Nach dieser Probe der seltsamen Denkweise dieses außerordentlichen
Mannes--dem man wenigstens nicht, wie so vielen anderen berühmten
Denkern, zur Last legen kann, daß er seine Theorie nicht in die Praxis
umsetzte--nehme ich den Faden meiner Erzählung wieder auf.
Bei solchen mannigfachen Erlebnissen und neuen
Geistesbeschäftigungen--ich versäumte selbstverständlich nicht, die
Gaunersprache mir zu eigen zu machen--konnte die Wartezeit mir nicht
lang werden. Je mehr sie sich aber ihrem Ende näherte, um so mehr wurde
meine Seelenruhe durch drückende Besorgnisse erschüttert. Würde das
Lösegeld überhaupt ankommen? Wenn auch jener Geleitbrief den Diener
gegen Räuber schützte, so könnte ihn ja unterwegs ein Tiger zerreißen
oder ein angeschwollener Fluß fortschwemmen, oder irgend einer der
zahllosen, nicht vorauszusehenden Zufälle einer Reise ihn aufhalten, bis
es zu spät war. Die Flammenblicke Angulimalas schossen oft so böswillig
nach mir hin, als ob er diesen Fall erhoffte, und der Angstschweiß brach
mir dann aus allen Poren. Wie wundervoll systematisch eingeleitet und
scharf logisch begründet auch die Ausführung Vajaçravas' darüber war,
daß in jedem Fall, in dem das Lösegeld nicht zur rechten Stunde gebracht
würde, der Betreffende mit einer Baumsäge durchzusägen und beide Teile
mitten auf die Landstraße hinzuwerfen seien--und zwar der Kopfteil nach
der Seite des aufgehenden Mondes zu: so gestehe ich doch, daß meine
Bewunderung für diese wissenschaftlich gewiß staunenswerte Leistung
meines gelehrten Freundes durch eine eigentümliche Bewegung meines etwas
"betroffenen" Bauchfelles einigermaßen beeinträchtigt wurde, zumal als
wirklich die doppelzähnige Baumsäge, die bei solchen Gelegenheiten
benutzt wurde, hergebracht und zur Veranschaulichung von zwei grimmigen
Gesellen an einem einen Menschen vorstellenden Bündel in Wirksamkeit
gesetzt wurde.
Vajaçravas, der bemerkte, wie mir übel wurde, klopfte mir aufmunternd
auf die Schulter und meinte, das ginge mich ja nichts an. Dadurch
schöpfte ich natürlich die Hoffnung, daß er mich im Notfalle zum dritten
Male retten würde. Als ich aber in dankbarstem Tone etwas davon
verlauten ließ, machte er ein gar ernstes Gesicht und sprach:
"Wenn dir dein Karma wirklich so gram sein sollte, daß das Lösegeld
nicht zur rechten Zeit ankommt, und wäre es auch nur um einen halben Tag
verspätet, dann kann dir freilich kein Gott und kein Teufel helfen, denn
die Gesetze Kalis sind unverbrüchlich. Jedoch, sei getrost, mein Sohn!
Du bist noch zu ganz anderen Dingen bestimmt. Und für dich fürchte ich
eher, daß du einmal, nach einem ruhmreichen Räuberleben, auf einem
öffentlichen Platze enthauptet oder gepfählt wirst--doch das hat ja noch
gute Weile."
Ich könnte nicht sagen, daß dieser Trost mich sehr aufgerichtet hätte,
und so fühlte ich mich denn nicht wenig erleichtert, als eine volle
Woche vor Ablauf der Frist unser getreuer alter Diener mit der
geforderten Geldsumme eintraf. Ich nahm Abschied von meinem furchtbaren
Wirt, der in Erinnerung an seinen erschlagenen Freund finster
dreinblickte, als ob er mich lieber hätte durchsägen lassen, und drückte
zärtlich die Hand des Brahmanen, der eine Träne der Rührung durch die
Zuversicht bannte, wir würden uns sicher noch auf den nächtlichen Pfaden
Kalis begegnen. So zogen wir beide denn ab, von vier Räubern begleitet,
die mit ihrer Haut für unsere sichere Ankunft in Ujjeni hafteten. Denn
Angulimala, der um seine Räuberehre sehr besorgt war, versprach ihnen,
als er uns verabschiedete, wenn ich nicht heil in meiner Vaterstadt
abgeliefert würde, ihnen die Haut über die Ohren zu ziehen und ihre
Felle an den vier Ecken eines Kreuzweges aufzuhängen; und es war
bekannt, daß er immer sein Versprechen hielt. Glücklicherweise wurde das
hier nicht nötig, und die vier Gesellen, die sich unterwegs sehr wacker
betrugen, mögen noch in diesem Augenblick im Dienste der
schädelhalsbandschüttelnden Tänzerin sein.
