VIII. DIE PARADIESKNOSPE

Etwas außerhalb der östlichen Mauer Kosambis liegt ein schöner

Sinsapawald der eigentlich ein heiliger Hain ist. Auf einer Lichtung

steht noch das Heiligtum, freilich in sehr verfallenem Zustande. Schon

längst fand in diesem uralten Tempelchen kein Opferdienst mehr statt,

weil dem Krishna, dem es geweiht ist, ein neuer, weit größerer und

prachtvoller Tempel in der Stadt selber erstanden war. In der Ruine aber

hauste außer einem Eulenpaar eine Heilige, die des Rufes genoß, mit

Geistern in Verbindung zu stehen, durch deren Hilfe sie einen Einblick

in die Zukunft bekam--einen Einblick, den die gute Seele Opfergabe

darbietenden Mitmenschen nicht vorenthielt. Solche pilgerten denn auch

in großer Zahl zu ihr hin, und zwar vornehmlich nach Sonnenuntergang

junge verliebte Leute beiderlei Geschlechts, und es gab böswillige

Zungen, die behaupteten, die Alte sei eher eine Kupplerin, denn eine

Heilige zu nennen. Wie dem nun auch sein möge, _diese_ Heiligkeit war

gerade das, was wir brauchten, und ihr Tempelchen wurde als Stätte

unserer Zusammenkunft ausersehen.

Am nächsten Tage zog ich mit meinen Ochsenkarren ab, und zwar zu der

Stunde, da sich die Leute in den Bazar oder in die Gerichtshalle

begaben. Dabei wählte ich geflissentlich die belebtesten Straßen, so daß

meine Abreise meinem Feinde Satagira gewiß kein Geheimnis bleiben

konnte. Aber schon nach wenigen Stunden der Fahrt machte ich in einem

großen Dorfe Halt und ließ meine Karawane dort ihr Nachtquartier

beziehen, zu nicht geringer Freude meiner Leute. Ich selbst bestieg ein

frisches Pferd und ritt gegen Sonnenuntergang, in den groben Mantel

eines meiner Diener gehüllt, denselben Weg nach Kosambi zurück.

Es war völlig Nacht geworden, bis ich den Sinsapawald erreichte. Als ich

behutsam mein Reittier zwischen die Stämme hineinlenkte, wurde ich, wie

zum Willkommen, von dem herrlichen Dufte der Nachtlotusblüten auf dem

alten Krishnateiche empfangen. Bald zeichnete das zerbröckelnde, von

Götterbildern wimmelnde Tempeldach seine zackigen und wirren Formen

gegen den sternenfunkelnden Himmel. Ich war am Ziele. Kaum hatte ich

mich aus dem Sattel geschwungen, so waren auch meine Freunde schon an

meiner Seite. Mit einem Aufschrei des Entzückens stürzten Vasitthi und

ich einander in die Arme, halb besinnungslos vor Freude des

Wiedersehens, und ich weiß nur noch von Liebkosungen, stammelnden Worten

der Zärtlichkeit und Beteuerung unserer Liebe und Treue, bis ich jäh

emporschrak durch das unerwartete Gefühl eines weich fächelnden

Fittichs, der mir die Wange streifte, worauf sofort der Schrei einer

Eule und der häßliche Klang einer gesprungenen Bronzeglocke mich völlig

aus der Liebesverzückung erweckten.

Medini hatte am Strange der alten Gebetglocke gezogen und dadurch die

Eule aus der Nische, in der sie hauste, verscheucht. Dies tat das gute

Mädchen nicht so sehr, um die Heilige zu rufen, als vielmehr, weil sie

sah, daß diese schon zum Tempelchen herauskam, offenbar ungehalten, weil

sie Stimmen im heiligen Bezirk vernommen hatte, ohne daß geläutet oder

angepocht worden wäre.

Medini erklärte der Alten, der große Ruf ihrer Heiligkeit und ihrer

erstaunlichen Kenntnisse habe sie und diesen jungen Mann--wobei sie auf

Somadatta zeigte--bewogen, sie aufzusuchen, um Auskunft über das zu

erhalten, was von der Zeit noch verborgen sei. Die Heilige erhob prüfend

den Blick zum Himmel und meinte, da das Siebengestirn gerade eine

ungemein günstige Stellung zum Polarstern einnähme, dürfte sie

wohl hoffen, daß die Geister ihre Hilfe nicht versagen würden;

worauf sie Somadatta und Medini einlud, in das Haus Krishnas, des

sechzehntausendeinhundertfachen Bräutigams[1], einzutreten, der einem

liebenden Paar gern seine Herzenswünsche gewähre. Vasitthi und ich

blieben aber, als vermeintliche Dienerschaft, draußen zurück.

[1] Die sich an diesen seltsamen Namen knüpfende Legende wird im

Kapitel "Buddha und Krishna" erzählt--s.S. 242 ff.

Wie wir uns nun zuschwuren, daß nur der Alles hinraffende Tod uns sollte

trennen können, wie wir von meiner baldigen Rückkehr, sobald die

Regenzeit vorüber wäre, sprachen und Mittel und Wege erörterten, um ihre

sehr reichen Eltern dahin zu bringen, daß sie in unsere Verbindung

einwilligten, und wie dies von unzähligen Küssen, Tränen und Umarmungen

unterbrochen wurde: das wäre ich nicht einmal mehr imstande, dir genau

zu erzählen, denn es ist in meinem Gedächtnis nur wie die Erinnerung an

einen wirren Traum zurückgeblieben. Noch weniger aber kann ich, wenn du

selbst nicht Ähnliches erlebt hast, dir eine Vorstellung davon geben,

wie sich in jeder Umarmung wonniges Entzücken und herzzerreißende

Verzweiflung umschlangen; denn eine jede gemahnte daran, daß die letzte

für diesmal bald folgen würde; und wer stand dafür ein, daß diese dann

nicht die letzte überhaupt war?

