IX. UNTER DEM RÄUBERGESTIRN

Als ich das Dorf, wo meine Leute Nachtquartier bezogen hatten, wieder

erreichte, zögerte ich nicht, diese zu wecken, und schon ein paar

Stunden vor Sonnenaufgang war die Karawane unterwegs.

Am zwölften Tage erreichten wir um die Mittagsstunde ein gar liebliches

Tal in der waldigen Gegend Vedisas. Ein kleiner kristallklarer Fluß wand

sich gemach durch die grünen Wiesen; die sanft ansteigenden Hügel waren

mit blühendem Gebüsch bestanden, das einen würzigen Duft verbreitete;

etwa in der Mitte der langgestreckten Talsohle und unfern dem Flüßchen

erhob sich ein Nyagrodhabaum, dessen undurchdringliche Laubkuppel einen

schwarzen Schatten auf die smaragdene Matte warf und, von ihren tausend

Nebenstämmen gestützt, einen Hain bildete, in dem wohl zehn Karawanen

wie die meinige hätten Obdach finden können.

Die Stelle war mir von der Hinreise wohl erinnerlich, und ich hatte sie

schon zur Lagerstätte ausersehen. Es wurde also Halt gemacht. Die

wegmüden Ochsen wateten in den Strom hinaus und tranken begehrlich das

kühle Naß, um sich dann am zarten Ufergras zu laben. Die Leute

erfrischten sich durch ein Bad und machten sich dann gleich daran, dürre

Zweige zu sammeln und ein Feuer zum Reiskochen anzuzünden, während ich

selbst--auch durch ein Bad erfrischt--mich im tiefsten Schatten, an eine

Wurzel des Hauptstammes angelehnt, hinstreckte, um an Vasitthi zu denken

und bald in der Tat von ihr zu träumen. An der Hand des geliebten

Mädchens schwebte ich durch paradiesische Gefilde.

Ein großes Geschrei brachte mich jäh zur rauhen Wirklichkeit zurück. Als

ob ein böser Zauberer sie aus der Erde hätte emporwachsen lassen,

wimmelten bewaffnete Männer um uns herum, und das nahe Gebüsch entsandte

immer neue. Sie waren schon bei den Wagen, die ich in einem Kreise um

den Baum hatte aufstellen lassen, und fochten mit meinen Leuten, die

alle im Gebrauch der Waffen geübt waren und sich tapfer verteidigten.

Bald war ich mitten im Kampfgetümmel. Mehrere Räuber fielen von meiner

Hand. Plötzlich sah ich einen großen, bärtigen Mann von schrecklichem

Aussehen vor mir; sein Oberkörper war unbekleidet, und um den Hals trug

er eine dreifache Reihe von Menschendaumen. Da wußte ich denn: "Das ist

der Räuber Angulimala, der grausame, der blutgierige, der die Dörfer

undörflich, die Städte unstädtlich, die Länder unländlich macht, der die

Leute umbringt und ihre Daumen sich um den Hals hängt." Und ich glaubte

schon, meine letzte Stunde sei gekommen.

Wirklich schlug mir dies Ungetüm sofort das Schwert aus der Hand"-eine

Leistung, die ich keinem Wesen aus Fleisch und Blut zugetraut hätte.

Bald lag ich an Händen und Füßen gefesselt auf der Erde. Um mich her

waren alle meine Leute erschlagen bis auf einen, einen alten Diener

meines Vaters, der von der Menge überwältigt worden und, ebenso wie ich,

unverwundet in Gefangenschaft geraten war. Ringsum, unter dem schattigen

Dache des Riesenbaumes, in Gruppen gelagert, taten die Räuber sich

gütlich.

Jene kristallene Kette mit dem Tigerauge, von der ich dir schon erzählt

habe, wie sie beim Ringkampf mit Satagira um Vasitthis Ball zerriß"-jene

Kette, die mir meine gute Mutter beim Abschied als Amulett umgehängt

hatte, war mir durch Angulimalas blutige Mörderhand vom Halse gezerrt

worden. Noch viel schmerzlicher war mir aber der Verlust der Asokablume,

die ich seit jener Nacht auf der Terrasse immer an meinem Herzen

getragen hatte. Nicht weit von mir glaubte ich sie zu entdecken, ein

rotes Flämmchen im zerstampften Grase, gerade dort, wo die jüngsten

Räuber hin und her liefen, das dampfende Fleisch des schnell

geschlachteten und gebratenen Rindes und Kürbisflaschen mit Branntwein

den Schmausenden zu bringen. Mir war es, als ob sie mein Herz

zerstampften, so oft ich meine arme Asokablume unter ihren schmutzigen

Füßen verschwinden sah, um immer weniger leuchtend zum Vorschein zu

kommen, bis ich sie gar nicht mehr erspähen konnte. Und ich dachte, ob

wohl Vasitthi jetzt vor dem sorgenlosen Baume stände, um ihn zu

befragen? Wie gut dann, daß er ihr nicht sagen konnte, wo ich weilte,

denn gewiß hätte sie vor Schreck ihre zarte Seele ausgehaucht, wenn sie

mich in dieser Umgebung gesehen hätte.