Wir erreichten Ujjeni ohne weitere Abenteuer, und ich hatte in der Tat
auch an den erlebten genug. Die Freude meiner Eltern, mich
wiederzusehen, war unbeschreiblich. Um so unmöglicher war es, ihnen die
Erlaubnis abzuringen, bald wieder eine Reise nach Kosambi zu
unternehmen. Mein Vater hatte ja außer der nicht unbedeutenden Lösesumme
auch alle Waren meiner Karawane und alle Leute verloren und war so bald
nicht imstande, eine neue Karawane auszurüsten. Aber dies war nur ein
kleines Hindernis im Verhältnis zu dem Schrecken, der meine Eltern beim
Gedanken an die Gefahren des Weges befiel. Auch hörte man ab und zu
immer wieder von furchtbaren Taten Angulimalas, und ich kann nicht
leugnen, daß es mich wenig gelüstete, noch einmal in seine Hände zu
fallen. Eine Botschaft nach Kosambi gelangen zu lassen, gab es in dieser
Zeit durchaus keine Möglichkeit, und so mußte ich mich denn mit der
Erinnerung begnügen und in fester Zuversicht auf die Treue meiner
angebeteten Vasitthi mich auf bessere Zeiten vertrösten.
Diese kamen denn endlich auch. Eines Tages flog wie ein Lauffeuer die
Nachricht durch die Stadt, der schreckliche Angulimala sei von Satagira,
dem Sohne des Ministers in Kosambi, aufs Haupt geschlagen, die Bande
niedergemetzelt oder zersprengt, der Häuptling aber mit vielen der
hervorragendsten Räuber gefangen genommen und hingerichtet worden.
Nun konnten meine Eltern meinen stürmischen Bitten nicht mehr
widerstehen. Man hatte in der Tat guten Grund, anzunehmen, daß jetzt für
längere Zeit die Straßen frei sein würden, und mein Vater war nicht
abgeneigt, wieder mit einer Karawane sein Glück zu versuchen. Da befiel
mich plötzlich eine Krankheit, und als ich vom Lager wieder aufstand,
war die Regenzeit schon so nahe herangerückt, daß man diese erst
abwarten mußte. Dann stand aber auch meiner Abreise nichts mehr
entgegen. Mit vielen Ermahnungen zur Vorsicht nahmen meine Eltern
Abschied von mir, und ich befand mich wieder unterwegs an der Spitze
einer wohlversehenen Karawane von dreißig Ochsenkarren, freudigen und
mutigen Herzens und von brennender Sehnsucht getrieben.
Unsere Reise ging so glatt vonstatten, wie das erste Mal, und an einem
schönen Morgen zog ich, halb närrisch vor Freude, in Kosambi ein. Hier
gewahrte ich nun bald ein ungewöhnliches Menschengedränge in den
Straßen. Ich kam infolgedessen immer langsamer vorwärts, bis mein Zug an
einer Stelle, wo er eine Hauptverkehrsader der Stadt zu durchkreuzen
hatte, endlich völlig zum Stillstehen gebracht wurde. Es war
schlechterdings nicht möglich, durch die Menge hindurchzudringen, und
ich bemerkte nun auch, daß jene Hauptstraße durch Fahnenstangen, von den
Fenstern und Söllern herabhängende Teppiche und querüber gespannte
Blumengewinde aufs prächtigste geschmückt war--wie für irgend einen
Aufzug. Fluchend vor Ungeduld, fragte ich die vor mir Stehenden, was
hier los sei.
"Ei," riefen sie, "weißt du denn nicht, daß heute Satagira, der Sohn des
Ministers, seine Hochzeit feiert? Du kannst dich glücklich preisen,
gerade zu rechter Zeit eingetroffen zu sein, denn der Zug kommt jetzt
vom Krishnatempel hier vorüber, und eine solche Pracht hast du gewiß
noch nirgends gesehen."
Daß Satagira Hochzeit hielt, war mir eine ebenso wichtige wie
willkommene Nachricht, weil sein Werben um meine Vasitthi bei ihren
Eltern eins der größten Hindernisse für unsere Vereinigung gewesen wäre.
