Brigade +v. Kettler+ gegen ~Dijon~ geschickt. Das dort stehende Korps
+Garibaldi+ (20000 M.) beschränkt sich darauf, die Angriffe dieser 5
Bataillone am 21. und 23. Januar abzuwehren (Verlust der +einzigen+
deutschen Fahne -- aufgefunden unter Leichen). Als Verstärkung für
General v. Kettler anrückt, ziehen sich Garibaldis Scharen mit
Benutzung der Eisenbahn nach +Lyon+ zurück.
[~1871.~ 16. Febr.]
~Übergabe von Belfort.~ Selbst während der Schlacht an der Lisaine
waren die Angriffsarbeiten nicht unterbrochen worden. Den tapferen
Verteidigern (Oberst +Denfert+) wird freier Abzug gewährt.
+d) Belagerung von Paris.+
Starke Befestigungen: Ringmauer von 34 km Umfang mit Umwallung,
davor ein Gürtel von Forts, namentlich auf der Ost- und Südseite; im
Westen der stark befestigte +Mont Valérien+, im Norden der befestigte
Vorort +St. Denis+, im Osten der steile +Mont Avron+, »der Schlüssel
von Paris«. Besatzung 72000 M. Linien- und Marinetruppen, 115000 M.
Mobilgarden aus der Provinz, über 130000 M. Nationalgarde.
Einschließung durch die III. und IV. deutsche Armee (S. 385) in
einem Gürtel von 82 km Umfang, anfangs nur 130000 M., bald auf
240000 M. verstärkt. Hauptquartier König Wilhelms in +Versailles+.
Alle Entsatzversuche der französischen Loire- und Nordarmee werden
vereitelt, ebenso die zahlreichen Ausfälle der Belagerten.
[~1870.~ 21. Okt.]
Ausfallgefecht bei +La Malmaison+ (im Westen), General Ducrot wird
zurückgeschlagen.
[30. Okt.]
Erstürmung von +Le Bourget+ (im Nordosten) durch die preußische Garde.
Dies Dorf lag unter den Geschützen von 5 Forts und war am 28. Okt.
(deutscherseits schwach besetzt) von den Franzosen genommen. Fernere
Gefechte bei Le Bourget am 21. Dez. und 13. Jan.
Der ernstlichste Versuch zur Befreiung beginnt am 30. Nov. General
Ducrot geht mit 40000 M. auf das linke Marne-Ufer und erobert,
unterstützt durch Scheinangriffe anderer Abteilungen im Norden (Epinay)
und Südosten (Mont Mesly), die östlich gelegenen Dörfer +Brie+ und
+Champigny+.
[2. u. 3. Dez.]
~Schlacht b. Champigny-Yilliers.~ Ducrots Truppen, die auf den Anmarsch
der Loire-Armee gehofft hatten (S. 386), werden in heftigem Kampfe
zurückgeworfen (Württemberger und Sachsen unter dem preußischen General
+v. Fransecky+).
Nachdem sich die Erwartung, Paris durch Hunger zu bezwingen, als falsch
erwiesen hat, beginnt am
[~1870.~ 27. Dez.]
~die Beschießung von Paris,~ zunächst gegen die +Ostfront+ aus
verschanzter Stellung, dem +Mont Avron+ gegenüber, der von den
Franzosen bald geräumt wird, sodann seit Anfang Januar auch gegen
+die Südfront, die Nordforts und St. Denis+. Infolge des Eingreifens
der schweren Artillerie gestaltet sich die Lage der Deutschen
erheblich günstiger, weil die Verteidiger die Stellungen im Vor- und
Zwischengelände räumen müssen.
[~1871.~ 18. Jan.]
Erneuerung der ~deutschen Kaiserwürde~ im Spiegelsaal des Schlosses
zu ~Versailles~, nachdem die süddeutschen Staaten sich zu dauernder
Vereinigung mit dem Norddeutschen Bunde bereit erklärt haben und König
Ludwig II. von Bayern, der Aufforderung +Bismarcks+ entsprechend, im
Namen der Fürsten und freien Städte Deutschlands dem König +Wilhelm I.
von Preußen+ die Kaiserwürde angetragen hat.
