XIII. DER LEBEMANN

So lebte ich denn im Elternhause zu Ujjeni.--Diese meine Vaterstadt, o

Fremder, ist ja aber nicht weniger durch ihre Lustbarkeit und rauschende

Lebensfreude als wegen ihrer glänzenden Paläste, und prächtigen Tempel

in ganz Indien berühmt. Ihre breiten Straßen hallen bei Tage vom Wiehern

der Pferde und Trompeten der Elefanten wider, und bei Nacht vom

Lautenspiele der Verliebten und von den Liedern fröhlicher Zecher.

Besonders aber erfreuen sich die Hetären Ujjenis eines außerordentlichen

Rufes. Von den großen Kurtisanen, die in Palästen wohnen, Tempel den

Göttern und öffentliche Gärten dem Volke stiften und in deren

Empfangssälen man Dichter und Künstler, Schauspieler, vornehme Fremde,

ja manchmal sogar Prinzen trifft--bis zu den gewöhnlichen Dirnen herab

sind sie alle von schwellgliedriger Schönheit und unbeschreiblicher

Anmut. Bei den großen Festlichkeiten, bei Aufzügen und Schaustellungen

bilden sie den Hauptschmuck der blumenprangenden, wimpelumflatterten

Straßen. In cochenilleroten Kleidern, duftende Kränze in den Händen, von

Wohlgerüchen umwallt, von Diamanten funkelnd, siehst du sie dann, o

Bruder, auf ihren besonderen Prachttribünen sitzen oder die Straßen

dahinziehen, mit liebevollen Blicken, aufreizenden Gebärden und

lachenden Scherzworten allerwärts die Sinnenglut der Lustverlangenden zu

hellen Flammen schürend.

Vom König verehrt, vom Volke angebetet, von den Dichtern besungen,

heißen sie ja "die bunte Blumenkrone des felsenragenden Ujjeni" und

ziehen uns den Neid der weniger begünstigten Nachbarstädte zu. Öfters

gastieren auch dort die hervorragendsten unserer Schönheiten, ja es

kommt sogar vor, daß eine solche durch eine königliche Verordnung

zurückgerufen werden muß.

Mir, der ich nun meinen lebenverzehrenden Kummer ertränken wollte, wurde

von den Händen dieser fröhlichen Schwesterschaft der goldige Lustkelch

des berauschenden Vergessenheitstrankes willig und reichlich an die

Lippen geführt. Durch meine vielen Fähigkeiten und großen Kenntnisse der

schönen Künste aller Art und nicht weniger aller geselligen Spiele wurde

ich ein gern gesehener Gast der großen Kurtisanen, von denen eine sogar,

deren Gunst mit Geld kaum aufzuwiegen war, sich zuletzt so

leidenschaftlich in mich verliebte, daß sie sich meinetwegen mit einem

Prinzen überwarf. Andererseits wurde ich durch meine völlige

Beherrschung der Gaunersprache leicht vertraut mit den Dirnen der

Gäßchen, deren Gesellschaft ich auf dem Wege derben Lebensgenusses

keineswegs verschmähte, und von denen mehrere mir von Herzen ergeben

waren.

So tauchte ich denn tief in den rauschenden Strudel der Vergnügungen

meiner Vaterstadt, und es wurde, o Fremder, eine sprichwörtliche

Redensart in Ujjeni: "Ein Lebemann wie der junge Kamanita."

Nun zeigte es sich aber, daß schlechte Gewohnheiten, ja selbst Laster

manchmal dem Menschen einen Glücksfall bringen, so daß der weltlich

Gesinnte nicht leicht entscheiden kann, ob er am meisten seinen guten

oder seinen schlechten Eigenschaften sein Gedeihen zu verdanken hat.

Jene Vertrautheit mit den niedrigeren Dirnen kam mir nämlich sehr

zustatten. Im Hause meines Vaters wurde ein Einbruch verübt, und

Juwelen, die ihm zum großen Teil zur Schätzung anvertraut waren,

gestohlen, und zwar in einem Betrage, der kaum mehr zu ersetzen war. Ich

war außer mir, denn völliger Ruin drohte uns. Vergebens bot ich alle die

Kenntnisse auf, die ich im Walde mir erworben hatte. Nach der Weise, wie

der unterirdische Gang angelegt war, konnte ich wohl sagen, was für

einer Art von Dieben die Täterschaft zuzuschreiben sei. Aber selbst

dieser so nützliche Wink war zwecklos für die Polizei--die allerdings in

Ujjeni nicht auf ähnlicher Höhe steht wie die Hetärenwirtschaft, was

vielleicht nicht ganz ohne inneren Zusammenhang sein mag. Habe ich doch

in einem sehr gelehrten Vortrag über das Liebesleben der verschiedenen

Stände folgenden Satz gehört: "Die Liebesabenteuer des Polizeimeisters

haben während der nächtlichen Inspizierung stattzufinden und zwar mit

den Stadtdirnen;"--was in Verbindung mit jener Vorlesung Vajaçravas'

