IV. DIE BALLSPIELERIN

An einem schönen Nachmittage begaben wir uns in einen öffentlichen

Garten vor der Stadt--eine gar prächtige Anlage unmittelbar am hohen

Ufer der Ganga mit schattigen Baumgruppen, großen Lotusteichen,

Marmorhäuschen und Jasminlauben, wo zu dieser Tageszeit immer ein reges

Treiben herrschte. Hier ließen wir uns in einer goldenen Schaukel von

der Dienerschaft schaukeln, während wir den herzerfreuenden Tönen der

liebestrunkenen Kokila und dem süßen Plaudern der grünen Papageien

lauschten. Da erhob sich plötzlich ein gar erheiterndes Klingen von

Fußspangen. Sofort sprang mein Freund aus der Schaukel und rief:

"Sieh da! Gerade kommen die schönsten Mädchen von Kosambi, auserlesene

Jungfrauen aus den reichsten und vornehmsten Häusern, um die

Vindhya-bewohnende Göttin durch Ballspiel zu verehren. Du kannst von

Glück sagen, Gastfreund! denn bei diesem Spiel kann man sie ungehindert

sehen! Komm, wir wollen diese Gelegenheit nicht versäumen."

Ich ließ mir dies natürlich nicht zweimal sagen, sondern folgte eiligst

meinem Freunde.

Auf einer großen, edelsteinbesetzten. Bühne erschienen sofort die

Mädchen, zum Spiele bereit. Wenn es nun schon eine seltene Augenweide

war, diese Schar von Schönheiten in ihrem Glanz von schimmernder Seide,

duftigen Musselinschleiern, Perlen, Edelsteinen und Goldspangen zu

sehen--was soll man dann erst von dem Spiele selbst sagen, das diesen

Schwellgliederigen die mannigfaltigste Gelegenheit gab, ihre ganze Anmut

in überaus reizenden Stellungen und Bewegungen zu entfalten? Und doch

war das nur gleichsam ein Vorspiel. Denn als diese Gazellenäugigen uns

eine geraume Zeit durch die verschiedenartigsten Spiele ergötzt hatten,

traten sie alle zurück, und nur eine blieb in der Mitte der

edelsteinbesetzten Bühne--und in der Mitte meines Herzens stehen.

Ach, mein Freund, was soll ich sagen! Von ihrer Schönheit zu reden wäre

Verwegenheit! Denn ich müßte ein Dichter sein wie Bharata selbst, um

auch nur einen schwachen Abglanz davon deiner Phantasie vorzuzaubern. Es

sei genug, hervorzuheben, daß diese Mondgesichtige von makelloser

Gestalt und an allen Gliedern von frischer Jugend umblüht war, daß sie

mir als die leibliche Glücks- und Schönheitsgöttin erschien, und daß

alle meine Körperhärchen sich bei diesem Anblick vor Entzücken

sträubten. Und nun begann sie zu Ehren der Göttin, deren Verkörperung

sie schien, ein kunstreiches Spiel. Lässig warf sie den Ball zu Boden,

und als er dann langsam emporstieg, gab sie ihm mit ihrer

schößlinggleichen Hand, deren Daumen sie etwas krümmte und deren zarte

Finger sie ausstreckte, einen kräftigen Schlag, trieb dann den

aufsteigenden Ball mit dem Handrücken empor und fing ihn beim

Herabfallen in der Luft wieder auf. Sie warf ihn in langsamem, in

mittlerem und in raschem Tempo, bald ihn anfeuernd, bald ihn

besänftigend, schlug ihn abwechselnd mit der linken und mit der rechten

Hand, trieb ihn in jede Himmelsrichtung und wieder zurück. Wenn

du--wie's mir aus deinem verständnisvollen Blick scheinen will--mit der

Spielballwissenschaft vertraut bist, so brauche ich dir nichts zu sagen,

als daß du wohl niemals das Curnapada und das Gitamarga so vollkommen

ausgeführt gesehen haben wirst.

Dann aber machte sie etwas, was ich nie gesehen und wovon ich auch nie

gehört habe. Sie nahm nämlich zwei goldene Bälle, und während ihre Füße

zum Klange ihrer Schmuckjuwelen sich tanzend bewegten, ließ sie diese

Bälle so schnell in blitzartigen Linien springen, daß man gleichsam nur

die Goldstäbchen eines Käfigs sah, in dem ein Wundervogel niedlich

umherhüpfte. Dabei geschah es, daß unsere Blicke sich plötzlich

begegneten; und noch heute, o Fremder, verstehe ich nicht, wie es

zuging, daß ich nicht augenblicklich tot niedersank, um in einem

Wonnehimmel wiedergeboren zu werden. Aber es mag wohl sein, daß meine

Werke eines vorhergehenden Lebens, deren Früchte ich in _diesem_

genießen muß, noch nicht erschöpft waren; denn dieser Rest meines

Wandels von einst hat mich ja in der Tat durch mehrere tödliche Gefahren

bis auf den heutigen Tag gebracht und wird wohl noch lange vorhalten.