~Wilhelm I. Deutscher Kaiser 1871–1888.~
[19. Jan.]
~Schlacht am Mont Valérien~ (im Westen). Letzter großer Ausfall, bei
dem auch die bisher geschonten Nationalgarden Verwendung finden. Die
Franzosen nehmen +St. Cloud+, aber ihr Angriff (90000 M. unter General
+Trochu+) scheitert, bevor er die Hauptstellung der Deutschen erreicht.
Die tapferen Verteidiger von St. Cloud, beim Rückzug vergessen, ergeben
sich am nächsten Tage.
Da jede Hoffnung auf Entsatz geschwunden ist und die Not der
Bevölkerung von Paris bedenklich steigt, wird durch Unterhandlungen
zwischen +Favre+ und +Bismarck+ die
[~28. Jan.~]
~Übergabe von Paris~ zum Abschluß gebracht. Bedingungen: 1. Übergabe
sämtlicher Forts mit dem Kriegsmaterial an die deutschen Truppen,
Entwaffnung der Ringmauer. 2. Alle französischen +Soldaten+ in Paris
gelten als Kriegsgefangene und werden entwaffnet, mit Ausnahme
von 12000 Mann, welche mit der Nationalgarde die Ordnung aufrecht
erhalten; für die Verproviantierung sorgen die französischen Behörden.
3. Die Stadt Paris zahlt 200 Millionen Francs Kriegssteuer. 4.
Waffenstillstand auf allen Kriegsschauplätzen, mit Ausnahme der
Departements +Doubs, Jura+ und +Côte d’or+, auf +drei+ Wochen, um die
Wahlen zu einer französischen +Nationalversammlung+ zu ermöglichen,
welche in +Bordeaux+ zusammentreten und über Krieg und Frieden
entscheiden soll.
~Gambettas~ Widerstand gegen diese Übereinkunft wird bald gebrochen;
er legt sein Amt als Mitglied der Regierung nieder (6. Febr.).
~Thiers,~ von der Nationalversammlung in +Bordeaux+ an die Spitze der
französischen Regierung gestellt, führt die Unterhandlungen mit Graf
~Bismarck.~
[~1871.~ 26. Febr.]
~Friedenspräliminarien zu Versailles~: 1. Frankreich tritt
an Deutschland ab: das ~Elsaß~ außer +Belfort+, ferner
~Deutsch-Lothringen~ mit +Metz+ und +Diedenhofen+ (+Thionville+),
zusammen 14500 qkm mit 1½ Mill. Einwohnern; 2. Frankreich zahlt in drei
Jahren +5 Milliarden+ Francs Kriegsentschädigung; zur Sicherstellung
der Zahlung bleiben die östlichen Départements besetzt.
[~1. März.~]
~Einzug~ von 30000 Mann deutscher Truppen ~in Paris~ und Besetzung
eines Teils der großen Stadt. Nachdem die Friedensbedingungen noch an
demselben Tage von der französischen Nationalversammlung angenommen
worden sind, wird am 2. März Paris von den Deutschen geräumt. Kaiser
~Wilhelm~ verläßt das Hauptquartier +Versailles+ am 7. März und kehrt
nach +Berlin+ zurück.
Die Friedensbedingungen werden bestätigt und im einzelnen näher
bestimmt (Austausch eines französischen Bezirks bei +Belfort+ gegen
einen deutschen in +Lothringen+) in dem
[~10. Mai.~]
~Frieden zu Frankfurt a. M.~ Die drei großen Ergebnisse des blutigen
Krieges sind: 1. Das Aufhören der +vorherrschenden+ Machtstellung
Frankreichs. 2. Deutschland gewinnt eine sichere Westgrenze. 3. Die
seit langen Jahren erstrebte ~Einigung Deutschlands~ ist verwirklicht.
