[1899–1902.]

~Krieg Englands gegen die Buren in Südafrika.~

Äußerer Anlaß: Zurücksetzung der Ausländer in Transvaal. Die Buren

in Transvaal (Präsident +Krüger+) schließen ein Bündnis mit dem

Oranje-Freistaat (Präsident +Steijn+) und erklären den Engländern den

Krieg. Sie dringen in das englische Gebiet +Natal+ ein und führen den

Krieg anfangs erfolgreich. Einschließung einer englischen Division

in +Ladysmith+; die Entsatzversuche des Gen. +Buller+ werden (Dez.)

bei +Colenso+ und (Jan. 1900) am +Spion-Kop+ abgeschlagen. Ebenso

werden englische Truppen, die in den westlichen Teil von Transvaal

eingedrungen sind, in +Kimberley+ und +Mafeking+ eingeschlossen.

[1900.]

Umschwung zu Gunsten der Engländer, nachdem Lord +Roberts+ den

Oberbefehl übernommen hat; ihr Heer wird bald auf 100000 Mann

gebracht, gegen etwa 45000 Buren. Doch erschwert die weite Ausdehnung

des Kriegsschauplatzes die Erfolge. Im Febr. wird +Kimberley+

entsetzt, Gen. +Cronje+ mit 4000 Buren am Modderfluß gefangen. Auch

+Ladysmith+ wird von Gen. Buller entsetzt. Roberts mit der Hauptmacht

besetzt +Blomfontein+, Hauptstadt des Oranje Freistaats, dann weiter

+Johannesburg, Pretoria+, Hauptstadt von Transvaal, Middelburg,

Lydenburg. Im Rücken des englischen Heeres beginnen die Burenführer +de

Wet+ und +Olivier+ einen erfolgreichen Kleinkrieg; in der Kapkolonie

erheben sich die +Afrikander+ zu Gunsten der Buren. Präsident +Krüger+

reist nach Europa, um Hilfe zu suchen, wird in Frankreich und den

Niederlanden begeistert aufgenommen, erlangt aber keine Einmischung in

den Krieg. († 1904 in der Schweiz.)

[1901–1902.]

Fortdauer des Kleinkrieges. Die Engländer unter +Kitchener+ (über

200000 Mann) versuchen vergeblich die von +Botha, de Wet+ u. a.

geführten Streifscharen der Buren einzuschließen, führen aber

viele Gefangene, namentlich Frauen und Kinder, hinweg in die durch

Stacheldraht eingehegten Konzentrationslager. Andere werden nach

Ceylon, Indien, St. Helena gebracht. Unterstützung mit Geldmitteln und

Kriegsbedarf aus den Niederlanden, Frankreich und Deutschland reicht

nicht aus, um den Buren zum Siege zu verhelfen. Friedensschluß 31.

Mai 1902: die Burenstaaten sind aufgehoben: die Buren müssen in die

Einverleibung ihrer beiden Staaten in das britische Südafrika willigen;

jedoch wird ihnen baldige Selbstverwaltung versprochen (S. 409). Sie

erhalten als englische Untertanen zur Herstellung zerstörter Wohnorte

eine Beihilfe von 3 Mill. Pfund Sterling (60 Mill. Mark).

[1900.]

Die englischen Kolonien in ~Australien~ (S. 302) werden durch eine

Bundesverfassung zu +einem+ Staat (Commonwealth) vereinigt.

Unter der langen Regierung der Königin Viktoria wechseln konservative

und liberale Ministerien miteinander. 1843 irische Waffenbill

(verbietet Einführung von Waffen nach Irland). 1845 Steuer- und

Zollreform. 1869 Aufhebung der irischen Staatskirche. 1881 irische

Landbill, vom Minister +Gladstone+ beantragt, um die Mißstände und

Unruhen in Irland zu bessern. 1885 Parlamentsreform (vgl. S. 348),

nachdem schon 1867 das Wahlrecht erweitert war; Bildung gleichmäßiger

Wahlkreise, das Wahlrecht bleibt an den Nachweis einer eigenen, wenn

auch gemieteten Wohnung geknüpft (Minimalmietzins 10 Pfund Sterling).

Der 1886 mit großer Mehrheit verworfene Antrag Gladstones, für Irland

ein eigenes Parlament einzurichten (+Home-rule-bill+) wird 1893 vom

Unterhaus angenommen, vom Oberhaus und dann von den Wählern verworfen.

