Die Republik ~Genua~ hat fortdauernd ihre Unabhängigkeit gegen mächtige

Nachbarn (+Savoyen+, +Frankreich+, +Österreich+) zu verteidigen. Die

Bewohner der seit Ende des 11. Jahrh. von den Pisanern und Genuesen

umstrittenen Insel ~Korsika,~ seit 1300 unter genuesischer Herrschaft,

empören sich 1729. Nach wechselvollem Kampfe, wobei ein deutscher

Abenteurer, +Baron Neuhof+ aus Westfalen, kurze Zeit als +König Theodor

I.+ von Korsika auftritt (1736), ruft Genua Frankreichs Hilfe an; die

Insel wird 1739 unterworfen. Doch bald neue Kämpfe, seit 1755 +Pasquale

Paoli+ an der Spitze. Genua tritt 1768 die Insel an +Frankreich+ ab;

Paoli flieht 1769 nach England, versucht 1790–1796 nochmals Korsika zu

befreien, † in England 1807.

~Venedig~ kann die frühere Blüte nicht wieder erreichen, doch werden

noch ruhmvolle Kriege gegen die ~Türken~ geführt:

[1645–1669.]

Krieg um ~Kandia~ (Kreta); die Türken mehrmals von der venetianischen

Flotte besiegt; trotz tapferer Verteidigung, welche +Morosini+ leitet,

endet der Krieg mit dem Verlust der Insel für Venedig.

[1685–1699.]

Krieg um ~Morea~ (Peloponnes). Venedig mit Kaiser Leopold I. und Polen

verbündet (S. 266). +Morosini+, verstärkt durch deutsche Mietstruppen

unter Graf +Königsmark+, vertreibt die Türken aus Morea, erobert

1687 +Athen+, bei dessen Belagerung der Mittelbau des Parthenon (S.

46) durch eine venetianische Bombe zerstört wird. Darauf zum Dogen

erwählt, kehrt er 1693 auf den Kriegsschauplatz zurück, stirbt aber

1694 in Nauplia. Im Frieden zu +Karlowitz+ (S. 266) bleibt Morea den

Venetianern, welche die Halbinsel durch griechische Kolonisten neu

bevölkern und bessere Verwaltung einführen.

[1715.]

Die Türken erobern Morea für immer (vgl. S. 278); nach dem Frieden

von +Passarowitz+ 1718 bleibt Venedig immer noch im Besitz eines

ansehnlichen Festlandsgebietes (Verona, Brescia, Bergamo, Udine,

Istrien, Dalmatien) und der Ionischen Inseln.

~Toskana~, nach dem Aussterben des Hauses Medici 1737 österreichische

Sekundogenitur (S. 279), erfreut sich des Wohlstandes unter dem

Großherzog +Leopold+ (1765–1790), dem zweiten Sohne Maria Theresias und

nachmaligen Kaiser Leopold II. Diesem folgt sein zweiter Sohn Ferdinand

III. (1790 bis 1824).

~Parma~ mit Piacenza und Guastalla seit 1748 spanische Sekundogenitur

(S. 284); ~Modĕna~ im Besitz des Hauses +Este+ (S. 210); am Hofe des

Herzogs Franz III. lebt der Geschichtsforscher +Muratori+ († 1750).

Der ~Kirchenstaat~ behauptet sein ansehnliches Gebiet (das alte Latium,

Umbrien, die Marken, Ancona, Rimini, Ravenna, Bologna, Ferrara) in

gutem Einvernehmen mit Österreich und Spanien.

[1773.]

+Papst Clemens XIV.+, dem Andringen katholischer Staaten nachgebend,

hebt den +Jesuiten-Orden+ auf, nachdem der Ordensgeneral +Ricci+ jede

Reform abgelehnt hat (+sint, ut sunt, aut non sint+).

Neapel mit ~Sicilien~ unter Königen aus dem Hause ~Bourbon~ (1735–1799,

dann wieder 1815–1860). +Karl IV.+, bis 1759 (als +Karl III.+, König

von Spanien, S. 303), verbessert die Verwaltung mit Hilfe des Ministers

+Tanucci+, der auch unter Karls Sohn +Ferdinand IV.+ (1759–1825) bis

1777 im Amte bleibt; 1767 Vertreibung der Jesuiten. Nach Tanuccis Sturz

führt die Königin +Caroline Marie+, Tochter der +Maria Theresia+,

die Regierung. Ihr Minister +Arcton+. 1799 muß der König vor den

eindringenden Franzosen nach Sicilien entweichen (S. 317).

