Heerhaufen von ~Vandalen~, ~Sueben~ und ~Alanen~ ziehen aus den

Donauländern unter hartem Kampf mit den Franken über den Rhein und

brechen dann 409 in ~Spanien~ ein. Die Vandalen besetzen den südlichen

Teil (Andalusien = Vandalicia), die Alanen den Südwesten (Lusitanien),

die Sueben den Nordwesten (Gallaecia).

Um dieselbe Zeit breiten sich die ~salischen Franken~ im nördlichen

Gallien aus; die ~Burgunder~ setzen sich am mittleren Rhein fest,

+Worms+ ihre Hauptstadt.

[408.]

Stilicho gestürzt und auf Befehl des Kaisers Honorius ermordet.

~Alarichs~ zweiter Einfall in Italien, er belagert Rom, zieht aber

gegen Lösegeld ab. Da der kaiserliche Hof zu Ravenna sich weigert,

den Goten Landbesitz in Noricum zu gewähren, rückt +Alarich+ zum

zweiten Male vor Rom (409) und erzwingt vom Senate die Ernennung des

Stadtpräfekten +Attălus+ zum Gegenkaiser. +Alarich+ belagert +Honorius+

vergeblich in +Ravenna+, entzweit sich mit Attalus, setzt ihn ab und

rückt zum dritten Male vor Rom.

[410.]

Einnahme und Plünderung ~Roms~ durch Alarich. Er zieht darauf nach

Unteritalien, um nach Sicilien und von da nach Afrika überzusetzen,

stirbt aber unterwegs (im +Busento+ bei Cosenza begraben).

[410–415.]

~Athaulf~, Alarichs Schwager, führt die Westgoten nach Gallien,

vermutlich infolge eines Übereinkommens mit dem Kaiser Honorius zur

Bekämpfung der dort eingedrungenen Germanen. Er vermählt sich in Narbo

414 mit +Placidia+, Schwester des Honorius, wird aber bald darauf

von dem kaiserlichen Feldherrn +Constantius+ angegriffen, zieht nach

+Spanien+, erobert +Barcelona+, wird dort ermordet. Sein Bruder

[415–419.]

~Wallia~ schließt wiederum Vertrag mit Honorius, sendet Placidia zurück

und kämpft für die Römer gegen Vandalen, Alanen und Sueben. Ihm wird

das südliche +Gallien+ unter römischer Hoheit abgetreten.

[~415–711.~]

~Westgotenreich~ in Südgallien und Spanien, bald von Rom unabhängig.

Hauptstadt +Tolosa+ (Toulouse), später +Toledo+.

[429.]

König +Genserich+ führt die +Vandalen+ aus Spanien nach Afrika hinüber,

herbeigerufen von dem abtrünnigen römischen Statthalter +Bonifatius+,

der nachher vergeblich die Eingedrungenen bekämpft. +Augustinus+,

Bischof von Hippo Regius, † 430 während der Belagerung dieser Stadt

durch die Vandalen. +Karthago+, die Hauptstadt der römischen Provinz,

wird erst 439 von ihnen erobert.

[~429–534.~]

~Vandalenreich~ in Afrika.

Die Vandalen (Arianer) gründen eine Seemacht und beginnen die Küsten

und Inseln des Mittelmeeres zu plündern. Ihre früheren Wohnsitze in

+Spanien+ werden von den Westgoten in Besitz genommen.

[443.]

Die ~Burgunder~, unter ihrem König +Gundahar+, von dem römischen

Feldherrn +Aëtius+ mit Hilfe hunnischer Söldner besiegt, erhalten

Wohnsitze an der oberen Rhone und Saône. Die ~Alamannen~ breiten sich

(an Stelle der Burgunder) über die frühere römische Provinz +Germania

superior+ (Elsaß) und die Schweizer Ebene aus.

[~449.~]

+Britannien+ besetzt von ~Sachsen~, ~Angeln~ und ~Jüten~, die von den

Briten gegen die räuberischen Stämme der nördlichen Gebirge (+Picten+

und +Scoten+) zu Hilfe gerufen werden. Sie setzen (nach der Sage unter

den Führern +Hengist+ und +Horsa+) nach Britannien über und gründen

dort 7 Staaten: +Kent+, +Sussex+, +Wessex+, +Essex+, +Ostangeln+,

+Mercia+, +Northumbria+. Die christlichen +Briten+ werden teils nach

der Westseite der Insel (+Wales+, Sagen von König Artus) gedrängt,

teils siedeln sie nach der Küstenlandschaft +Aremorica+ (Bretagne) in

Gallien über.

