VI. AUF DER TERRASSE DER SORGENLOSEN

Als es nun völlig Nacht geworden war, begaben wir, Somadatta und ich,

uns in dunkelfarbiger Kleidung, hoch aufgeschürzt, fest gegürtet und das

Schwert in der Hand, nach der Westseite des palastartigen Hauses des

reichen Goldschmiedes, wo sich die Terrasse über der steilen Felswand

einer Schlucht befand. Mit Hilfe einer mitgebrachten Bambusstange

erkletterten wir nun, die wenigen Vorsprünge geschickt benutzend, die in

tiefen Schatten gehüllte Felsenwand, überstiegen dann mit Leichtigkeit

die Mauer und befanden uns nun auf einer großen, mit Palmen, Asokabäumen

und prächtigen Blumenpflanzen aller Art geschmückten Terrasse, die, in

Mondlicht gebadet, sich vor uns ausbreitete.

Nicht weit von mir entfernt sah ich die der Lakshmi ähnliche Großäugige,

die mit meinem Herzen Ball spielte, neben einem jungen Mädchen auf einer

Ruhebank sitzen, und bei diesem Anblick fing ich an so heftig an allen

Gliedern zu zittern, daß ich mich an die Brüstung lehnen mußte, deren

marmorne Kälte meine in Feuersglut schon entschwindenden Sinne

erfrischte und stärkte. Indessen war Somadatta auf seine Geliebte

zugeeilt, die mit einem leisen Ruf aufgesprungen war.

Nun faßte ich mich denn auch so weit, daß ich mich der Unvergleichlichen

nähern konnte, die, anscheinend überrascht durch die Ankunft eines

Fremden, sich erhoben hatte und unschlüssig schien, ob sie bleiben oder

gehen sollte, während sich ihr Auge, wie das der erschreckten jungen

Antilope, wiederholt mit Seitenblicken aus dem äußersten Augenwinkel auf

mich richtete, wobei sie wie eine vom leisen Winde geschaukelte Ranke

bebte. Ich aber stand da in beständig wachsender Verwirrung, mit

gesträubten Wangenhaaren und weit aufgeblühten Augen und konnte nur

mühsam einige Worte von dem unverhofften Glück, sie hier zu treffen,

hervorstammeln. Als sie aber meine große Zaghaftigkeit bemerkte, schien

sie selber ruhiger zu werden. Sie setzte sich wieder auf die Bank und

lud mich mit einer lässigen Bewegung ihrer Lotushand ein, neben ihr

Platz zu nehmen, während sie mit einer Stimme, die sehr leicht und gar

lieblich zitterte, mir versicherte, sie sei sehr glücklich über diese

Gelegenheit, mir zu danken, weil ich ihr den Ball mit solcher

Geschicklichkeit zurückgeworfen hätte, daß keine Störung im Spiel

entstanden sei; denn wäre das geschehen, so würde ihr ganzes Verdienst

dahin gewesen sein, und die von ihr ungeschickt verehrte Göttin hätte

ihr gezürnt oder ihr wenigstens kein Glück geschenkt. Darauf antwortete

ich, sie habe mir nicht zu danken, da ich höchstens das wieder gut

gemacht hätte, was ich selber verfehlt; und als sie nicht verstand, wie

ich das meinte, wagte ich sie daran zu erinnern, wie unsere Blicke sich

begegnet hatten und sie darob verwirrt den Ball schief traf, so daß er

ihr davonflog. Sie aber errötete heftig und wollte das durchaus nicht

zugeben--was hätte sie denn auch dabei verwirren können?

"Ich denke," antwortete ich, "daß meine weit aufgeblühten Augen

gleichsam einen solchen Duft von Bewunderung haben entströmen lassen,

daß du dadurch einen Augenblick betäubt wurdest und mit der Hand daneben

schlugst."

"Ei, was sprichst du mir da von Bewunderung," antwortete sie, "du bist

ja gewohnt, in deiner Heimat noch viel geschicktere Spielerinnen zu

sehen."

