Ja, sie war es. Keine Möglichkeit, sich in diesen Zügen zu
täuschen,--und doch ähnelten sie sich selber nicht, und ähnelten in der
Tat nichts, das ich je gesehen hatte; in einem so namenlosen,
übermenschlichen Jammer schienen sie versteinert zu sein.
Als ich wieder zur Besinnung kam, zogen gerade die Letzten des Zuges
vorüber. Man schrieb meine plötzliche Ohnmacht der Hitze und dem
Menschengedränge zu. Willenlos ließ ich mich in die nächste Karawanserei
bringen.
Hier warf ich mich in der dunkelsten Ecke nieder, das Gesicht nach der
Wand gekehrt, und blieb da, in Tränen gebadet und alle Speise
verschmähend, tagelang liegen, nachdem ich jenem alten Diener und
Karawanenführer, der mich schon auf der ersten Fahrt begleitet,
Anweisung gegeben hatte, so schnell wie möglich und selbst unter
schlechten Bedingungen unsere Waren loszuschlagen, da ich zu krank sei,
um mich mit Geschäften abzugeben. In der Tat konnte ich nur an meinen
unfaßbaren Verlust denken; auch wollte ich mich nicht in der Stadt
zeigen, um von niemand erkannt zu werden. Denn ich wollte vor allem
verhindern, daß Vasitthi von meiner Anwesenheit etwas erführe.
Ihr Bild, wie ich sie zuletzt gesehen, schwebte mir fortwährend vor der
Seele. Wohl war ich über ihren Wankelmut oder eher ihre Schwäche
entrüstet; denn ich sah wohl ein, daß nur die letzte in Frage kam, und
daß sie dem Drängen der Eltern nicht hatte widerstehen können. Daß sie
dem triumphierenden Ministersohn nicht ihr Herz zugewandt hatte, davon
zeugten ihre Haltung und Miene deutlich genug. Wenn ich mich aber ihrer
erinnerte, wie sie im Krishnahaine leuchtenden Blickes mir ewige Treue
zugeschworen hatte, verstand ich nicht, wie es möglich war, daß sie so
bald nachgegeben hatte, und ich sagte mir unter bitterem Seufzen, daß
auf Mädchenschwüre kein Verlaß sei. Aber immer wieder tauchte jenes
Gesicht voll tiefsten Jammers vor mir auf--und sofort war dann auch
jeder Groll verscheucht, nur das innigste Mitleid wallte ihm entgegen;
und so beschloß ich fest, ihren Kummer nicht dadurch noch zu vermehren,
daß von meiner jetzigen Anwesenheit in Kosambi ihr etwas zu Gehör käme.
Nie mehr sollte sie etwas von mir erfahren; sicher würde sie dann
glauben, daß ich gestorben sei, und sich in ihr Schicksal, dem es ja an
äußerem Glanz nicht fehlte, nach und nach ergeben.
Ein günstiger Umstand fügte es, daß mein alter Diener unerwartet schnell
die Waren sehr vorteilhaft eintauschte oder verkaufte, so daß ich schon
nach wenigen Tagen in früher Morgenstunde mit meiner Karawane Kosambi
verlassen konnte.
Als ich nun durch das westliche Stadttor hinausgekommen war, wandte ich
mich um und warf einen letzten Blick auf die Stadt, in deren Mauern ich
so Unvergeßliches an Freude und Leid erlebt hatte. Vor einigen Tagen,
als ich eingezogen, war ich dermaßen von ungeduldiger Erwartung erfaßt
gewesen, daß ich für nichts in der Nähe ein Auge gehabt hatte. So wurde
ich denn jetzt zum ersten Male gewahr, daß nicht nur die Zinnen des
Tores, sondern auch der Mauerrand zu beiden Seiten mit aufgespießten
Menschenköpfen schrecklich geschmückt war?
Kein Zweifel--es waren die Köpfe der hingerichteten Räuber aus der Bande
Angulimalas!
