+Alexei+, vom Vater zum Tode verurteilt, im Gefängnis gestorben war
(1718), folgt kraft eines von Peter 1722 erlassenen Gesetzes, welches
den jedesmaligen Herrscher zur Ernennung seines Nachfolgers ermächtigte
(später durch Paul I. wieder aufgehoben), seine Gemahlin
[~1725–1727.~]
~Katharina I.~, geleitet von Fürst ~Menschikow~, (S. 269), der durch
seine Herrschsucht sich den Haß der altrussischen Partei zuzieht.
[~1727–1730.~]
~Peter II.~, 12 Jahre alt, Enkel Peters d. Gr. Menschikow durch die
Familie +Dolgoruki+ gestürzt und nach Sibirien verbannt, wo er 1729
stirbt. Die Residenz nach Moskau zurückverlegt.
[~1730–1740.~]
~Anna Iwanowna~, Nichte Peters d. Gr., von +Münnich, Ostermann+ und
ihrem Günstling +Biron+ (eigentlich +Bühren+) geleitet. Rückkehr
des Hofes nach St. Petersburg; Biron herrscht bald unumschränkt und
unterdrückt die +Dolgoruki+; 1737 wird er auf Wunsch der Kaiserin
von August III., König von Polen (1733–1763), zum +Herzog von
Kurland+ ernannt. Rußlands Einfluß in Polen wird durch den polnischen
Thronfolgekrieg (s. S. 279f.) begründet. In dem mit Österreich
gemeinschaftlich (s. S. 279) geführten +Türkenkrieg+ wird trotz der
Siege des Feldmarschalls +Münnich+ nur +Asow+ wieder gewonnen (S. 275).
Auf die Kaiserin Anna folgt ihr Großneffe, der unmündige
[~1740–1741.~]
~Iwan VI.~, dessen Mutter +Anna von Braunschweig+ nach dem durch
+Münnich+ bewirkten Sturz Birons kurze Zeit die Regierung führt (Biron
nach Sibirien). Durch einen Soldatenaufstand erlangt den Thron
[~1741–1762.~]
~Elisabeth~, die jüngste Tochter Peters des Großen. +Iwan+ wird
gefangen. +Münnich+ und +Ostermann+ werden nach Sibirien geschickt,
+Biron+ kommt zurück. Launenhafte Regierung unter dem Einfluß der
Günstlinge; der preußenfreundliche +L’Estocq+, dem die Kaiserin
hauptsächlich den Thron verdankt, wird 1748 durch +Bestuschew+, den
Freund Österreichs, gestürzt, Bestuschew fällt 1758 in Ungnade.
Rußlands Teilnahme am Siebenjährigen Kriege s. S. 285–289.
Nach Elisabeths Verfügung gelangt ihr Neffe Peter, Herzog von
Holstein-Gottorp, zum Thron.
Seit ~1762. Haus Holstein-Gottorp~ in Rußland.
Peter III., †1762,
Gem. Katharina II., †1796.
|
Paul I., †1801.
______________________|__________________
Alexander I., Konstantin, Nikolaus I.
†1825. †1831. †1855.
Gem. Charlotte v. Preußen,
†1860.
_________________________________|_________________
Alexander II., Konstantin, Nikolaus, Michael,
†1881. †1892. †1891. †1909.
Gem. Maximiliane v. Hessen.
______|________________________________________________
Alexander III., Wladimir, Alexei, Sergius, Paul.
†1894. †1909. | †1908. †1905. |
Gem. Dagmar v. Dänemark, |_______________________ |
| Kyrill. Boris. Andreas. Demetrius
_____|__________________________________
Nikolaus II., Georg, Michael.
1894-x †1899
Gem. Alix v. Hessen.
|
Alexei.
[1762.]
~Peter III.~ beginnt unvorsichtig ins Werk gesetzte Neuerungen, wird
nach 6 Monaten entthront und gefangen gesetzt von seiner Gemahlin
(Prinzessin von Anhalt-Zerbst), der energischen und sittenlosen
[~1762–1796.~]
~Katharina II.~ Die Brüder Gregor und Alexei +Orlow+, Günstlinge
Katharinas, lassen den Kaiser erdrosseln; +Iwan VI.+ wird im Gefängnis
zu Schlüsselburg getötet. +Münnich+, unter Peter III. zurückgekehrt,
bleibt in Ansehen († 1767).
