durch die in einer großen Volks- und Heeresversammlung bei Paris
(+Maifeld+) verkündete +Zusatzakte+ zur Verfassung des Kaiserreichs,
in +Belgien+ wird ein +preußisches+ Heer unter ~Blücher~ und ein
+englisch-deutsches+ unter ~Wellington~ gegen ihn zusammengezogen.
+Murat+, der sich wieder für Napoleon erklärt, wird von den
Österreichern bei +Tolentino+ (3. Mai) geschlagen und entflieht
nach Frankreich. Ferdinand IV. (aus dem Hause +Bourbon+) kehrt von
+Sicilien+ (S. 304, 324) nach Neapel zurück, nennt sich als »König
beider Sicilien« fortan +Ferdinand I.+ († 1825).
[16. Juni.]
~Schlacht bei Ligny.~ Napoleon, in Belgien vorrückend, schlägt
die Preußen trotz tapferer Gegenwehr. +Blücher+ in Lebensgefahr,
von seinem Adjutanten +Nostiz+ gerettet. +Gneisenau+ befiehlt den
Rückzug nach +Wavre+. An demselben Tage wird Marschall +Ney+ von
+Wellington+, dessen Truppen erst nach und nach auf dem Kampfplatz
erscheinen, bei ~Quatre-Bras~ zurückgeschlagen. (Herzog Friedrich
Wilhelm von Braunschweig †.) Napoleon sendet 32000 Mann unter Grouchy
zur Verfolgung des preußischen Heeres ab in der Richtung auf Namur und
wendet sich mit über 72000 Mann gegen Wellington.
[18. Juni.]
~Schlacht bei Belle-Alliance (Waterloo).~ Am Nachmittag ist Wellingtons
Heer (24000 Engländer, 13000 Niederländer, 30000 Hannoveraner,
Braunschweiger, Nassauer) an mehreren Punkten bereits zum Weichen
gebracht, als ~Blücher~ mit den +Preußen+ (über 40000) anlangt und den
Sieg nach mehrstündigem, erbittertem Kampfe zu Gunsten der Verbündeten
entscheidet. Vollständige Niederlage der Franzosen, ihr von +Gneisenau+
verfolgtes Heer wird gänzlich zersprengt. Zur selben Zeit kämpft
+Grouchy+, auf dessen Hilfe Napoleon gerechnet hatte, fruchtlos gegen
ein preußisches Korps bei +Wavre+. Napoleon eilt nach +Paris+, wo er zu
Gunsten seines +Sohnes+ abdankt; dieser ist genötigt, in Österreich zu
bleiben († 1832 als Herzog von Reichstadt).
[7. Juli.]
~Zweite Einnahme von Paris.~ Einzug +Blüchers+ und +Wellingtons+, bald
darauf Rückkehr +Ludwigs XVIII.+, Ankunft der beiden Kaiser und des
Königs von Preußen.
Unterdes flüchtet +Napoleon+ nach +Rochefort+, wo er sich nach
vergeblichen Versuchen, nach Amerika zu entkommen, dem britischen
Admiral +Hotham+ ausliefert, der ihn an Bord des +»Bellérophon«+ nach
England bringt. Von dort wird er, nach gemeinschaftlichem Beschluß der
verbündeten Mächte, als Kriegsgefangener nach +St. Helena+ gebracht (†
5. Mai 1821. Seine Leiche seit 1840 im Invalidendom zu Paris, S. 353).
[~1815.~ 26. Sept.]
Auf Kaiser Alexanders Wunsch Stiftung der ~Heiligen Allianz~ zur
Erhaltung des Friedens in Europa, zunächst zwischen +Rußland+,
+Österreich+ und +Preußen+; bald schließen sich die übrigen
europäischen Staaten an, mit Ausnahme Englands, der Türkei und des
Kirchenstaates.
[Okt.]
+Murat+, der in Kalabrien gelandet ist, um das Königreich +Neapel+
wiederzuerobern, wird gefangen und kriegsrechtlich erschossen.