§ 11. Frankreich.

[~1715–1774.~]

~Ludwig XV.~, Urenkel Ludwigs XIV., dessen Sohn und Enkel vor ihm

gestorben waren (S. 349). Während der Minderjährigkeit führt der Herzog

+Philipp von Orléans+, Sohn der +Elisabeth Charlotte von der Pfalz+

(† 1721), die Regentschaft; dieser gibt durch seine Ausschweifungen

dem Volke ein übles Beispiel († 1723). Mißglückter Versuch des

Schotten +John Law+, durch Gründung einer Bank (1718) und Ausgabe von

Papiergeld die zerrütteten Finanzen in Ordnung zu bringen. Gemäßigte

Staatsverwaltung des Kardinals +Fleury+ 1726–1743, dann Herrschaft

der Buhlerinnen (Marquise von +Pompadour+ 1745–1764, Gräfin +Dubarry+

1769–1774).

Lothringen erworben 1738 (S. 279); erfolglose Teilnahme am

österreichischen Erbfolgekrieg und am Siebenjährigen Krieg,

unglücklicher Krieg mit England (S. 299f.). Verlust der Kolonien in

Nordamerika (S. 300). Vertreibung der Jesuiten 1761 durch den Minister

+Choiseul+. Opposition des höchsten Gerichtshofs, des Parlaments zu

Paris; Aufhebung der Parlamente 1771. Beim Tode des Königs 4000 Mill.

Livres Staatsschulden; der Staat heillos zerrüttet.

[~1774–1792.~]

~Ludwig XVI.~, dessen redlicher Wille bei dem Mangel an Tatkraft

den herannahenden Sturm der Revolution nicht mehr durch schwache

Reformversuche zu beschwichtigen vermag. Wiederherstellung der

Parlamente 1774. Ludwig XVI., Enkel seines Vorgängers, persönlich

ehrbar und sittenrein. Seine Gemahlin +Marie Antoinette+, Tochter

+Maria Theresias+ von Österreich, anfangs beim Volke nicht unbeliebt,

wird bald Gegenstand der gehässigsten Verleumdungen, namentlich infolge

des anstößigen Halsbandprozesses (Kardinal +Rohan+, Gräfin +Lamotte+).

Frankreichs Teilnahme am +Nordamerikanischen Freiheitskriege+ (S. 301)

verschärft den alten Gegensatz gegen England.

Die französische ~Literatur~ im 18. (+philosophischen+) Jahrhundert

ist ein getreues Abbild der Sitten des französischen Hofes und Volkes:

+Lesage+ († 1747), +Montesquieu+ († 1755), +Voltaire+ (1694–1778),

+Rousseau+ (1712–1778), +B. de St-Pierre+ († 1814), +A. Bertin+ (†

1790), +Beaumarchais+ († 1799). Als +Maler+ verdienen Erwähnung:

+Watteau+ (Hauptmeister des Rokoko, † 1721), +Boucher+ († 1770),

+Fragonard+ († 1806).

Fussnoten:

[47] Doch bleiben die drei Seestädte +Lübeck+, +Hamburg+, +Bremen+

durch ein 1630 geschlossenes Bündnis als +Hansestädte+ vereinigt.

[48] Geschlossen auf einer Insel in dem Grenzfluß +Bidassoa+, der in

den westlichen Pyrenäen entspringt.

[49] Er ließ eine Denkmünze prägen mit der Umschrift: Exoriare aliquis

nostris ex ossibus ultor.

[50] Geb. 24. Januar 1712. Strenge Erziehung; Vorliebe des Prinzen für

französische Literatur und Musik, Abneigung gegen militärische Übungen,

Jagden, Tabakskollegium; der Vater hält ihn daher für untüchtig.