Aus dieser Äußerung entnahm ich mit Genugtuung, daß man sich über mich

unterhalten hatte, und daß meine an Somadatta gerichteten Worte ihr

getreulich mitgeteilt worden waren. Doch wurde mir auch heiß und kalt

bei dem Gedanken, daß ich ja fast geringschätzig über sie gesprochen

hatte, und ich beeilte mich, ihr zu versichern, daß daran kein wahres

Wort gewesen wäre, und daß ich nur so gesprochen hätte, um nicht mein

süßes Geheimnis dem Freunde preiszugeben. Das wollte sie aber nicht

glauben, oder tat wenigstens so; und darüber vergaß ich dann glücklich

meine ganze Schüchternheit, geriet in großen Eifer, um sie zu

überzeugen, und erzählte ihr, wie bei ihrem Anblick der Liebesgott seine

Blumenpfeile auf mich hatte regnen lassen. Ich sei überzeugt, daß sie in

einem früheren Leben meine Frau gewesen sei, denn woher käme wohl sonst

eine so plötzliche und unwiderstehliche Liebe? Wenn dem aber so sei,

dann müsse doch auch sie in mir ihren ehemaligen Gemahl erkannt haben,

und es müsse auch bei ihr eine solche Liebe entstanden sein.

Mit solchen dreisten Worten drang ich ungestüm auf sie ein, bis sie

endlich ihre glühende, tränenperlende Wange an meiner Brust verbarg und

mir in kaum hörbaren Worten gestand, daß es ihr ebenso gegangen sei wie

mir, und daß sie gewiß gestorben wäre, wenn ihre Milchschwester ihr

nicht noch rechtzeitig das Bild gebracht hätte.

Dann küßten und herzten wir uns unzählige Male und meinten vor Wonne

vergehen zu müssen, bis plötzlich der Gedanke an meine unmittelbar

bevorstehende Abreise wie ein schwarzer Schatten über meine Fröhlichkeit

fiel und mir einen tiefen Seufzer erpreßte.

Erschrocken fragte Vasitthi, warum ich also seufzte. Als ich ihr aber

dann den Grund nannte, sank sie wie ohnmächtig auf die Bank zurück, und

brach in einen unerschöpflichen Tränenstrom und in herzzerreißendes

Schluchzen aus. Vergeblich waren meine Versuche, die innig Geliebte zu

trösten. Umsonst versicherte ich ihr, daß ich, sobald die Regenzeit

vorüber sei, zurückkehren und sie dann nimmermehr verlassen wolle, wenn

ich mich auch als Tagelöhner in Kosambi verdingen müsse.--In den Wind

gesprochen waren alle Beteuerungen, daß meine Verzweiflung bei der

Trennung nicht geringer sei als die ihre, und daß nur die harte,

unerbittliche Notwendigkeit mich so bald von ihr wegrisse. Kaum daß sie

unter Schluchzen ein paar Worte hervorbringen konnte, um zu fragen,

warum es denn so notwendig sei, schon morgen, nachdem wir uns eben erst

gefunden hätten, abzureisen--und als ich ihr dies dann sehr genau und

umständlich erklärte, schien sie keine Silbe davon zu hören oder zu

verstehen. O, sie sähe schon, daß ich mich danach sehne, nach meiner

Vaterstadt zurückzukommen, wo es noch viel schönere Mädchen als sie

gäbe, die auch viel besser Ball spielen könnten, wie ich es ja selber

gesagt hätte!

Ich mochte sagen, beteuern und beschwören was ich wollte--sie blieb

dabei, und immer reichlicher flossen ihre Tränen. Kann man sich wundern,

daß ich bald darauf zu ihren Füßen lag, ihre schlaff herabhängende Hand

mit Küssen und Tränen bedeckte und ihr versprach, nicht abzureisen? Und

wer war dann seliger als ich, als Vasitthi mich nun mit ihren weichen

Armen umschlang und mich wieder und wieder küßte und vor Freude lachte

und weinte. Freilich sagte sie nun gleich: "Da siehst du, es ist gar

nicht so notwendig, daß du schon wegreisest, denn dann müßtest du es ja

unbedingt tun."--Als ich mich aber anschickte, ihr Alles noch einmal

auseinanderzusetzen, schloß sie mir den Mund mit einem Kusse und sagte,

sie wisse, daß ich sie liebe, und sie meine nicht wirklich, was sie von

den Mädchen meiner Vaterstadt gesagt hätte. Unter zärtlichen

Liebkosungen und traulichem Plaudern flogen die Stunden wie im Traume

dahin, und es wäre kein Ende all der Seligkeit gewesen, wenn nicht

plötzlich Somadatta mit Medini gekommen wäre, um uns zu sagen, daß es

die höchste Zeit sei, an die Heimkehr zu denken.

In unserem Hofe fanden wir Alles zum Aufbruch bereit. Ich rief den

Führer der Ochsenkarren und schickte ihn eiligst zum Gesandten mit dem

Bescheid, daß mein Geschäft leider noch nicht völlig erledigt sei, und

ich infolgedessen darauf verzichten müsse, die Heimreise unter dem

Schutze der Gesandtschaft zu machen. Ich bat ihn nur, meinen Eltern

einen Gruß zu bringen und empfahl mich seiner Gewogenheit.