Zum ersten Male, seitdem ich Vasitthis Gesicht unter dem Baldachin
gesehen, erfüllte mich jetzt ein anderes Gefühl als das der Trauer,
indem ich mit unaussprechlichem Schauder diese Köpfe betrachtete, von
denen die Geier längst nur das Knochengerüst übrig gelassen hatten und
höchstens noch die Zöpfe oder hier und dort einen Bart, dessen
Urwüchsigkeit sein Gebiet geschützt hatte. So wären sie alle unerkennbar
gewesen, wenn nicht einer durch den wilden, roten Bart, ein anderer
durch die nach der Art der asketischen Flechtenträger am Scheitel
aufgewundenen Zöpfe sich verraten hätte. Diese beiden und zweifelsohne
auch viele der anderen hatten mir oft in der nächtlichen Runde
kameradschaftlich zugenickt, und ich erinnerte mich mit entsetzlicher
Anschaulichkeit, wie dieser rote Bart, im Mondesstrahle sprühend, bei
jenem Vortrage über die Stupidität der Nachtwächter vor Lustigkeit
gewackelt hatte, ja fast vermeinte ich aus dem lippenlosen Munde noch
das dröhnende Gelächter zu hören.
Aber auf der mittleren Torzinne erglänzte, etwas über die anderen
erhoben, ein mächtiger Schädel im Strahle der aufgehenden Sonne und zog
gebieterisch meine ganze Aufmerksamkeit auf sich. Wie sollte ich diese
Formen nicht wiedererkennen? Der war's, der uns damals zum Lachen
gebracht hatte, ohne selbst eine Miene seines Brahmanengesichtes zu
verziehen. Vajaçravas' Kopf dominierte hier, während der Angulimalas
zweifelsohne über dem östlichen Stadttor aufgesteckt war. Und ein
sonderbares Gefühl beschlich mich bei dem Gedanken, wie gründlich er
einst die verschiedenen Arten von Todesstrafen expliziert hatte--das
Vierteilen, das Zerreißen durch Hunde, die Pfählung, die
Enthauptung--und wie sorgfältig er dadurch begründen wollte, daß der
Räuber sich nicht fangen lassen dürfe; wenn er aber schon einmal
gefangen sei, versuchen müsse, durch alle Mittel zu entfliehen. Ach! Was
hatte ihm seine Wissenschaft geholfen? So wenig vermag der Mensch seinem
Schicksal zu entgehen, das ja nur die Frucht unserer Taten ist--sei es
in diesem, sei es in einem vorhergehenden Leben!
Und mir war es, als ob er durch seine leeren Augenhöhlen mich gar ernst
betrachtete und sein halb geöffneter Mund mir zuriefe: "... Kamanita,
Kamanita! betrachte mich genau, achte wohl auf diesen Anblick! Auch du,
mein Sohn, bist unter einem Räubergestirn geboren, auch du wirst die
nächtigen Pfade Kalis betreten, und ebenso wie ich hier, wirst auch du
einmal irgendwo enden."
Aber seltsam genug: diese Phantasie, die so lebhaft wie eine sinnliche
Wahrnehmung war, erfüllte mich nicht mit Schrecken und Schaudern. Meine
vermeintlich vorgeschriebene Räuberlaufbahn, der ich noch nie einen
ernsten Gedanken geschenkt hatte, stand plötzlich nicht nur in ernstem,
sondern sogar in verlockendem Lichte vor mir.
Räuberhäuptling!--Was konnte mir Elenden erwünschter sein? Denn daran
zweifelte ich keinen Augenblick, daß ich mit meinen vielen Fähigkeiten
und Kenntnissen, und besonders mit denen, die ich dem Unterricht des
ehrwürdigen Vajaçravas verdankte, eine leitende Stellung einnehmen
würde. Und welche Stellung käme denn für mich der eines Räuberhäuptlings
gleich? War doch selbst die eines Königs dagegen gering zu schätzen.
Denn konnte die mir Rache an Satagira verschaffen? Konnte die Vasitthi
in meine Arme führen? Ich sah mich selbst mitten im Walde im Kampfe mit
Satagira, dem ich mit einem wuchtigen Schwerthieb den Schädel spaltete;
und wieder sah ich mich, wie ich die ohnmächtige Vasitthi in meinen
Armen aus dem brennenden, von Räuberstimmen widerhallenden Palast
entführte.