Nachdem der Plan einer Vermählung Friedrichs mit einer Tochter

Georgs II. von England (S. 299) gescheitert ist, +Fluchtversuch+

1730 unweit Mannheim, während einer Reise mit dem König. Verhör in

+Wesel+, Kriegsgericht; der Kronprinz kommt als Gefangener nach

+Küstrin+ (+Katte+ hingerichtet), arbeitet dort in der Kriegs- und

Domänenkammer. 1732 Aussöhnung; der Prinz erhält die Führung eines in

+Neu-Ruppin+ stehenden Regiments, heiratet 1733 Elisabeth Christine

von Braunschweig-Bevern, lebt dann mit seinen Freunden im Schloß

+Rheinsberg+ unweit Ruppin. Briefwechsel mit +Voltaire+.

C. Vom Beginn der französischen Revolution bis zum Wiener Kongress.

(1789–1815.)

§ 1. Die Revolution in Frankreich.

~Ursachen~: 1. Der auf Vernichtung oder Umbildung des Bestehenden

gerichtete Geist des 18. Jahrhunderts. Angriffe französischer

Schriftsteller auf Staat und Kirche. +Montesquieu+ (Esprit des lois

1748) und +Rousseau+ (Contrat social 1762) bekämpfen das unbeschränkte

Königtum und stellen neue Staatslehren auf. +Voltaire+ (Henriade 1723,

Prozeß des Jean Calas 1762) bekämpft die religiöse Unduldsamkeit und

das Christentum überhaupt; die +Enzyklopädie+, ein philosophisches

Wörterbuch, 1751–1780 herausgegeben von +Diderot+ und +d’Alembert+,

verbreitet die Lehren der Aufklärung und Freigeisterei.

2. Die großen Mißbräuche im französischen Staatswesen, verschuldet

durch die willkürliche und entartete Regierung, während in allen

übrigen europäischen Staaten Verbesserungen durchgeführt werden. Seit

1614 die altherkömmlichen +Reichsstände+ (États-généraux) nicht mehr

einberufen (s. S. 238). Verfügung über die Freiheit der Untertanen

durch willkürliche Verhaftsbefehle (lettres de cachet, +Bastille+),

über ihr Vermögen durch willkürliche Besteuerung. Gegen den Anspruch

des Pariser Parlaments, die Eintragung der Steueredikte verweigern

zu können, wendet der Hof +königliche Thronsitzungen+ (+lits de

justice+) und Verweisung der Parlamentsmitglieder an. +Käuflichkeit+

der Offizierstellen im Heere, der Sitze in den Parlamenten, der höheren

Ämter, aber meist nur für den +Adel+. Die +bevorrechtigten Stände+

(+Adel+ und +Geistlichkeit+) sind bei den direkten Abgaben sehr

begünstigt, obgleich keineswegs ganz frei von denselben; die Bauern

durch Frondienste gedrückt, die Entwickelung von Handel und Gewerbe

durch Zunftzwang gehemmt.

~Veranlassung~: Die ungeheure +Staatsschuld+. Entstanden durch

die Kriege Ludwigs XIV., seine kostspieligen Bauten und seine

verschwenderische Hofhaltung, wächst der jährliche Fehlbetrag durch die

Verschwendung Ludwigs XV. und die Kosten des nordamerikanischen Krieges

unter Ludwig XVI. bis fast auf die Hälfte der jährlichen Einnahme.

+Turgots+ Maßregeln zur Verbesserung der Verwaltung (Aufhebung der

Binnenzölle, Abschaffung der Wegefronden und der Zünfte) werden mit

seiner Entlassung 1776 aufgegeben. +Necker+ (bis 1781) sucht durch

Anleihen und Sparsamkeit zu helfen, +Calonne+ (1783–1787) wirtschaftet

sorgloser und beruft zuletzt eine +Notabelnversammlung+, die keine

durchgreifenden Beschlüsse zu fassen wagt. +Necker+, 1788 wieder

berufen, veranlaßt die

[~1789.~ 5. Mai.]

~Berufung der Reichsstände nach Versailles~, mit einer +doppelten

Vertretung+ des Bürgerstandes (+tiers état+): Geistlichkeit 300, Adel

300, Bürger 600. Streit über die Art der Beratung und Abstimmung, ob

nach +Ständen+ oder nach +Köpfen+. Bei der Prüfung der Vollmachten

verlangen Geistlichkeit und Adel eine getrennte, der Bürgerstand eine

gemeinschaftliche Prüfung. Auf ~Sieyès’~ Vorschlag erklären sich die

Abgeordneten des Bürgerstandes als ~Nationalversammlung~ (Assemblée

nationale) und laden die beiden anderen Stände zum Beitritt ein.