1897 Haftpflichtgesetz zum Schutze der Arbeiter.

[~1901–1910.~ Jan. Mai.]

~König Eduard VII.~ (S. 352). Der Minister +Chamberlain+ betreibt

einen engeren Anschluß der Kolonien an das Mutterland (Zollbund und

Beiträge zur Unterhaltung der Kriegsflotte), tritt aber 1903 zurück.

Neue irische Landbill 1903; die Pächter können mit Beihilfe des Staates

Landeigentümer werden. Die Einsetzung eines Verwaltungsrats für Irland,

1907 vom Unterhause beschlossen, wird nicht vollzogen, da die Iren

Widerspruch erheben und ein eigenes Parlament fordern. 1908 Gesetz über

Altersunterstützung. 1909–1910 sozialpolitische Gesetzgebung. +Lord

Roberts’+ Antrag auf Einführung der allgemeinen Wehrpflicht 1909 vom

Oberhaus abgelehnt.

[1904.]

Englisch-französischer Vertrag über Ägypten und Marokko (s. S. 405).

Die Neutralität des Suezkanals durch England garantiert.

[1904.]

Englische Expedition von Indien aus nach ~Tibet.~ +Lhassa+, Residenz

des +Dalai-Lama+, des Oberhauptes der Buddhisten, erreicht. Ergebnis:

Tibet darf ohne Englands Zustimmung kein Gebiet an eine fremde

Macht abtreten und keine Erlaubnis zur Anlage von Eisenbahnen,

Telegraphenlinien und Bergwerken geben.

[1909.]

Englisch-russisches Abkommen über +Persien+ (s. S. 403). Das englische

Parlament genehmigt eine Bundesverfassung für die ~Südafrikanische

Union~ mit Einschluß der früheren Burenstaaten, welche die 1902

versprochene Selbstregierung 1906 erhielten. +Botha+ Premier-Minister.

+Siam+ tritt die Staaten +Kelantan, Trengganu+ und +Kedah+ (auf

Malakka) an England ab.

[1910-x.]

~König Georg V.~

[1911.]

Englisch-amerikanischer Schiedsvertrag. Infolgedessen Revision des

englisch-japanischen Bündnisses (s. S. 423).

Japan nähert sich Rußland wieder (s. S. 402).

Durch die radikale Parlamentsbill (+Vetobill+) des Ministers +Asquith+

wird das Oberhaus fast aller seiner Rechte beraubt; es behält nur ein

aufschiebendes Veto.

Während des Krönungsdurbar in Indien (Delhi) wird der alte

Herrschersitz ~Delhi~ (S. 219, 300, 368) von König Georg V. an Stelle

von +Kalkutta+ zur ~Hauptstadt Indiens~ erhoben.

Englisch-ägyptische Truppen besetzen den Hafen und das Gebiet von

+Solum+ im Osten der +Cyrenaica+ (Tripolis).

§ 14. Holland, Luxemburg, Belgien, Dänemark, Skandinavien, Schweiz.

Das Königreich der ~Niederlande~ unter +Wilhelm III.+ 1849 bis 1890

(vgl. S. 340 u. 363). 1873–1879 Krieg gegen den Sultan von +Atschin+

auf Sumatra. Der Widerstand der Atschinesen erst 1895 gebrochen.

1887 Verfassungsrevision. Nach dieser folgt dem König seine Tochter

+Wilhelmina+, bis 1898 unter Vormundschaft der Mutter +Emma+ von

Waldeck, seit 1901 mit dem Prinzen Heinrich von Mecklenburg-Schwerin

vermählt. 1911 Gesetz über Alters- und Invalidenversicherung.

Das Großherzogtum ~Luxemburg~ (S. 380), seit 1842 im deutschen

Zollverein, kommt 1890 durch männliche Erbfolge an +Adolf+, den

früheren Herzog von +Nassau+ (S. 379). Ihm folgt 1905 sein Sohn

+Wilhelm+, der letzte männliche erbberechtigte Oranier. Regentin die

Großherzogin +Maria Anna+ von Braganza. Thronerbin: Prinzessin +Marie+

(kath.).

~Belgien~ unter +Leopold II.+ (1865–1909, s. S. 350) in friedlicher

Entwickelung als Industriestaat, doch nicht ohne Parteikämpfe (Liberale

und Klerikale) und Arbeiterunruhen.

[Sidenote:

1884–1885.