[14. April.]
Der nach ~Berlin~ berufene Reichstag genehmigt fast einstimmig
folgende ~Reichsverfassung~: 1. An der Spitze des Reiches steht als
~Deutscher Kaiser~ der +König von Preußen+; die Kaiserwürde ist mit
der Krone Preußens fortan +erblich+ verbunden. Der Kaiser vertritt das
Reich völkerrechtlich, erklärt Krieg und Frieden (mit Zustimmung des
Bundesrats), schließt Bündnisse und Verträge, führt den Oberbefehl
über die gesamte deutsche Land- und Seemacht. 2. Die Vertretung
der 25 Staaten bildet der ~Bundesrat~ (im ganzen 58, seit 1911 61
Stimmen: +Preußen+ 17, +Bayern+ 6, +Sachsen+ und +Württemberg+ je 4,
+Baden+, +Hessen+ und +Elsaß-Lothringen+ je 3, +Mecklenburg-Schwerin+
und +Braunschweig+ je 2, die übrigen je 1); den Vorsitz führt der
~Reichskanzler~ (der erste: ~Fürst Bismarck~). 3. Die Vertretung der
Bevölkerung bildet der zum 21. März 1871 zum erstenmal nach Berlin
berufene deutsche ~Reichstag~, bestehend aus 382 (seit Hinzutreten
der Elsaß-Lothringischen 397) Abgeordneten, die aus allgemeinen und
direkten geheimen Wahlen hervorgehen. Einheitliches Heerwesen mit
+allgemeiner Wehrpflicht+: Im stehenden Heere 7 Jahre; hiervon aktiv
bei Kavallerie und reitender Feldartillerie 3 Jahre, sonst seit
1893 2 Jahre; die übrige Zeit in der Reserve. Landwehrpflicht (I.
und II. Aufgebot) bis zum vollendeten 39. und Landsturmpflicht bis
zum vollendeten 45. Lebensjahre. Das Reich bildet +ein+ Zollgebiet
(S. 351). Gemeinsames Post- und Telegraphenwesen, gleichmäßige
Verwaltung der Eisenbahnen. Einheitliches Dezimal-, Münz-, Maß- und
Gewichtssystem; Einheit des Rechts. Bayern und Württemberg haben sich
Sonderrechte, namentlich in der Heeres- und Postverwaltung, vorbehalten.
Das Gebiet des neuen ~Deutschen Reiches~ umfaßt 544000 qkm; 1871:
41 Millionen, 1910: rund 65 Millionen (Preußen 40 Mill.) Einwohner.
Das ~Reichsland Elsaß-Lothringen~ wird seit 1879 von einem
+Statthalter+ des Kaisers regiert (Gen. +v. Manteuffel+ bis 1885, Fürst
+Hohenlohe-Schillingsfürst+ bis 1894, Fürst +Hohenlohe-Langenburg+ bis
1907, seitdem Graf +v. Wedel+). Anfangs im Bundesrat nicht vertreten,
erhält es 1911 als 26. selbständiger Bundesstaat 3 Stimmen eingeräumt
(S. 397).
Ihre ~Einkünfte~ erhalten die Einzelstaaten hauptsächlich aus direkten
Steuern und aus der Verwaltung der Eisenbahnen, das +Reich+ aus den
Zöllen und indirekten Steuern, sowie aus Beiträgen der Einzelstaaten,
soweit erforderlich (Matrikularbeiträge). Das Reich bestreitet die
Ausgaben für Heer und Kriegsflotte. Grundlagen der Reichseinheit sind
das deutsche +Handelsgesetzbuch+, schon 1861–65 in den meisten Staaten
des Deutschen Bundes eingeführt, das deutsche +Strafgesetzbuch+ von
1870, die Gesetze des Norddeutschen Bundes über Freizügigkeit 1867, die
Gewerbeordnung 1869, das Bürgerliche Gesetzbuch (B.G.B.) 1900 u. a. (s.