[~20. Nov.~]
~Zweiter Friede zu Paris~: 1. ~Frankreich~ tritt die Festungen
+Philippeville+ und +Marienburg+ an das Königreich der Niederlande,
+Saarlouis+ und +Saarbrücken+ an Preußen, +Landau+ an Bayern, den im
ersten Pariser Frieden belassenen Teil von +Savoyen+ an das Königreich
Sardinien ab. 2. Die Nord- und Ostgrenze Frankreichs +mit+ 17
+Festungen+ bleibt (auf höchstens 5 Jahre) von 150000 Mann verbündeter
Truppen auf Kosten Frankreichs besetzt. 3. ~Frankreich~ bezahlt 700
Millionen Franks Kriegskosten. Außerdem werden die nach der ersten
Einnahme von +Paris+ dort +belassenen+, von den Franzosen weggeführten
Kunstschätze zurückgenommen.
Dem Verlangen deutscher Patrioten, auch des preußischen Staatskanzlers
+v. Hardenberg+, Frankreich wenigstens einen Teil der alten Vorlande
des Deutschen Reichs, +Lothringen+ und +Elsaß+, namentlich +Straßburg+,
wieder abzunehmen und es dadurch seiner +Angriffsstellung+ gegen
Deutschland zu berauben, wird auch diesmal nicht entsprochen.
Fussnoten:
[51] +Riquetti+, Graf von +Mirabeau+, geb. 1749, † 1791, von seltenem
Talent, aber sittenlos, verschuldet, mit seiner Familie zerfallen,
gewählt in der Provence als Abgeordneter des dritten Standes.
[52] ~Napoléon Bonaparte~ geb. 15. Aug. 1769 in Ajaccio auf
+Korsika+ (S. 303f.), 1779 auf der Kriegsschule zu Brienne, dann in
Paris, 1785 Leutnant in Valence, 1789–92 meist auf Korsika, wo damals
Aufstand gegen die französische Herrschaft war, 1793 Hauptmann, dann
in Paris mit den Jakobinern in Beziehung, vor Toulon zum Oberst, nach
der Einnahme zum Brigadegeneral der Artillerie befördert, 1794 in
Robespierres Sturz verwickelt und verhaftet, aber wieder freigelassen,
1795 wegen Insubordination aus den Listen der Armee gestrichen.
~»Seine militärische Begabung erhob ihn zum Beherrscher Europas«.~
[53] Gebhard Leberecht ~v. Blücher~, geb. 1742 zu Rostock, tritt
1758 bei den schwedischen Husaren in Vorpommern ein, 1760 bei den
preußischen Husaren, kämpft mit bei Freiberg 1762, nimmt 1773 als
Rittmeister seinen Abschied, tritt 1787 als Major wieder ein,
führt 1794 als General sein Regiment bei Kaiserslautern; 1802–1806
kommandierender General in Münster, Okt. 1813 Feldmarschall, † 1819.
[54] Karl Freiherr vom ~Stein~, geb. 1757 zu Nassau, seit 1780 im
preußischen Staatsdienst, 1796 Oberpräsident der westfälischen Kammer
in Minden, 1804 Finanzminister, Januar 1807 vom König in Ungnaden
entlassen, nach dem Tilsiter Frieden zurückberufen. Minister bis 1808,
1812 von Kaiser Alexander nach Petersburg berufen, 1813–14 einflußreich
im Hauptquartier der Verbündeten und auf dem Wiener Kongreß, † 1831 zu
Kappenberg in Westfalen.
[55] Karl August ~v. Hardenberg~, geb. 1750 zu Essenroda im
Hannoverschen, seit 1792 im preußischen Staatsdienst, 1804–06 Minister
des Auswärtigen, 1810 Staatskanzler, 1814 in den Fürstenstand erhoben,
† 1822.
[56] Gerhard David ~Scharnhorst~, geb. 1755 zu Bordenau
im Hannoverschen, seit 1802 preußischer Offizier, 1806
Generalquartiermeister beim Herzog von Braunschweig, in Lübeck
gefangen, doch bald ausgewechselt, † 28. Juni 1813 in Prag.
~D. Vom Wiener Kongress bis auf unsere Zeit.~
§ 1. Neue Erfindungen.