Nov. Febr.]

~Konferenz zu Berlin~ unter Vorsitz des Fürsten +Bismarck+ über das

durch +Stanleys+ Reise 1876 bis 1877 erschlossene ~Kongo~-Gebiet. Ein

neutraler +Kongostaat+ wird gegründet unter der Oberhoheit Leopolds

II., Königs der Belgier.

[1908.]

Der ~Kongostaat~ wird Kolonialgebiet des Königreichs ~Belgien.~

[1909-x.]

König +Albert I.+ Neffe Leopolds II. (S. 352). Gemahlin +Elisabeth+,

Herzogin in Bayern.

[1910.]

Weltausstellung in +Brüssel+, zum Teil durch Feuer zerstört.

In ~Dänemark~ unter +Christian IX.+ (1863–1906) lange Zeit Zwiespalt

zwischen Regierung und Volksvertretung, besonders wegen der Befestigung

von Kopenhagen, 1901 beigelegt durch Nachgeben des Königs. Kopenhagen

befestigt. Herstellung freundlicher Beziehungen zu Deutschland seit dem

Tode der Königin +Luise+ 1898 (S. 362). König +Friedrich VIII.+ seit

1906, vermählt mit +Luise+ von Schweden. Befestigung der Verbindung

mit den auswärtigen Besitzungen. 1904 neue Verfassung für +Island+.

Reise des Königs +Friedrich VIII.+ nach +Island+. Eifrige Pflege der

Handels- und Verkehrsbeziehungen. 1903 Dampffähre für Eisenbahnzüge

zwischen +Warnemünde+ und +Gjedser+ eröffnet. (Direkte Dampferlinie

+Kopenhagen-Bangkok+.) Entsendung des Prinzen Waldemar zur Krönung des

Königs von +Siam+ 1911.

~Schweden,~ 1872–1907 unter +Oskar II.+, Bruder Karls XV. (S. 363),

kann die seit 1814 bestehende Personalunion mit Norwegen nicht

behaupten. Norwegen sagt sich 1905 los. Prinz Karl von Dänemark, Sohn

Friedrichs VIII., Großneffe Oskars II., nennt sich als König von

Norwegen +Hakon VII.+ (s. S. 215). Seine Gemahlin +Maud+, Tochter

Eduards VII. von England. In +Schweden+ seit 1907 +Gustav V.+, Gemahlin

+Viktoria+ von Baden. 1909 Dampffähre zwischen +Trelleborg+ und

+Saßnitz+ (Rügen) eröffnet.

In der ~Schweiz~ 1874 Änderung der Bundesverfassung; für neue Gesetze

wird der Bundesversammlung (S. 354) die Entscheidung entzogen und

+Volksabstimmung+ (Referendum) vorgeschrieben, wenn 8 Kantone

oder 30000 Bürger sie verlangen. Ein Gesetz über Kranken- und

Unfallversicherung wird 1900 durch Volksabstimmung verworfen, 1912

angenommen.

1905 Internationale Arbeiterschutz-Konferenz in Bern. Durchstich des

+Simplon+ 1906 vollendet, neue Eisenbahnverbindung mit Italien, für

Frankreich erwünscht seit der Eröffnung der St. Gotthardbahn 1882.

Bundespräsident ist seit 1903 Dr. +Deucher+.

§ 15. Italien.

~Italien,~ seit 1861 einheitliches Königreich unter ~Viktor Emanuel

II.~ (S. 370, 379, 381).

Dem ~Papste~ ist durch das Garantiegesetz von 1870 der Besitz

der Peterskirche, des Vatikan- und des Lateranpalastes, dazu ein

Jahreseinkommen von über 3 Mill. Francs gesichert; aber der Anspruch

auf Herstellung des Kirchenstaats wird von päpstlicher Seite nicht

aufgegeben. Aufhebung vieler Klöster, doch bleiben die Ordensgenerale

und die geistlichen Seminare in Rom unter dem Schutz des Papstes.

Unter König ~Humbert~ (1878–1900) schließt der Minister +Robilant+

1887 den +Dreibund+ (S. 395), den der Ministerpräsident +Crispi+, mit

Bismarck persönlich befreundet, aufrecht erhält. Sorge für Besserung

der Finanzen, Ausbau der Eisenbahnen, Anbau der römischen Campagna,

Ausgrabungen und Neubauten in Rom. Der König wird 1900 (Juli) von einem

Anarchisten in Monza ermordet.