Katharina, zugleich auf innere Reformen und auf Erhöhung der
Machtstellung Rußlands bedacht, wendet sich bald gegen +Polen+. Sie
fordert und erhält von König August III. +Kurland+ zurück für +Biron+,
der das Herzogtum unter russischem Einfluß verwaltet und auf seinen
Sohn vererbt.
Nach dem Tode +Augusts III.+ 1763 setzt Katharina in Verbindung mit
Friedrich II. die Wahl ihres Schützlings
[~1764–1795.~]
~Stanislaus Poniatowski~ († 1798) zum König von Polen durch. Auf
Rußlands und Preußens Betreiben erhalten die +Dissidenten+ (Anhänger
der +griechischen+ Kirche und +Protestanten+) gleiche Rechte mit den
Katholiken. Der russenfreundliche Teil des Adels schließt 1767 die
+Konföderation von Radom+, der auch der König beitritt. Dagegen 1768
Bund des national gesinnten Teils des Adels, die +Konföderation von
Bar+ »zum Schutze der Religion und Freiheit Polens«. Mißglückter
Versuch derselben, den König zu entführen. In dem Bürgerkriege wird
der König durch ein russisches Heer gegen die Konföderation von Bar
unterstützt. Die Türken erklären als Verbündete dieser Konföderation
den Russen den Krieg (1768–1774). Rußlands Erfolge in demselben
erregen +Preußens+ und +Österreichs+ Eifersucht. Um eine gleichmäßige
Machtvergrößerung der drei Mächte herbeizuführen, erfolgt die
[~1772.~]
~erste Teilung Polens~: 1. ~Rußland~ erhält das Land jenseits der
Düna und des Dnjepr (110000 qkm). 2. ~Österreich~: Ostgalizien und
Lodomirien (70000 qkm); (die Zips schon 1770 besetzt). 3. ~Preußen~:
+Westpreußen+ mit Ausnahme von Danzig und Thorn, das Bistum +Ermeland+
und den +Netzedistrikt+ (35000 qkm), vgl. Anhang. Der polnische
Reichstag gibt widerstrebend 1773 seine Zustimmung.
[~1768–1774.~]
~Krieg gegen die Türken.~ Die türkische Flotte wird von der russischen
(unter Alexei +Orlow+) in der Bucht von +Tschesme+ (der Insel Chios
gegenüber) 1770 geschlagen und verbrannt. Während des Krieges Aufstand
des Kosaken +Pugatschew+, der sich für Peter III. ausgibt. +Romanzows+
Erfolge, der die Walachei erobert und den türkischen Großvezier bei
+Schumla+ einschließt, bewirken den ~Frieden von Kutschuck Kainardsche:~
1. +Rußland+ erhält +Kinburn+ an der Dnjeprmündung, +Jenikale+ und
+Kertsch+ in der Krim, freie Handelsschiffahrt auf allen türkischen
Meeren. 2. Die +Tataren+ in der +Krim+ und am +Kuban+ werden für
»unabhängig« erklärt. 3. Rückgabe der russischen Eroberungen in
der Moldau und Walachei an ihre Fürsten, welche Rußland +fortan in
Konstantinopel der Pforte gegenüber vertritt.+
Reformen in der Verwaltung Rußlands: Neue Einteilung der Gouvernements,
Städteordnung, Milderung der Leibeigenschaft, Verwaltung der
Kirchengüter durch eine kaiserliche Behörde. An die Stelle des Gregor
+Orlow+ tritt +Potemkin+ als mächtiger Günstling der Kaiserin.
[~1780.~]
~Bewaffnete Seeneutralität~, zur Sicherung des Handelsverkehrs während
des nordamerikanischen Krieges (s. S. 300f.). Von Rußland angeregt,
treten ihr nach und nach bei: +Dänemark+, +Schweden+, +Preußen+,
+Österreich+, +Portugal+; Spanien und Frankreich erkennen sie an. Dem
Beitritt +Hollands+ kommt England durch eine Kriegserklärung zuvor.
Forderungen der bewaffneten Neutralität: 1. Freie Schiffahrt neutraler
Schiffe von Hafen zu Hafen und an den Küsten Krieg führender Mächte; 2.