Aufschwung der Gewerbetätigkeit und des Verkehrs, auch politische
Annäherung der Nationen durch praktische Anwendung der
Naturwissenschaften:
1. Die ersten Versuche, den ~Dampf~ als bewegende Kraft zu verwenden,
reichen ins 17. Jahrhundert zurück. Die Franzosen schreiben die
Erfindung dem Physiker +Denis Papin+ aus Blois (um 1690), die Engländer
dem Marquis +von Worcester+ (1663) und dem Kapitän +Savery+ (1698)
zu. Benutzung einer Dampfmaschine beim Bergbau durch +Newcomen+ 1706
in Devonshire. Hauptverbesserer der +Dampfmaschine+, durch dessen
Erfindungen es erst möglich wurde, dieselbe in den verschiedensten
Gewerben zu verwenden, war ~James Watt~ (1769 in +Birmingham+, † 1819).
2. Versuche mit +Dampfschiffen+ wurden (nach Papins Vorgang 1707) 1774
und 1775 auf der +Seine+, 1786 durch Symington in +Edinburg+ gemacht.
Den ersten regelmäßigen Dampfschiffsverkehr richtete der Amerikaner
~Fulton 1807~ auf dem Hudsonflusse ein, 1818 ging das erste Dampfschiff
von +New-York+ nach +Liverpool+. Dampfschiffahrt auf dem Rhein seit
1825. Hamburg-Amerika-Linie 1847, Norddeutscher Lloyd in +Bremen+ 1857
gegründet.
3. Gewaltige Entwickelung des Landverkehrs durch die ~Eisenbahnen~.
Holzbahnen mit Eisenschienen seit 1767 in englischen Bergwerken
gebräuchlich. Erfinder der +Lokomotive+ George ~Stephenson 1814~
(in Newcastle am Tyne). Erste größere Eisenbahnlinie für den
Personenverkehr +Liverpool-Manchester+ 1830, in Deutschland
+Nürnberg-Fürth+ 1835, +Leipzig-Dresden+ 1837, +Berlin-Potsdam+ 1838,
+Berlin-Hamburg+ 1845.
4. Den +elektrischen Telegraphen+ erfand 1809 +Sömmering+ in München;
den Elektromagnetismus benutzten 1833 +Gauß+ und +Weber+ in Göttingen
zuerst für Fernverständigung; die ersten für Verkehrszwecke brauchbaren
Apparate baute 1837 +Wheatstone+ in London. Den Schreibtelegraphen
erfand +Morse+ in New-York 1837. Erstes unterseeisches Kabel 1851 von
+Dover+ nach +Calais+; erste ozeanische Verbindung 1866 von der Insel
+Valencia+ (an der Westküste von Irland) nach +Neufundland+.
5. ~Erweiterte Anwendung der elektrischen Kraft~: +Fernsprecher+
(Telephon), erfunden 1861 von Philipp Reis in Friedrichsdorf bei
Homburg. +Elektrische Beleuchtung+ (1879 Edison in New-York) neben
der seit 1814 (zuerst in London, 1826 in Berlin) üblich gewordenen
Gasbeleuchtung. +Elektrische Eisenbahn+ (1879 Werner Siemens in
Berlin). +Drahtlose Telegraphie+: Elektrische Wellen im Luftraum,
hergestellt und beobachtet 1887 von +H. Hertz+ in Karlsruhe, zu
telegraphischen Zwecken seit 1897 benutzt von +Marconi+ u. a.
6. Die ~Motorwagen~ (Automobile), seit 1895 in Frankreich beliebt,
dann auch in andern Ländern immer mehr eingeführt, fördern schnellen
Verkehr, ohne an Schienenwege gebunden zu sein.
7. ~Motor-Luftschiffahrt~, seit 1907 erfolgreich betrieben von Graf
+Zeppelin+ (Friedrichshafen am Bodensee), Major +v. Parseval+ (Berlin),
Major +Groß+ (Berlin, Militär-Luftschiff). Auch andere Staaten benutzen
das lenkbare Luftschiff zu Kriegszwecken, ebenso wie in neuester Zeit
auch die ~Flugmaschine~ (Aeroplan). Die Gebrüder +Wright+ in Amerika
u. a..
§ 2. Verfassungs- und Unabhängigkeitskämpfe.
[1817.]
Dreihundertjährige Jubelfeier der +Reformation+. Begründung der
~Evangelischen Union~ durch König Friedrich Wilhelm III. von Preußen.
Das von deutschen Studenten am 18. Okt. veranstaltete +Wartburgfest+
erregt Befürchtungen wegen »demagogischer Umtriebe« gegen die deutsche
+Bundesverfassung+ und die Souveränität der Bundesfürsten.
