Als es nun völlig Nacht geworden war, begaben wir, Somadatta und ich,
uns in dunkelfarbiger Kleidung, hoch aufgeschürzt, fest gegürtet und das
Schwert in der Hand, nach der Westseite des palastartigen Hauses des
reichen Goldschmiedes, wo sich die Terrasse über der steilen Felswand
einer Schlucht befand. Mit Hilfe einer mitgebrachten Bambusstange
erkletterten wir nun, die wenigen Vorsprünge geschickt benutzend, die in
tiefen Schatten gehüllte Felsenwand, überstiegen dann mit Leichtigkeit
die Mauer und befanden uns nun auf einer großen, mit Palmen, Asokabäumen
und prächtigen Blumenpflanzen aller Art geschmückten Terrasse, die, in
Mondlicht gebadet, sich vor uns ausbreitete.
Nicht weit von mir entfernt sah ich die der Lakshmi ähnliche Großäugige,
die mit meinem Herzen Ball spielte, neben einem jungen Mädchen auf einer
Ruhebank sitzen, und bei diesem Anblick fing ich an so heftig an allen
Gliedern zu zittern, daß ich mich an die Brüstung lehnen mußte, deren
marmorne Kälte meine in Feuersglut schon entschwindenden Sinne
erfrischte und stärkte. Indessen war Somadatta auf seine Geliebte
zugeeilt, die mit einem leisen Ruf aufgesprungen war.
Nun faßte ich mich denn auch so weit, daß ich mich der Unvergleichlichen
nähern konnte, die, anscheinend überrascht durch die Ankunft eines
Fremden, sich erhoben hatte und unschlüssig schien, ob sie bleiben oder
gehen sollte, während sich ihr Auge, wie das der erschreckten jungen
Antilope, wiederholt mit Seitenblicken aus dem äußersten Augenwinkel auf
mich richtete, wobei sie wie eine vom leisen Winde geschaukelte Ranke
bebte. Ich aber stand da in beständig wachsender Verwirrung, mit
gesträubten Wangenhaaren und weit aufgeblühten Augen und konnte nur
mühsam einige Worte von dem unverhofften Glück, sie hier zu treffen,
hervorstammeln. Als sie aber meine große Zaghaftigkeit bemerkte, schien
sie selber ruhiger zu werden. Sie setzte sich wieder auf die Bank und
lud mich mit einer lässigen Bewegung ihrer Lotushand ein, neben ihr
Platz zu nehmen, während sie mit einer Stimme, die sehr leicht und gar
lieblich zitterte, mir versicherte, sie sei sehr glücklich über diese
Gelegenheit, mir zu danken, weil ich ihr den Ball mit solcher
Geschicklichkeit zurückgeworfen hätte, daß keine Störung im Spiel
entstanden sei; denn wäre das geschehen, so würde ihr ganzes Verdienst
dahin gewesen sein, und die von ihr ungeschickt verehrte Göttin hätte
ihr gezürnt oder ihr wenigstens kein Glück geschenkt. Darauf antwortete
ich, sie habe mir nicht zu danken, da ich höchstens das wieder gut
gemacht hätte, was ich selber verfehlt; und als sie nicht verstand, wie
ich das meinte, wagte ich sie daran zu erinnern, wie unsere Blicke sich
begegnet hatten und sie darob verwirrt den Ball schief traf, so daß er
ihr davonflog. Sie aber errötete heftig und wollte das durchaus nicht
zugeben--was hätte sie denn auch dabei verwirren können?
"Ich denke," antwortete ich, "daß meine weit aufgeblühten Augen
gleichsam einen solchen Duft von Bewunderung haben entströmen lassen,
daß du dadurch einen Augenblick betäubt wurdest und mit der Hand daneben
schlugst."
"Ei, was sprichst du mir da von Bewunderung," antwortete sie, "du bist
ja gewohnt, in deiner Heimat noch viel geschicktere Spielerinnen zu
sehen."