Feindliches Eigentum ist frei in neutralen Schiffen mit Ausnahme der
+Kriegszufuhr+; 3. Genaue Bestimmung, was ein +blockierter+ Hafen ist;
eine Hafensperre, die nicht durch mehrere Kriegsschiffe in der Nähe des
betreffenden Hafens aufrecht erhalten wird, ist ungültig.
[1783.]
Die +Krim+ wird russische Provinz (Gouvernement Taurien); die
christlichen Fürsten von +Georgien+ und +Mingrelien+ (südlich vom
Kaukasus) treten unter russischen Schutz.
[~1787–1792.~]
~Zweiter Türkenkrieg.~ Bündnis mit Österreich, Zusammenkunft Katharinas
und Josephs II. in der neugegründeten Stadt +Cherson+ am Dnjepr
(1787). +Potemkin+ erstürmt +Oczakow+ 1788, +Suwōrow+ erstürmt Ismail
(am Donaudelta) 1790. Die Österreicher kämpfen anfangs unglücklich,
doch erobert General +Laudon+ 1789 Belgrad. Österreich schließt 1791
den ~Frieden von Sistowa~ mit den Türken und erhält wenig mehr als
Alt-Orsowa (an der Donau, Paß des Eisernen Tores). Rußland erhält
1792 im ~Frieden zu Jassy~ das Küstenland am Schwarzen Meere bis
zum +Dnjestr+. An dieser Küste wird 1793 die schnell aufblühende
Handelsstadt ~Odessa~ gegründet.
[~1793.~]
~Zweite Teilung Polens~. Die Polen hatten den Türkenkrieg Rußlands
und Österreichs und die anscheinend günstige Stimmung Preußens zu
benutzen gesucht, um ihrer Abhängigkeit von den Nachbarstaaten und den
anarchischen inneren Zuständen ein Ende zu machen. Bündnis mit Preußen
1790 (s. S. 291).
Die neue ~Verfassung von 1791~ verwandelt 1. das +Wahlreich+ in ein
+Erbreich+, erklärt den Kurfürsten von +Sachsen+ zum Nachfolger des
Königs Stanislaus Poniatowski und den Thron für erblich im +sächsischen
Hause+, überträgt 2. dem Könige und einem Staatsrate die +ausübende+,
einem Reichsrate in zwei Kammern die +gesetzgebende+ Gewalt +unter
Aufhebung des liberum veto+, macht 3. dem Bürger- und Bauernstande
+einige+ Zugeständnisse, ermöglicht namentlich den Eintritt in den
Adelsstand, dessen Privilegien im übrigen +bestätigt werden.+
Gegen diese Verfassung tritt unter dem Schutze Rußlands die
+Konföderation von Targowitz+ auf. Vordringen eines russischen Heeres
in Polen 1791. Tapferer, aber vergeblicher Widerstand unter Fürst
+Poniatowski+, dem Neffen des Königs, und +Kosciuszko+; beide werden
bei +Dubienka+ 1792 geschlagen. Der König tritt der Konföderation
von Targowitz bei, die neue Verfassung wird aufgehoben. +Preußen+
verständigt sich mit Rußland und sendet ebenfalls Truppen nach Polen.
Auf dem Reichstage zu +Grodno+ wird die Einwilligung der Nation zu den
neuen Abtretungen erzwungen:
~Rußland~ nimmt den noch übrigen Teil +Litauens+, +Wolhynien+ und
+Podolien+ (236000 qkm), Preußen nimmt +Danzig+ und +Thorn+, +Posen+
und +Kalisch+ (Südpreußen) (55000 qkm). Außerdem erzwingt Rußland einen
+Unionsvertrag+, durch welchen es 1. freien Einmarsch seiner Truppen in
Polen, 2. die Leitung aller künftigen Kriege, 3. das Bestätigungsrecht
aller Verträge Polens mit auswärtigen Mächten erhält.
[1794.]
Aufstand in Polen, ~Kosciuszko~ an der Spitze. Die Russen unter
+Igelström+ in Warschau teils niedergemetzelt, teils zur Stadt
hinausgeschlagen. Preußische und russische Truppen siegen über
Kosciuszko bei +Sczekozyn+; die Preußen unter Friedrich Wilhelm II.
nehmen +Krakau+, belagern Warschau vergeblich. +Suwōrow+ siegt bei
+Brzesc+ und bei +Macziejovice+, wo Kosciuszko gefangen wird (1797
entlassen); erstürmt dann +Praga+, die Vorstadt von Warschau.