[~451.~]

~Attila~ (+Etzel+), König der ~Hunnen~, bricht verheerend in Gallien

ein; in seinem Gefolge auch die Heerscharen der ihm unterworfenen

+germanischen+ Völker, +Ostgoten+, (Attila gotisch = Väterchen)

+Gepiden+, +Heruler+, +Rugier+ u. a. Er belagert vergeblich +Orléans+

(Civitas Aureliani).

[451.]

~Schlacht~ auf den ~Katalaunischen Feldern~ (nach +Catalaunum+, d.

i. +Châlons-sur-Marne+, das Schlachtfeld selbst näher bei +Troyes+).

Attila von dem römischen Heer unter ~Aëtius~ und den +Westgoten+ (mit

Hilfstruppen der +Burgunder+, +Franken+ u. a.) in gewaltigem Kampfe

besiegt, geht über den Rhein zurück.

[452.]

~Attila~ zieht nach ~Italien~, zerstört +Aquileia+, dessen Bewohner in

die Lagunen flüchten (Entstehung der Stadt +Venedig+). Er verwüstet die

Po-Ebene, +bedroht Rom+, kehrt aber um auf Bitten einer Gesandtschaft,

an deren Spitze der römische Papst Leo I. steht.

[453.]

Attila stirbt in Pannonien; nach seinem Tode ~Zerfall des

Hunnenreiches~. Die bisher den Hunnen unterworfenen germanischen

Völker werden frei; die +Gepiden+ begründen ein Reich in Dacien, die

+Ostgoten+ in Pannonien.

Vordringen ~slavischer Völker~ in die von den Germanen verlassenen

Gebiete bis zur +Elbe+.

[455.]

Rom nach Ermordung Valentinians III. 14 Tage lang von den ~Vandalen~

geplündert, welche Eudoxia, die Witwe Valentinians, herbeigerufen haben

soll. Die Vandalen beherrschen die Nordküste Afrikas bis Kyrēne und

die Inseln des westlichen Mittelmeeres.

[~476.~]

~Odovakar~, Anführer von Herŭlern und anderen Germanen in römischem

Solde, wird nach Absetzung des letzten weströmischen Kaisers Herrscher

in Italien (vgl. S. 138).

Gründung des ~Frankenreiches~ in Gallien.

[486.]

Der Merowinger ~Chlodwig~ (Chlodovech), König der +salischen Franken+

(481–511), besiegt bei ~Soissons~ den römischen Statthalter +Syagrius+

und vernichtet dadurch den letzten Rest des weströmischen Reiches.

[~496.~]

Chlodwig besiegt die ~Alamannen~ im Elsaß (+nicht+ bei Zülpich,

wo früher ein Kampf zwischen Alamannen und ripuarischen Franken

stattgefunden hatte). Chlodwig gelobt in der Schlacht, +Christ+ zu

werden, nimmt mit seinem Volke die +katholische+ Lehre an, wird in

+Reims+ vom Bischof Remigius getauft.

[500.]

Chlodwig besiegt die ~Burgunder~ bei +Dijon+, doch behauptet König

Gundobad seine Herrschaft. Durch List und Gewalt macht Chlodwig sich

zum Alleinherrscher +aller+ Franken, s. unten und S. 145 ff.

[~493–553.~]

~Ostgotenreich~ in Italien.

~Theoderich der Große~, christlicher König der Ostgoten, führt nach

Übereinkunft mit dem oströmischen Kaiser +Zeno+, der ihm den Rang

eines Patricius (S. 138) und Konsuls verlieh, sein Volk aus Pannonien

nach Italien, siegt über Odovakar am Isonzo 489, belagert ihn in

+Ravenna+, läßt ihn 493 nach Einnahme der festen Stadt hinrichten. Er

sorgt in Italien für Erhaltung der römischen Kultur und friedliches

Zusammenleben von Römern und Goten. Seine Regierung für Italien eine

Zeit des Glückes und Wohlstandes. Sein Minister +Cassiodorius+ schreibt

die Geschichte der Goten und verkündet Gesetze in lateinischer Sprache.