[1818.]
Kongreß zu ~Aachen.~ Die Großmächte beschließen, die Besatzungstruppen
aus Frankreich zurückzuziehen.
Verfassungen (mit Volksvertretung in zwei Kammern, vgl. S. 339) werden
1818 in +Sachsen-Weimar+, +Bayern+ und +Baden+, 1819 in +Württemberg+,
1820 in +Hessen-Darmstadt+ eingeführt; in +Preußen+ 1823 nur
Provinzialstände.
[1819.]
Der russische Staatsrat +Kotzebue+, der regelmäßige Berichte über die
nationalen Bestrebungen in Deutschland an seine Regierung sandte, von
dem Studenten +Sand+ aus politischen Gründen in Mannheim ermordet.
+Ministerkongreß+ in ~Karlsbad~. Auf Antrag des österreichischen
Ministers ~Metternich~ wird Zensur für Bücher und Zeitungen, Verbot
des Turnens, Beaufsichtigung der Universitäten, Verbot der 1815
in Jena gestifteten +deutschen Burschenschaft+ beschlossen und
vom Bundestag in +Frankfurt+ genehmigt. Die Bundesversammlung in
Frankfurt wird für die oberste Gesetzgebung in Deutschland erklärt.
Zentral-Untersuchungskommission in +Mainz+ eingesetzt, um die
Bundesbeschlüsse gegen widerstrebende Bevölkerungen und Regierungen
durchzusetzen.
[1820.]
+Wiener Schlußakte+ (s. S. 340) gegen die landständischen Verfassungen
gerichtet, zur Sicherung der Souveränität der deutschen Bundesfürsten.
In +Spanien+ Erhebung der Liberalen für die aufgehobene Verfassung von
1812, welche wiederhergestellt wird (S. 339).
[1820.]
[1821.]
Kongreß zu ~Troppau~}
Kongreß zu ~Laibach~} wegen der aufständischen Bewegungen in +Neapel+
und +Piemont+, wo die Verfassung und alle französischen Einrichtungen
nach der Rückkehr der Herrscher wieder aufgehoben worden waren,
+österreichische+ Truppen rücken in Neapel und in das Königreich
Sardinien ein zur Wiederherstellung des unumschränkten Königtums.
+Viktor Emanuel+ von Sardinien dankt ab zu Gunsten seines Bruders +Karl
Felix+.
[1822.]
Kongreß zu ~Verona~ wegen der spanischen und griechischen Unruhen (S.
346f.).
[1823.]
Französische Truppen (95000 Mann) rücken in +Spanien+ ein, dringen
unter dem Neffen Ludwigs XVIII., Herzog von +Angoulême+, bis Cadiz
vor (31. Aug., der +Trocadero+ erstürmt, eine befestigte Landzunge in
der Bai von Cadiz) und befreien den dort gefangen gehaltenen König
+Ferdinand VII.+ Absolutismus wiederhergestellt. Grausame Reaktion,
zahlreiche Hinrichtungen.
[~1810–1825.~]
~Befreiungskrieg der spanischen Kolonien in Amerika.~
Der Beginn des Kampfes gehemmt durch das +Erdbeben von Caracas+ 1812;
1813 zieht ~Bolivar~ als Befreier in Caracas ein, muß dann vor den
Spaniern nach Neu-Granada entweichen, wird 1819 zum Präsidenten der
Bundesrepublik +Colombia+ erwählt, befreit 1822 +Quito+, 1823–1824
+Peru+. +Chile+ erklärt sich 1816, +Argentina+ 1817 unabhängig, später
auch +Paraguay+ und +Uruguay+. In +Mexiko+ tritt 1821 +Iturbide+ als
Kaiser Augustin I. auf, 1823 wird das Land Bundesrepublik, ebenso die
5 Staaten von +Mittel-Amerika+. England (Lord +Canning+ leitender
Minister +Georgs IV.+) erkennt zuerst die neuen Freistaaten an und
schließt mit ihnen Handelsverträge. Die Vereinigten Staaten von Amerika
(Präsident +Monroe+) erlassen 1823 die Erklärung, keine Einmischung
Europas in die politische Gestaltung Amerikas dulden zu wollen
(+Monroe-Doktrin+). Colombia teilt sich 1830 (Bolivar †) in die drei
Republiken +Neu-Granada+ (1861 wieder Colombia genannt), +Venezuela+,
+Ecuador+.
