XI. DER ELEFANTENRÜSSEL

Nach dieser Probe der seltsamen Denkweise dieses außerordentlichen

Mannes--dem man wenigstens nicht, wie so vielen anderen berühmten

Denkern, zur Last legen kann, daß er seine Theorie nicht in die Praxis

umsetzte--nehme ich den Faden meiner Erzählung wieder auf.

Bei solchen mannigfachen Erlebnissen und neuen

Geistesbeschäftigungen--ich versäumte selbstverständlich nicht, die

Gaunersprache mir zu eigen zu machen--konnte die Wartezeit mir nicht

lang werden. Je mehr sie sich aber ihrem Ende näherte, um so mehr wurde

meine Seelenruhe durch drückende Besorgnisse erschüttert. Würde das

Lösegeld überhaupt ankommen? Wenn auch jener Geleitbrief den Diener

gegen Räuber schützte, so könnte ihn ja unterwegs ein Tiger zerreißen

oder ein angeschwollener Fluß fortschwemmen, oder irgend einer der

zahllosen, nicht vorauszusehenden Zufälle einer Reise ihn aufhalten, bis

es zu spät war. Die Flammenblicke Angulimalas schossen oft so böswillig

nach mir hin, als ob er diesen Fall erhoffte, und der Angstschweiß brach

mir dann aus allen Poren. Wie wundervoll systematisch eingeleitet und

scharf logisch begründet auch die Ausführung Vajaçravas' darüber war,

daß in jedem Fall, in dem das Lösegeld nicht zur rechten Stunde gebracht

würde, der Betreffende mit einer Baumsäge durchzusägen und beide Teile

mitten auf die Landstraße hinzuwerfen seien--und zwar der Kopfteil nach

der Seite des aufgehenden Mondes zu: so gestehe ich doch, daß meine

Bewunderung für diese wissenschaftlich gewiß staunenswerte Leistung

meines gelehrten Freundes durch eine eigentümliche Bewegung meines etwas

"betroffenen" Bauchfelles einigermaßen beeinträchtigt wurde, zumal als

wirklich die doppelzähnige Baumsäge, die bei solchen Gelegenheiten

benutzt wurde, hergebracht und zur Veranschaulichung von zwei grimmigen

Gesellen an einem einen Menschen vorstellenden Bündel in Wirksamkeit

gesetzt wurde.

Vajaçravas, der bemerkte, wie mir übel wurde, klopfte mir aufmunternd

auf die Schulter und meinte, das ginge mich ja nichts an. Dadurch

schöpfte ich natürlich die Hoffnung, daß er mich im Notfalle zum dritten

Male retten würde. Als ich aber in dankbarstem Tone etwas davon

verlauten ließ, machte er ein gar ernstes Gesicht und sprach:

"Wenn dir dein Karma wirklich so gram sein sollte, daß das Lösegeld

nicht zur rechten Zeit ankommt, und wäre es auch nur um einen halben Tag

verspätet, dann kann dir freilich kein Gott und kein Teufel helfen, denn

die Gesetze Kalis sind unverbrüchlich. Jedoch, sei getrost, mein Sohn!

Du bist noch zu ganz anderen Dingen bestimmt. Und für dich fürchte ich

eher, daß du einmal, nach einem ruhmreichen Räuberleben, auf einem

öffentlichen Platze enthauptet oder gepfählt wirst--doch das hat ja noch

gute Weile."

Ich könnte nicht sagen, daß dieser Trost mich sehr aufgerichtet hätte,

und so fühlte ich mich denn nicht wenig erleichtert, als eine volle

Woche vor Ablauf der Frist unser getreuer alter Diener mit der

geforderten Geldsumme eintraf. Ich nahm Abschied von meinem furchtbaren

Wirt, der in Erinnerung an seinen erschlagenen Freund finster

dreinblickte, als ob er mich lieber hätte durchsägen lassen, und drückte

zärtlich die Hand des Brahmanen, der eine Träne der Rührung durch die

Zuversicht bannte, wir würden uns sicher noch auf den nächtlichen Pfaden

Kalis begegnen. So zogen wir beide denn ab, von vier Räubern begleitet,

die mit ihrer Haut für unsere sichere Ankunft in Ujjeni hafteten. Denn

Angulimala, der um seine Räuberehre sehr besorgt war, versprach ihnen,

als er uns verabschiedete, wenn ich nicht heil in meiner Vaterstadt

abgeliefert würde, ihnen die Haut über die Ohren zu ziehen und ihre

Felle an den vier Ecken eines Kreuzweges aufzuhängen; und es war

bekannt, daß er immer sein Versprechen hielt. Glücklicherweise wurde das

hier nicht nötig, und die vier Gesellen, die sich unterwegs sehr wacker

betrugen, mögen noch in diesem Augenblick im Dienste der

schädelhalsbandschüttelnden Tänzerin sein.