Nur ein Dutzend Schritte von mir entfernt zechte der furchtbare

Angulimala selber mit einigen seiner Vertrauten. Fleißig machte die

Flasche die Runde, und die Gesichter"--mit Ausnahme eines einzigen, von

dem ich noch später sprechen werde"--wurden immer röter, während die

Räuber sich lebhaft, fast erregt unterhielten, ja bald in offenbaren

Streit gerieten.

Leider gehörte die Wissenschaft der Gaunersprache damals noch nicht zu

meinen vielen Fähigkeiten--woraus man ersieht, wie wenig der Mensch

beurteilen kann, welche Kenntnisse ihm am nützlichsten sein werden. Gar

zu gern hätte ich den Sinn ihrer lauten Rede verstanden, denn ich konnte

nicht in Zweifel sein, daß sie mich und mein Schicksal betraf. Die

Mienen und Gebärden zeigten mir das mit unheimlicher Deutlichkeit, und

wahre Flammenblicke, die unter den dichten, zusammengewachsenen Brauen

des Häuptlings von Zeit zu Zeit nach mir herüberblitzten, ließen mich

mein Amulett gegen den bösen Blick, das jetzt auf der zottigen Brust des

Ungeheuers selber erglänzte, sehr vermissen. In der Tat hatte ich, wie

ich später erfuhr, einen Liebling Angulimalas und dazu den besten Degen

der ganzen Bande vor seinen Augen niedergestreckt, und der Häuptling

hatte mich nur deshalb nicht getötet, weil er seine Rachsucht durch den

Anblick meiner langsamen Todesmarter zu stillen gedachte. Die anderen

aber wollten nicht zugeben, daß eine reiche Beute, die von Rechts wegen

der ganzen Bande gehörte, auf solche Weise nutzlos vergeudet würde. Ein

kahler, glatt rasierter Mann, der wie ein Priester aussah, fiel mir als

Angulimalas Hauptgegner auf, der allein es verstand, diesen Wilden zu

bändigen. Er war auch der einzige, dessen Gesichtsfarbe während des

Zechens seine Blässe bewahrte. Nach einem langen Streit, währenddessen

Angulimala ein paarmal in die Höhe fuhr und zum Schwerte griff, siegte

schließlich--zu meinem Heile--der professionelle Gesichtspunkt.

Die Bande Angulimalas gehörte nämlich zu den "Absendern"--so genannt,

weil es zu ihren Regeln gehört, von zwei Gefangenen den einen

abzusenden, damit er das geforderte Lösegeld auftreibe. Wenn sie einen

Vater und seinen Sohn gefangen nahmen, hießen sie den Vater gehen, das

Lösegeld für den Sohn zu beschaffen; von zwei Brüdern schickten sie den

älteren; war ein Lehrer mit seinem Jünger in ihre Hände gefallen, so

wurde der Jünger abgesandt, hatten sie einen Herrn und seinen Diener

gefangen, so mußte der Diener gehen--darum eben hießen sie "Absender".

Zu diesem Zwecke hatten sie, ihrer Sitte gemäß, jenen Diener meines

Vaters geschont, während sie alle meine anderen Leute niedermetzelten;

denn obschon etwas bejahrt, war dieser noch rüstig und sah klug und

erfahren aus--wie er denn auch schon mehrmals Karawanen geführt hatte.

Er wurde nun seiner Fesseln entledigt und noch an demselben Abend

abgeschickt, nachdem ich ihm eine vertrauliche Botschaft mitgegeben

hatte, an der meine Eltern die Richtigkeit der Sache erkennen konnten.

Bevor er sich auf den Weg begab, ritzte aber Angulimala einige Zeichen

in ein Palmblatt und übergab es ihm. Es war eine Art Geleitbrief für den

Fall, daß er auf dem Rückweg, wenn er die Summe bei sich trug, in die

Hände anderer Räuber fallen sollte. Denn Angulimalas Name war so

gefürchtet, daß selbst Räuber, die Königsgeschenke von der Straße

entführten, sich nimmer vermessen hätten, etwas, das sein Eigentum war,

auch nur anzurühren.

