Und es folgt nun das erstaunliche, ja schreckliche

_477. Sutram_,

welches in seiner frappanten Kürze lautet:

_"Vielmehr--wegen des Essers."_

Den Sinn dieser wenigen, in tiefstes Geheimnis sich hüllenden Worte

erschließt uns der ehrwürdige Vajaçravas folgendermaßen:

Weit davon entfernt, daß göttliche Strafe dem Räuber und Totschläger

droht, findet "_vielmehr_" das Entgegengesetzte statt: nämlich

Gottähnlichkeit, was aus den Vedastellen hervorgeht, wo der höchste Gott

als der "_Esser_" gepriesen wird, wie:

Der Krieger und Brahmanen ißt wie Brot,

Das mit des Todes Brühe er begießt.

Wie nämlich die Welt in Brahman ihren Ursprung hat, so auch ihr

Vergehen, indem das Brahman sie immer wieder hervorgehen läßt und sie

immer wieder vernichtet. Gott ist somit nicht nur der Schöpfer, sondern

auch der Verschlinger aller Wesen, von denen hier nur "Krieger und

Brahmanen" genannt werden, als die Vornehmsten, die für alle stehen. Wie

es denn auch an einer anderen Stelle heißt:

Ich esse Alle, aber mich ißt niemand.

Diese Worte sagte nämlich der höchste Gott, als er in der Gestalt eines

Widders den Knaben Medhatithi zur Himmelswelt trug. Denn ungehalten über

seine gewaltsame Entführung verlangte dieser zu wissen, wer sein

Entführer sei: "Sage mir, wer du bist, sonst werde ich, ein Brahmane,

dich mit meinem Zorn treffen." Da gab nun der Widdergestaltige sich zu

erkennen als jenes höchste Brahman, das Alles in Allem ist, mit den

Worten:

Wer ist's, der tötet und gefangen nimmt?

Wer ist der Widder, der dich führt von dannen?

Ich bin es, der in dieser Form erscheint,

Ich bin es, der erscheint in allen Formen.

Wenn Einer fürchtet sich vor was auch immer,

Ich bin's, der fürchtet und der fürchten macht;

Doch in der Größe ist ein Unterschied:

Ich esse Alle, aber mich ißt niemand.

Wer könnte mich erkennen, wer erklären?

Ich schlug die Feinde alle, mich schlug niemand.

Hier muß es nun auch dem blödesten Auge klar werden, daß die

Brahmanähnlichkeit nicht darin liegen kann, geschlagen und gegessen zu

werden--wie es der Fall sein müßte, wenn Sanftmut und Selbstverzicht

etwas Gutes wäre--sondern im Gegenteil darin, alle Anderen zu schlagen

und zu essen--d.h. auszunutzen und zu vernichten--selbst aber von

niemand Schaden zu leiden.

Es kann demnach keinem Zweifel unterliegen, daß jene Lehre--von der

Höllenstrafe der Gewalttäter--von den Schwachen erfunden ist, um sich

vor der Gewalttätigkeit der Starken zu schützen, indem sie dadurch die

letzteren einschüchtern wollen.

Und wenn im Veda einige Stellen diese Lehre enthalten, so müssen

sie--weil mit den Hauptsätzen unvereinbar--von jenen fälschlich

eingeschoben worden sein.

Wenn also der Rigveda sagt, daß, obwohl die ganze Welt eigentlich

das Brahman ist, der Gott dennoch den Menschen als das

Brahmandurchdrungenste erkenne:--so muß nunmehr anerkannt werden,

daß unter den Menschen wiederum der echte und wahre Räuber das

Brahmandurchdrungenste Wesen ist und somit die Krone der Schöpfung

darstellt. Was aber den Dieb anbelangt, der sich zur Räuberschaft nicht

erhebt, so ist es, weil die Schrift des öfteren erklärt, daß die Meinung

"dies gehört mir" eine Wahnvorstellung ist, die dem höchsten Zwecke des

Menschen hinderlich ist, ohne weiteres klar, daß der Dieb, der eben die

beständige tatsächliche Widerlegung jenes Wahnes "dies gehört mir" zu

seiner Lebensaufgabe gemacht hat, die höchste Wahrheit vertritt. Doch

steht, wegen seiner Gewalttätigkeit, der Räuber höher.

So ist denn nun das "Krone-der-Schöpfung-Sein" des Räubers erwiesen,

sowohl durch Vernunfterwägung, wie mittelst der Schrift, und ist als

unwiderlegbar zu betrachten.

Der Pilger Kamanita: Ein Legendenroman · 第 14 / 55 题