Nur gar zu bald traten Somadatta und Medini wieder aus dem Tempel

heraus. Die Heilige wollte nun auch uns die Zukunft offenbaren, aber

Vasitthi entsetzte sich ob dieses Gedankens.

"Wie sollte ich es denn ertragen, wenn eine unheildrohende Zukunft sich

entschleierte?" rief sie aus.

"Warum denn auch gerade unheildrohend?" meinte die wohlwollende Alte,

die wohl wegen ihrer Heiligkeit freundliche Lebenserfahrungen gemacht

haben mochte. "Auch dem Diener blüht das Glück," fügte sie

verheißungsvoll hinzu.

Aber Vasitthi ließ sich durch ihre Worte nicht locken; schluchzend

umklammerte sie meinen Hals.

"Ach, mein einzig Geliebter," rief sie, "mir ist es, als ob die Zukunft

mit unerbittlichem Gesicht dreinschaute. O, ich fühle es,--ich werde

dich nie mehr wiedersehen!"

Obwohl mich diese Worte mit eisigem Schauer durchrieselten, versuchte

ich ihr doch diese grundlose Angst auszureden; aber eben, weil sie

grundlos war, vermochten meine beredtesten Worte wenig oder gar nichts.

Die Tränen rollten unaufhaltsam über Vasitthis Wangen; mit einem Blick

überirdischer Liebe ergriff sie meine Hand und drückte sie an ihre

Brust.

"Aber wenn wir uns hier nicht mehr sehen sollten, so wollen wir uns doch

treu bleiben, und wenn dies kurze und leidenvolle Erdenleben vorüber

ist, wollen wir uns im Paradiese wiederfinden und dort vereinigt auf

immer himmlische Wonne genießen.... O, Kamanita! Versprich mir das--wie

viel stärker wird das mich aufrichten als alle tröstenden Worte! Denn

diese sind ja doch gegen den unvermeidlichen, schon heranbrausenden

Schicksalsstrom so ohnmächtig wie das Schilf gegen die Wasserflut. Aber

allmächtig, neues Leben gebärend, ist der heilige, feste Entschluß."

"Wenn es nur darauf ankommt, geliebte Vasitthi--wie sollte ich dich dann

nicht überall finden?" sagte ich, "aber hoffen wir, daß es in dieser

Welt geschehen wird!"

"Hier ist Alles unsicher, und schon der Augenblick, in dem wir sprechen,

gehört uns nicht an--aber nicht so im Paradiese."

"Ach, Vasitthi," seufzte ich, "gibt es ein Paradies--und wo liegt es?"

"Wo die Sonne untergeht," sagte sie mit voller Überzeugung, "liegt das

Paradies des grenzenlosen Lichtes, und Allen, die den Mut haben, das

Irdische zu verachten und ihr Denken auf jenen Ort der Seligkeit zu

richten, steht dort eine reine Geburt bevor, aus dem Schoße einer

Lotusblume. Die erste Sehnsucht nach jenem Paradiese bringt dort im

heiligen, kristallklaren See eine Knospe hervor, jeder reine Gedanke,

jede gute Tat läßt sie anschwellen, während alles Böse, was in Gedanken,

Wort und Tat vollbracht wird, wie ein Wurm in ihr nagt und sie dem

Verwelken nahe bringt."

Ihre Augen leuchteten gleich Tempelkerzen, als sie so sprach mit einer

Stimme, die wie die lieblichste Musik klang.

Dann erhob sie ihre Hand und zeigte hinauf, wo über den schwarzen

Wipfeln der Sinsapabäume die Milchstraße sich in sanft strahlendem

Alabasterglanz durch die mit funkelnden Sternen übersäte, purpurdunkle

Himmelsebene streckte.--

"Sieh dort, Kamanita," rief sie--"die himmlische Ganga! Schwören wir bei

ihren silbernen Wellen, die die Lotusseen jener seligen Gefilde

speisen,--unsere ganze Seele darauf zu richten, dort unserer Liebe eine

ewige Heimat zu bereiten."

Seltsam bewegt, hingerissen und in meinem Innersten tief erschüttert,

erhob ich meine Hand zu der ihren, und unsere Herzen bebten gemeinsam

bei dem göttlichen Gedanken, daß in diesem Augenblick in unabsehbaren

Weltenfernen hoch über den Stürmen dieses irdischen Daseins eine

Doppelknospe ewigen Liebeslebens sich bildete.

Als ob hiermit ihre Kräfte erschöpft wären, sank Vasitthi in meine Arme,

wo sie wie leblos liegen blieb, nachdem sie noch einen hinsterbenden

Abschiedskuß auf meine Lippen gedrückt hatte.

Ich legte sie sanft in die Arme Medinis, bestieg mein Pferd und ritt

davon, ohne daß ich mich noch einmal umzusehen wagte.

Der Pilger Kamanita: Ein Legendenroman · 第 11 / 55 题