Aus dieser Äußerung entnahm ich mit Genugtuung, daß man sich über mich
unterhalten hatte, und daß meine an Somadatta gerichteten Worte ihr
getreulich mitgeteilt worden waren. Doch wurde mir auch heiß und kalt
bei dem Gedanken, daß ich ja fast geringschätzig über sie gesprochen
hatte, und ich beeilte mich, ihr zu versichern, daß daran kein wahres
Wort gewesen wäre, und daß ich nur so gesprochen hätte, um nicht mein
süßes Geheimnis dem Freunde preiszugeben. Das wollte sie aber nicht
glauben, oder tat wenigstens so; und darüber vergaß ich dann glücklich
meine ganze Schüchternheit, geriet in großen Eifer, um sie zu
überzeugen, und erzählte ihr, wie bei ihrem Anblick der Liebesgott seine
Blumenpfeile auf mich hatte regnen lassen. Ich sei überzeugt, daß sie in
einem früheren Leben meine Frau gewesen sei, denn woher käme wohl sonst
eine so plötzliche und unwiderstehliche Liebe? Wenn dem aber so sei,
dann müsse doch auch sie in mir ihren ehemaligen Gemahl erkannt haben,
und es müsse auch bei ihr eine solche Liebe entstanden sein.
Mit solchen dreisten Worten drang ich ungestüm auf sie ein, bis sie
endlich ihre glühende, tränenperlende Wange an meiner Brust verbarg und
mir in kaum hörbaren Worten gestand, daß es ihr ebenso gegangen sei wie
mir, und daß sie gewiß gestorben wäre, wenn ihre Milchschwester ihr
nicht noch rechtzeitig das Bild gebracht hätte.
Dann küßten und herzten wir uns unzählige Male und meinten vor Wonne
vergehen zu müssen, bis plötzlich der Gedanke an meine unmittelbar
bevorstehende Abreise wie ein schwarzer Schatten über meine Fröhlichkeit
fiel und mir einen tiefen Seufzer erpreßte.
Erschrocken fragte Vasitthi, warum ich also seufzte. Als ich ihr aber
dann den Grund nannte, sank sie wie ohnmächtig auf die Bank zurück, und
brach in einen unerschöpflichen Tränenstrom und in herzzerreißendes
Schluchzen aus. Vergeblich waren meine Versuche, die innig Geliebte zu
trösten. Umsonst versicherte ich ihr, daß ich, sobald die Regenzeit
vorüber sei, zurückkehren und sie dann nimmermehr verlassen wolle, wenn
ich mich auch als Tagelöhner in Kosambi verdingen müsse.--In den Wind
gesprochen waren alle Beteuerungen, daß meine Verzweiflung bei der
Trennung nicht geringer sei als die ihre, und daß nur die harte,
unerbittliche Notwendigkeit mich so bald von ihr wegrisse. Kaum daß sie
unter Schluchzen ein paar Worte hervorbringen konnte, um zu fragen,
warum es denn so notwendig sei, schon morgen, nachdem wir uns eben erst
gefunden hätten, abzureisen--und als ich ihr dies dann sehr genau und
umständlich erklärte, schien sie keine Silbe davon zu hören oder zu
verstehen. O, sie sähe schon, daß ich mich danach sehne, nach meiner
Vaterstadt zurückzukommen, wo es noch viel schönere Mädchen als sie
gäbe, die auch viel besser Ball spielen könnten, wie ich es ja selber
gesagt hätte!
Ich mochte sagen, beteuern und beschwören was ich wollte--sie blieb
dabei, und immer reichlicher flossen ihre Tränen. Kann man sich wundern,
daß ich bald darauf zu ihren Füßen lag, ihre schlaff herabhängende Hand
mit Küssen und Tränen bedeckte und ihr versprach, nicht abzureisen? Und
wer war dann seliger als ich, als Vasitthi mich nun mit ihren weichen
Armen umschlang und mich wieder und wieder küßte und vor Freude lachte
und weinte. Freilich sagte sie nun gleich: "Da siehst du, es ist gar
nicht so notwendig, daß du schon wegreisest, denn dann müßtest du es ja
unbedingt tun."--Als ich mich aber anschickte, ihr Alles noch einmal
auseinanderzusetzen, schloß sie mir den Mund mit einem Kusse und sagte,
sie wisse, daß ich sie liebe, und sie meine nicht wirklich, was sie von
den Mädchen meiner Vaterstadt gesagt hätte. Unter zärtlichen
Liebkosungen und traulichem Plaudern flogen die Stunden wie im Traume
dahin, und es wäre kein Ende all der Seligkeit gewesen, wenn nicht
plötzlich Somadatta mit Medini gekommen wäre, um uns zu sagen, daß es
die höchste Zeit sei, an die Heimkehr zu denken.
In unserem Hofe fanden wir Alles zum Aufbruch bereit. Ich rief den
Führer der Ochsenkarren und schickte ihn eiligst zum Gesandten mit dem
Bescheid, daß mein Geschäft leider noch nicht völlig erledigt sei, und
ich infolgedessen darauf verzichten müsse, die Heimreise unter dem
Schutze der Gesandtschaft zu machen. Ich bat ihn nur, meinen Eltern
einen Gruß zu bringen und empfahl mich seiner Gewogenheit.