"Über die Nützlichkeit der Dirnen zum Hineinlegen der Polizei" in jener

Zeit des ängstlichen Wartens mir manches zu denken gab.

Nun scheint es ja aber in dieser unserer sonderbaren Welt so

eingerichtet zu sein, daß die linke Seite für das aufkommen muß, was die

rechte versäumt. Und so geschah es denn auch hier, daß jene üppige Blüte

Ujjenis mir die Frucht trug, welche der, vielleicht wegen dieser

Üppigkeit etwas kümmerlich geratene Dornenhag des Polizeiwesens zu

zeitigen nicht vermochte. Denn die guten Mädchen, als sie mich wegen der

mir und den Meinigen drohenden Not untröstlich sahen, ermittelten die

Täter und zwangen sie, durch Androhung völliger Entziehung ihrer Gunst,

die Beute wieder herauszugeben, so daß wir glimpflich davon kamen, mit

Verlust des Wenigen, das schon verpraßt gewesen, und mit einem

Schrecken, der für mich nicht ohne gute Wirkung blieb.

Durch ihn wurde ich nämlich aus meinem Zeit und Jugendkraft unnütz

vergeudenden Wüstlingsleben aufgerüttelt. Dieses war ohnehin zu einem

Punkt gelangt, wo es mich entweder unter dem Joch der Gewohnheit völlig

knechten und versumpfen lassen, oder aber mich anzuwidern anfangen

mußte. Die letztere Wirkung wurde nun eben durch jenes Erlebnis

gefördert. Ich hatte die Armut mir ins Gesicht starren sehen--die Armut,

der mich jenes Leben wehrlos überliefert hätte, um mich dann treulos mit

allen seinen kostspieligen Freuden zu verlassen. Nun besann ich mich auf

jenes Wort des Kaufmannes am Grabe Vajaçravas: "Wenn ich so hoch in

Gunst bei Vajaçravas stände wie du, dann würde ich in wenigen Jahren der

reichste Mann in Kosambi sein." Und ich beschloß, der reichste Mann in

Ujjeni zu werden, und zu diesem Zwecke mich mit aller Kraft auf den

Karawanenhandel zu verlegen.

Ob nun mein im Jenseits weilender Freund und Meister, Vajaçravas, mir

bei meinen Unternehmungen in eigener Person beistand, wage ich nicht zu

entscheiden, wiewohl ich es manchmal glaubte; sicher aber ist, daß seine

Worte es jetzt nachträglich taten. Denn daß ich durch seine Belehrung

mit allen Gewohnheiten und Gebräuchen der verschiedenen Räuberarten

vertraut, ja selbst in ihre geheimen Regeln eingeweiht war, das setzte

mich jetzt in den Stand, ohne törichte Waghalsigkeit Unternehmungen

durchzuführen, die ein anderer nimmermehr hätte wagen dürfen. Gerade

solche aber suchte ich mir jetzt aus und gab mich mit gewöhnlichen

Reisen gar nicht mehr ab.

Wenn ich nun eine große Karawane nach einer Stadt führte, zu der

monatelang keine andere hatte vordringen können, weil gerade zu der Zeit

starke Räuberbanden die Gegend gleichsam abgesperrt hatten, so fand ich

die Einwohner dermaßen auf meine Waren erpicht, daß ich diese manchmal

mit dem zehnfachen Gewinn absetzen konnte. Aber damit nicht genug: einen

unschätzbaren Vorteil zog ich aus jener Belehrung "über die Kennzeichen

der für Bestechung zugänglichen Beamten höheren und niederen Ranges

nebst Anweisung über die dabei in Frage kommenden Geldbeträge"; und was

ich im Verlauf weniger Jahre durch geschickte Benutzung dieser Winke

gewonnen habe, kommt für sich allein einem mäßigen Vermögen gleich.--

So vergingen denn einige Jahre in gesundem Wechsel zwischen allerlei

Lebensgenüssen meiner freudigen Vaterstadt und gefahrreichen

Geschäftsreisen, die übrigens bei allem Ernst auch nicht die Lust

ausschlossen; denn ich stieg in den fremden Städten immer bei einer

Hetäre ab, an die ich gewöhnlich von einer gemeinsamen Ujjenier Freundin

empfohlen war, und die meine Kaufmannsgeschäfte oft gar schlau für mich

einfädelte.