[1885.]

~Italien~ nimmt den Hafen +Massaua+ am Roten Meer in Besitz.

Erweiterung des Gebiets im Kriege gegen den +Negus+ Negesti +Johannes+

von Abessinien 1887–1889 zur +Colonia Eritrea+. Neue Kämpfe mit dem

Negus +Menelik+ (reg. 1889–1910 in Addis Abeba, seitdem sein Enkel

+Lidj Jeassu+ [geb. 1896], zunächst unter Vormundschaft). 1896

Niederlage der Italiener bei +Adua+, nur Massaua mit dem Küstengebiet

(118000 qkm.) wird behauptet.

[1887.]

Italien erwirbt das +Somali+gebiet.

[1900-x.]

~Viktor Emanuel III.~ (Gem. +Elena+ von Montenegro). Der Dreibund wird

trotz aller Vorliebe der Italiener für die Franzosen aufrechterhalten.

(1909 Begegnung des Königs mit Zar Nikolaus II. in +Racconigi+.)

[1906]

Verderblicher Ausbruch des Vesuv.

[1907, 28. u. 29. Dez.]

Messina und Reggio durch Erdbeben zerstört.

[1903.]

Papst Leo XIII. † (S. 393). Ihm folgt ~Pius X.,~ der sich 1907 in einer

Allocution und einer Encyclica gegen den +Reformkatholizismus+ und die

sog. +Modernisten+ wendet.

[1911–1912.]

~Krieg Italiens gegen die Türkei~: Italien, schon lange auf Ausbreitung

seiner Macht in +Nordafrika+ bedacht (S. 404), erhält 1901 von

Frankreich (und bald darauf auch von England) die Anerkennung seiner

Anwartschaft auf +Tripolis+. Zunächst nur wirtschaftliche Durchdringung

des Landes geplant. Infolge des deutsch-französischen Abkommens über

Marokko 1911 will Italien seine Entschädigung in Tripolis suchen.

Die Stadt Tripolis nach kurzem Bombardement besetzt (Okt.), ebenso

+Benghasi, Derna+ und andere Hafenplätze. Im Nov. die unwiderrufliche

Besitzergreifung von Tripolis und Cyrenaica verfügt und den Mächten

angezeigt. Das Deutsche Reich übernimmt den Schutz der Italiener in der

Türkei und der türkischen Untertanen in Italien. Einspruch von Rußland,

Frankreich und England gegen eine Blockade der Dardanellen (S. 401).

Unterstützung der Türken durch die Araber und die islamitische Welt.

Die Eroberung des tapfer verteidigten Hinterlandes (Oasen Ain Zara,

Tadjura, Birtobras, Gargaresch) geht nur langsam vorwärts. Im +Roten

Meer+ werden Jan. 1912 sieben türkische Kanonenboote durch italienische

Torpedobootzerstörer vernichtet. Der Krieg dauert noch fort.

§ 16. Die Pyrenäische Halbinsel.

~Spanien~: 1868 (Sept.) ~Aufstand~; +Königin Isabella II.+ (S. 351,

363) vertrieben, flüchtet nach Frankreich. Die nach Madrid einberufenen

+Cortes+ beschließen, trotz des Widerstandes der republikanischen

Partei, eine neue konstitutionell-+monarchische+ Verfassung; Marschall

+Serrano+ einstweilen Regent. Nach mehrfachen Verhandlungen mit

auswärtigen Fürsten nimmt Prinz +Leopold+ von Hohenzollern-Sigmaringen

1870 die spanische Krone an. Nach seinem Rücktritt wird während des

deutsch-französischen Krieges der +Herzog von Aosta+, +zweiter+ Sohn

des Königs +Viktor Emanuel II.+ von Italien, von den Cortes zum König

gewählt und besteigt als ~Amadeo I.~ 1870 (s. a. S. 381) den spanischen

Thron. Jedoch fortdauernde Parteikämpfe veranlassen Amadeo schon 1873

zur Abdankung. Dann Bürgerkrieg; gegen die in Madrid eingesetzte

republikanische Regierung kämpfen die Anhänger des +Don Carlos+ (Enkel

des S. 351 erwähnten). Herstellung der Monarchie 1875; König ~Alfons

XII.~, Sohn der 1868 vertriebenen Königin Isabella bringt dem Lande

Frieden, unterstützt von dem Minister +Canovas+. Don Carlos entflieht

nach Frankreich. Alfons XII. stirbt 1885; für seinen Sohn ~Alfons

XIII.~ regiert bis 1902 die Mutter Marie Christine von Österreich,

unterstützt von dem Minister +Sagasta+.