[~1795.~]
~Dritte und letzte Teilung Polens.~ ~Preußen~ nimmt +Masovien+
mit +Warschau+, das Land zwischen +Weichsel+, +Bug+ und
+Niemen+ (+Neu-Ostpreußen+), einen Teil des Gebiets von Krakau
(+Neu-Schlesien+); ~Österreich~ +Westgalizien+ und +Krakau+; ~Rußland~
alles übrige, auch das Herzogtum +Kurland+. Durch die drei Teilungen
erhalten die Mächte etwa folgenden Zuwachs:
+Rußland+ 465000 qkm (8500 □ Meil.) mit 6 Mill. Einw.
+Österreich+ 115000 „ (2100 □ „ ) „ 4 „ „
+Preußen+ 145000 „ (2700 □ „ ) „ 2½ „ „
§ 9. Großbritannien und Nordamerika.
Auf +Wilhelm III.+ (s. S. 271), welcher kinderlos stirbt folgt seine
Schwägerin
[~1702–1714.~]
~Anna~, zweite Tochter Jakobs II., unter welcher lange Zeit die
Partei der +Whigs+ die Regierung leitet. +John Churchill+, Herzog
von +Marlborough+, siegreich als Feldherr (S. 273), seine Gemahlin
beherrscht den Hof.
[~1707.~]
Vereinigung Englands und Schottlands (+Großbritannien+) durch +ein+
Parlament an Stelle der bisherigen Personal-Union. Schottland nimmt an
dem Aufschwung Englands teil.
[1710.]
Das Whigministerium durch ein Toryministerium (Lord +Bolingbroke+)
ersetzt, dann Friede mit Frankreich nach dem spanischen Erbfolgekrieg.
Vergebliche Bemühungen der Tories und der Königin, ihrem Stiefbruder,
dem Prätendenten +Jakob Eduard+, genannt +Jakob III.+, die Thronfolge
zu verschaffen. Nach dem Gesetze von 1701 (S. 272) folgt das
+protestantische+ Haus ~Hannover~.
[~1714–1901.~]
~Haus Hannover~ (s. S. 352).
Jakob I. (~Stuart~), †1625.
_________|______________
| |
~Elisabeth~, ~Karl I.~,
Gem. Friedrichs V. †1649.
von der Pfalz. __|________________________________
| | | |
~Sophia~, ~Karl II.~, ~Maria~, ~Jakob II.~,
Gem. Ernst Augusts †1685 Gem. Wilhelms II. vertrieben 1688,
von Hannover. von Oranien. †1701.
___|_________________ |______ |
| | | |
~Georg I.~, ~Sophie Charlotte~, †1705, | |
†1727. Gem. Friedrichs I. v. Preußen. | |
___|_________________ | |
| | | |
~Georg II.~, ~Sophie Dorothea~, †1757, | |
†1760. Gem. Friedrich Wilhelms I. | |
von Preußen. ________________________| |
| _____________________|______
Friedrich ~Wilhelm III.~, verm. ~Maria~, ~Anna~, Jakob Eduard,
Ludwig, †1702. m. †1694. †1714. Prätendent,
Prinz von Gem. Georgs †1766.
Wales, v. Dänemark. |
1751. _____|__
| |
~Georg III.~, Karl Eduard, Heinrich,
†1820. Prätendent, †1807.
†1788.
Unter ~Georg I.~ (1714–1727) Herrschaft der Whigs, ebenso unter ~Georg
II.~ (1727–1760). Der Minister +Walpole+ (bis 1742) sorgt für Erhaltung
des Friedens und Förderung des Handels. 1739 Seekrieg gegen +Spanien+,
1744–1747 gegen +Frankreich+.
Der von Frankreich unterstützte Versuch des Prätendenten +Karl Eduard+,
die Ansprüche des Hauses +Stuart+ nochmals zur Geltung zu bringen,
hat anfangs Erfolg in +Schottland+, wo die kriegerischen Hochländer
sich erheben, wird aber durch den Sieg des Herzogs von Cumberland bei
+Culloden+ 1746 vereitelt (S. 284).
[1755–1763.]