Auch mir wurden nun bald die Fesseln abgenommen, da man wohl wußte, daß

ich nicht töricht genug sein würde, einen Fluchtversuch zu machen. Das

erste, wozu ich meine Freiheit benutzte, war, daß ich nach der Stelle

hinstürzte, wo ich die Asokablume hatte verschwinden sehen. Aber ach,

nicht einmal mehr ein farbloses Restchen konnte ich von ihr entdecken!

Diese zarte Blumenflamme schien unter den rohen Räuberfüßen gänzlich zu

Asche zerstampft. War sie ein Wahrzeichen unseres Liebesglücks?

Ziemlich frei lebte und bewegte ich mich jetzt unter diesen gefährlichen

Gesellen, in der Erwartung des Lösegeldes, das binnen zwei Monaten

kommen mußte.

Da wir uns in der dunklen Hälfte des Monats befanden, gingen die

Diebstähle und Räubereien lebhaft vonstatten. Denn diese Zeit, die der

furchtbaren Göttin Kali gehört, wird fast ausschließlich zu den

regelmäßigen Geschäften benutzt, so daß keine Nacht ohne irgend einen

Überfall oder Einbruch verging. Mehrmals wurden auch ganze Dörfer

geplündert. In der fünfzehnten Nacht des abnehmenden Mondes aber wurde

Kalis Fest mit grauser Feierlichkeit begangen. Nicht nur Stiere und

zahllose schwarze Ziegen, sondern auch einige unglückliche Gefangene

wurden vor ihrem Bild geschlachtet; man stellte das Opfer vor den Altar

und öffnete ihm eine Schlagader, so daß das Blut gerade in den

aufgerissenen Mund der scheußlichen, mit Menschenschädeln behangenen

Gestalt spritzte. Danach folgte eine wilde Orgie, wobei die Räuber sich

im Rauschtrank bis zur Besinnungslosigkeit besoffen und sich mit den

Bajaderen ergötzten, die man zu diesem Zwecke mit beispielloser

Dreistigkeit aus einem großen Tempel entführt hatte. Angulimala, der in

seiner Weinlaune großmütig wurde, wollte auch mich mit einer schönen,

jungen Bajadere beglücken. Da ich aber in Erinnerung an Vasitthi das

Mädchen verschmähte, so daß es ob dieser Schmach in Tränen ausbrach,

geriet er darüber in eine solche Wut, daß er mich ergriff und auf der

Stelle erdrosselt hätte, wäre mir nicht jener kahle, glattrasierte

Räuber zu Hilfe gekommen. Wenige Worte von ihm genügten, um den eisernen

Griff des Häuptlings erschlaffen zu lassen und ihn dann, brummend wie

eine notdürftig bezähmte Bestie, fortzuschicken.

Dieser merkwürdige Mann, der jetzt zum zweitenmal mein Retter wurde--mit

Händen, die von dem von ihm geleiteten schrecklichen Kaliopfer noch

blutig waren--war der Sohn eines Brahmanen. Weil er aber unter einer

Räuberkonstellation geboren war, wandte er sich dem Räuberhandwerke zu.

Zuerst hatte er den "Würgern" angehört, trat aber auf Grund

wissenschaftlicher Erwägungen zu den "Absendern" über. Vom väterlichen

Hause her hatte er nämlich einen Hang zu religiösen Betrachtungen und

nicht weniger zu gelehrten Erörterungen ererbt. So leitete er einerseits

den Opferdienst als Priester--und man schrieb das seltene Glück dieser

Bande fast ebensosehr seiner Priesterwissenschaft wie der

Führertüchtigkeit Angulimalas zu--andererseits trug er auch die

Wissenschaft des Räuberwesens in systematischer Form vor, und zwar

sowohl die Technik wie die Moral; denn ich merkte zu meinem Erstaunen,

daß die Räuber eine solche hatten, und sich keineswegs für schlechtere

Menschen als andere hielten.

