Tief bewegt durch diese lebhafte Erinnerung, schwieg der Pilger eine
kleine Weile. Dann seufzte er, strich sich mit der Hand über die Stirn
und fuhr in seiner Erzählung fort.
Kurz, Bruder, ich ging während dieser ganzen Zeit wie in einem Rausche
von Seligkeit umher, und meine Füße schienen kaum mehr die Erde zu
berühren. Einmal mußte ich laut lachen, weil ich hörte, daß es Leute
gebe, die diese Welt ein Jammertal nennen und ihre Gedanken und Wünsche
darauf richten, nicht mehr unter den Menschen wiedergeboren zu werden.
"Welch ausgemachte Toren, Somadatta!" rief ich, "als ob es einen
vollkommeneren Ort der Seligkeit geben könnte als die Terrasse der
Sorgenlosen."
Aber unter der Terrasse war die Schlucht.
In diese waren wir gerade hinuntergeklettert, als ich jene törichten
Worte ausrief, und als sollte mir gezeigt werden, daß auch die höchste
Erdenwonne ihre Bitterkeit hat, wurden wir in demselben Augenblick von
mehreren bewaffneten Männern angefallen. Wie viele es waren, vermochten
wir in der tiefen Dunkelheit nicht zu unterscheiden. Glücklicherweise
konnten wir uns den Rücken durch die Felsenwand decken, und mit dem
beruhigenden Bewußtsein, nur von vorn bedroht zu sein, fingen wir an,
für unser Leben und unsere Liebe zu fechten. Wir bissen die Zähne
zusammen und waren schweigsam wie die Nacht, während wir so ruhig wie
möglich parierten und stießen; unsere Gegner aber heulten wie die
Teufel, um sich gegenseitig anzufeuern, und wir vermeinten acht bis zehn
Stimmen unterscheiden zu können. Wenn sie nun auch ein paar bessere
Degen vorfanden, als sie erwartet haben mochten, so war unsere Stellung
doch ernst genug. Bald lagen aber zwei von ihnen auf der Erde, und ihre
Körper hinderten die anderen, die fürchteten, über sie zu stolpern und
so unseren Schwertspitzen überliefert zu werden, beträchtlich am
Kämpfen. Sie mochten sich einige Schritte zurückgezogen haben, denn wir
fühlten nicht mehr ihren heißen Atem im Gesicht.
Ich flüsterte Somadatta ein paar Worte zu, und wir rückten mehrere
Schritte zur Seite, in der Hoffnung, daß die Angreifer, uns an der alten
Stelle wähnend, einen plötzlichen Vorstoß machen und dabei anstatt an
uns an die Felsenwand geraten und an dieser ihre Schwertspitzen
zerbrechen würden, während die unserigen ihnen gehörig zwischen die
Rippen fahren sollten. Obwohl wir nun die äußerste Vorsicht
beobachteten, muß aber doch wohl ein leises Geräusch ihren Verdacht
erweckt haben. Denn der erhoffte blinde Angriff erfolgte nicht, wohl
aber sah ich plötzlich einen schmalen Lichtstreif die Wand treffen und
wurde auch gewahr, daß dieser Strahl von einem Lampendocht herkam, der
offenbar in einer vorsichtig geöffneten Dose steckte, neben der sich
auch eine warzige Nase und ein zusammengekniffenes Auge zeigten.
Da die Bambusstange, mit deren Hilfe wir die Terrasse erklommen hatten,
glücklicherweise sich noch in meiner linken Hand befand, stieß ich
beherzt zu--ein lauter Schrei, das Verschwinden des Strahls und das
Klirren des zu Boden gefallenen Lämpchens bezeugten, wie gut ich
getroffen hatte; und diesen Augenblick benutzten wir nun, in der
Richtung, in der wir gekommen waren, eilends davon zu laufen. Wir
wußten, daß hier die Kluft allmählich enger wurde und ziemlich steil
aufstieg, und daß man zuletzt ohne übermäßige Mühe die Höhe erklettern
konnte. Doch war es ein großes Glück, daß unsere Angreifer die
Verfolgung in der Finsternis sehr bald aufgaben, denn beim letzten
Aufstieg drohten meine Kräfte mich zu verlassen, und ich fühlte, daß ich
aus mehreren Wunden heftig blutete; auch mein Freund war verwundet,
obschon leichter.
Oben angekommen, zerschnitten wir mein Gewand und verbanden notdürftig
unsere Wunden, und so gelangte ich denn endlich, auf Somadattas Arm
gestützt, glücklich nach Hause, wo ich dann mehrere Wochen auf dem
Schmerzenslager zubringen mußte.
Da lag ich nun, von dreifachem Leid geplagt. Denn die Wunden und das
Fieber verbrannten mir den Leib, und sehrende Sehnsucht nach der
Geliebten verzehrte meine Seele--bald aber kam noch die Besorgnis um ihr
teures Leben hinzu. Denn das zarte, blumenhafte Wesen hatte die
Nachricht von der tödlichen Gefahr, in der ich geschwebt hatte und
vielleicht noch immer schwebte, nicht ertragen können und war von einer
schweren Krankheit befallen worden. Ihre getreue Milchschwester Medini
ging aber tagtäglich von einem Krankenlager zum anderen, und so fehlte
es uns wenigstens nicht an dauernder Verbindung und an sinnigem Verkehr.