Gerade jetzt aber entfloh ihr einer der Bälle, die ihr bisher so

gehorsam gewesen waren, und sprang in einem mächtigen Satze von der

Bühne herunter. Viele junge Leute eilten ihm nach; ich und ein junger,

reich gekleideter Mann erreichten ihn gleichzeitig und wir gerieten

aneinander, weil keiner ihn dem anderen gönnte. Durch mein genaues

Vertrautsein mit den Kniffen der Ringerkunst gelang es mir, ihm ein Bein

zu stellen; er aber ergriff, um mich zurückzuhalten, meine kristallene

Halskette, an der ich ein Amulett trug. Die Kette zerriß, er stürzte zu

Boden und ich erhaschte den Ball. Wütend sprang er auf und schleuderte

mir die Kette vor die Füße. Das Amulett war ein Tigerauge, kein gerade

sehr kostbarer Stein, aber dieser war ein unfehlbares Mittel gegen den

bösen Blick--und jetzt, als der seine mich traf, mußte ich ihn gerade

vermissen. Aber was kümmerte mich das? Hielt ich doch den Ball, den ihre

Lotushand soeben berührt hatte, in Händen, und als sehr geschicktem

Ballspieler gelang es mir, einen so genau berechneten Wurf zu tun, daß

der Ball gerade vor der einen Ecke der Bühne aufschlug, um dann mit

einem mäßigen Sprung gleichsam bezähmt in den Bereich der schönen

Spielerin zu gelangen, die keinen Augenblick aufgehört hatte, den

anderen Ball in Bewegung zu erhalten, und sich nun wieder in ihren

Goldkäfig einspann--unter großem Jubel der zahlreichen Zuschauer.

Damit war denn nun die Ballspielverehrung der Lakshmi zu Ende, die

Mädchen verschwanden von der Bühne, und wir begaben uns auf den Heimweg.

Unterwegs meinte mein Freund, es sei gut, daß ich nichts dort am Hofe

erreichen wollte, denn der junge Mann, dem ich den Ball abgejagt hätte,

sei kein geringerer als der Sohn des Ministers, und man habe es ihm

angesehen, daß er mir unversöhnlichen Haß geschworen habe. Das ließ mich

nun völlig kalt; wie viel lieber hätte ich erfahren, wer meine Göttin

war. Ich scheute mich aber, danach zu fragen, ja, als Somadatta mich mit

der Schönen necken wollte, tat ich sehr gleichgültig, lobte in

Kennerausdrücken ihre Fertigkeit im Spielen, fügte jedoch hinzu, daß wir

in meiner Heimatstadt wenigstens ebenso geschickte Spielerinnen

hätten--während ich in meinem Herzen der Unvergleichlichen diese Lüge

abbat.

Ich brauche wohl kaum zu sagen, daß diese Nacht kein Schlaf in meine

Augen kam, die ich nur schloß, um immer wieder von der reizenden

Erscheinung umschwebt zu werden. Den nächsten Tag brachte ich in einer

von allem Tageslärm entfernten Ecke des Hausgartens zu, wo der Sandboden

unter einem Mangobaum meinem von Liebesglut gepeinigten Körper Kühlung

bot, die siebensaitige Vina als einzige Gefährtin, der ich meine

Sehnsucht anvertraute. Sobald aber die abnehmende Tageshitze einen

Ausflug erlaubte, überredete ich Somadatta, mit mir nach dem Lustgarten

zu fahren, obschon er es vorgezogen hätte, einem Wachtelkampf

beizuwohnen. Aber umsonst durchirrte ich den ganzen Park--viele Mädchen

waren da, überall ihr Spiel treibend, als wollten sie mich mit falscher

Hoffnung von einem Ort zum anderen locken; aber jene einzige, Lakshmis

Ebenbild, war nicht darunter.

Nun tat ich, als ob ich eine unwiderstehliche Sehnsucht hätte, das

eigentümliche Leben an der Ganga wieder zu genießen. Wir besuchten alle

Ghâts und bestiegen schließlich eine Barke, um uns in die fröhliche

Flottille zu mischen, die jeden Abend auf den Wogen des heiligen Stromes

schaukelte, bis das Farbenspiel und der Goldglanz erloschen und Lichter

von Fackeln und Lampions auf dem Strome tanzten und wirbelten.

Dann mußte ich endlich meine ebenso stumme wie stürmische Hoffnung

aufgeben und den Bootsführer anweisen, nach dem nächsten Ghât zu

steuern.

Nach einer schlaflosen Nacht blieb ich in meinem Zimmer, und um meinen

Geist, der doch nur von ihrem Bild erfüllt war, zu beschäftigen und zu

zerstreuen, bis ich wieder in den Lustgarten eilen konnte, versuchte ich

mittelst Pinsel und Farben ihre holde Erscheinung, wie sie tanzenden

Schrittes den Ball schlug, auf die Tafel zu bannen. Keinen Bissen

vermochte ich zu mir zu nehmen; denn wie der lieblich singende Çakora

nur von Mondstrahlen lebt, also lebte ich nur von den Strahlen jener

Mondgesichtigen, obgleich sie mich nur durch den Nebel der Erinnerung

erreichten; doch hoffte ich zuversichtlich, daß sie an diesem Abend im

Lustgarten mit ihrem vollen Glanz mich letzen und beleben würden. Aber

auch diesmal wurde ich enttäuscht. Nun wollte Somadatta mich in ein

Spielhaus mitnehmen, denn er war so versessen auf das Würfelspiel wie

Nala, nachdem der Dämon Kali in ihn gefahren war. Ich schützte indessen

Müdigkeit vor. Aber anstatt nach Hause zu gehen, begab ich mich wieder

nach den Ghâts und auf den Fluß hinaus--leider nicht mit besserem Erfolg

als am vorhergehenden Abend.

Der Pilger Kamanita: Ein Legendenroman · 第 7 / 55 题