[1898.]

+Krieg mit den Vereinigten Staaten von Amerika+ (S. 418).

[1899.]

An Deutschland werden gegen eine Geldentschädigung überlassen: die

+Marianen+, +Karolinen+ (schon 1885 von Deutschland besetzt, aber

durch Schiedsspruch des Papstes Leo XIII. den Spaniern zuerkannt) und

+Palau-Inseln+ (S. 396). Spanien behält von seinem alten Kolonialbesitz

nur noch die Kanarischen Inseln, Span. Guinea (Rio Muni, Fernando

Po, Corisco), die Küste von Rio de Oro und die 5 +Presidios+ (Ceuta,

Velez de la Gomera, Alhucemas, Melilla, Chafarinas) an der +Küste von

Marokko+.

[1903 u. 1904.]

Sozialistische Aufstände, namentlich in +Barcelona+; doch bleibt die

Monarchie erhalten.

[1906.]

Vermählung des Königs mit Viktoria +Eugenie+ (Ena) von Battenberg

(Nichte Eduards VII. von England). Bombenattentat am Hochzeitstage des

Königpaares.

[1909.]

Tod des Prätendenten Don Carlos.

[1909–1910.]

~Krieg gegen die Rifkabylen in Marokko~, die ein 300 km langes, 100

km breites Gebiet vom Kap Tres Forcas, unweit Melilla, bis an die

Straße von Gibraltar beherrschen. Blutige Kämpfe um +Melilla+. Infolge

der Truppensendungen nach Afrika schwere Ruhestörungen in Barcelona

und ganz Katalonien. Der »Freiheitsapostel« +Ferrer+ trotz vieler

Protestkundgebungen hingerichtet.

[1910.]

Erneuerte Kämpfe um ~Melilla~. 1911 (Jan.) Reise des Königs Alfons

XIII. nach Marokko. Endlich (Nov.) Friedensvertrag mit den Kabylen.

Unterdessen und besonders infolge des deutsch-französischen

Marokkoabkommens (S. 405) auch manche Reibereien zwischen Spaniern

und Franzosen in Marokko. Die Verhandlungen mit Frankreich über die

Abgrenzung der spanischen Besitzungen und Rechte in Marokko sind zur

Stunde noch nicht abgeschlossen.

~Portugal~ (S. 363) gelangt nach früheren Bürgerkriegen zu ruhigeren

Zuständen unter den Königen aus dem Hause +Koburg+, seit 1853

(S. 352). Doch erhebt sich 1907 eine starke Bewegung gegen den

Ministerpräsidenten Franco; am 1. Febr. 1908 wird König +Karl I.+, mit

ihm der Kronprinz Ludwig Philipp von Verschwörern erschossen. Sein

zweiter Sohn und Nachfolger +Manuel II.+ wird 1910 (Okt.) durch eine

Revolution vertrieben, lebt in England. Portugal als ~Republik~ von

den Mächten anerkannt. Trennung von Kirche und Staat durchgeführt.

Bewegungen zu Gunsten der Monarchie mehrfach unterdrückt. Präsident:

+Manuel d’Arriaga+ (seit 1911).

§ 17. Die Balkanhalbinsel.

~Rumänien~ (S. 367, 399ff.) nimmt auf fast allen Gebieten einen

erfreulichen Aufschwung. Eifrige Sorge des Fürsten Karl für Heer und

Landesbefestigungen, Finanzen und Unabhängigkeit des Landes, Handel und

Ackerbau, Volksbildung und Gesetzlichkeit. 1881 erklären die Kammern

Rumänien als +Königreich+. ~König Karl I.~ erhält gute Beziehungen zum

Dreibund, schließt eine Militärkonvention mit Österreich.

In ~Serbien~ nimmt Fürst +Milan+ (Obrenowitsch) 1882 den +Königstitel+

an, dankt aber 1889 ab zu Gunsten seines 12jährigen Sohnes +Alexander+.

Dieser erklärt sich bereits 1893 für mündig, wird 1903 samt seiner

Gemahlin +Draga+ durch eine Verschwörung ermordet. Milan, von seiner

Gemahlin +Natalie+ geschieden, † 1901 in Wien. Seit 1903 ~Peter I.~

(Karageorgiewitsch) ~König~ von ~Serbien~ (s. S. 399).