Brasilien, bisher portugiesische Kolonie, wird 1822 unabhängiges
Kaisertum unter +Dom Pedro I.+, dem Sohne Johanns VI., letzterer kehrt
nach Portugal zurück (vgl. S. 327). Sein jüngerer Sohn +Dom Miguel+
erregt Unruhen in ~Portugal~, um die Cortes zu beseitigen, herrscht
nach dem Tode des Vaters (1826) gewalttätig und grausam, wird 1834 von
+Dom Pedro I.+ vertrieben. Dieser überläßt die Regierung Brasiliens
seinem Sohne Pedro II., in Portugal setzt er seine Tochter +Maria da
Gloria+ ein, deren Gemahl Ferdinand von Sachsen-Koburg wird (S. 352).
Verfassung vom Jahre 1826, abgeändert 1838.
[~1821–1829.~]
~Griechischer Befreiungskrieg~, vorbereitet durch die +Hetärie+ einen
1814 von griechischen Kaufleuten in Odessa gestifteten Geheimbund zur
Befreiung der Griechen von der türkischen Herrschaft. Fürst Alexander
+Ypsilanti+ (russischer General und Adjutant Kaiser Alexanders I.)
an der Spitze eines Griechenaufstandes in der Moldau und Walachei
(März-Juni 1821), wird geschlagen, rettet sich nach Österreich, wird 6
Jahre in Munkacz und Theresienstadt gefangen gehalten, † in Wien 1828.
[1821. April.]
Aufstand in Morea (+Mainoten+) und auf den Inseln. Wüten der Türken
gegen die Griechen in Konstantinopel. Der Patriarch +Gregorios+
aufgeknüpft.
[1822.]
Blutbad auf der Insel +Chios+, die Türken ermorden über 20000 Griechen.
+Kanaris+ verbrennt einen Teil der türkischen Flotte an der Küste von
Chios. Der tapfere Widerstand der Griechen (Miaulis aus Hydra. Marcus
Bozzaris u. a.) erregt überall Teilnahme. Freiwillige (Philhellenen)
eilen aus Deutschland, Italien, Frankreich herbei; der englische
Dichter Lord +Byron+ landet mit zwei Schiffen bei der bedrohten Festung
+Missolunghi+ (1824); der Genfer Bankier +Eynard+ organisiert die
Hilfsvereine. +Wilhelm Müllers+ Griechenlieder.
[1825.]
Mehemed Ali, Pascha von Ägypten, sendet dem Sultan Mahmud II. seinen
Sohn +Ibrahim+ zu Hilfe, welcher in +Morea+ grausam wütet. Aussicht auf
russische Hilfe für die Griechen erst nach dem Tode des kinderlosen
Alexander I. (1. Dez.). Ihm folgt sein Bruder als
[~1825–1855.~]
~Nikolaus I., Kaiser von Rußland~, nach Verzichtleistung des älteren
Bruders +Konstantin+ (S. 295).
[1826.]
Die Türken erobern die heldenmütig verteidigte Festung +Missolunghi+.
[~1827.~]
+England+, +Rußland+ und +Frankreich+ schließen auf Betreiben des
englischen Ministers +George Canning+ ein Bündnis zum Schutze der
Griechen.
[Juni.]
Aufstand der +Janitscharen+ in Konstantinopel; sie werden auf Befehl
des Sultans teils getötet, teils nach Asien abgeführt.
[20. Okt.]
~Schlacht bei Navarin.~
Die türkische Flotte wird von der englischen, französischen und
russischen zerstört (»untoward event«). Französische Truppen landen in
Morea, Ibrahim zum Abzug genötigt.
Russische Truppen besetzen 1828 die Donaufürstentümer, General
+Diebitsch+ überschreitet 1829 den Balkan und besetzt Adrianopel,
während in Asien General +Paskjewitsch+ Kars und Erzerum erobert.
Im ~Frieden zu Adrianopel~ 1829 erhält Rußland die Inseln vor der
Donaumündung, in Asien das Gebiet von Achalzik südlich vom Kaukasus.