Blumen wanderten zwischen uns hin und her, und da wir beide in die
Wissenschaft der Blumensprache eingeweiht waren, vertrauten wir uns
durch diese lieblichen Boten gar mancherlei an. Später, als unsere
Kräfte sich hoben, fand auch manch zierlicher Vers den Weg von Hand zu
Hand, und so hätte unser Zustand sich bald recht erträglich gestaltet,
wenn nicht mit der Genesung, der wir in gleichem Schritt uns
näherten--gleichsam zu treu verbunden, als daß der eine dem anderen
darin vorauseilen wollte--auch die Zukunft an uns herangetreten wäre und
uns mit schweren Sorgen erfüllt hätte.
Es war uns nämlich nicht verborgen geblieben, welcher Art jener
scheinbar so rätselhafte Überfall gewesen war. Kein anderer als der Sohn
des Ministers--Satagira war sein verhaßter Name--, mit dem ich an jenem
unvergeßlichen Nachmittage im Parke um Vasitthis Ball gerungen hatte:
kein anderer war es als er, der die gedungenen Mörder auf mich gehetzt
hatte. Ohne Zweifel hatte er bemerkt, daß ich nach der Abreise der
Gesandtschaft noch immer in der Stadt zurückblieb, und sein dadurch
geweckter Argwohn hatte gar bald meine nächtlichen Besuche auf der
Terrasse erspäht.
Ach, jene Terrasse der Sorgenlosen war unserer Liebe jetzt wie ein
versunkenes Eiland. Wohl hätte ich freudig immer wieder und wieder mein
Leben in die Schanze geschlagen, um die Holde dort zu umfangen. Aber
selbst wenn Vasitthi das Herz gehabt hätte, mich allnächtlich tödlicher
Gefahr auszusetzen, so blieb uns doch eine solche Versuchung erspart.
Der böse Satagira mußte die Eltern meiner Geliebten von unseren geheimen
Zusammenkünften unterrichtet haben, denn es zeigte sich bald, daß
Vasitthi sorgfältig und argwöhnisch überwacht wurde, und daß der
Aufenthalt auf der Terrasse ihr nach Sonnenuntergang verboten
war--angeblich wegen ihrer noch gefährdeten Gesundheit.
So war denn unsere Liebe obdachlos! Die sich so gern im Verborgenen
heimisch fühlt, durfte nur dort zu Hause sein, wo es alle Welt war!--In
jenem öffentlichen Garten, wo ich zuerst ihre göttliche Gestalt erblickt
und sie ein paarmal schon vergebens gesucht hatte, trafen wir uns wie
von ungefähr. Aber was für eine Begegnung war das! Wie flüchtig die
gestohlenen Minuten, wie zaghaft und sparsam die hastigen Worte, wie
gezwungen die Bewegungen, die sich neugierigen oder wohl gar spähenden
Blicken ausgesetzt fühlten! Vasitthi beschwor mich, die Stadt, wo mir in
ihrer Nähe tödliche Gefahr drohte, sofort zu verlassen. Sie klagte sich
bitter an, daß sie an jenem unvergeßlichen ersten Abend auf der Terrasse
durch ihren Eigensinn mich zum Bleiben überredet und mich dadurch
beinahe schon in den Rachen des Todes getrieben habe; vielleicht würden
in diesem Augenblick neue Meuchelmörder gegen mich gedungen. Wenn ich
mich nicht durch schleunigste Abreise dieser Gefahr entzöge, machte ich
sie zur Mörderin ihres Liebsten! Unterdrücktes Schluchzen erstickte ihre
Stimme, und ich mußte daneben stehen, ohne sie in meine Arme schließen
und ihr die Tränen, die schwer wie Gewittertropfen ihre blassen Wangen
herabrollten, wegküssen zu können. Einen solchen Abschied ertrug ich
nicht, und ich erklärte ihr, ich könne nicht von dannen reisen, ohne
vorher eine Zusammenkunft mit ihr zu haben, wie diese nun auch zu
bewerkstelligen sei.
Vasitthis verzweifelt flehender Blick, als wir gerade in diesem Moment
durch das Nahen mehrerer Personen uns zu trennen genötigt wurden, konnte
meinen Entschluß nicht zum Wanken bringen. Ich vertraute auf die
Erfindungsgabe meiner Geliebten, die nunmehr, durch Sehnsucht nach mir
und durch Angst um mein Leben angespornt und von der schlauen und in
Liebessachen bewanderten Milchschwester Medini beraten, gewiß einen
Ausweg finden würde. Hierin täuschte ich mich nicht; denn noch in
derselben Nacht konnte Somadatta mir ihren recht verheißungsvollen Plan
mitteilen.