Kaum hatte ich mich auf mein Lager gestreckt, um--wenn möglich--einiger
Stunden Schlafes zu genießen, als der Gesandte selber hereintrat.
Erschrocken sprang ich auf und verbeugte mich tief vor ihm, während er
mit ziemlich barscher Stimme fragte, was dies unglaubliche Betragen
bedeuten sollte--ich hätte ihm sofort zu folgen.
Nun wollte ich anfangen, von meinem noch immer unbeendigten Geschäft zu
reden, aber er unterbrach mich gebieterisch:
"Ach was, Geschäft! Laß es mit der Lüge jetzt genug sein. Ich sollte
wohl wissen, was für Geschäfte im Gange sind, wenn ein junger Fant
plötzlich eine Stadt nicht verlassen kann, selbst wenn ich nicht gesehen
hätte, daß deine Ochsenkarren vorgespannt und beladen im Hofe halten."
Da stand ich nun blutrot und zitternd als ein vollkommen Ertappter. Als
er mich aber ihm augenblicklich zu folgen hieß, da schon ohnehin zu viel
der kostbaren kühlen Tageszeit verloren gegangen sei, stieß er bei mir
auf einen Widerstand, mit dem er offenbar nicht gerechnet hatte. Vom
befehlenden Ton ging er zum drohenden, von diesem zuletzt zum bittenden
über. Er erinnerte mich daran, wie meine Eltern sich nur deshalb
entschlossen hätten, mich auf eine so weite Reise zu schicken, weil sie
gewußt, daß ich sie in seiner Begleitung und unter seinem Schutze hin
und zurück machen könnte.
Er hätte aber keinen für seinen Zweck weniger geeigneten Grund ins Feld
führen können. Denn ich sagte mir sofort: dann würde ich ja auch wohl
warten müssen, bis wieder einmal eine Gesandtschaft nach Kosambi ginge,
bevor ich zu meiner Vasitthi zurückkehren könnte! Nein, ich wollte
meinem Vater schon zeigen, daß ich wohl imstande sei, allein eine
Karawane durch alle Beschwerlichkeiten und Gefahren des Weges zu leiten.
Diese Gefahren schilderte mir der Gesandte nun zwar drohend genug, aber
das alles war in den Wind gesprochen. Endlich verließ er mich in großem
Zorn: ihn treffe keine Schuld, ich müsse jetzt selber meine Torheit
ausbaden.
Mir war es, als ob eine große Last von mir genommen wäre. Ich hatte mich
ja jetzt so ganz meiner Liebe hingegeben. In diesem süßen Bewußtsein
schlief ich fest ein und erwachte erst, als es Zeit war, sich nach der
Terrasse zu begeben, wo unsere Geliebten unser harrten.
Nacht um Nacht trafen wir uns nun dort, und bei jeder Begegnung
entdeckten wir neue Schätze in unserer gegenseitigen Neigung und trugen
eine noch größere Sehnsucht nach dem Wiedersehen von dannen. Das
Mondlicht wollte mir silberner erscheinen, der Marmor kühler, der Duft
der Doppeljasminen berauschender, der Ruf der Kokila liebestrunkener,
das Rauschen der Palmen träumerischer und das unruhige Flüstern der
Asokas noch verheißungsvoller, als diese Dinge sonstwo in der Welt sein
mochten.
O, wie deutlich besinne ich mich auf jene herrlichen Asokas, die längs
der ganzen Terrasse standen, und unter denen wir so oft gewandelt sind,
uns mit den Armen umschlungen haltend! "Die Terrasse der Sorgenlosen"
wurde sie nach diesen Bäumen genannt, denn "den sorgenlosen Baum" und
auch "Herzensfrieden" nennen ja die Dichter den Asoka, den ich nirgends
so schön gewachsen gesehen habe wie gerade dort. Die speerförmigen,
nimmer ruhigen Blätter glänzten in den Mondstrahlen und lispelten im
leisen Nachtwinde, und zwischen ihnen glühten die goldigen,
orangefarbenen und scharlachroten Blumen, obschon die Vasantazeit erst
im Anzuge war. Aber wie sollten denn auch, o Bruder, diese Bäume dort
nicht schon in voller Blütenpracht stehen, da der Asoka ja gleich seine
Knospen öffnet, sobald der Fuß eines schönen Mädchens seine Wurzeln
berührt!
