V. DAS MAGISCHE BILDNIS

Da ich wußte, daß für mich doch nicht an Schlaf zu denken war, legte ich

mich an diesem Abend gar nicht zu Bett, sondern setzte mich auf das zur

Andacht bestimmte Graslager am Kopfende des Bettes, und brachte dort

unter inbrünstigen Liebesbetrachtungen und im Gebet an die lotustragende

Lakshmi, ihr himmlisches Urbild, in frommer und geziemender Weise die

Nacht zu; aber die frühe Morgensonne fand mich wieder mit Pinsel und

Farben an der Arbeit.

Mehrere Stunden waren mir dabei im Fluge vergangen, als Somadatta

hereintrat. Ich hatte gerade noch Zeit, die Tafel und die Malwerkzeuge

unters Bett zu schieben, als ich ihn kommen hörte. Dies tat ich ganz

unwillkürlich.

Somadatta nahm einen niedrigen Stuhl, setzte sich neben mich und

betrachtete mich lächelnd.

"Ich merke wohl," sagte er, "daß unserem Hause die Ehre widerfahren

soll, die Ausgangsstätte eines Heiligen zu sein. Du fastest ja, wie es

nur die strengsten Asketen tun, und enthältst dich der üppigen

Gewohnheit des Lagers. Denn weder auf den Kopf- und Fußkissen noch auf

der Matratze ist der geringste Eindruck deines Körpers zu sehen, und die

weiße Decke ist faltenlos. Obwohl du durch das Fasten schon recht

schmächtig geworden bist, ist dein Körper doch wohl noch nicht ganz ohne

Gewicht, was sich übrigens auch hier am Grassitze zeigt, wo du offenbar

die Nacht in Gebet und Selbstvertiefung zugebracht hast. Aber ich finde

doch, daß für einen so heiligen Bewohner dies Zimmer etwas zu weltlich

aussieht. Hier auf dem Nachttisch die freilich unberührte Salbenbüchse

und der Napf mit Sandelstaub, das Gefäß mit wohlriechendem Wasser und

die Dose mit Zitronenbaumrinde und Betel. Dort an der Wand die gelben

Amaranthkränze, die Laute--aber wo ist denn das Malbrett, das doch sonst

an jenem Haken hängt?"

Während ich in meiner Verlegenheit auf diese Frage keine Antwort zu

finden vermochte, entdeckte er nun das vermißte Brett und zog es unter

dem Bett hervor.

"Ei, was ist denn das für ein böser, abgefeimter Zauberer," rief er,

"der hier auf dem Brett, das ich doch selber ganz leer an jenen Haken

gehängt habe, das reizende Bild eines ballspielenden Mädchens durch

magische Kraft hat entstehen lassen--offenbar in der bösen Absicht, den

angehenden Asketen gleich im Anfange mit Versuchungen anzufallen und ihm

Sinne und Gedanken zu verwirren! Oder am Ende ist es ein Gott, denn wir

wissen ja, daß die Götter sich vor der Allmacht der großen Asketen

fürchten; und bei solch einem Beginnen wie dem deinigen könnte schon das

Vindhyagebirge vor der Inbrunst deiner Buße zu rauchen anfangen, ja

durch die Aufhäufung deines Verdienstes müßte das Reich der himmlischen

Götter ins Wanken kommen. Und jetzt weiß ich auch, welcher Gott es ist:

gewiß ist es der, den sie den unsichtbaren nennen, der Gott mit den

Blumenpfeilen, der einen Fisch im Banner trägt--Kama, der Liebesgott,

von dem du ja auch deinen Namen hast. Und--Himmel, was seh' ich! das ist

ja Vasitthi, die Tochter des reichen Goldschmiedes."

Als ich so zum ersten Male den Namen der Geliebten hörte, fing mein Herz

heftig zu pochen an, und mein Gesicht entfärbte sich vor Erregung.

"Ich sehe, lieber Freund," fuhr der schlimme Spaßmacher fort, "daß

dieser Gedanke von dem Zauber Kamas dich in großen Schrecken versetzt,

und in der Tat müssen wir etwas tun, um seinem Zorn zu entgehen. Da ist

aber ein Weiberrat nicht zu verachten. Ich will dies magische Bild

meiner geliebten Medini zeigen, die auch mit beim Tanze war und überdies

die Milchschwester der schönen Vasitthi ist."

Hiermit wollte er sich mit dem Bilde entfernen. Da ich nun wohl merkte,

was der Schelm vorhatte, hieß ich ihn warten, weil dem Bilde noch eine

Inschrift fehlte. Ich mischte mir die schönste feurig-rote Farbe und in

gar kurzer Zeit schrieb ich mit den zierlichsten Schriftzügen einen

vierzeiligen Vers, der sehr einfach den Vorgang mit dem goldenen Ball

erzählte. Wenn man aber die Zeilen rückwärts las, besagte der Vers, daß

jener Ball, mit dem sie gespielt hatte, mein Herz sei, das ich selber

ihr zurückschickte, wenn sie es auch davonjage; man konnte aber auch den

Vers quer durch die Zeilen von oben nach unten lesen, und dann enthielt

er eine Klage über die Verzweiflung, in die mich die Trennung von ihr

gestürzt hatte; las man aber in umgekehrter Richtung, dann wurde man

gewahr, daß ich doch zu hoffen wagte.

Von dem, was ich solchermaßen hineingeheimnißt hatte, ließ ich aber

nichts verlauten, und so war denn Somadatta von dieser Probe meiner

Dichtkunst, die ihm gar zu einfach schien, auch nicht sonderlich erbaut.