~Krieg gegen Frankreich~, durch Grenzstreitigkeiten in Nord-Amerika
entstanden, zu Lande in Amerika und Deutschland, zur See in allen
Weltteilen geführt. Ministerium des ~älteren Pitt~ 1757–1761, Bündnis
mit +Preußen+ (s. S. 286). Die Engländer sind fast überall im Vorteil
gegen die Franzosen.
[1759.]
Landsieg des englischen Generals +Wolfe+ bei +Quebec+, +Kanada+
erobert. Seesiege bei +Lagos+ in Portugal und +Quibéron+.
[~1760–1820.~]
~Georg III.~, Enkel Georgs II., zum Frieden geneigt. Frankreich
verbündet sich mit +Spanien+ (Bourbonischer Familienpakt 1761);
+Pitt+ tritt aus dem Ministerium, weil nicht sofort Krieg an Spanien
erklärt wird. Sein Nachfolger +Bute+ sucht den Frieden herbeizuführen,
sieht sich aber doch zur Kriegserklärung gegen Spanien genötigt. Die
englische Flotte erobert 1762 Martinique, Havanna, Manila; Spaniens
Seemacht fast vernichtet.
[1763.]
~Friede zu Paris~: 1. ~Frankreich~ tritt +Louisiana+ östlich vom
Mississippi (seit 1682 französische Kolonie), +Kanada+ und die Insel
+Cap Breton+, sowie seine afrikanischen Besitzungen am +Senegal+
an England ab, erhält seinen Besitz in Ostindien (Pondichery und
Chandarnagar) zurück. 2. ~Spanien~ erhält Cuba und die Philippinen
zurück, tritt +Florida+ an England ab, erhält von Frankreich Louisiana
westlich vom Mississippi.
[1757–1784.]
~Eroberung Ostindiens.~ Die ostindische Kompagnie (S. 246) hatte
1639 +Madras+, 1664 +Bombay+ erworben, um 1700 +Kalkutta+ angelegt.
~Robert Clive~ siegt 1757 bei +Plassey+ über den mit Frankreich
verbündeten Nabob von +Bengalen+ und erobert dieses reiche Land. Der
Großmogul in Delhi (S. 219) behält nur den Schein der Herrschaft; die
indischen Fürsten müssen hohen Tribut zahlen. Clive 1765 abermals nach
Indien gesandt, unterdrückt Aufstände und erweitert das englische
Gebiet. ~Warren Hastings~, seit 1773 General-Gouverneur, besiegt die
+Mahratten+ und den Sultan +Hyder Ali+ von +Mysore+ 1781, unterwirft
dadurch den größten Teil von Dekhan.
[1784.]
+East-India-Bill+ des ~jüngeren Pitt~ (Minister 1783 bis 1801); die
Kompagnie wird in militärischen und politischen Angelegenheiten einer
königlichen Aufsichtsbehörde untergeordnet, behält aber die Verwaltung
der ausgedehnten Gebiete in eigner Hand (bis 1858).
[1799.]
Hyder Alis Sohn +Tippu Sahib+, der sich nochmals gegen die englische
Herrschaft erhoben hat, fällt bei der Erstürmung seiner Hauptstadt
+Seringapatam+.
Durch diese Erfolge ist England zur vorherrschenden ~See- und
Kolonialmacht~ geworden. Zugleich bedeutende Entwickelung der
Industrie, +Birmingham+ und +Manchester+ entwickeln sich als
Fabrikstädte, +London+ und +Liverpool+ als Haupthandelsplätze. Einen
Verlust erleidet England durch den Abfall seiner nordamerikanischen
Kolonien.
[~1775–1783.~]
~Nordamerikanischer Freiheitskrieg~
Das englische Parlament, in welchem die Kolonien nicht vertreten
sind, beschließt 1765 die Einführung einer Stempel-Abgabe, 1760 eine
Steuer auf Tee, Glas, Papier und Farben. Die Kolonien widersetzen
sich einer Besteuerung ohne ihre Zustimmung; im Hafen von +Boston+
wird 1773 eine Teeladung ins Meer geworfen. Die englische Regierung
verhängt Hafensperre über Boston und verändert die Verfassung der
Kolonie +Massachusetts+; ein Kongreß von Abgeordneten der Kolonien in
~Philadelphia~ 1774 beschließt das Aufhören des Handelsverkehrs mit dem
Mutterlande.