In einer wunderbaren Vollmondnacht--mir ist's, als sei es gestern
gewesen--stand ich unter diesen Bäumen neben der holden Ursache ihrer
Frühblüte, meiner lieblichen Vasitthi. Über den tiefen Schatten der
Schlucht schauten wir weit hinaus ins Land, sahen die Silberbänder der
beiden Flüsse sich durch die ungeheure Ebene winden und sich an der
hochheiligen Stätte vereinigen, die sie die "Dreilocke" nennen, weil sie
glauben, daß die himmlische Ganga als dritte sich dort mit ihnen
verbinde. Diese zeigte mir aber Vasitthi über den Wipfeln der
Bäume--denn mit diesem schönen Namen nennen sie ja hier das
Himmelslicht, das wir im Süden als die Milchstraße kennen.
Dann sprachen wir von dem mächtigen Himavat im Norden, aus dem die Ganga
herflutete, dessen Schneegipfel die Wohnung der Götter, dessen
unermeßliche Wälder und tiefe Felsenklüfte der Aufenthalt der großen
Asketen waren. Noch lieber aber folgte ich der Jamuna aufwärts.
"O," rief ich, "daß ich doch einen Märchennachen hätte, aus
Perlmutterschale, von meinen Wünschen besegelt, von meinem Willen
gelenkt, damit er uns jenen silbernen Strom hinauftragen könnte. Dann
müßte sich die Ilfenstadt wieder aus ihren Trümmern erheben, und die
ragenden Paläste würden vom Gelage der Zecher und vom Streit der
Würfelspieler widerhallen. Der Sand Kurukschetras müßte seine Toten
wiedergeben. Da würde der greise Bhishma, in silberner Rüstung und
weißem Gelock auf hohem Wagen emporragend, seine glattröhrigen Pfeile
über die Feinde regnen lassen; der tapfere Phagadatta würde auf seinem
kampfwütigen, rüsselschwingenden Ilfenstier heranstürmen, der gewandte
Krishna das weiße Viergespann Arjunas in das wildeste Kampfgetümmel
hineinjagen. O, wie sehr habe ich den Gesandten um seine Zugehörigkeit
zur Kriegerkaste beneidet, als er mir sagte, seine Vorfahren hätten an
jener unvergeßlichen Schlacht teilgenommen! Aber das war töricht! Denn
nicht nur im Geschlechte gibt es ja Vorfahren, sondern wir selber sind
unsere eigenen Vorfahren. Wo war ich damals? Vielleicht eben dort, unter
den Kämpfenden. Denn obwohl ich ein Kaufmannssohn bin, habe ich immer
meine größte Freude an Waffenspielen gehabt, und ich darf wohl sagen,
daß ich mit dem Degen in der Hand meinen Mann stelle."
Vasitthi umarmte mich stürmisch und nannte mich ihren Helden: ich sei
ganz gewiß einer jener Heroen, die in den Liedern leben. Welcher,
könnten wir freilich nicht wissen, da durch diesen süßen Wohlgeruch der
sorgenlosen Bäume der Duft des Korallenbaumes kaum zu uns dringen würde.
Ich fragte sie, was denn das für ein Duft sei, denn davon hatte ich nie
etwas gehört--wie ich denn überhaupt fand, daß, wie alles andere, auch
das Märchen hier an der Ganga üppiger blühte als bei uns im Gebirge.
Und sie erzählte mir, wie Krishna einst auf seinem Fluge durch Indras
Welt im Kampfspiel den himmlischen Korallenbaum gewonnen und ihn in
seinen Garten gepflanzt habe, einen Baum, dessen tiefrote Blüten weit in
die Runde ihren Duft verbreiten. Und wer diesen Duft eingesogen habe,
der erinnere sich in seinem Herzen langer, langer Vergangenheit, längst
entschwundener Zeiten aus früheren Leben.
"Aber nur die Heiligen können schon hier auf Erden diesen Duft
einatmen," sagte sie und fügte fast schalkhaft hinzu: "und wir beide
werden wohl keine werden. Aber was tut's? Wenn wir auch nicht Nala und
Damayanti waren, so haben wir uns gewiß so lieb gehabt wie sie,--welche
nun auch unsere Namen gewesen sein mögen. Und vielleicht sind Liebe und
Treue das einzig Wirkliche, das Namen und Gestalten wechselt. Sie sind
die Melodien, und wir die Lauten, auf denen sie gespielt werden. Die
Laute zerbricht, und eine andere wird gestimmt; aber die Melodie bleibt
dieselbe. Sie klingt freilich voller und feiner auf dem einen Instrument
als auf dem anderen, wie ja auch meine neue Vina viel schöner tönt als
die alte. Wir aber sind zwei herrliche Lauten für die Götter darauf zu
spielen, die wonnigste aller Weisen darauf ertönen zu lassen."