Er meinte, ich müsse durchaus davon sprechen, wie Gott Kama, durch meine

Askese in Schreck versetzt, das Zauberbild zu meiner Versuchung

hervorgezaubert und mich dadurch überwunden hätte--wie denn jeder immer

am meisten von seinem eigenen Witze entzückt ist.

Als nun Somadatta das Bild entführt hatte, fühlte ich mich in einer

gehobenen und tatkräftigen Stimmung, weil doch nun ein Schritt getan

war, der vielleicht in seinen Folgen zum ersehnten Glücksziel führen

mochte. Ich konnte wieder essen und trinken, und nachdem ich mich

gestärkt hatte, nahm ich die Vina von der Wand und ließ ihre Saiten bald

melodisch seufzen, bald jubeln, während ich den himmlischen Namen

Vasitthi in immer neuen Tönen wiederholte.

So fand mich denn auch Somadatta, als er mehrere Stunden später mit dem

Bild in der Hand wieder hereintrat.

"Die ballspielkundige Zerstörerin deiner Ruhe hat auch gedichtet," sagte

er, "aber vielen Sinn finde ich eben nicht in ihren Versen

aufgespeichert, wenn auch die Schrift für ungewöhnlich hübsch gelten

darf."

Wirklich gewahrte ich--mit welchem Entzücken, vermag ich nicht zu

sagen--einen zweiten Vierzeiler, der mit Schriftzügen wie zarte

Blütenzweige auf das Brett gleichsam hingehaucht war. Somadatta freilich

hatte keinen Sinn darin finden können, denn das Ganze bezog sich eben

auf das, was er nicht bemerkt hatte, und zeigte mir, daß die Holde meine

Strophe in allen Richtungen--rückwärts, nach unten und aufwärts--richtig

gelesen hatte, was mir einen hohen Begriff von ihrer Bildung und ihren

Kenntnissen gab, wie denn auch ihr feiner Geist sich in der anmutig

scherzenden Wendung zeigte, mit welcher sie meine feurige Erklärung als

eine höfliche Galanterie hinnahm, der man nicht allzu große Bedeutung

beimessen dürfe.

Nun versuchte ich freilich auch dieselben Lesemethoden auf ihre Strophe

anzuwenden, in der Hoffnung, vielleicht doch ein verblümtes Geständnis

oder irgend eine geheime Botschaft, wohl gar die Einladung zu einem

Stelldichein darin zu finden; jedoch vergeblich. Ich sagte mir denn auch

sogleich, daß dies gerade ein Beweis der höchsten und feinsten

weiblichen Gesittung sei: die Liebliche zeigte mir, daß sie wohl

imstande sei, die Subtilität und die verwegenen Pfade des männlichen

Geistes zu verstehen, daß sie sich aber nicht verleiten lasse, seinen

Spuren zu folgen.

Über meine enttäuschte Erwartung wurde ich nun auch sofort durch die

Worte Somadattas getröstet.

"Aber diese Schönbrauige, wenn sie auch keine große Dichterin ist, hat

doch wahrlich ein gutes Herz. Sie weiß, daß ich schon seit langer Zeit

meine geliebte Medini, ihre Milchschwester, nicht gesehen habe, außer in

großer Gesellschaft, wo nur die Augen sprechen können, und auch die nur

verstohlen. Und so gibt sie uns Gelegenheit, uns in der folgenden Nacht

auf der Terrasse des väterlichen Palastes zu treffen. Diese Nacht ist es

leider nicht möglich, weil ihr Vater ein Gastmahl gibt; so lange müssen

wir uns also gedulden. Vielleicht hast du Lust, mich bei diesem

Abenteuer zu begleiten?"

Dabei lachte er ganz verschmitzt, und ich lachte ebenso und sicherte ihm

meine Begleitung zu. In der vortrefflichsten Laune nahmen wir das

Brettspiel, das an die Wand gelehnt war, und wollten uns durch diese den

Geist anregende Beschäftigung die Zeit verkürzen, als ein Diener

hereintrat und sagte, ein Fremder wünsche mich zu sprechen.

Ich ging in die Vorhalle und traf da den Bedienten des Gesandten, der

mir sagte, ich müsse mich zur Abreise fertig machen und mich schon in

dieser Nacht mit meinen Wagen im Hofe des Palastes einfinden, damit man

beim ersten Morgengrauen aufbrechen könne.

Meine Verzweiflung kannte keine Grenzen. Ich wähnte, ich müsse

unversehens irgend eine Gottheit beleidigt haben. Sobald ich meine

Gedanken einigermaßen sammeln konnte, stürzte ich zum Gesandten und log

ihm eine Menge vor von einem Geschäft, das noch nicht ganz abgewickelt

wäre und unmöglich in so kurzer Frist zum gedeihlichen Abschluß gebracht

werden könnte. Mit heißen Tränen beschwor ich ihn, die Reise nur noch um

einen Tag zu verschieben.

"Du sagtest mir doch schon vor acht Tagen, daß du fertig wärest,"

entgegnete er.

Ich aber versicherte ihm, daß sich nachher unverhofft noch eine Aussicht

auf einen bedeutenden Gewinn eröffnet hätte. Und das war auch keine

Unwahrheit, denn welcher Gewinn hatte für mich mehr zu bedeuten, als die

Eroberung dieses unvergleichlichen Mädchens?--Und so gelang es mir denn

endlich, ihm diesen einen Tag abzulisten.

Die Stunden des folgenden Tages vergingen schnell mit den nötigen

Reisevorbereitungen, so daß mir die Zeit, trotz meiner Sehnsucht, nicht

allzu lang wurde. Als der Abend hereinbrach, standen die Karren beladen

im Hof. Alles war zum Vorspannen bereit, um, sobald ich--noch vor

Morgengrauen--erschien, aufbrechen zu können.

Der Pilger Kamanita: Ein Legendenroman · 第 8 / 55 题