Wir erreichten Ujjeni ohne weitere Abenteuer, und ich hatte in der Tat

auch an den erlebten genug. Die Freude meiner Eltern, mich

wiederzusehen, war unbeschreiblich. Um so unmöglicher war es, ihnen die

Erlaubnis abzuringen, bald wieder eine Reise nach Kosambi zu

unternehmen. Mein Vater hatte ja außer der nicht unbedeutenden Lösesumme

auch alle Waren meiner Karawane und alle Leute verloren und war so bald

nicht imstande, eine neue Karawane auszurüsten. Aber dies war nur ein

kleines Hindernis im Verhältnis zu dem Schrecken, der meine Eltern beim

Gedanken an die Gefahren des Weges befiel. Auch hörte man ab und zu

immer wieder von furchtbaren Taten Angulimalas, und ich kann nicht

leugnen, daß es mich wenig gelüstete, noch einmal in seine Hände zu

fallen. Eine Botschaft nach Kosambi gelangen zu lassen, gab es in dieser

Zeit durchaus keine Möglichkeit, und so mußte ich mich denn mit der

Erinnerung begnügen und in fester Zuversicht auf die Treue meiner

angebeteten Vasitthi mich auf bessere Zeiten vertrösten.

Diese kamen denn endlich auch. Eines Tages flog wie ein Lauffeuer die

Nachricht durch die Stadt, der schreckliche Angulimala sei von Satagira,

dem Sohne des Ministers in Kosambi, aufs Haupt geschlagen, die Bande

niedergemetzelt oder zersprengt, der Häuptling aber mit vielen der

hervorragendsten Räuber gefangen genommen und hingerichtet worden.

Nun konnten meine Eltern meinen stürmischen Bitten nicht mehr

widerstehen. Man hatte in der Tat guten Grund, anzunehmen, daß jetzt für

längere Zeit die Straßen frei sein würden, und mein Vater war nicht

abgeneigt, wieder mit einer Karawane sein Glück zu versuchen. Da befiel

mich plötzlich eine Krankheit, und als ich vom Lager wieder aufstand,

war die Regenzeit schon so nahe herangerückt, daß man diese erst

abwarten mußte. Dann stand aber auch meiner Abreise nichts mehr

entgegen. Mit vielen Ermahnungen zur Vorsicht nahmen meine Eltern

Abschied von mir, und ich befand mich wieder unterwegs an der Spitze

einer wohlversehenen Karawane von dreißig Ochsenkarren, freudigen und

mutigen Herzens und von brennender Sehnsucht getrieben.

Unsere Reise ging so glatt vonstatten, wie das erste Mal, und an einem

schönen Morgen zog ich, halb närrisch vor Freude, in Kosambi ein. Hier

gewahrte ich nun bald ein ungewöhnliches Menschengedränge in den

Straßen. Ich kam infolgedessen immer langsamer vorwärts, bis mein Zug an

einer Stelle, wo er eine Hauptverkehrsader der Stadt zu durchkreuzen

hatte, endlich völlig zum Stillstehen gebracht wurde. Es war

schlechterdings nicht möglich, durch die Menge hindurchzudringen, und

ich bemerkte nun auch, daß jene Hauptstraße durch Fahnenstangen, von den

Fenstern und Söllern herabhängende Teppiche und querüber gespannte

Blumengewinde aufs prächtigste geschmückt war--wie für irgend einen

Aufzug. Fluchend vor Ungeduld, fragte ich die vor mir Stehenden, was

hier los sei.

"Ei," riefen sie, "weißt du denn nicht, daß heute Satagira, der Sohn des

Ministers, seine Hochzeit feiert? Du kannst dich glücklich preisen,

gerade zu rechter Zeit eingetroffen zu sein, denn der Zug kommt jetzt

vom Krishnatempel hier vorüber, und eine solche Pracht hast du gewiß

noch nirgends gesehen."

Daß Satagira Hochzeit hielt, war mir eine ebenso wichtige wie

willkommene Nachricht, weil sein Werben um meine Vasitthi bei ihren

Eltern eins der größten Hindernisse für unsere Vereinigung gewesen wäre.