S. 394 ff.).
[~1871.~ März-Mai.]
~Herrschaft der sozialistischen Kommune in Paris.~ Nach der
Kapitulation hatten sich die als Nationalgarde bewaffneten Arbeiter
vieler Kanonen bemächtigt und die nordöstlichen Teile der Stadt
(namentlich +Montmartre+ und +Belleville+) fast in Festungen
verwandelt. Der Versuch der Linientruppen, ihnen die Kanonen wieder
abzunehmen, führt zu einem Aufstand; die Linientruppen räumen die
Stadt und die Forts der Südseite. Der von den Aufständischen erwählte
+Gemeinderat+ (la +Commune+) verfügt Erpressungen und Gewaltmaßregeln.
Schreckensherrschaft der Sozialisten unter Mitwirkung eines Ausschusses
der +»Internationale«+ (s. S. 394). Plünderung der Kirchen, Verhaftung
des Erzbischofs +Darboy+ und anderer »Geiseln«; fast alle werden
schließlich ermordet. Ein Angriff auf die zum Schutze der jetzt in
+Versailles+ tagenden französischen Nationalversammlung vereinigten
Truppen mißlingt, hauptsächlich infolge des Geschützfeuers vom Mont
Valérien.
[6. April.]
~Zweite Belagerung von Paris~, unter Leitung +Mac-Mahons+, von Süden
und Westen her, während die +deutschen+ Truppen unter Beobachtung
strenger Neutralität die nördlichen und östlichen Forts besetzt
halten. Fort +Issy+ genommen (9. Mai). Endlich dringen die Versailler
Truppen in die Stadt ein; verzweifelter Barrikadenkampf (21.–28.
Mai). Die Hauptgebäude der Stadt (+Tuilerien+, +Finanzministerium+,
+Polizeipräfektur+, +Stadthaus+ u. a.) werden von den Aufständischen
in Brand gesteckt, die Vendômesäule (S. 317) zerstört. Blutige
Niederwerfung des Aufstandes; gegen 17 000 getötet, 50 000 gefangen;
viele später zur Verbannung nach Neu-Kaledonien verurteilt.
[~1873.~ Sept.]
Die deutschen Truppen verlassen nach beschleunigter Abzahlung der
Kriegsentschädigung das französische Gebiet.
§ 9. Das Deutsche Reich seit 1871.
Das Deutsche Reich, als Bundesstaat geeinigt, bewährt sich als
Hort des Friedens in Europa. Durch die mächtige Entwickelung der
~Gewerbetätigkeit~ und des ~überseeischen Handels~, sowie die Erwerbung
von ~Kolonien~ (seit 1884, s. § 20) nimmt es den ihm gebührenden Platz
unter den +Weltmächten+ ein. Der Aufschwung des wirtschaftlichen Lebens
vermehrt die Klassengegensätze und gibt Anlaß zu einer ~sozialen
Gesetzgebung~ (S. 395), die in anderen Ländern Nachahmung findet.
Bedeutsame Einwirkungen ergeben sich aus Streitigkeiten mit der
katholischen Kirche und durch das Anwachsen der +Sozialdemokratie+,
welche mit Hilfe des allgemeinen Wahlrechts den Staat und die
Eigentumsverhältnisse umgestalten will (Lassalles Allgemeiner deutscher
Arbeiterverein 1863, Internationale Arbeitervereinigung 1864 in London
von K. Marx begründet, Gothaer Programm 1875).
[1872.]
Das Dogma von der päpstlichen Unfehlbarkeit (S. 381) veranlaßt in
Deutschland, der Schweiz und Österreich die Bildung +alt+katholischer
Gemeinden, die sich von der römisch-katholischen Kirche lossagen.
Ausweisung des +Jesuiten+-Ordens aus dem Deutschen Reiche; in Preußen
Schulaufsichtsgesetz.