[20. Juni.]

~Eid im Ballspielhaus~ (Jeu de paume). Die Abgeordneten des dritten

Standes schwören, sich nicht zu trennen, bis sie dem Lande eine

Verfassung gegeben.

[23. Juni.]

Fruchtlose königliche Sitzung. Der Befehl des Königs, daß die drei

Stände +getrennt+ beraten sollen, wird nicht ausgeführt infolge des

von ~Mirabeau~[51] erhobenen Widerspruchs. Der König gibt nach;

Geistlichkeit und Adel vereinigen sich mit dem dritten Stand. Die

Versammlung beginnt eine neue +Verfassung+ für Frankreich zu beraten,

wird deshalb bezeichnet als

[~1789–1791.~]

~Verfassunggebende Versammlung~ (Assemblée constituante).

Gerüchte von einer beabsichtigten Auflösung der Nationalversammlung und

die Entlassung +Neckers+ (11. Juli) veranlassen Unruhen in Paris.

[~1789.~ 14. Juli.]

~Einnahme und Zerstörung der Bastille.~ Necker zurückberufen,

+Lafayette+ Befehlshaber der neuerrichteten Bürgerwehr

(+Nationalgarde+).

Unruhen in den +Provinzen+, Schlösser und Klöster verwüstet. Viele

Adlige verlassen Frankreich. Karl Philipp, Graf von +Artois+, zweiter

Bruder des Königs, an der Spitze der +Emigranten+, seit 1791 in

+Koblenz+ am Hofe des Kurfürsten von Trier.

[~1789.~ 4. Aug.]

Freiwillige Verzichtleistung (Vicomte de +Noailles+) der Abgeordneten

des Adels auf alle Feudalrechte, der Geistlichkeit auf den Zehnten.

Abschaffung des Feudalstaates. Gleichheit der Besteuerung und gleiche

Zulassung aller Bürger zu allen öffentlichen Ämtern wird festgesetzt.

Öffentliche Werkstätten eingerichtet.

[27. Aug.]

Erklärung der +Menschenrechte+ (Freiheit, Eigentum, Sicherheit,

Widerstand gegen Unterdrückung) auf +Lafayettes+ Antrag.

[5. Okt.]

Aufstand in ~Paris~, hervorgerufen durch Brotmangel und Gerüchte von

einer beabsichtigten Reaktion. Zug der durch Agenten des Herzogs

+Philipp+ von +Orléans+ aufgeregten Volksmenge zum König nach

+Versailles+. Die königliche Familie, von +Lafayette+ durch die

Nationalgarde gerettet, muß nach ~Paris~ übersiedeln, ebenso die

Nationalversammlung; 200 Mitglieder scheiden aus. Der Pariser Pöbel

beherrscht seitdem die Versammlung.

Die von der Assemblée constituante ausgearbeitete ~Verfassung~

überträgt die gesetzgebende Gewalt der Nationalversammlung und gesteht

dem König nur ein aufschiebendes Veto zu. Er darf die Versammlung,

die Inhaberin der Souveränität, nicht auflösen, ja nicht einmal

mit Gesetzesvorschlägen an sie herantreten, geschweige denn ihre

Beschlüsse rundweg ablehnen. Er ist vielmehr nur der Vollstrecker

dieser Beschlüsse. Da aber den nach Aufhebung der alten Provinzen neu

geschaffenen 83 Departements nahezu volle Selbstverwaltung und auch

das Recht der Beamtenwahlen verliehen wurde, so war Frankreich in 83

fast souveräne Republiken aufgelöst, in denen es königliche Beamte, d.

h. Vollstrecker des königlichen Willens nicht mehr gab. Der König also

tatsächlich machtlos.

Die Ausübung des +Aktivbürgerrechts+ an die Entrichtung einer direkten

Steuer, ein Alter von 25 Jahren und einjährigen Wohnsitz in der

Gemeinde geknüpft. Die aus den Urwahlversammlungen hervorgehenden

+Wahlmänner+ wählen die Volksvertreter für eine Legislatur von

2 Jahren, desgleichen die Behörden der Departements und ihrer

Distrikte; die Gemeindebeamten und die Richter werden ebenfalls

von den +Aktivbürgern+ gewählt. Aufhebung der Parlamente; neue

Gerichtsverfassung mit +Geschworenengerichten+. Abschaffung des

+Adels+, der Titel und Wappen, sowie der Beschränkung der Presse.