Diese Vorträge fanden besonders nachts in der lichten Hälfte des Monates

statt, in der--abgesehen von zufälligen Vorkommnissen--die Geschäfte

ruhten. Auf einer Waldwiese hockten die Zuhörer in mehreren

halbkreisförmigen Reihen um den ehrwürdigen Vajaçravas, der mit

untergeschlagenen Beinen dasaß. Sein mächtiger haarloser Schädel

erglänzte im Mondlicht, und seine ganze Erscheinung war der eines

vedischen Lehrers nicht unähnlich, der in der Stille der Mondnacht den

Insassen der Waldeinsiedelei die Geheimlehre mitteilt--aber manches

unheilig wilde Gesicht, ja manche Galgenphysiognomie war rings in der

Runde zu schauen. Mir ist es in der Tat, als ob ich sie in diesem

Augenblick sähe--als ob ich das tiefe auf und ab schwellende Brausen des

ungeheuren Waldes hörte, manchmal durch das ferne Gebrüll eines Tigers

oder das heisere Bellen des Panthers unterbrochen--und dazu, ruhig

fließend wie ein Strom, die Stimme Vajaçravas'--diesen tiefen,

volltönenden Baß, eine köstliche Erbschaft ungezählter Generationen von

Udgatars[1].

[1] Vedischer Opfersänger.

Zu diesen Vorträgen hatte ich Zutritt, weil Vajaçravas eine Vorliebe für

mich gefaßt hatte. Er behauptete sogar, ich sei unter einem Räuberstern

geboren wie er, und ich würde mich einmal den Dienern Kalis zugesellen,

weshalb es mir nützlich sei, seiner Rede zu lauschen, die unzweifelhaft

den in mir noch schlummernden Trieb wachrufen würde. Ich habe da also

sehr merkwürdige Vorlesungen von ihm gehört über die verschiedenen

"Sekten Kalis"--gewöhnlich Diebe und Räuber genannt--und über ihre

unterschiedlichsten Gebräuche. Ebenso lehrreich wie unterhaltend waren

seine Exkurse über Themata wie: "Die Nützlichkeit der Dirnen zum

Hineinlegen der Polizei", oder "Kennzeichen der für Bestechung

zugänglichen Beamten höheren und niederen Ranges, nebst kurzer Anweisung

über die in Frage kommenden Geldbeträge". Von scharfsinnigster

Menschenbeobachtung und strengster Schlußfolgerung zeugte seine

Behandlung der Frage "Wie und warum die Spitzbuben sich auf den ersten

Blick gegenseitig erkennen, während die ehrlichen Leute es nicht tun,

und welche Vorteile aus diesem Umstande ersteren erwachsen", nicht zu

reden von den glänzenden Ausführungen: "Über die Stupidität der

Nachtwächter im allgemeinen, eine anregende Betrachtung für

Anfänger"--bei welchen der nächtliche Wald von einem Lachchor

widerhallte, so daß man von allen Seiten des Lagers zusammenströmte, um

zu hören, was los sei.

Aber auch trockene technische Fragen wußte der Meister interessant zu

behandeln, und ich erinnere mich wirklich fesselnder Schilderungen, wie

man geräuschlos eine Bresche in der Wand macht oder einen unterirdischen

Gang kunstgerecht anlegt. Die richtige Verfertigung der verschiedenen

Arten von Brecheisen, besonders des sogenannten "Schlangenmaules", sowie

des "krebsförmigen" Hakens wurde sehr anschaulich dargelegt; der

Gebrauch des leisen Saitenspieles, um zu erkunden, ob jemand wacht, und

des aus Holz gemachten Männerkopfes, den man zur Tür oder zum Fenster

hereinsteckt, um zu sehen, ob dieser vermeintliche Einbrecher bemerkt

wird--alles dies wurde gründlich besprochen. Seine Erörterungen, wie man

bei Ausführung eines Diebstahls unbedingt jeden umbringen müsse, der

später als Zeuge würde auftreten können, sowie die allgemeinen

Betrachtungen, wie ein Dieb nicht mit einem moralischen Wandel behaftet

sein dürfe, sondern rauh, hart und gewalttätig, gelegentlich dem

Rauschtrank und den Dirnen ergeben sein müsse, zählen zu den

gelehrtesten und geistreichsten Vorträgen, die ich je gehört habe.

Um dir aber eine richtige Vorstellung von diesem wahrhaft profunden

Geiste zu geben, muß ich dir die berühmteste Stelle aus seinem in fast

kanonischem Ansehen stehenden Kommentar zu den uralten Kali-Sutras, der

Geheimlehre der Diebe, hersagen.[1]

[1] Über den indischen Sutrastil und das folgende Kapitel siehe die

Note am Schlusse des Werkes.

Der Pilger Kamanita: Ein Legendenroman · 第 12 / 55 题