Den Donaufürstentümern +Serbien+, +Moldau+, +Walachei+ wird das Recht,
christliche Statthalter (Hospodare) unter türkischer Oberhoheit zu
wählen, bestätigt. Die Türkei erkennt im voraus die Beschlüsse der
+Londoner Konferenz+ an, welche 1830 die ~Unabhängigkeit Griechenlands~
aussprechen.
Graf +Capodistrias+ (1814–22 russischer Minister) führt vorläufig als
Präsident die Verwaltung; er wird 1831 in +Nauplĭa+, dem Sitz der
Regierung, ermordet. Darauf erheben die Schutzmächte (England, Rußland,
Frankreich) zum König von Griechenland den Sohn König Ludwigs I. von
Bayern, ~Otto I.~, welcher 1832–1862 regiert, dann durch einen Aufstand
vertrieben wird († 1867). ~Athen~ erhebt sich als Residenzstadt zu
neuer Bedeutung.
~Rußland~ beginnt, nachdem 1795 +Derbent+ (S. 278) abermals besetzt,
1801 +Georgien+ (S. 297) zur Provinz gemacht, 1813 die Südwestküste des
Kaspischen Meeres mit +Baku+, 1827 +Eriwan+ den Persern entrissen ist,
langwierige Kämpfe zur Unterwerfung der +Kaukasus+völker.
[1829.]
In ~England,~ wo 1820–1830 +Georg IV.+ regiert, unter dem Ministerium
des Herzogs von +Wellington+ nach Aufhebung der Testakte (S. 270)
+Emanzipation der Katholiken+, d. h. Zulassung derselben zum Parlament
und zu Staatsämtern. Nach lebhaften Verhandlungen folgt 1832 unter
König +Wilhelm IV.+ (1830–1837) die ~Parlamentsreform~; 56 kleine Orte
verlieren das Wahlrecht, eine Anzahl von Grafschaften und größeren
Städten wählt dafür fortan mehr Vertreter ins Unterhaus.
§ 3. Die Zeit von 1830–1848.
Abermals geht von ~Frankreich~ eine Erschütterung der europäischen
Verhältnisse aus, die jedoch leichter überwunden wird als die frühere.
~König Karl X.~ (1824–1830, Bruder Ludwigs XVI. und XVIII., früher
Graf von Artois, s. S. 307) regiert wie sein Bruder, der Talleyrand
entlassen, den Marschall Ney zum Tode und alle Mitglieder der Familie
Bonaparte nebst den »Königsmördern« zur Verbannung verurteilt hatte,
und erregt durch sein Streben nach Herstellung des unbeschränkten
Königtums wachsende Mißstimmung, die auch durch einen Erfolg der
auswärtigen Politik, die Eroberung des Seeräuberstaates ~Algier~ (Juni
und Juli 1830) nicht vermindert wird.
[~1830.~]
~Pariser Julirevolution.~ Durch das ultraroyalistische Ministerium
+Polignac+ wird der König am 25. Juli 1830 zur Unterzeichnung
von 5 Ordonnanzen (Verfügungen) bewogen, welche 1. die letzten
oppositionellen Kammerwahlen für ungültig erklären, 2. das +Wahlgesetz+
zu einem Privilegium der reichsten Grundbesitzer machen (262
Abgeordnete statt der früheren 430) und 3. die +Preßfreiheit+ aufheben.
Diese Verletzung der Verfassung erregt einen Aufstand in Paris. Nach
dreitägigem Straßenkampf (27.–29. Juli) ziehen die Truppen sich zurück.
Karl X. dankt ab zu Gunsten seines Enkels, des 1820 geborenen Herzogs
Heinrich von Bordeaux, +Graf von Chambord+, dessen Vater, der Herzog
von Berry, 1820 (Febr.) ermordet worden war; aber durch Beschluß der
Pairs und Deputierten wird auf den Thron erhoben der Sohn Philipp
Egalités, +Herzog Ludwig Philipp von Orléans+ aus der jüngeren Linie
des Hauses Bourbon (s. S. 349) als
[~1830–1848.~]
~Ludwig Philipp I.,~ König der Franzosen.
[1830.]
~Belgischer Aufstand.~ Das vom Wiener Kongreß geschaffene Königreich
der +Niederlande+ hat keinen Bestand; die Belgier, durch Sprache,
Konfession und Beschäftigung verschieden, fühlen sich unter der
holländischen Regierung zurückgesetzt und hoffen auf Frankreichs
Hilfe.