Um der Finanznot abzuhelfen, erklärt man die geistlichen Güter für

Nationaleigentum und gibt Papiergeld aus (~Assignaten~, Anweisungen

auf den Wert der Nationalgüter). Der Staat übernimmt den Unterhalt der

Geistlichen.

Auch die Geistlichen werden fortan von den Aktivbürgern gewählt

(+Constitution civile du clergé+), jedes Departement bildet ein Bistum.

Nur ⅓ der Geistlichkeit unterwirft sich der neuen Verfassung durch den

geforderten Eid, daher fortan kirchlicher Zwiespalt.

Die Aufregung wird vorübergehend beschwichtigt durch das

+Verbrüderungsfest+ (Föderationsfest, 14. Juli 1790), zu welchem

Tausende aus den Provinzen nach Paris kommen. Lafayette schwört im

Namen sämtlicher Nationalgarden der Nation, dem Gesetz, dem König treu

zu sein. Der König gelobt die von der Nationalversammlung beschlossene

und von ihm angenommene Verfassung anzuwenden.

Mit diesem Gang der Dinge sind die demokratischen ~Klubs~ nicht

zufrieden. Ihr Ziel ist die völlige Beseitigung der Monarchie und die

Gründung einer Republik. Der zahlreichste und einflußreichste ist der

nach seinem Versammlungsort, einem aufgehobenen Jakobinerkloster,

genannte Klub der ~Jakobiner~ (+Robespierre+); zu den in einem

Franziskanerkloster Sitzung haltenden ~Cordeliers~ gehören +Danton+,

+Marat+, +Camille Desmoulins+, +Hébert+; ihnen gegenüber die

gemäßigten, am Königtum festhaltenden ~Feuillants~ (+Lafayette+,

+Bailly+).

Verbindung des Hofes mit +Mirabeau+, der, nachdem die konstitutionelle

Monarchie begründet ist, die Revolution hemmen und den Umsturz des

Thrones verhindern will. +Necker+ tritt aus dem Ministerium (Sept.

1790), da er die Finanzen nicht in Ordnung zu bringen vermag.

[1791 (April).]

Mirabeau †. ~Flucht des Königs~ (20. Juni). Er wird mit seiner Familie

in +Varennes+ (unweit Verdun) angehalten, nach Paris zurückgebracht,

suspendiert und eine Zeitlang in den Tuilerien streng bewacht, dann

wieder eingesetzt, nachdem er am 14. Sept. den Eid auf die revidierte

Verfassung geleistet hat. Die Nationalversammlung löst sich auf,

nachdem sie auf +Robespierres+ Antrag beschlossen hat, daß keins ihrer

Mitglieder für die folgende Versammlung wählbar sei.

[~1791–1792.~ Okt. Sept.]

~Gesetzgebende Versammlung~ (Assemblée législative).

745 neue Abgeordnete. Parteien: die +rechte+ Seite (Feuillants)

wird täglich schwächer. Die +linke+, herrschende Seite zerfällt in

1. gemäßigte Republikaner (~Ebene~, la plaine), darunter die Gruppe

der ~Girondisten~, so genannt wegen hervorragender Mitglieder aus

+Bordeaux+, dem Departement der +Gironde+: +Vergniaud+, +Brissot+

u. a., meist Anhänger der Föderativ-Republik, 2. ~Bergpartei~ (la

montagne, les montagnards), Radikale, Anhänger der +einen+, unteilbaren

Republik (une et indivisible).

Der König wird unbeliebt, da er gegen die Beschlüsse über Bestrafung

der den Eid verweigernden +Priester+ und über Nötigung der +Emigranten+

zur Rückkehr von seinem +Veto+ Gebrauch macht und auf Hilfe von

+Österreich+ hofft.

[~1792.~ April.]

Ein girondistisches Ministerium (+Roland+, +Dumouriez+) nötigt den

König, ~Österreich den Krieg zu erklären~. Vermehrte Aufregung, da

der Krieg (S. 313ff.) bei dem zerrütteten Zustande des französischen

Heerwesens anfangs ungünstig verläuft.

[10. Aug.]