Ich drückte sie stumm an mich, innig ergriffen und verwundert ob solcher
seltsamen Gedanken. Sie aber fügte mit leisem Lachen hinzu, indem sie
wohl meine Gedanken erriet:
"Freilich darf ich eigentlich nicht solche Gedanken haben, denn unser
alter Hausbrahmane wurde einmal recht böse, als ich etwas Ähnliches
verlauten ließ: ich solle nur zu Krishna beten und das Denken den
Brahmanen überlassen. Da ich nun also nicht denken, wohl aber glauben
darf, so will ich glauben, daß wir wirklich und wahrhaftig Nala und
Damayanti waren."
Und indem sie ihre Hände betend zum blütenschimmernden,
blätterflimmernden Wipfel vor uns emporhob, sprach sie den Baum an mit
den Worten, die Damayanti, im Walde umherirrend, an den Asoka richtet,
nur daß die schmiegsamen Clokaverse des Dichters sich wie von selber auf
ihren Lippen mehrten und reicher blühten, wie ein Schößling, der in
geweihten Boden umgepflanzt ist:
"Du Sorgenloser! der Wehklage lausche der sorgenvollen Maid!
Der du den Namen trägst 'Herzfrieden'! diesem Herzen den Frieden schenk'!
Mit Blumenaugen umherspähend, sprechend mit Blätterzungen fein,
Gieb Kunde mir, wo mein Herzwalter wandert, wo jetzt mein Nala weilt".
Dann blickte sie mich mit liebevollen Augen an, in deren Tränen das
Mondlicht sich spiegelte, und sagte mit bebenden Lippen:
"Wenn du fern von hier bist und an diesen Ort unserer Seligkeit
zurückdenkst, dann stelle dir vor, daß ich hier stehe und so mit diesem
schönen Baume spreche. Nur sage ich dann nicht 'Nala', sondern
'Kamanita'."
Ich schloß sie in meine Arme und preßte meine Lippen auf die ihren.
In diesem Augenblick rauschte der Wipfel über uns. Eine große, leuchtend
rote Blume schwebte herab und ließ sich auf unsere tränenfeuchten Wangen
nieder. Vasitthi nahm sie lächelnd in die Hand, weihte sie mit einem
Kusse und reichte sie mir. Ich verbarg sie an meiner Brust.
Mehrere Blumen waren in dem Baumgange zur Erde gefallen. Medini, die
neben Somadatta auf einer Bank nicht weit von uns entfernt saß, sprang
auf, und, einige gelbe Asokablüten emporhaltend, rief sie, indem sie auf
uns zukam:
"Sieh, Schwester! Die Blumen fangen schon an abzufallen. Bald werden
genug für dein Bad da sein."
"Aber diese gelben darf Vasitthi freilich nicht in ihr Badewasser tun,"
fügte mein immer schalkhafter Freund hinzu, "wenn ihr blumenhafter Leib
ihrer Liebe gemäß blühen soll, sondern nur solche scharlachrote, wie
jene, die Freund Kamanita soeben in seinem Gewande verbarg. Denn im
goldenen Buch der Liebe heißt es: 'Safrangelbe Neigung nennt man sie,
wenn sie zwar in die Augen fällt, aber wieder verloren geht;
scharlachrot aber nennt man sie, wenn sie nicht wieder verloren geht und
übermäßig in die Augen fällt'"
Dabei lachten er und seine Medini auf ihre lustige, vertrauliche Weise.
Vasitthi aber antwortete ernst, wenn auch mit ihrem süßen Lächeln, indem
sie meine Hand fest und sanft drückte:
"Du irrst dich, lieber Somadatta! Meine Liebe hat keine Blumenfarbe.
Denn ich habe sagen hören, die Farbe der echtesten Liebe sei nicht rot,
sondern schwarz--schwarz wie der Hals Qivas wurde, als der Gott das Gift
verschlang, das sonst die Wesen vernichtet hätte. Und so muß es auch
sein: auch das Gift des Lebens muß die wahre Liebe vertragen können, und
willig muß sie das Bitterste kosten, um es dem Geliebten zu ersparen.
Und gewiß wird sie lieber davon ihre Farbe wählen, als von allen
leuchtenden Freuden."
Also sprach meine geliebte Vasitthi in jener Nacht unter den sorgenlosen
Bäumen.