[1873–1875.]
Kirchengesetze in Preußen (Kultusminister Falk), welchen die
katholische Geistlichkeit Widerstand leistet. Die Bischöfe werden
nach und nach abgesetzt; erledigte Pfarrämter können nicht wieder
besetzt werden. Papst Pius IX. geht auf Verhandlungen nicht ein; sein
Nachfolger Leo XIII. (1878–1903) zeigt sich nachgiebiger, gesteht die
Anzeigepflicht bei Besetzung der Bistümer und Pfarrämter zu. Fürst
+Bismarck+ bewirkt 1880 Milderung der Kirchengesetze, 1886 und 1887
weitere Zugeständnisse, doch bleibt das Aufsichtsrecht des Staates über
kirchliche Angelegenheiten.
[1872.]
+Dreikaiserbund+, von den drei Kaisern Wilhelm I., Franz Joseph und
Alexander II. bei einer Zusammenkunft in Berlin geschlossen zur
Aufrechterhaltung des Friedens. Dies Bündnis löste sich infolge des
russisch-türkischen Krieges und des Berliner Kongresses (s. S. 401).
[1872–1875.]
Verwaltungsreform in Preußen; +Kreisordnung+ und +Provinzialordnung+.
Die Kreise und Provinzen erhalten in mancher Hinsicht Selbstverwaltung;
den Regierungsbehörden treten Kreistag und Kreisausschuß,
Provinziallandtag und Provinzialausschuß zur Seite. Landgemeindeordnung
s. S. 396.
[1873.]
Synodal-Ordnung für die evangelische Kirche in Preußen; 1874 Einführung
der bürgerlichen Eheschließung und der Standesregister in Preußen, 1875
im ganzen Deutschen Reiche, 1876 General-Synodalordnung.
[1874.]
+Reichs-Militärgesetz+; die Friedenspräsenzstärke festgesetzt auf
401659 Mann, eingeteilt in 18 Armeekorps (14 preußische, 2 bayrische,
l sächsisches, l württembergisches). In der Folgezeit wird die Zahl
mehrmals erhöht, entsprechend der Zunahme der Bevölkerung; sie beträgt
1911 über 600000 Mann, eingeteilt in 23 Armeekorps (17, 3, 2, 1).
[~1874.~ Okt.]
~Begründung des Weltpostvereins.~ Auf Anregung der +deutschen+
Reichspostverwaltung (Staatssekretär +v. Stephan+) einigen sich die
europäischen und die meisten außereuropäischen Staaten auf einem
+Kongreß zu Bern+ über gemeinsame, dem Verkehr günstige Grundsätze der
Postverwaltung.
[~1878.~]
Gesetz gegen die Ausschreitungen der +Sozialdemokratie+, veranlaßt
durch zwei Mordversuche auf Kaiser Wilhelm I. der bei dem zweiten
schwer verwundet wird. Verbot sozialdemokratischer Vereine und
Zeitungen; Ausweisung der Parteiführer und ihrer Agenten aus den
größeren Städten. Das Gesetz, zunächst für 2½ Jahre erlassen, dann
verlängert, wird 1890 aufgehoben.
[~1879.~]
Neuer +Zolltarif+ des Deutschen Reiches, vom Fürsten +Bismarck+
veranlaßt, um durch Erschwerung der Einfuhr ausländischer Erzeugnisse
die einheimische Produktion zu schützen und die Einkünfte des Reiches
zu erhöhen (Schutzzollpolitik). +Hamburg+ und +Bremen+, bisher
Freihäfen, werden 1881 und 1885 zum Eintritt in die Zollgemeinschaft
des Reiches (zum Okt. 1888), mit Vorbehalt eines beschränkten
Freihafengebietes, veranlaßt. Seit dem Ende der 70er Jahre
+Verstaatlichung der Eisenbahnen+ in Preußen nach und nach durchgeführt
(Minister Maybach). Später Betriebsgemeinschaft der preußischen und
hessischen Bahnen eingerichtet.