Eines Tages trat nun mein Vater vormittags in mein Zimmer, als ich

gerade damit beschäftigt war, auf meine Lippen Lackfarbe aufzutragen,

während ich gleichzeitig meinem Diener Anweisungen gab, der im Hofe vor

meinem Fenster mein Lieblingspferd sattelte. Das mußte diesmal mit

besonderer Sorgfalt geschehen, und es sollten durch eine eigenartige

Vorrichtung Kissen angeschnallt werden, denn ich mußte unterwegs eine

Gazellenäugige vor mir im Sattel halten. Ich hatte nämlich mit mehreren

Freunden und Freundinnen einen Besuch in einem öffentlichen Garten

verabredet.

Ich wollte sofort meinem Vater Erfrischungen bringen lassen; er lehnte

es aber ab, und als ich ihm aus meiner goldenen Dose wohlriechende

Mundkügelchen anbot, schlug er auch diese aus und nahm nur etwas Betel.

Ich schloß daraus sofort, nicht ohne einige Beklemmung, daß er wohl

etwas Ernstes vorhaben mochte.

"Ich sehe, daß du dich zu einem Vergnügungsausflug bereit machst, mein

Sohn," sagte er, nachdem er auf dem ihm von mir gebotenen Sitze Platz

genommen hatte; "auch kann ich dies keineswegs tadeln, da du erst

kürzlich von einer anstrengenden Geschäftsreise zurückgekehrt bist. Wo

willst du heute hin, mein Sohn?"

"Ich will, Vater, mit einigen Freunden und Freundinnen nach dem Garten

der hundert Lotusteiche reiten, wo wir uns mit Spielen belustigen

wollen."

"Gut, sehr gut, mein Sohn! Reizend, entzückend ist ja der Aufenthalt im

Garten der hundert Lotusteiche--tiefer Schatten der Bäume und kühlender

Hauch des Wassers laden da zum Verweilen ein. Auch sind artige und

sinnige Spiele zu loben, denn sie beschäftigen Körper und Geist ohne sie

anzustrengen. Ob wohl jetzt noch dieselben Spiele gebräuchlich sind, die

wir in meiner Jugend spielten? Was meinst du, Kamanita, wird wohl heute

dort gespielt werden?"

"Es kommt darauf an, Vater, wer von uns mit seinem Vorschlage

durchdringt. Ich weiß, daß Nimi das Wasserspritzspiel vorschlagen will."

"Das kenne ich nicht," sagte mein Vater.

"Nein, Nimi hat es im Süden gelernt, wo es sehr Mode ist. Man füllt

dabei Bambusrohre mit Wasser und bespritzt sich gegenseitig, und wer am

nassesten wird, hat verloren. Das ist sehr drollig.--Kolliya aber will

den Kadambakampf in Vorschlag bringen."

Mein Vater schüttelte den Kopf:

"Das kenn' ich auch nicht."

"O, das ist jetzt sehr beliebt. Die Spielenden teilen sich in zwei

Parteien, die einander bekämpfen, und dabei dienen eben die Zweige des

Kadambastrauches mit ihren großen, goldigen Blüten als gar prächtige

Schlagwaffen. Durch den Blütenstaub sind die Wunden kenntlich, so daß

die Kampfrichter danach entscheiden können, welche Partei gewonnen hat.

Das Ganze ist recht spannend und hat etwas Zierliches. Ich aber

beabsichtige, das Hochzeitsspiel vorzuschlagen."

"Das ist ein gutes altes Spiel," sagte mein Vater mit einem auffallenden

Schmunzeln, "und es freut mich recht, daß du dafür eintreten willst,

denn das zeugt von deiner Gesinnung. Vom Spiel zum Ernst ist der Schritt

nicht gar zu groß."

Dabei schmunzelte er wieder selbstgefällig, und mir wurde recht gruselig

zumute.