So ließ ich mir denn das Warten gefallen, um so mehr als es nicht lange

dauern konnte; denn schon waren die Lanzenspitzen einer Reiterabteilung

sichtbar, die unter ohrenbetäubendem Jubel vorüberzog. Diese Reiter

genossen, wie man mir mitteilte, in Kosambi die größte Volksgunst, weil

hauptsächlich sie es waren, die die Bande Angulimalas unschädlich

gemacht hatten.

Fast unmittelbar hinter ihnen kam der Elefant, der die Braut

trug--allerdings ein überwältigender Anblick. Die knorrige, hügelartige

Stirn des Riesentieres war, dem Götterberg Meru ähnlich, mit einem Flor

von mannigfarbigen Edelsteinen bedeckt. Wie bei einem brünstigen

Ilfenstier der Saft an den Schläfen und Wangen herabträufelt, und

Bienenschwärme, von seinem süßen Duft angelockt, darüber hängen, also

erglänzten hier Schläfen und Wangen von den wundervollsten Perlen und

darüber baumelten durchsichtige Gehänge von schwarzen Diamanten--eine

Wirkung, die zum Aufschreien schön war. Die mächtigen Hauer waren mit

dem feinsten Golde beschlagen; und aus demselben edlen Metalle war die

mit großen Rubinen besetzte Brustplatte, von der der duftigste blaue

Benaresmusselin herabhing und die kräftigen Beine des Tieres--wie

Morgennebel die Baumstämme--leicht umwallte.

Aber es war der Rüssel des Staatselefanten, der vor allem meinen Blick

fesselte. Auch zu Hause, in Ujjeni, hatte ich ja bei Prozessionen sehr

prachtvolle Dekorationen der Elefantenrüssel gesehen, aber niemals eine,

die so geschmackvoll gewesen wäre wie diese. Bei uns nämlich wurde der

Rüssel in Felder eingeteilt, die irgend ein feines Muster bildeten, und

war also ganz mit Farbe gedeckt. Hier aber war die Haut als Untergrund

frei gelassen, und über diesen astähnlichen Grund war ein loses

Laubgeranke von lanzettförmigen Asokablättern geschlungen, aus dem

gelbe, orangefarbene und scharlachrote Blumen hervorleuchteten--Alles in

köstlichster ornamentaler Stilisierung ausgeführt.

Während ich nun mit dem Blick eines Kenners dies Wunderwerk studierte,

kam ein gar wehmütiges Gefühl über mich, indem ich gleichsam den ganzen

Liebesduft jener seligen Nächte auf der Terrasse wieder einatmete. Mein

Herz begann heftig zu pochen, da ich unwillkürlich an meine eigene

Hochzeit denken mußte; denn welcher Schmuck konnte sinniger erfunden

werden für das Tier, welches dereinst Vasitthi tragen sollte, als gerade

dieser, da ja die "Terrasse der Sorgenlosen" wegen ihrer wunderbaren

Asokablüten in ganz Kosambi berühmt war?

In diesem fast traumhaften Zustande vernahm ich, wie eine Frau neben mir

zu einer anderen sagte:

"Aber die Braut--die sieht doch gar nicht fröhlich aus!"

Unwillkürlich blickte ich in die Höhe, und ein seltsam unheimliches

Gefühl beschlich mich, als ich die Gestalt gewahr wurde, die dort unter

dem purpurnen Baldachin saß. Gestalt, sage ich--das Gesicht konnte ich

nicht sehen, weil der Kopf vornüber auf die Brust gesunken war--aber

auch von einer Gestalt sah man wenig, und es schien, als ob in jener

Masse von regenbogenfarbigen Musselins, wenn auch ein Körper, so doch

kein mit lebendiger, widerstandsfähiger Kraft begabter steckte. Die Art

und Weise, wie sie hin und her schwankte bei den Bewegungen des Tieres,

dessen mächtige Schritte das Zelt auf seinem Rücken in starkes Schaukeln

versetzten, hatte etwas unsagbar Trauriges, ja fast etwas

Grauenerregendes an sich. Man konnte in der Tat befürchten, daß sie im

nächsten Augenblick herunterstürzen würde. Eine solche Furcht mochte

auch die hinter ihr stehende Dienerin bewegen, denn sie faßte die Braut

an den Schultern und neigte sich zu ihr vor, um ihr aufmunternde Worte

ins Ohr zu flüstern.

Ein eisiger Schreck lähmte mich, als ich in dieser vermeintlichen

Dienerin--Medini erkannte. Und ehe mir diese Ahnung noch deutlich

geworden war, hatte die Braut Satagiras den Kopf erhoben.

Es war meine Vasitthi.

Der Pilger Kamanita: Ein Legendenroman · 第 15 / 55 题