[1. Okt.]
Die neuen +Justizgesetze+ für das ganze Deutsche Reich
(Gerichts-Verfassung, Zivil-Prozeß, Strafprozeß) treten in Kraft.
Oberstes +Reichsgericht+ in Leipzig. Bürgerliches Gesetzbuch (S. 396).
[~1879.~ 7. Okt.]
Infolge der Spannung zwischen Deutschland und Rußland nach dem Berliner
Kongreß (S. 401 f.) ~Schutzbündnis zwischen dem Deutschen Reich und
Österreich~ nach einem Besuch des Fürsten +Bismarck+ in Wien (Graf
+Andrassy+). ~Italien~, durch Eröffnung der Gotthardbahn 1882 mit den
nördlichen Ländern besser verbunden, schließt sich 1883 an; ~Dreibund~
zur Erhaltung des europäischen Friedens.
1884 Zusammenkunft der 3 Kaiser: +Wilhelms I.+, +Franz Josephs+ und
+Alexanders III.+ in +Skierniewice+ in Polen; Neutralitätsvertrag mit
+Rußland+ (nach Bismarcks Rücktritt 1890 nicht wieder erneuert).
[~1881.~ 19. Nov.]
Kaiserliche Botschaft an den Reichstag, betreffend die Gesetzgebung
zur ~Förderung des Wohles der Arbeiter~. Darauf 1883 Gesetz über
Krankenversicherung, 1884–87 Gesetze über Unfallversicherung. (1908
waren 13 Mill. Reichsangehörige gegen Krankheit, 24 Mill. gegen Unfall
versichert, S. 396).
[~1884.~]
~Gründung deutscher Kolonien~ in Südwestafrika, Togo, Kamerun, 1885 in
Ostafrika und auf den australischen Inseln (s. S. 423 ff.).
[1884–85.]
~Kongo-Konferenz~ in Berlin unter dem Vorsitz des Fürsten +Bismarck+
(s. S. 410).
Nach dem Tode des unvermählten Herzogs +Wilhelm+ († 1884) ist 1885–1896
Prinz +Albrecht+ von Preußen Regent des Herzogtums +Braunschweig+, da
der erbberechtigte Herzog Ernst August von Cumberland, Sohn Georgs
V. (S. 378), seine Ansprüche auf Hannover nicht aufgeben will. Sein
Nachfolger 1907 Herzog +Johann Albrecht+ von Mecklenburg.
[1886.]
+Ansiedlungsgesetz+ für die Provinzen Posen und Westpreußen zur
Stärkung des Deutschtums, erneuert und ergänzt 1898, 1902, zuletzt 1908
mit Einführung eines beschränkten staatlichen Enteignungsrechts. Bis
Ende 1907 wurden für über 300 Mill. Mark 335383 ha angekauft und darauf
15751 Ansiedlerstellen angelegt.
[1888.]
+Landwehr- und Landsturmgesetz+ veranlaßt durch die in Frankreich
(Kriegsminister Boulanger) und Rußland stattfindenden Kriegsrüstungen.
Fürst +Bismarcks+ Rede im Reichstag 6. Februar: »Wir Deutschen fürchten
Gott, sonst nichts auf der Welt«. Der Friede bleibt erhalten.
[~1888.~ 9. März.]
~Tod Kaiser Wilhelms des Großen.~ Sein Sohn, krank in San Remo, kommt
nach Charlottenburg und übernimmt die Regierung.
[15. Juni.]
~Friedrich III., Deutscher Kaiser, König von Preußen †.~
~Kaiser Wilhelm II. 1888-x.~
+Fortsetzung+ der Reichsgesetzgebung zum Wohle der Arbeiter:
1889 Gesetz über Invaliditäts- und Altersversicherung, 1891
Arbeiterschutzgesetz (Sonntagsruhe, Arbeitszeit der Frauen und Kinder
beschränkt).