Zum ersten Maie seit jenem jammervollen Anblick schlug mein Herz wieder
mutig und hoffnungsvoll einer Zukunft entgegen; zum ersten Male wünschte
ich mir nicht den Tod, sondern das Leben.
Von solchen Bildern erfüllt war ich kaum tausend Schritte weiter
gezogen, als ich vor mir auf dem Wege eine von der entgegengesetzten
Seite kommende Karawane halten sah, während der Führer an einem kleinen
Hügel unmittelbar an der Landstraße offenbar ein Opfer darbrachte.
Ich ging auf ihn zu, grüßte ihn höflich und fragte ihn, welche Gottheit
er hier verehrte.
"In diesem Grabe," antwortete er, "ruht der heilige Vajaçravas, dessen
Schutze ich es verdanke, daß ich, durch eine gefährliche Gegend ziehend,
heil und unversehrt an Leib und Gut nach Hause komme. Und ich rate dir
sehr, es ja nicht zu versäumen, hier ein passendes Opfer darzubringen.
Denn wenn du auch beim Einziehen in das waldige Gebiet hundert Waldhüter
mietetest, so würden die dir keine so gute Hilfe gegen Räuber sein, wie
es der Schutz dieses Heiligen ist."
"Mein lieber Mann!" entgegnete ich, "dieser Grabhügel scheint nur wenige
Monate alt zu sein, und wenn in ihm ein Vajaçravas begraben liegt, so
wird das gewiß kein Heiliger sein, sondern der Räuber dieses Namens."
Der Kaufmann aber nickte ruhig zustimmend.
"Der nämliche--gewiß.... Ich sah, wie er an dieser Stelle gepfählt
wurde. Und sein Kopf steckt noch über dem Tor. Nachdem er aber so die
vom Fürsten verhängte Strafe erlitten hat, ist er, dadurch von seinen
Sünden geläutert, fleckenlos in den Himmel eingegangen, und sein Geist
schützt jetzt den Reisenden gegen Räuber. Auch sagt man übrigens, daß er
schon während seines Räuberlebens ein gar gelehrter und fast heiliger
Mann gewesen sei; denn er wußte selbst geheime Teile des Veda
auswendig--wenigstens heißt es so."
"Das verhält sich wirklich so," versetzte ich, "denn ich habe ihn sehr
gut gekannt und darf mich sogar seinen Freund nennen."
Als der Kaufmann mich bei diesen Worten etwas erschrocken ansah, fuhr
ich fort:
"Du mußt nämlich wissen, daß ich einst bei dieser Bande in
Gefangenschaft geraten war, und daß Vajaçravas mir bei dieser
Gelegenheit zweimal das Leben gerettet hat."
Der Blick des Kaufmanns ging vom Schrecken zu bewunderndem Neid über:
"Nun, dann kannst du dich wahrlich glücklich preisen. Stünde ich so bei
ihm in Gunst, dann würde ich in wenigen Jahren der reichste Mann in
Kosambi sein. Und nun, eine glückliche Reise, Beneidenswerter!"
Damit ließ er seine Karawane sich wieder in Bewegung setzen.
Ich versäumte selbstverständlich nicht, am Grabe meines berühmten und
verehrten Freundes eine Totenspende niederzulegen, mein Gebet ging aber,
allen anderen hier abgehaltenen entgegen, darauf hinaus, daß er mich
geradeswegs in die Arme der nächsten Räuberbande leiten sollte, der ich
mich dann mit seiner Hilfe anschließen wollte und deren Führung, woran
ich nicht zweifelte, bald von selber in meine Hände übergehen würde.
Es sollte sich aber deutlich zeigen, daß mein gelehrter und nunmehr
durch Volksmund heilig gesprochener Freund sich geirrt hatte, als er
annahm, eine Räuberkonstellation habe über meiner Geburt geleuchtet.