Aufruhr in Paris, ~Erstürmung der Tuilerien~. Der König flüchtet sich

in den Sitzungssaal der Gesetzgebenden Versammlung, sendet an die treue

Schweizer-Garde den Befehl, das Feuern einzustellen. Die abziehenden

Schweizer vom Volk ermordet. Der König wird wieder suspendiert und als

Gefangener in den +Temple+ (früheres Ordenshaus der Tempelherren, S.

207) gebracht.

Berufung eines Nationalkonvents zur Feststellung einer ~neuen

Verfassung~.

[Sept.]

Ermordung von etwa 3000 »Verdächtigen« in den Gefängnissen von Paris,

auf Anstiften des Gemeinderates (la Commune) und des Justizministers

+Danton+. Die dadurch eingeschüchterte Bevölkerung wählt nur Radikale

in den Convent.

[~1792–1795.~]

~Nationalkonvent (Convention nationale).~

[Sept. Okt.]

Parteien: +Girondisten+ und +Bergpartei+.

[~1792.~ 21. Sept.]

~Abschaffung des Königtums, Frankreich wird für eine Republik erklärt.~

[Dez.]

Ludwig XVI. vor dem Konvent +angeklagt+ wegen Verrats an der Freiheit

der Nation. Meisterhafte Verteidigungsrede von +de Sèze+; Robespierre

dringt auf Verurteilung des Königs, Vergniaud fordert vergebens

Entscheidung durch Volksabstimmung.

[~1793.~ Jan.]

Die Mehrheit des Konvents erklärt den König für schuldig; bei der

Abstimmung über die Strafe stimmen 361, unter ihnen der Herzog Philipp

von Orléans (Égalité) unbedingt für den Tod, 360 für Gefängnis,

Verbannung oder Aufschub der Todesstrafe.

[21. Jan.]

~Ludwig XVI. hingerichtet.~ Die Guillotine stand unweit der Tuilerien

auf dem Revolutionsplatze, der später +Place de la Concorde+ genannt

und mit dem Obelisken von +Luxor+ geziert wurde.

[März.]

Royalistischer Aufstand in der ~Vendée~ südlich von der Loiremündung.

Der im Temple gefangen gehaltene Dauphin wird als König ~Ludwig XVII.~

ausgerufen. Heftige Kämpfe bis zu Ende des Jahres, endlich siegen die

Republikaner (12. Dez. bei Le Mans) und üben blutige Rache.

Im Konvent bekämpfen sich +Girondisten+ und +Bergpartei+, letztere

erlangt das Übergewicht. Die Regierung führt in diktatorischer

Weise der aus 9 Mitgliedern bestehende ~Wohlfahrtsausschuß~ (Comité

du salut public); an der Spitze +Danton+, später +Robespierre+.

Das Revolutionstribunal (+Fouquier-Tinville+) eingesetzt als

außerordentlicher Gerichtshof zur Verurteilung der »Verdächtigen«.

Zwangskurs für die Assignaten, Maximum des Kornpreises beschlossen.

[~1793.~ 2. Juni.]

Ein von dem Pariser Gemeinderat geleiteter Pöbelaufstand erzwingt vom

Konvent die Verhaftung von 32 Girondisten.

Die vom Konvent beschlossene +zweite+, völlig demokratische Verfassung

geht an die Urwählerversammlungen zur Bestätigung, kommt aber nie zur

Ausführung.

[13. Juli.]

+Marat+ von +Charlotte Corday+, einer Anhängerin der +Girondisten+,

ermordet.

[~1793–1794.~]

~Schreckensherrschaft~ in Frankreich.

~Robespierre~ an der Spitze. +Revolutionsausschüsse+ im ganzen

Lande. Kommissare des Wohlfahrtsausschusses wüten in den großen

Provinzialstädten (+Tallien+ in Bordeaux, +Lebon+ in Arras, +Carrier+

in Nantes, +Chalier+ in Lyon). In Toulon Erhebung der Bürger gegen den

Konvent, Aufnahme einer englisch-spanischen Flotte in die vom Konvent

geächtete Stadt.

[1793. Okt.]

Hinrichtung der Königin ~Marie Antoinette~ und der verhafteten

+Girondisten+. Schändung der Königsgräber in St. Denis. Einführung

des republikanischen +Kalenders+ (Beginn des Jahres und der neuen

Zeitrechnung mit dem 22. Sept. 1792; Monate: Vendémiaire, Brumaire,

Frimaire; Nivose, Pluviose, Ventose; Germinal, Floréal, Prairial;

Messidor, Thermidor, Fructidor). ~Lyon~ von einer Revolutionsarmee

erobert und zum Teil zerstört (Commune affranchie).

