An einem schönen Nachmittage begaben wir uns in einen öffentlichen
Garten vor der Stadt--eine gar prächtige Anlage unmittelbar am hohen
Ufer der Ganga mit schattigen Baumgruppen, großen Lotusteichen,
Marmorhäuschen und Jasminlauben, wo zu dieser Tageszeit immer ein reges
Treiben herrschte. Hier ließen wir uns in einer goldenen Schaukel von
der Dienerschaft schaukeln, während wir den herzerfreuenden Tönen der
liebestrunkenen Kokila und dem süßen Plaudern der grünen Papageien
lauschten. Da erhob sich plötzlich ein gar erheiterndes Klingen von
Fußspangen. Sofort sprang mein Freund aus der Schaukel und rief:
"Sieh da! Gerade kommen die schönsten Mädchen von Kosambi, auserlesene
Jungfrauen aus den reichsten und vornehmsten Häusern, um die
Vindhya-bewohnende Göttin durch Ballspiel zu verehren. Du kannst von
Glück sagen, Gastfreund! denn bei diesem Spiel kann man sie ungehindert
sehen! Komm, wir wollen diese Gelegenheit nicht versäumen."
Ich ließ mir dies natürlich nicht zweimal sagen, sondern folgte eiligst
meinem Freunde.
Auf einer großen, edelsteinbesetzten. Bühne erschienen sofort die
Mädchen, zum Spiele bereit. Wenn es nun schon eine seltene Augenweide
war, diese Schar von Schönheiten in ihrem Glanz von schimmernder Seide,
duftigen Musselinschleiern, Perlen, Edelsteinen und Goldspangen zu
sehen--was soll man dann erst von dem Spiele selbst sagen, das diesen
Schwellgliederigen die mannigfaltigste Gelegenheit gab, ihre ganze Anmut
in überaus reizenden Stellungen und Bewegungen zu entfalten? Und doch
war das nur gleichsam ein Vorspiel. Denn als diese Gazellenäugigen uns
eine geraume Zeit durch die verschiedenartigsten Spiele ergötzt hatten,
traten sie alle zurück, und nur eine blieb in der Mitte der
edelsteinbesetzten Bühne--und in der Mitte meines Herzens stehen.
Ach, mein Freund, was soll ich sagen! Von ihrer Schönheit zu reden wäre
Verwegenheit! Denn ich müßte ein Dichter sein wie Bharata selbst, um
auch nur einen schwachen Abglanz davon deiner Phantasie vorzuzaubern. Es
sei genug, hervorzuheben, daß diese Mondgesichtige von makelloser
Gestalt und an allen Gliedern von frischer Jugend umblüht war, daß sie
mir als die leibliche Glücks- und Schönheitsgöttin erschien, und daß
alle meine Körperhärchen sich bei diesem Anblick vor Entzücken
sträubten. Und nun begann sie zu Ehren der Göttin, deren Verkörperung
sie schien, ein kunstreiches Spiel. Lässig warf sie den Ball zu Boden,
und als er dann langsam emporstieg, gab sie ihm mit ihrer
schößlinggleichen Hand, deren Daumen sie etwas krümmte und deren zarte
Finger sie ausstreckte, einen kräftigen Schlag, trieb dann den
aufsteigenden Ball mit dem Handrücken empor und fing ihn beim
Herabfallen in der Luft wieder auf. Sie warf ihn in langsamem, in
mittlerem und in raschem Tempo, bald ihn anfeuernd, bald ihn
besänftigend, schlug ihn abwechselnd mit der linken und mit der rechten
Hand, trieb ihn in jede Himmelsrichtung und wieder zurück. Wenn
du--wie's mir aus deinem verständnisvollen Blick scheinen will--mit der
Spielballwissenschaft vertraut bist, so brauche ich dir nichts zu sagen,
als daß du wohl niemals das Curnapada und das Gitamarga so vollkommen
ausgeführt gesehen haben wirst.
Dann aber machte sie etwas, was ich nie gesehen und wovon ich auch nie
gehört habe. Sie nahm nämlich zwei goldene Bälle, und während ihre Füße
zum Klange ihrer Schmuckjuwelen sich tanzend bewegten, ließ sie diese
Bälle so schnell in blitzartigen Linien springen, daß man gleichsam nur
die Goldstäbchen eines Käfigs sah, in dem ein Wundervogel niedlich
umherhüpfte. Dabei geschah es, daß unsere Blicke sich plötzlich
begegneten; und noch heute, o Fremder, verstehe ich nicht, wie es
zuging, daß ich nicht augenblicklich tot niedersank, um in einem
Wonnehimmel wiedergeboren zu werden. Aber es mag wohl sein, daß meine
Werke eines vorhergehenden Lebens, deren Früchte ich in _diesem_
genießen muß, noch nicht erschöpft waren; denn dieser Rest meines
Wandels von einst hat mich ja in der Tat durch mehrere tödliche Gefahren
bis auf den heutigen Tag gebracht und wird wohl noch lange vorhalten.