1775 erstes Gefecht bei +Lexington+. Die Engländer, in +Boston+
belagert, räumen diese Stadt im Frühjahr 1776, werden durch 12000 von
ihrem Landesherrn verkaufte Hessen und andere deutsche Mietstruppen
verstärkt, besetzen +Long-Island+ und die Stadt +New-York+. ~George
Washington~ (geb. 1732 in Virginien, † 1799, am Ende des französischen
Krieges +Oberst+) erhält den Oberbefehl und bildet ein Heer.
[~1776.~ 4. Juli.]
~Unabhängigkeits-Erklärung der 13 Vereinigten Staaten.~
+Washington+, von französischen Freiwilligen (Marquis +v. Lafayette+)
begleitet, kämpft zunächst mit wechselndem Erfolge. Der früher
preußische Major +v. Steuben+ unterstützt ihn bei der kriegsmäßigen
Ausbildung der Truppen.
[1777.]
General +Gates+ nimmt ein englisches Korps von 6000 Mann bei +Saratoga+
(am Hudson) gefangen.
[~1778.~]
~Bündnis Frankreichs~ mit den amerikanischen Freistaaten, abgeschlossen
durch ~Benjamin Franklin~ (geb. 1706 in Boston, Buchdrucker,
Schriftsteller, Erfinder des Blitzableiters, General-Postmeister der
Kolonien, seit 1776 Gesandter in Versailles). Bald tritt +Spanien+ dem
Bündnis bei; andererseits erklärt England den Krieg an +Holland+ (S.
297).
[1779–1782.]
+Gibraltar+ von Franzosen und Spaniern vergeblich belagert, von
+Elliot+ tapfer verteidigt; dagegen nehmen die Spanier 1782 die Insel
+Menorka+ (S. 274).
Seesiege des englischen Admirals +Rodney+ bei +S. Vincent+ 1780 und
+Dominika+ 1782. Unentschiedene Seeschlacht zwischen Engländern und
Holländern an der +Doggerbank+ in der Nordsee 1781.
[1781.]
Entscheidung des Landkrieges zu Gunsten der Amerikaner; Washington und
Lafayette nehmen ein englisches Korps von 7200 Mann bei +Yorktown+ (in
Virginien) gefangen.
[~1783.~]
~Friede zu Versailles~: 1. Anerkennung der Unabhängigkeit der 13
Vereinigten Staaten. Das +Western Territory+ erhalten die Amerikaner,
die Schiffahrt auf dem Mississippi bleibt gemeinschaftlich. 2.
+England+ tritt an Frankreich in Westindien ab: +Tabago+; in Afrika:
das Gebiet des +Senegal+;
3. +Spanien+ bleibt im Besitz von +Menorka+ und +Florida+ (S. 300),
verzichtet auf Gibraltar (S. 274).
[1789–1797.]
~George Washington~, erster Präsident der ~Vereinigten Staaten~
(+United States+ of America).
Verfassung des Bundesstaates: Über Krieg und Frieden, Heer und Flotte,
Verträge mit fremden Staaten, Münze, Maß und Gewicht, Zölle und Steuern
beschließt der +Kongreß+, bestehend aus Senat und Repräsentantenhaus.
Die Einzelstaaten verwalten nur ihre inneren Angelegenheiten. Der
Präsident, auf 4 Jahre durch Wahlmänner aus allen Staaten erwählt,
ernennt die Beamten und leitet die Regierung nach den Beschlüssen des
Kongresses. Gegen dieselben steht ihm ein aufschiebendes +Veto+ zu, bis
der Kongreß mit Zweidrittelmajorität entscheidet.
Aufblühen des neuen Staatswesens durch Einwanderung. Vordringen
der Ansiedler nach Westen, +Cincinnati+ 1791 gegründet, die
Bundeshauptstadt +Washington+ 1793. Auf dem Kapitol hält der Kongreß
seine Sitzungen, das Weiße Haus die Amtswohnung des Präsidenten.
[1812–1815.]
~Krieg mit England~ (S. 331). Die Amerikaner dringen in +Kanada+ ein.
Die Engländer treiben sie zurück, besetzen +Washington+ und zerstören
das Kapitol, werden aber nach einer Landung bei +New-Orleans+ besiegt
(Jan. 1815). Unterdessen bereits (Dez. 1814) Friede zu +Gent+. Die
Eroberungen gegenseitig zurückgegeben.