[Nov.]

Philipp Egalité, der Herzog von Orléans, Bailly u. a. hingerichtet.

Abschaffung des christlichen Gottesdienstes, Einrichtung des Kultus der

Vernunft.

[Dez.]

Eroberung der von englischen, spanischen, sardinischen,

neapolitanischen Truppen verteidigten Seefestung ~Toulon~,

hauptsächlich durch die geschickten Anordnungen des

Artillerie-Hauptmanns ~Napoléon Bonaparte~.[52]

Greueltaten der Republikaner in der Vendée.

[~1794.~]

+Robespierre+ stürzt seine beiden Gegenparteien, den

»ultrarevolutionären« +Gemeinderat+ und die »gemäßigten« +Dantonisten+.

Nach einem mißlungenen Aufstandsversuch werden zuerst die

Ultrarevolutionären (+Chaumette+, +Hébert+, +Cloots+ u. a.), dann die

»Gemäßigten« und »Verderbten« (~Danton~, +Camille Desmoulins+ u. a.)

aufs Blutgerüst geschickt. Robespierre macht dem Vernunftkultus ein

Ende und läßt durch den Konvent das Dasein eines +höchsten Wesens+

(Être suprême) anerkennen, dessen Fest im Tuileriengarten er als

Oberpriester leitet. Eine Verschwörung unter den Mitgliedern des an

Zahl bereits sehr verringerten Konvents führt

[~1794.~]

27. Juli (9. Thermidor) den ~Sturz Robespierres~ herbei. Im Konvent von

+Tallien+ angeklagt und verhaftet, von den Truppen der +Commune+ (S.

310) befreit, wird er im Stadthause nach kurzem Kampfe überwältigt und

am folgenden Tage mit 21 seiner Anhänger hingerichtet; am 29. Juli noch

71 hingerichtet, fast die ganze Commune.

[~1794–1795.~]

Der ~Nationalkonvent~ unter der Herrschaft der ~Gemäßigteren~.

Öffnung der Gefängnisse; gegen den Pöbel und die Jakobiner tritt

die Jugend der wohlhabenden Stände (+Jeunesse dorée+) auf, der

Jakobinerklub wird geschlossen, die noch lebenden Girondisten werden in

den Konvent zurückberufen. Zwei Pöbelaufstände in Paris (1. April und

20. Mai 1795) zu Gunsten der Jakobiner werden von der Nationalgarde und

herbeigerufenen Linientruppen unterdrückt.

[~1795.~ 8. Juni.]

Tod des schändlich mißhandelten 10jährigen Dauphins (Ludwig XVII.) im

+Temple+.

[Aug.]

Verkündigung einer ~neuen (dritten) Verfassung~: Die ausübende Gewalt

wird einem +Direktorium+ von fünf Personen, die gesetzgebende dem +Rate

der Alten+ (250) und dem +Rate der Fünfhundert+ übertragen, doch sollen

für diesmal ⅔ der Mitglieder beider Räte aus den Konventsmitgliedern

gewählt werden. Gegen diese Wahlbeschränkung erheben sich die von

den Royalisten bearbeiteten Pariser +Sektionen+ (Stadtviertel) zum

Aufstande. Auf +Barras’+ Antrag wird General ~Bonaparte~ an die Spitze

der Truppen des Konvents gestellt.

[5. Okt.]

Blutiger +Sieg in den Straßen von Paris+. Darauf Vollziehung der

Wahlen, der Konvent löst sich auf.

[~1795–1799.~]

~Direktorialregierung in Frankreich.~

Vergebliche Versuche, die zerrüttete Staatsordnung wieder herzustellen.

Den entwerteten Assignaten immer neue hinzugefügt. Unerhörtes

Raubsystem in den besetzten oder eroberten Ländern angeordnet, um Geld

und Kunstschätze aller Art nach Paris zu bringen. Unterdrückung der

Royalisten und der kommunistischen Verschwörung des +Gracchus Babeuf+

(1796).

~Wirkungen der französischen Revolution~:

Auszug aus der Alten, Mittleren und Neueren Geschichte · 第 32 / 49 段