In ~Montenegro~ seit 1860 Fürst ~Nikita~ (Nikolaus). Bei der Feier

seines Regierungsjubiläums 1910 nimmt er ebenfalls den +Königstitel+ an.

In ~Bulgarien~ wird 1879 Prinz +Alexander+ von Battenberg (Hessen),

ein Neffe des russischen Kaisers Alexander II. von der Sobranje

(Deputiertenkammer) zum Fürsten erwählt.

[1885.]

Erhebung der +Bulgaren+ gegen die Türken; +Ostrumelien+ (S. 401)

vereinigt sich mit dem Fürstentum +Bulgarien+, gegen Rußlands Willen.

+Serbien+ (König Milan) beginnt Krieg gegen Bulgarien. Fürst Alexander

besiegt die Serben bei +Slivnitza und Pirot+ (Nov. 1885), schließt

aber auf Verlangen Österreichs Frieden. Er wird 1886 von der russischen

Partei vertrieben, doch bleibt Ostrumelien mit Bulgarien vereinigt.

Sein Nachfolger ~Ferdinand I.~ von Koburg-Kohary (S. 352) stützt sich

zunächst auf Österreich, wird 1896 auch von Rußland anerkannt. Seine

Diplomatie und das Ansehen seines Heeres setzen ihn in den Stand, 1908

die +Erhebung+ ~Bulgariens~ (mit Ostrumelien) zu einem von der Türkei

völlig unabhängigen ~Königreich~ ohne Schwertstreich durchzusetzen.

Seitdem entschiedene Anlehnung an Rußland.

~Griechenland~, seit 1863 unter ~König Georg I.~ (v. Dänemark), 1864

durch Abtretung der +Ionischen Inseln+ von seiten Englands (s. S. 341)

vergrößert, erhält 1881, da die Großmächte ihr Verlangen an die Türkei

(S. 401) erneuern, Thessalien und einen kleinen Teil von Epirus.

[1897.]

+Krieg Griechenlands gegen die Türkei+, veranlaßt durch einen Aufstand

auf der Insel +Kreta+ gegen die türkische Herrschaft. Die Griechen

werden in Thessalien und Epirus geschlagen, müssen Frieden schließen

und Kriegskosten zahlen. Kreta erhält auf Verlangen der europäischen

Großmächte selbständige Verwaltung unter türkischer Oberhoheit;

Prinz Georg von Griechenland Gouverneur bis 1906. Die Nichtbenutzung

der Gelegenheit, die Insel Kreta in dem Augenblick anzugliedern, wo

Österreich und Bulgarien 1908 Bosnien und Ostrumelien einverleibten,

ruft in Griechenland lebhafte Erregung hervor, besonders im Heere.

Mehrere Prinzen scheiden 1909 aus Armee und Flotte aus und erhalten

mehrjährigen Auslandsurlaub. Auf Kreta (August 1909) überall die

griechische Flagge gehißt. Die türkische Oberhoheit bleibt jedoch

erhalten.

Das ~türkische Reich~, seit 1878 (russisch-türkischer Krieg, s. S.

399ff.) in seinem europäischen Bestande sehr eingeschränkt (S. 401),

hat immer wieder mit Empörungen seiner christlichen Untertanen zu

kämpfen.

[1895.]

Blutige Verfolgung der +Armenier+ und der +syrischen Christen+;

England, Frankreich und Rußland gebieten Einhalt.

[1903.]

Aufstand in ~Macedonien~, von den +Bulgaren+ unterstützt; Österreich

und Rußland nötigen die türkische Regierung zu Reformen, die aber nur

halb zur Ausführung kommen. Der Kriegszustand dauert fort.

[1908.]

Für die ~Türkei~ erzwingt ein Militäraufstand (Jungtürken) vom Sultan

+Abdul Hamid+ (1876–1909) die Gewährung einer +Verfassung+ (Senat und

Deputiertenkammer), die schon 1876 verkündet, aber nach kurzer Zeit

wieder aufgehoben worden war. Bosnien (S. 398 f.), Ostrumelien (s.

oben) verloren; Novipazar wieder gewonnen (S. 398, 399).

[1909.]

Sultan Abdul Hamid ebenso wie 1876 sein älterer Bruder Sultan +Murad

V.+ abgesetzt. Seitdem Sultan ~Mohammed V.~

[1911.]