Kaum hatte ich mich auf mein Lager gestreckt, um--wenn möglich--einiger

Stunden Schlafes zu genießen, als der Gesandte selber hereintrat.

Erschrocken sprang ich auf und verbeugte mich tief vor ihm, während er

mit ziemlich barscher Stimme fragte, was dies unglaubliche Betragen

bedeuten sollte--ich hätte ihm sofort zu folgen.

Nun wollte ich anfangen, von meinem noch immer unbeendigten Geschäft zu

reden, aber er unterbrach mich gebieterisch:

"Ach was, Geschäft! Laß es mit der Lüge jetzt genug sein. Ich sollte

wohl wissen, was für Geschäfte im Gange sind, wenn ein junger Fant

plötzlich eine Stadt nicht verlassen kann, selbst wenn ich nicht gesehen

hätte, daß deine Ochsenkarren vorgespannt und beladen im Hofe halten."

Da stand ich nun blutrot und zitternd als ein vollkommen Ertappter. Als

er mich aber ihm augenblicklich zu folgen hieß, da schon ohnehin zu viel

der kostbaren kühlen Tageszeit verloren gegangen sei, stieß er bei mir

auf einen Widerstand, mit dem er offenbar nicht gerechnet hatte. Vom

befehlenden Ton ging er zum drohenden, von diesem zuletzt zum bittenden

über. Er erinnerte mich daran, wie meine Eltern sich nur deshalb

entschlossen hätten, mich auf eine so weite Reise zu schicken, weil sie

gewußt, daß ich sie in seiner Begleitung und unter seinem Schutze hin

und zurück machen könnte.

Er hätte aber keinen für seinen Zweck weniger geeigneten Grund ins Feld

führen können. Denn ich sagte mir sofort: dann würde ich ja auch wohl

warten müssen, bis wieder einmal eine Gesandtschaft nach Kosambi ginge,

bevor ich zu meiner Vasitthi zurückkehren könnte! Nein, ich wollte

meinem Vater schon zeigen, daß ich wohl imstande sei, allein eine

Karawane durch alle Beschwerlichkeiten und Gefahren des Weges zu leiten.

Diese Gefahren schilderte mir der Gesandte nun zwar drohend genug, aber

das alles war in den Wind gesprochen. Endlich verließ er mich in großem

Zorn: ihn treffe keine Schuld, ich müsse jetzt selber meine Torheit

ausbaden.

Mir war es, als ob eine große Last von mir genommen wäre. Ich hatte mich

ja jetzt so ganz meiner Liebe hingegeben. In diesem süßen Bewußtsein

schlief ich fest ein und erwachte erst, als es Zeit war, sich nach der

Terrasse zu begeben, wo unsere Geliebten unser harrten.

Nacht um Nacht trafen wir uns nun dort, und bei jeder Begegnung

entdeckten wir neue Schätze in unserer gegenseitigen Neigung und trugen

eine noch größere Sehnsucht nach dem Wiedersehen von dannen. Das

Mondlicht wollte mir silberner erscheinen, der Marmor kühler, der Duft

der Doppeljasminen berauschender, der Ruf der Kokila liebestrunkener,

das Rauschen der Palmen träumerischer und das unruhige Flüstern der

Asokas noch verheißungsvoller, als diese Dinge sonstwo in der Welt sein

mochten.

O, wie deutlich besinne ich mich auf jene herrlichen Asokas, die längs

der ganzen Terrasse standen, und unter denen wir so oft gewandelt sind,

uns mit den Armen umschlungen haltend! "Die Terrasse der Sorgenlosen"

wurde sie nach diesen Bäumen genannt, denn "den sorgenlosen Baum" und

auch "Herzensfrieden" nennen ja die Dichter den Asoka, den ich nirgends

so schön gewachsen gesehen habe wie gerade dort. Die speerförmigen,

nimmer ruhigen Blätter glänzten in den Mondstrahlen und lispelten im

leisen Nachtwinde, und zwischen ihnen glühten die goldigen,

orangefarbenen und scharlachroten Blumen, obschon die Vasantazeit erst

im Anzuge war. Aber wie sollten denn auch, o Bruder, diese Bäume dort

nicht schon in voller Blütenpracht stehen, da der Asoka ja gleich seine

Knospen öffnet, sobald der Fuß eines schönen Mädchens seine Wurzeln

berührt!