[1890. März.]
Europäische Arbeiterschutz-Konferenz zu +Berlin+: Beratung über
allgemeine Maßregeln zur Verbesserung der Lage des Arbeiterstandes.
[20. März.]
+Fürst Bismarck+ scheidet aus seinen Ämtern als Reichskanzler und
preußischer Ministerpräsident. Sein Nachfolger General +v. Caprivi+
bis Okt. 1894, dann Fürst +Hohenlohe+ (vorher Statthalter des
Reichslandes); Okt. 1900 Graf +Bülow+ (seit 1905 Fürst).
[1890.]
Grenzregulierung in +Ostafrika+ zwischen Deutschland und +England+.
+Helgoland+ kommt an Preußen (Kreis Süder-Dithmarschen, s. S. 407).
1894 Abgrenzung des Hinterlandes von Kamerun durch Verträge mit
+Frankreich+ und +England+. Das deutsche Gebiet erreicht von Süden her
den +Schari+ und den +Tsadsee+.
[1891.]
+Handelsverträge+ mit Österreich, Italien, Belgien, bald auch mit
anderen Staaten; Herabsetzung der Zölle, wodurch eine schwierige Lage
für die deutsche Landwirtschaft entsteht. In Preußen Fortsetzung der
Verwaltungsreform: Landgemeinde-Ordnung (Minister Herrfurth); Reform
der Steuern (Finanzminister Miquel).
[~1895.~]
Vollendung des +Nord-Ostseekanals+ (von Brunsbüttel an der Elbe nach
Holtenau bei Kiel 97 km) nach achtjähriger Bauzeit (Baukosten 156
Mill. Mark). Es folgt 1899 der Dortmund-Ems-Kanal und der Ausbau
des Hafens von Emden, 1900 der Elb-Trave-Kanal. Der preußische
Landtag genehmigt außer anderem 1905 den Bau eines Kanals vom Rhein
(bei Duisburg) zur Weser bis nach Hannover (Mittellandkanal) und
eines Großschiffahrtsweges von Berlin nach Stettin. Von Bayern und
Elsaß-Lothringen Kanalisierung des Main und der Mosel angeregt.
Verbesserungen der Wasserstraßen im Oberlauf des Rheins, der Elbe
und Oder von den anliegenden Staaten erwogen. -- Für die seit 1907
ausgeführte +Erweiterung+ und +Vertiefung+ des +Kaiser-Wilhelms-Kanals+
sind 223 Mill. Mark bewilligt.
[~1898.~]
Pachtvertrag mit +China+ über +Kiautschou+ auf 99 Jahre (s. S. 420,
426).
[30. Juli.]
+Fürst Bismarck+ † in Friedrichsruh.
Das Deutsche Reich erwirbt von +Spanien+ die +Karolinen+, +Marianen+
und +Palau-Inseln+, (S. 413).
[1900. 1. Jan.]
Das +Bürgerliche Gesetzbuch+ tritt für das Deutsche Reich in Kraft.
[~1900.~ März.]
Erwerbung von +Deutsch-Samoa+ (s. S. 407, 426). +Deutschland+,
+England+, +Frankreich+, +Rußland+, +Italien+, +Amerika+, +Japan+
treffen Abmachungen über die +»Politik der offenen Tür«+ in +China+.
+Flottengesetz+ zum Schutze des deutschen Welthandels (die
Transportfähigkeit der deutschen Handelsflotte hat sich von 1876–1909
versiebenfacht). Bis 1917 soll die Kriegsflotte auf 38 Linienschiffe,
14 große, 38 kleine Kreuzer gebracht werden; dazu die Wacht- und
Schulschiffe und die seit 1880 ansehnlich vermehrten Kanonen- und
Torpedoboote.
[1902.]
Neuer +Zolltarif+ als Grundlage für fernere Handelsverträge.
[1906.]
Erhöhung der Reichssteuern und beschleunigte Vermehrung der
Kriegsflotte beschlossen.