Gerade jetzt aber entfloh ihr einer der Bälle, die ihr bisher so
gehorsam gewesen waren, und sprang in einem mächtigen Satze von der
Bühne herunter. Viele junge Leute eilten ihm nach; ich und ein junger,
reich gekleideter Mann erreichten ihn gleichzeitig und wir gerieten
aneinander, weil keiner ihn dem anderen gönnte. Durch mein genaues
Vertrautsein mit den Kniffen der Ringerkunst gelang es mir, ihm ein Bein
zu stellen; er aber ergriff, um mich zurückzuhalten, meine kristallene
Halskette, an der ich ein Amulett trug. Die Kette zerriß, er stürzte zu
Boden und ich erhaschte den Ball. Wütend sprang er auf und schleuderte
mir die Kette vor die Füße. Das Amulett war ein Tigerauge, kein gerade
sehr kostbarer Stein, aber dieser war ein unfehlbares Mittel gegen den
bösen Blick--und jetzt, als der seine mich traf, mußte ich ihn gerade
vermissen. Aber was kümmerte mich das? Hielt ich doch den Ball, den ihre
Lotushand soeben berührt hatte, in Händen, und als sehr geschicktem
Ballspieler gelang es mir, einen so genau berechneten Wurf zu tun, daß
der Ball gerade vor der einen Ecke der Bühne aufschlug, um dann mit
einem mäßigen Sprung gleichsam bezähmt in den Bereich der schönen
Spielerin zu gelangen, die keinen Augenblick aufgehört hatte, den
anderen Ball in Bewegung zu erhalten, und sich nun wieder in ihren
Goldkäfig einspann--unter großem Jubel der zahlreichen Zuschauer.
Damit war denn nun die Ballspielverehrung der Lakshmi zu Ende, die
Mädchen verschwanden von der Bühne, und wir begaben uns auf den Heimweg.
Unterwegs meinte mein Freund, es sei gut, daß ich nichts dort am Hofe
erreichen wollte, denn der junge Mann, dem ich den Ball abgejagt hätte,
sei kein geringerer als der Sohn des Ministers, und man habe es ihm
angesehen, daß er mir unversöhnlichen Haß geschworen habe. Das ließ mich
nun völlig kalt; wie viel lieber hätte ich erfahren, wer meine Göttin
war. Ich scheute mich aber, danach zu fragen, ja, als Somadatta mich mit
der Schönen necken wollte, tat ich sehr gleichgültig, lobte in
Kennerausdrücken ihre Fertigkeit im Spielen, fügte jedoch hinzu, daß wir
in meiner Heimatstadt wenigstens ebenso geschickte Spielerinnen
hätten--während ich in meinem Herzen der Unvergleichlichen diese Lüge
abbat.
Ich brauche wohl kaum zu sagen, daß diese Nacht kein Schlaf in meine
Augen kam, die ich nur schloß, um immer wieder von der reizenden
Erscheinung umschwebt zu werden. Den nächsten Tag brachte ich in einer
von allem Tageslärm entfernten Ecke des Hausgartens zu, wo der Sandboden
unter einem Mangobaum meinem von Liebesglut gepeinigten Körper Kühlung
bot, die siebensaitige Vina als einzige Gefährtin, der ich meine
Sehnsucht anvertraute. Sobald aber die abnehmende Tageshitze einen
Ausflug erlaubte, überredete ich Somadatta, mit mir nach dem Lustgarten
zu fahren, obschon er es vorgezogen hätte, einem Wachtelkampf
beizuwohnen. Aber umsonst durchirrte ich den ganzen Park--viele Mädchen
waren da, überall ihr Spiel treibend, als wollten sie mich mit falscher
Hoffnung von einem Ort zum anderen locken; aber jene einzige, Lakshmis
Ebenbild, war nicht darunter.
Nun tat ich, als ob ich eine unwiderstehliche Sehnsucht hätte, das
eigentümliche Leben an der Ganga wieder zu genießen. Wir besuchten alle
Ghâts und bestiegen schließlich eine Barke, um uns in die fröhliche
Flottille zu mischen, die jeden Abend auf den Wogen des heiligen Stromes
schaukelte, bis das Farbenspiel und der Goldglanz erloschen und Lichter
von Fackeln und Lampions auf dem Strome tanzten und wirbelten.
Dann mußte ich endlich meine ebenso stumme wie stürmische Hoffnung
aufgeben und den Bootsführer anweisen, nach dem nächsten Ghât zu
steuern.
Nach einer schlaflosen Nacht blieb ich in meinem Zimmer, und um meinen
Geist, der doch nur von ihrem Bild erfüllt war, zu beschäftigen und zu
zerstreuen, bis ich wieder in den Lustgarten eilen konnte, versuchte ich
mittelst Pinsel und Farben ihre holde Erscheinung, wie sie tanzenden
Schrittes den Ball schlug, auf die Tafel zu bannen. Keinen Bissen
vermochte ich zu mir zu nehmen; denn wie der lieblich singende Çakora
nur von Mondstrahlen lebt, also lebte ich nur von den Strahlen jener
Mondgesichtigen, obgleich sie mich nur durch den Nebel der Erinnerung
erreichten; doch hoffte ich zuversichtlich, daß sie an diesem Abend im
Lustgarten mit ihrem vollen Glanz mich letzen und beleben würden. Aber
auch diesmal wurde ich enttäuscht. Nun wollte Somadatta mich in ein
Spielhaus mitnehmen, denn er war so versessen auf das Würfelspiel wie
Nala, nachdem der Dämon Kali in ihn gefahren war. Ich schützte indessen
Müdigkeit vor. Aber anstatt nach Hause zu gehen, begab ich mich wieder
nach den Ghâts und auf den Fluß hinaus--leider nicht mit besserem Erfolg
als am vorhergehenden Abend.