In einer wunderbaren Vollmondnacht--mir ist's, als sei es gestern

gewesen--stand ich unter diesen Bäumen neben der holden Ursache ihrer

Frühblüte, meiner lieblichen Vasitthi. Über den tiefen Schatten der

Schlucht schauten wir weit hinaus ins Land, sahen die Silberbänder der

beiden Flüsse sich durch die ungeheure Ebene winden und sich an der

hochheiligen Stätte vereinigen, die sie die "Dreilocke" nennen, weil sie

glauben, daß die himmlische Ganga als dritte sich dort mit ihnen

verbinde. Diese zeigte mir aber Vasitthi über den Wipfeln der

Bäume--denn mit diesem schönen Namen nennen sie ja hier das

Himmelslicht, das wir im Süden als die Milchstraße kennen.

Dann sprachen wir von dem mächtigen Himavat im Norden, aus dem die Ganga

herflutete, dessen Schneegipfel die Wohnung der Götter, dessen

unermeßliche Wälder und tiefe Felsenklüfte der Aufenthalt der großen

Asketen waren. Noch lieber aber folgte ich der Jamuna aufwärts.

"O," rief ich, "daß ich doch einen Märchennachen hätte, aus

Perlmutterschale, von meinen Wünschen besegelt, von meinem Willen

gelenkt, damit er uns jenen silbernen Strom hinauftragen könnte. Dann

müßte sich die Ilfenstadt wieder aus ihren Trümmern erheben, und die

ragenden Paläste würden vom Gelage der Zecher und vom Streit der

Würfelspieler widerhallen. Der Sand Kurukschetras müßte seine Toten

wiedergeben. Da würde der greise Bhishma, in silberner Rüstung und

weißem Gelock auf hohem Wagen emporragend, seine glattröhrigen Pfeile

über die Feinde regnen lassen; der tapfere Phagadatta würde auf seinem

kampfwütigen, rüsselschwingenden Ilfenstier heranstürmen, der gewandte

Krishna das weiße Viergespann Arjunas in das wildeste Kampfgetümmel

hineinjagen. O, wie sehr habe ich den Gesandten um seine Zugehörigkeit

zur Kriegerkaste beneidet, als er mir sagte, seine Vorfahren hätten an

jener unvergeßlichen Schlacht teilgenommen! Aber das war töricht! Denn

nicht nur im Geschlechte gibt es ja Vorfahren, sondern wir selber sind

unsere eigenen Vorfahren. Wo war ich damals? Vielleicht eben dort, unter

den Kämpfenden. Denn obwohl ich ein Kaufmannssohn bin, habe ich immer

meine größte Freude an Waffenspielen gehabt, und ich darf wohl sagen,

daß ich mit dem Degen in der Hand meinen Mann stelle."

Vasitthi umarmte mich stürmisch und nannte mich ihren Helden: ich sei

ganz gewiß einer jener Heroen, die in den Liedern leben. Welcher,

könnten wir freilich nicht wissen, da durch diesen süßen Wohlgeruch der

sorgenlosen Bäume der Duft des Korallenbaumes kaum zu uns dringen würde.

Ich fragte sie, was denn das für ein Duft sei, denn davon hatte ich nie

etwas gehört--wie ich denn überhaupt fand, daß, wie alles andere, auch

das Märchen hier an der Ganga üppiger blühte als bei uns im Gebirge.

Und sie erzählte mir, wie Krishna einst auf seinem Fluge durch Indras

Welt im Kampfspiel den himmlischen Korallenbaum gewonnen und ihn in

seinen Garten gepflanzt habe, einen Baum, dessen tiefrote Blüten weit in

die Runde ihren Duft verbreiten. Und wer diesen Duft eingesogen habe,

der erinnere sich in seinem Herzen langer, langer Vergangenheit, längst

entschwundener Zeiten aus früheren Leben.

"Aber nur die Heiligen können schon hier auf Erden diesen Duft

einatmen," sagte sie und fügte fast schalkhaft hinzu: "und wir beide

werden wohl keine werden. Aber was tut's? Wenn wir auch nicht Nala und

Damayanti waren, so haben wir uns gewiß so lieb gehabt wie sie,--welche

nun auch unsere Namen gewesen sein mögen. Und vielleicht sind Liebe und

Treue das einzig Wirkliche, das Namen und Gestalten wechselt. Sie sind

die Melodien, und wir die Lauten, auf denen sie gespielt werden. Die

Laute zerbricht, und eine andere wird gestimmt; aber die Melodie bleibt

dieselbe. Sie klingt freilich voller und feiner auf dem einen Instrument

als auf dem anderen, wie ja auch meine neue Vina viel schöner tönt als

die alte. Wir aber sind zwei herrliche Lauten für die Götter darauf zu

spielen, die wonnigste aller Weisen darauf ertönen zu lassen."