"Ja, mein Sohn," fuhr er fort, "ich komme dabei gerade auf das, was mich

heute zu dir geführt hat. Du hast bei deinen vielen Kaufmannsreisen

durch Geschicklichkeit und Glück unser Vermögen vervielfacht, so daß das

Gedeihen unserer Geschäfte in Ujjeni sprichwörtlich geworden ist.

Andererseits hast du aber auch in vollen Zügen deine Jugendfreiheit

genossen. Aus dem ersteren folgt, daß du wohl imstande bist, deinen

eigenen Haushalt zu gründen. Aus dem zweiten, daß es jetzt auch für dich

an der Zeit ist, dies zu tun und daran zu denken, den Faden des

Geschlechts weiterzuspinnen. Um dir, meinem lieben Sohn, alles recht

leicht zu machen, habe ich schon im Voraus eine Braut für dich

ausgesucht. Es ist die älteste Tochter unseres Nachbars Sanjaya, des

großen Kaufmannes, die erst kürzlich das heiratsfähige Alter erreicht

hat. Sie stammt also, wie du siehst, aus einer ebenbürtigen, achtbaren

und sehr begüterten Familie und hat großen Verwandtenanhang, sowohl von

väterlicher wie von mütterlicher Seite. Ihr Körper ist makellos; sie hat

Haare von der Schwärze der Biene, ein Gesicht wie der Mond, die Augen

eines Gazellenlammes, eine der Sesamblüte ähnelnde Nase, Zähne wie

Perlen und Bimbalippen, von denen eine Stimme so süß wie die der Kokila

ertönt. Ihr Schenkelpaar ist herzerfreuend wie ein Pisangstamm, und

durch die Fülle der Hüften beschwert, hat ihr Gang die lässige Majestät

des Ilfen. Du wirst also unmöglich etwas gegen sie einwenden können."

Ich hatte in der Tat nichts gegen sie einzuwenden, außer etwa, daß ihre

vielen mir so poetisch angepriesenen Reize mich völlig kalt ließen. Und

ich gestehe, daß von allen Hochzeitszeremonien mir diejenige der drei

Nächte der Enthaltsamkeit, in denen ich der Satzung gemäß mit meiner

jungen Gattin, nichts Scharfgewürztes essend, auf dem Boden schlafend

und das Hausfeuer unterhaltend, die Keuschheit zu bewahren hatte, die am

wenigsten lästige war.

Eine ungeliebte Frau, o Bruder, macht das Heim nicht lieb und das Haus

nicht fesselnd, und so begab ich mich von jetzt ab fast noch williger

als zuvor auf Reisen und kümmerte mich in der Zwischenzeit nur um meine

Geschäfte. Und da ich--um der Wahrheit die Ehre zu geben--bei diesen

nicht gar zu skrupelhaft zu Werke ging, sondern ohne viel Bedenken

meinen Vorteil nahm, wo ich ihn sah, so wuchs mein Reichtum dermaßen,

daß ich mich nach wenigen Jahren dem Ziel meines Ehrgeizes nahe fand und

einer der reichsten Bürger meiner Vaterstadt war.

Nun wollte ich aber auch als Hausherr und Familienvater--denn meine

Gattin hatte mir zwei Töchter geboren--meines Reichtums recht genießen

und besonders auch vor meinen Mitbürgern damit prunken. Ich erwarb mir

deshalb ein großes Grundstück in der Vorstadt, wo ich einen gar

prächtigen Lustgarten anlegte und in seiner Mitte ein geräumiges, mit

marmornen Säulenhallen versehenes Haus errichten ließ. Dies Besitztum

wurde zu den Wundern Ujjenis gerechnet, und selbst der König kam, um es

zu besichtigen.

Hier veranstaltete ich nun märchenhafte Gartenfeste und gab die

üppigsten Gastmähler. Denn ich hatte mich mehr und mehr auf die Freuden

der Tafel geworfen. Die leckersten Speisen, die zur betreffenden

Jahreszeit überhaupt für Geld zu haben waren, mußten auf meinem Tische

sein, selbst zu den täglichen Mahlzeiten. Damals war ich nicht, wie du

mich jetzt siehst, durch lange Wanderungen, durch Waldaufenthalt und

Askese hager und abgezehrt, sondern von blühender Körperfülle; ja ein

Bäuchlein hatte schon angefangen sich zu runden.

Und es wurde, o Fremder, eine sprichwörtliche Redensart in Ujjeni: "Man

ißt bei ihm, wie beim Kaufmann Kamanita."

Der Pilger Kamanita: Ein Legendenroman · 第 17 / 55 题