Die 13 Staaten vermehren sich bis 1821 auf 26; +Louisiana+, von Spanien
1800 an Frankreich zurückgegeben, wird 1803 von den Vereinigten Staaten
durch Kauf erworben, ebenso +Florida+ 1819, +Texas+ und +Kalifornien+
1848 durch Krieg gegen Mexiko. +Alaska+ 1867 durch Kauf von Rußland,
+Portorico+ und die +Philippinen+ 1898 durch Krieg gegen Spanien, 1900
+Sandwichinseln+ annektiert. Jetzt 47 Staaten, 3 Territorien und 1
Bundesdistrikt.
Neuen Machtzuwachs für England bringt die Erschließung der seit
1600 durch Portugiesen, Spanier (Torres) und Holländer (Tasman)
entschleierten +australischen Inselwelt+ durch die Entdeckungsreisen
von ~James Cook~ 1768–1779. Er wird bei der dritten Reise auf +Hawaii+,
der größten der +Sandwich+inseln, von den Eingeborenen 1779 erschlagen.
Andere bisher unbekannte Gebiete werden erschlossen durch die Reisen
des Schotten +Bruce+ (Abessinien) und +Mungo Park+ (Nigerstrom).
[1788.]
+Sydney+ erste englische Kolonie in Australien. ~Weitere Entfaltung
der englischen Literatur und Wissenschaft~: Shaftesbury, Pope, Swift,
Prior, Defoe, Addison, Steele, (»Tatler«, »Spectator« erste moralische
Wochenschriften), Sterne, Fielding, Goldsmith, Richardson, Gray, Sam.
Johnson (Macphersons +Ossian+ 1760). Der Naturforscher Robert +Boyle+
(† 1691 in London), der Philologe Rich. +Bentley+ in Oxford und
Cambridge († 1742), der Philosoph und Geschichtschreiber David +Hume+
in Edinburg († 1776), der Geschichtschreiber +Gibbon+ († 1794); Adam
+Smith+, Prof. in Glasgow, begründet 1776 die Volkswirtschaftslehre.
Aufschwung der englischen Malerei: +Hogarth+ († 1764), +Joshua
Reynolds+ († 1792), +Gainsborough+ († 1788).
§ 10. Südeuropa.
~Portugal~, unter den ersten Königen aus dem Hause +Braganza+ (S. 245)
wieder zu einiger Macht gelangt, seit dem Besitz +Brasiliens+ 1500
(S. 222) als Kolonialmacht nicht unbedeutend, gerät durch einen 1703
geschlossenen Handelsvertrag in Abhängigkeit von +England+. Große Macht
der Geistlichkeit unter Johann V. (1706–1750); wohltätige Reformen
unter Joseph I. (1750–1777) durch den Minister Carvalho, Marquis von
~Pombal~.
[1755. 1. Nov.]
+Lissabon+ durch +Erdbeben+ größtenteils zerstört, Pombal sorgt für die
Wiederherstellung.
[1759.]
Vertreibung der +Jesuiten+ infolge eines Mordversuchs gegen den König.
[1762–1763.]
Im Bunde mit England Krieg gegen Spanien. Pombal beruft den Grafen
+Wilhelm von Schaumburg-Lippe+ nach Portugal. Dieser organisiert Heer
und Flotte. Im +Frieden von Paris+ 1763 gibt Spanien die eroberten
Plätze zurück.
Unter der Königin Maria, der Tochter Josephs I. (1777 bis 1792),
Wiederherstellung der geistlichen Macht, Pombal vor Gericht gestellt,
aber begnadigt, † 1782.
~Spanien~, seit 1701 unter Königen aus dem Hause +Bourbon+ (S. 274), in
der auswärtigen Politik mit Frankreich verbündet, gelangt nicht wieder
zu seiner früheren Machtstellung. Unter Karl III. (1759–1788) Reformen
des Ministers +Aranda+, welcher 1767 die Jesuiten vertreibt.
~Sardinien~, Königreich seit 1720 (S. 278), tritt unter Karl Emanuel
I. (1730–1773) im Polnischen Thronfolgekrieg kriegerisch gegen, im
Österreichischen Erbfolgekrieg für Österreich auf, erwirbt 1748 durch
den Frieden zu Aachen (S. 284), einen Teil des Herzogtums Mailand.