Ich drückte sie stumm an mich, innig ergriffen und verwundert ob solcher

seltsamen Gedanken. Sie aber fügte mit leisem Lachen hinzu, indem sie

wohl meine Gedanken erriet:

"Freilich darf ich eigentlich nicht solche Gedanken haben, denn unser

alter Hausbrahmane wurde einmal recht böse, als ich etwas Ähnliches

verlauten ließ: ich solle nur zu Krishna beten und das Denken den

Brahmanen überlassen. Da ich nun also nicht denken, wohl aber glauben

darf, so will ich glauben, daß wir wirklich und wahrhaftig Nala und

Damayanti waren."

Und indem sie ihre Hände betend zum blütenschimmernden,

blätterflimmernden Wipfel vor uns emporhob, sprach sie den Baum an mit

den Worten, die Damayanti, im Walde umherirrend, an den Asoka richtet,

nur daß die schmiegsamen Clokaverse des Dichters sich wie von selber auf

ihren Lippen mehrten und reicher blühten, wie ein Schößling, der in

geweihten Boden umgepflanzt ist:

"Du Sorgenloser! der Wehklage lausche der sorgenvollen Maid!

Der du den Namen trägst 'Herzfrieden'! diesem Herzen den Frieden schenk'!

Mit Blumenaugen umherspähend, sprechend mit Blätterzungen fein,

Gieb Kunde mir, wo mein Herzwalter wandert, wo jetzt mein Nala weilt".

Dann blickte sie mich mit liebevollen Augen an, in deren Tränen das

Mondlicht sich spiegelte, und sagte mit bebenden Lippen:

"Wenn du fern von hier bist und an diesen Ort unserer Seligkeit

zurückdenkst, dann stelle dir vor, daß ich hier stehe und so mit diesem

schönen Baume spreche. Nur sage ich dann nicht 'Nala', sondern

'Kamanita'."

Ich schloß sie in meine Arme und preßte meine Lippen auf die ihren.

In diesem Augenblick rauschte der Wipfel über uns. Eine große, leuchtend

rote Blume schwebte herab und ließ sich auf unsere tränenfeuchten Wangen

nieder. Vasitthi nahm sie lächelnd in die Hand, weihte sie mit einem

Kusse und reichte sie mir. Ich verbarg sie an meiner Brust.

Mehrere Blumen waren in dem Baumgange zur Erde gefallen. Medini, die

neben Somadatta auf einer Bank nicht weit von uns entfernt saß, sprang

auf, und, einige gelbe Asokablüten emporhaltend, rief sie, indem sie auf

uns zukam:

"Sieh, Schwester! Die Blumen fangen schon an abzufallen. Bald werden

genug für dein Bad da sein."

"Aber diese gelben darf Vasitthi freilich nicht in ihr Badewasser tun,"

fügte mein immer schalkhafter Freund hinzu, "wenn ihr blumenhafter Leib

ihrer Liebe gemäß blühen soll, sondern nur solche scharlachrote, wie

jene, die Freund Kamanita soeben in seinem Gewande verbarg. Denn im

goldenen Buch der Liebe heißt es: 'Safrangelbe Neigung nennt man sie,

wenn sie zwar in die Augen fällt, aber wieder verloren geht;

scharlachrot aber nennt man sie, wenn sie nicht wieder verloren geht und

übermäßig in die Augen fällt'"

Dabei lachten er und seine Medini auf ihre lustige, vertrauliche Weise.

Vasitthi aber antwortete ernst, wenn auch mit ihrem süßen Lächeln, indem

sie meine Hand fest und sanft drückte:

"Du irrst dich, lieber Somadatta! Meine Liebe hat keine Blumenfarbe.

Denn ich habe sagen hören, die Farbe der echtesten Liebe sei nicht rot,

sondern schwarz--schwarz wie der Hals Qivas wurde, als der Gott das Gift

verschlang, das sonst die Wesen vernichtet hätte. Und so muß es auch

sein: auch das Gift des Lebens muß die wahre Liebe vertragen können, und

willig muß sie das Bitterste kosten, um es dem Geliebten zu ersparen.

Und gewiß wird sie lieber davon ihre Farbe wählen, als von allen

leuchtenden Freuden."

Also sprach meine geliebte Vasitthi in jener Nacht unter den sorgenlosen

Bäumen.

Der Pilger Kamanita: Ein Legendenroman · 第 9 / 55 题