~Häuser Bourbon älterer und jüngerer Linie (Orléans).~
~Heinrich IV.~, erster König aus dem Hause Bourbon, †1610.
|
~Ludwig XIII.,~ †1643.
|___________________...
|
~Ludwig XIV.~, †1715.
|
Ludwig, Dauphin, †1711.
________________|_________________
| |
Ludwig, Hz. v. Bourgogne, Philipp V., K. v. Spanien,
†1712. Stammvater der Bourbons
| in Spanien, Neapel u. Parma, †1746.
|
~Ludwig XV.~, †1774.
|
Ludwig, Dauphin, †1765.
______|__________________________
| | |
~Ludwig XVI.~, ~Ludwig XVIII.~, ~Karl X.~,
†1793. †1824. †1836.
| |
Ludwig (XVII.), Karl Ferdinand,
†1795. Hz. v. Berry,
†1820.
|
Heinrich V.,
Graf v. Chambord,
†1883.
~Heinrich IV.~, erster König aus dem Hause Bourbon, †1610.
|
~Ludwig XIII.,~ †1643.
...__|______________________
|
Philipp, Hz. v. Orléans, †1701.
Gem. Elisabeth Charlotte v. d. Pfalz, †1721.
|
Philipp, Regent, †1723.
|
Ludwig, †1752.
|
Ludwig Philipp, †1785.
|
L. Philipp (Égalité), †1793.
|
~Ludwig Philipp~,
K. d. Franzosen, †1850.
_____________________________________________________________
| | | | | |
Ferdinand, Ludwig, Klementine, Franz, Heinrich, Anton,
Hz. v. Orléans, Hz. v. Gem. August Hz. v. Hz. v. Hz. v.
†1842. Nemours, v. Koburg, Joinville, Aumale, Montpensier.
| †1896. †1907. †1900. †1897. †1890.
| |______________ |__ |
__|__________________ __|___________ | |
Ludw. Philipp, Robert, Gaston, Ferdinand, Peter, Anton,
Graf v. Paris, Hz. v. Graf v. Eu. Hz. v. Hz. v. Infant v.
†1894. Chartres. Alençon. Penthièvre Spanien.
| __|___________ |
| Johann, | _________|__________
| Hz. v. Guise. 1. Pedro, Emanuel, Alfons. Louis Ferdinand.
| 2. Ludwig, Hz. v.
__|__________________________ 3. Anton. Vendôme.
Ludw. Philipp, Ferdinand, 3 Kinder.
Hz. v. Orléans. Hz. v. Montpensier. Karl Philipp.
[25. Aug.]
Aufstand in +Brüssel+, bald auch im ganzen Lande. Prinz +Friedrich+,
der zweite Sohn König Wilhelms I., wird gezwungen, mit den
holländischen Truppen Brüssel zu verlassen; General +Chassé+ behauptet
die Citadelle von +Antwerpen+, indem er die Stadt beschießen läßt. 18.
Nov. +Unabhängigkeitserklärung+ des belgischen Nationalkongresses.
Provisorische Regierung.
Die +Londoner+ Konferenz der Großmächte (Lord +Palmerston+ englischer
Minister) bewirkt Einstellung der Feindseligkeiten und erkennt den
neuen Staat an (Jan. 1831), der sich eine freisinnige monarchische
Verfassung gibt. Nachdem +Ludwig Philipp+ die auf seinen zweiten Sohn
gefallene Königswahl abgelehnt hat, wird zum +König der Belgier+ gewählt
[1831–1865.]
~Leopold I.~ von Sachsen-Koburg (S. 352), der sich mit einer Tochter
Ludwig Philipps vermählt. Fortgang des Kampfes mit Holland bis 1833.
Einmarsch eines französischen Heeres. Belagerung und Einnahme der
Citadelle von +Antwerpen+. Friede 1839.
In ~Deutschland~ wird 1830 Herzog Karl von +Braunschweig+ vertrieben (†
1873 in Genf); sein Bruder Wilhelm übernimmt nach einem Beschluß des
Bundestages die Regierung. Unruhen in +Sachsen+ und +Kurhessen+; in
beiden Ländern wird 1831 eine neue Verfassung verkündet, in +Hannover+
1833.
[~1830–1831.~]