vorschlage
durchdringt. Ich weiß, daß Nimi das Wasserspritzspiel vorschlagen will."
"Das kenne ich nicht," sagte mein Vater.
"Nein, Nimi hat es im Süden gelernt, wo es sehr Mode ist. Man füllt
dabei Bambusrohre mit Wasser und bespritzt sich gegenseitig, und wer am
nassesten wird, hat verloren. Das ist sehr drollig.--Kolliya aber will
den Kadambakampf in Vorschlag bringen."
Mein Vater schüttelte den Kopf:
"Das kenn' ich auch nicht."
"O, das ist jetzt sehr beliebt. Die Spielenden teilen sich in zwei
Parteien, die einander bekämpfen, und dabei dienen eben die Zweige des
Kadambastrauches mit ihren großen, goldigen Blüten als gar prächtige
Schlagwaffen. Durch den Blütenstaub sind die Wunden kenntlich, so daß
die Kampfrichter danach entscheiden können, welche Partei gewonnen hat.
Das Ganze ist recht spannend und hat etwas Zierliches. Ich aber
beabsichtige, das Hochzeitsspiel vorzuschlagen."
"Das ist ein gutes altes Spiel," sagte mein Vater mit einem auffallenden
Schmunzeln, "und es freut mich recht, daß du dafür eintreten willst,
denn das zeugt von deiner Gesinnung. Vom Spiel zum Ernst ist der Schritt
nicht gar zu groß."
Dabei schmunzelte er wieder selbstgefällig, und mir wurde recht gruselig
zumute.
"Ja, mein Sohn," fuhr er fort, "ich komme dabei gerade auf das, was mich
heute zu dir geführt hat. Du hast bei deinen vielen Kaufmannsreisen
durch Geschicklichkeit und Glück unser Vermögen vervielfacht, so daß das
Gedeihen unserer Geschäfte in Ujjeni sprichwörtlich geworden ist.
Andererseits hast du aber auch in vollen Zügen deine Jugendfreiheit
genossen. Aus dem ersteren folgt, daß du wohl imstande bist, deinen
eigenen Haushalt zu gründen. Aus dem zweiten, daß es jetzt auch für dich
an der Zeit ist, dies zu tun und daran zu denken, den Faden des
Geschlechts weiterzuspinnen. Um dir, meinem lieben Sohn, alles recht
leicht zu machen, habe ich schon im Voraus eine Braut für dich
ausgesucht. Es ist die älteste Tochter unseres Nachbars Sanjaya, des
großen Kaufmannes, die erst kürzlich das heiratsfähige Alter erreicht
hat. Sie stammt also, wie du siehst, aus einer ebenbürtigen, achtbaren
und sehr begüterten Familie und hat großen Verwandtenanhang, sowohl von
väterlicher wie von mütterlicher Seite. Ihr Körper ist makellos; sie hat
Haare von der Schwärze der Biene, ein Gesicht wie der Mond, die Augen
eines Gazellenlammes, eine der Sesamblüte ähnelnde Nase, Zähne wie
Perlen und Bimbalippen, von denen eine Stimme so süß wie die der Kokila
ertönt. Ihr Schenkelpaar ist herzerfreuend wie ein Pisangstamm, und
durch die Fülle der Hüften beschwert, hat ihr Gang die lässige Majestät
des Ilfen. Du wirst also unmöglich etwas gegen sie einwenden können."
Ich hatte in der Tat nichts gegen sie einzuwenden, außer etwa, daß ihre
vielen mir so poetisch angepriesenen Reize mich völlig kalt ließen. Und
ich gestehe, daß von allen Hochzeitszeremonien mir diejenige der drei
Nächte der Enthaltsamkeit, in denen ich der Satzung gemäß mit meiner
jungen Gattin, nichts Scharfgewürztes essend, auf dem Boden schlafend
und das Hausfeuer unterhaltend, die Keuschheit zu bewahren hatte, die am
wenigsten lästige war.
Eine ungeliebte Frau, o Bruder, macht das Heim nicht lieb und das Haus
nicht fesselnd, und so begab ich mich von jetzt ab fast noch williger
als zuvor auf Reisen und kümmerte mich in der Zwischenzeit nur um meine
Geschäfte. Und da ich--um der Wahrheit die Ehre zu geben--bei diesen
nicht gar zu skrupelhaft zu Werke ging, sondern ohne viel Bedenken
meinen Vorteil nahm, wo ich ihn sah, so wuchs mein Reichtum dermaßen,
daß ich mich nach wenigen Jahren dem Ziel meines Ehrgeizes nahe fand und
einer der reichsten Bürger meiner Vaterstadt war.
Nun wollte ich aber auch als Hausherr und Familienvater--denn meine
Gattin hatte mir zwei Töchter geboren--meines Reichtums recht genießen
und besonders auch vor meinen Mitbürgern damit prunken. Ich erwarb mir
deshalb ein großes Grundstück in der Vorstadt, wo ich einen gar
prächtigen Lustgarten anlegte und in seiner Mitte ein geräumiges, mit
marmornen Säulenhallen versehenes Haus errichten ließ. Dies Besitztum
wurde zu den Wundern Ujjenis gerechnet, und selbst der König kam, um es
zu besichtigen.
Hier veranstaltete ich nun märchenhafte Gartenfeste und gab die
üppigsten Gastmähler. Denn ich hatte mich mehr und mehr auf die Freuden
der Tafel geworfen. Die leckersten Speisen, die zur betreffenden
Jahreszeit überhaupt für Geld zu haben waren, mußten auf meinem Tische
sein, selbst zu den täglichen Mahlzeiten. Damals war ich nicht, wie du
mich jetzt siehst, durch lange Wanderungen, durch Waldaufenthalt und
Askese hager und abgezehrt, sondern von blühender Körperfülle; ja ein
Bäuchlein hatte schon angefangen sich zu runden.
Und es wurde, o Fremder, eine sprichwörtliche Redensart in Ujjeni: "Man
ißt bei ihm, wie beim Kaufmann Kamanita."