[1908–1909.]
+Reichsfinanzreform+. An die Stelle des Fürsten Bülow tritt 1909 (Juli)
Reichskanzler +v. Bethmann Hollweg+.
[1910.]
Besuch des Kaisers Nikolaus II. in Potsdam.
Verständigung mit +Rußland+. Keine der beiden Mächte will sich einer
Staatenvereinigung anschließen, die ihre Spitze gegen die andere
richtet.
[1911. März.]
Verfassungs- und Wahlgesetz für +Elsaß-Lothringen+. Die Staatsgewalt
übt der Kaiser durch einen von ihm ernannten Statthalter aus (s. S.
392). Zwei-Kammersystem eingeführt. Die 41 Mitglieder der ersten Kammer
werden von dem Kaiser auf Vorschlag des Bundesrats ernannt; die zweite
Kammer (60) geht aus allgemeinen direkten Wahlen (an einem Sonntag) mit
geheimer Abstimmung hervor.
[Aug.]
+Vertrag mit Rußland+ über die Abgrenzung der Interessen der beiden
Mächte in +Persien+. Deutschland verfolgt nur Handelsziele: Eisenbahn-,
Wegebau-, Schiffahrts-, Telegraphenkonzessionen (s. S. 416, 419).
[Nov.]
Abkommen mit +Frankreich+ über +Marokko+ und +Äquatorialafrika+ (s. S.
405).
[Dez.]
Schiffahrtsabgabengesetz. Privatbeamten-Versicherungsgesetz.
[1912. 1. Jan.]
Die Reichsversicherungsordnung vom 19. Juli 1911 tritt in Kraft.
§ 10. Österreich-Ungarn.
[1867.]
Nach dem unglücklichen Kriege mit Preußen und Italien von 1866
(S. 375 ff.) gelingt es dem Reichskanzler Graf +Beust+ (1853–1866
Ministerpräsident in Sachsen), den Verfassungsstreit in +Österreich+
(S. 357 f., 371) durch den ~Ausgleich mit Ungarn~ auf der Grundlage
des +Dualismus+ beizulegen. +Ungarn+, mit +Siebenbürgen+ und +Kroatien+
wieder vereinigt (S. 371), erhält einen besonderen +Reichstag+ (in
+Pest+) und ein eigenes Ministerium. Die ungarische Verfassung wird
wiederhergestellt. Kaiser +Franz Joseph+ am 8. Juni in Pest als +König
von Ungarn+ gekrönt. Die +cisleithanischen+ Länder (nebst +Galizien+)
im +Reichsrat+ (in +Wien+) vertreten. Zur Beschlußfassung über die
gemeinsamen Angelegenheiten (Heerwesen, Finanzen, auswärtige Politik)
treten jährliche Abgesandte (Delegationen) aus beiden Reichstagen
zusammen. Von den gemeinsamen Ausgaben, soweit sie nicht aus dem Ertrag
der Zölle bestritten werden, trägt Österreich zunächst 70%, Ungarn 30%.
Ministerpräsident in Österreich Graf Beust (bis 1871), in Ungarn Graf
+Andrassy+ (bis 1879).
Der Doppelstaat wird in seiner inneren Entwickelung vielfach gehemmt
durch die widerstrebenden Interessen und durch Nationalhaß der
Tschechen, Polen und Magyaren gegen die Deutschen. Bemühungen der
Tschechen um die Selbständigkeit der böhmischen (Wenzels-) Krone
und die Wiederherstellung des sog. Böhmischen Staatsrechts. 1874
Kirchengesetze an Stelle des Konkordats von 1855.
[1878.]
Besetzung der bis dahin türkischen Provinzen +Bosnien+ und
+Herzegowina+ (S. 401) zum Teil nach blutigem Widerstande.
[1879.]
Das Sandschak +Novipazar+ auf Grund eines Abkommens mit der Türkei
besetzt.
[1879.]