So ließ ich mir denn das Warten gefallen, um so mehr als es nicht lange
dauern konnte; denn schon waren die Lanzenspitzen einer Reiterabteilung
sichtbar, die unter ohrenbetäubendem Jubel vorüberzog. Diese Reiter
genossen, wie man mir mitteilte, in Kosambi die größte Volksgunst, weil
hauptsächlich sie es waren, die die Bande Angulimalas unschädlich
gemacht hatten.
Fast unmittelbar hinter ihnen kam der Elefant, der die Braut
trug--allerdings ein überwältigender Anblick. Die knorrige, hügelartige
Stirn des Riesentieres war, dem Götterberg Meru ähnlich, mit einem Flor
von mannigfarbigen Edelsteinen bedeckt. Wie bei einem brünstigen
Ilfenstier der Saft an den Schläfen und Wangen herabträufelt, und
Bienenschwärme, von seinem süßen Duft angelockt, darüber hängen, also
erglänzten hier Schläfen und Wangen von den wundervollsten Perlen und
darüber baumelten durchsichtige Gehänge von schwarzen Diamanten--eine
Wirkung, die zum Aufschreien schön war. Die mächtigen Hauer waren mit
dem feinsten Golde beschlagen; und aus demselben edlen Metalle war die
mit großen Rubinen besetzte Brustplatte, von der der duftigste blaue
Benaresmusselin herabhing und die kräftigen Beine des Tieres--wie
Morgennebel die Baumstämme--leicht umwallte.
Aber es war der Rüssel des Staatselefanten, der vor allem meinen Blick
fesselte. Auch zu Hause, in Ujjeni, hatte ich ja bei Prozessionen sehr
prachtvolle Dekorationen der Elefantenrüssel gesehen, aber niemals eine,
die so geschmackvoll gewesen wäre wie diese. Bei uns nämlich wurde der
Rüssel in Felder eingeteilt, die irgend ein feines Muster bildeten, und
war also ganz mit Farbe gedeckt. Hier aber war die Haut als Untergrund
frei gelassen, und über diesen astähnlichen Grund war ein loses
Laubgeranke von lanzettförmigen Asokablättern geschlungen, aus dem
gelbe, orangefarbene und scharlachrote Blumen hervorleuchteten--Alles in
köstlichster ornamentaler Stilisierung ausgeführt.
Während ich nun mit dem Blick eines Kenners dies Wunderwerk studierte,
kam ein gar wehmütiges Gefühl über mich, indem ich gleichsam den ganzen
Liebesduft jener seligen Nächte auf der Terrasse wieder einatmete. Mein
Herz begann heftig zu pochen, da ich unwillkürlich an meine eigene
Hochzeit denken mußte; denn welcher Schmuck konnte sinniger erfunden
werden für das Tier, welches dereinst Vasitthi tragen sollte, als gerade
dieser, da ja die "Terrasse der Sorgenlosen" wegen ihrer wunderbaren
Asokablüten in ganz Kosambi berühmt war?
In diesem fast traumhaften Zustande vernahm ich, wie eine Frau neben mir
zu einer anderen sagte:
"Aber die Braut--die sieht doch gar nicht fröhlich aus!"
Unwillkürlich blickte ich in die Höhe, und ein seltsam unheimliches
Gefühl beschlich mich, als ich die Gestalt gewahr wurde, die dort unter
dem purpurnen Baldachin saß. Gestalt, sage ich--das Gesicht konnte ich
nicht sehen, weil der Kopf vornüber auf die Brust gesunken war--aber
auch von einer Gestalt sah man wenig, und es schien, als ob in jener
Masse von regenbogenfarbigen Musselins, wenn auch ein Körper, so doch
kein mit lebendiger, widerstandsfähiger Kraft begabter steckte. Die Art
und Weise, wie sie hin und her schwankte bei den Bewegungen des Tieres,
dessen mächtige Schritte das Zelt auf seinem Rücken in starkes Schaukeln
versetzten, hatte etwas unsagbar Trauriges, ja fast etwas
Grauenerregendes an sich. Man konnte in der Tat befürchten, daß sie im
nächsten Augenblick herunterstürzen würde. Eine solche Furcht mochte
auch die hinter ihr stehende Dienerin bewegen, denn sie faßte die Braut
an den Schultern und neigte sich zu ihr vor, um ihr aufmunternde Worte
ins Ohr zu flüstern.
Ein eisiger Schreck lähmte mich, als ich in dieser vermeintlichen
Dienerin--Medini erkannte. Und ehe mir diese Ahnung noch deutlich
geworden war, hatte die Braut Satagiras den Kopf erhoben.
Es war meine Vasitthi.