Die türkische Regierung beschränkt die Weiterführung der von

Konstaninopel ausgehenden +Anatolischen Eisenbahn+ (~Bagdadbahn~;

ihre Erbauung 1893 durch +Georg von Siemens+ für die deutsche Arbeit

[Deutsche Bank] gesichert, zunächst bis Kaisarie gestattet, 1902 einem

deutsch-französischen Syndikat übertragen) auf die Strecke +El Halif+

(zwischen Harran und Mosul) bis +Bagdad+. Später soll +Kuweit+ am

Persischen Meerbusen Endpunkt sein. Zweigbahn nach +Alexandrette+,

Anschluß an die +Hedschas+bahn von +Damaskus+ nach +Medina-Mekka+ und

die russisch-persischen Bahnen über Teheran nach Bagdad gesichert (S.

397).

[1911–1912.]

+Italienisch-türkischer Krieg+ (s. S. 412).

§ 18. Amerika.

Die ~Vereinigten Staaten~ von Amerika, deren Gebiet seit 1848 bis

zum Stillen Ozean reicht (S. 301 f.), an Volkszahl schnell wachsend

durch Einwanderung aus Europa (1860: 31½ Mill. Einwohner), aufblühend

durch Handel und großstädtische Industrie, geraten in schwere Gefahr

durch Zwiespalt zwischen den Nordstaaten und den Sklaven haltenden

Südstaaten. Die Wahl +Abraham Lincolns+ zum Präsidenten der Union von

seiten der Nichtsklavenstaaten führt zum

[~1861–1865.~]

~Bürgerkrieg~. Die 11 Südstaaten erklären ihren Austritt (secession)

aus der Union und schließen einen +Sonderbund+. +Jefferson Davis+

Präsident. Sie erklären die Fortdauer der Negersklaverei wegen des

Plantagenbaues (Zucker, Reis, Tabak, Baumwolle) für notwendig.

Hauptschauplatz des Krieges der zu den Südstaaten gehörige Staat

+Virginia+ und das angrenzende +Maryland+. Die Sonderbundstruppen

bedrohen 1861 nach dem Siege bei +Bull-Run+ und 1862 nach der

siebentägigen Schlacht bei +Richmond+ die Bundeshauptstadt Washington,

werden jedoch wieder zurückgedrängt. Die Unionstruppen erobern 1862

+New-Orleans+, 1863 +Vicksburg+ am Mississippi.

[1863. 1. Jan.]

Eine Proklamation Lincolns erklärt alle Sklaven der Südstaaten

für frei. Der Südstaatengeneral +Lee+ siegt bei +Fredericksburg+

(Virginia), überschreitet den Grenzfluß Potomac, wird aber bei

+Gettysburg+ in Pennsylvanien zurückgeschlagen.

[1864.]

Der Nordstaatengeneral +Grant+ kämpft gegen Lee in der +Wilderness+

und bei +Spotsylvania+, belagert ihn dann in der starken Stellung

zwischen den Festungen +Richmond+ und +Petersburg+. Ein zweites Heer

der Nordstaaten unter +Sherman+ siegt bei +Atlanta+ im Staate Georgia,

dringt bis zur Küste vor nach Savannah, zieht im Frühjahr 1865 gegen

Petersburg heran.

[1865. April.]

General Lee räumt Richmond und Petersburg, kapituliert mit 26000 Mann,

bald darauf ergeben sich auch die übrigen Truppen der Südstaaten.

Die Union bleibt erhalten, doch fügen die Südstaaten sich nicht

bedingungslos.

Präsident +Lincoln+, der umsichtige Leiter der Union, wird von einem

Anhänger der Südstaaten ermordet (14. April); sein Nachfolger +Johnson+

zeigt sich nachgiebiger in der Sklavenfrage und gerät deshalb in

Konflikt mit dem Kongreß, welcher die Aufhebung der Sklaverei im

ganzen Unionsgebiet als Gesetz verkündet und den Negern Bürgerrecht

und Stimmrecht verleiht. Daraus ergeben sich Übelstände, die zur Folge

haben, daß unter dem Präsidenten +Grant+ (1869–1877) die Südstaaten in

mancher Hinsicht noch unter der Diktatur des Kongresses bleiben.

Auszug aus der Alten, Mittleren und Neueren Geschichte · 第 43 / 49 段