Denn auf dem ganzen Weg nach Ujjeni trafen wir keine Spur von Räubern,
und doch wurde, kaum eine Woche nachdem wir einen großen Wald hart an
der Grenze Avantis gekreuzt hatten, eine Karawane, der wir begegnet
waren, in eben diesem Walde von Räubern überfallen.
Es ist mir eine Quelle sonderbarer Betrachtungen gewesen, daß es
anscheinend auf einem reinen Zufall beruhte, wenn ich im bürgerlichen
Leben blieb, anstatt, wie mein Herz brennend begehrte, in das
Räuberleben einzutreten. Freilich mag wohl von den nächtigen Pfaden
Kalis auch einer auf den Weg der Pilgerschaft ausmünden, wie ja auch von
den vom Herzen ausgehenden, mit fünffarbigem Safte erfüllten
hundertundein Adern eine einzige nach dem Kopfe führt und diejenige ist,
durch welche beim Tode die Seele den Körper verläßt. So könnte ich ja
auch in dem Falle, daß ich Räuber geworden wäre, noch immer jetzt ein
Pilger sein und mich auf dem Wege nach dem Ziele der Erlösung befinden.
Wenn aber Einer die Erlösung erlangt, dann werden seine Werke, böse wie
gute, zu nichts, durch die Glut des Wissens gleichsam zur Asche
verbrannt.
Auch muß ich sagen, daß jene Zwischenzeit, im Räuberleben oder im
bürgerlichen verbracht, vielleicht hinsichtlich der moralischen Früchte
nicht so verschieden ausgefallen wäre, wie es dir, o Bruder, wohl
scheinen mag. Denn ich habe, während ich unter den Räubern lebte, wohl
bemerkt, daß es auch unter ihnen sehr verschiedenartige Leute gibt, und
zwar einige mit sehr vortrefflichen Eigenschaften, und daß, wenn man von
gewissen Äußerlichkeiten absieht, der Unterschied zwischen Räubern und
ehrlichen Leuten nicht ganz so ungeheuer ist, wie die letzteren es sich
gern vorstellen. Und andererseits habe ich in der reifen Periode meines
Lebens, in die ich nunmehr eintrat, nicht umhin können zu bemerken, daß
die ehrlichen Leute den Dieben und Räubern in das Handwerk pfuschen,
einige gelegentlich und gleichsam improvisierend, andere beständig und
mit großer und für sie sehr bekömmlicher Meisterschaft, so daß durch
gegenseitige Annäherung sogar nicht wenig Berührung zwischen beiden
Gruppen stattfindet.
Weshalb ich denn auch nicht weiß, ob ich durch das günstige Schicksal,
das mich von den nächtigen Pfaden der schädelhalsbandschüttelnden
Tänzerin fernhielt, eigentlich so sehr viel gewonnen habe."--
Nach dieser tiefsinnigen Betrachtung schwieg der Pilger Kamanita und
richtete in Sinnen versunken seinen Blick nach dem Vollmond, der groß
und glühend draußen über dem fernen Wald--dem Aufenthalt der
Räuber--aufstieg und sein Licht gerade in die offene Halle des Hafners
hereinströmen ließ, wo es den gelben Mantel des Erhabenen in lauteres
Gold zu verwandeln schien, wie die Bekleidung eines Götterbildes.
Der Erhabene, auf den der Pilger, vom Glanze angezogen und dennoch ohne
zu ahnen, wen er sah, unwillkürlich seinen Blick richtete, gab durch ein
langsames Kopfnicken seine Teilnahme zu erkennen und sagte:
"Noch seh' ich dich, Pilger, vielmehr der Häuslichkeit als der
Hauslosigkeit zuschreiten, obwohl der Weg in die letztere sich dir
wahrlich deutlich genug eröffnet hatte."
"So ist es, Ehrwürdiger! Blöden Auges sah ich diesen Ausweg nicht,
sondern schritt eben, wie du sagtest, der Häuslichkeit zu."
Und nach einem tiefen Seufzer fuhr der Pilger mit frischer und heiterer
Stimme in dem Bericht seiner Erlebnisse fort.