Doch bleibt der Zwiespalt zwischen beiden Nationen, da die Goten

+Arianer+ sind. Boëthius und Symmachus 525 hingerichtet wegen geheimer

Verbindungen mit dem oströmischen Kaiser.

Theoderich schließt Frieden mit den +Vandalen+, welche ihre Raubzüge

gegen Italien aufgeben, nimmt die +Alamannen+ und +Westgoten+ gegen die

wachsende Macht des Frankenreiches in Schutz, waltet als Friedenshort

und Völkerhirt unter seinen germanischen (arianischen) Stammverwandten.

[507.]

Chlodwig besiegt die ~Westgoten~ bei +Voullon+ oder +Voullé+ (unweit

Poitiers) und besetzt ihr Land bis zur Garonne: in +Arles+ behaupten

sie sich mit Hilfe der Ostgoten. Theoderich vereinigt die Provence

mit seinem Reiche und übernimmt die vormundschaftliche Regierung

für seinen Enkel +Amalarich+, den Sohn des bei Voullon gefallenen

Westgotenkönigs Alarich II.

[526.]

Theoderich † zu +Ravenna+; sein Grabmal dort erhalten. In den deutschen

Heldenliedern erscheint er als +Dietrich von Bern+ (Verona).

Das +Westgotenreich+ behauptet sich in +Spanien+ (Hauptstadt +Toledo+)

bis 711. Gegen das +Vandalen+reich und das +Ostgoten+reich erhebt sich

die wieder erstarkte Macht des ~oströmischen Kaisertums~.

[534.]

~Belisar~, Feldherr des oströmischen Kaisers Justinian (S. 147),

zerstört das ~Vandalenreich~ in Afrika.

Verfall des Vandalenreichs seit Genserichs Tode (477). Den letzten

König +Gelimer+ nimmt Belisar gefangen.

[535–553.]

Vernichtungskrieg +Justinians+ gegen das ~Ostgotenreich.~

~Veranlassung~: +Amalaswintha+, Tochter Theoderichs d. Gr., 526–534

Regentin für ihren unmündigen Sohn Athalarich, wird nach dessen Tode

ermordet von +Theodahad+, den sie zum Mitregenten angenommen hat.

Kaiser Justinian tritt als ihr Rächer auf.

[535–540.]

~Belisar~ erobert zuerst Sicilien, dann Neapel, bekämpft +Vitigis+, den

die Ostgoten an Stelle Theodahads zum König erwählt haben, erobert Rom

und führt Vitigis als Gefangenen nach Konstantinopel. Während er dann

im Osten des Reichs die +Perser+ bekämpft, erobern die Ostgoten unter

König +Totila+ den größten Teil Italiens wieder.

[544–549.]

Belisar, aufs neue nach Italien gesandt, kämpft mit wechselndem Erfolge

gegen Totila. Nach Belisars zweiter Abberufung wird Rom von Totila

wieder erobert.

[552.]

~Narses~, Belisars Nachfolger, siegt mit germanischen Hilfstruppen

über Totila bei +Tagīnä+ (in Umbrien, nicht weit von Sentinum); Totila

fällt. +Teja+, der letzte Ostgotenkönig, fällt im Verzweiflungskampfe

am +Mons lactarius+ (in der Nähe des Vesuv); die Reste seines Heeres

erhalten freien Abzug.

[553.]

Scharen von +Franken+ und +Alamannen+, welche über die Alpen in Italien

eindringen, werden von +Narses+ zurückgeschlagen, die letzten am

+Volturnus+ vernichtet. Italien wird Provinz des oströmischen Reiches

(+Exarchat+). Narses erster Exarch, sein Sitz in Ravenna.

[~568–774.~]

~Langobardenreich~ in Italien.

~Alboin~, König der seit etwa 500 in Pannonien ansässigen

+Langobarden+, zerstört mit Hilfe der +Avaren+, eines den Hunnen

verwandten, asiatischen Volkes, welches bis zur Donau vorgedrungen

ist, das Reich der +Gepiden+ (566) und führt bald darauf (568) sein

Volk nach +Italien+, vielleicht von Narses, der am byzantinischen Hof

in Ungnade gefallen war, herbeigerufen. +Pavīa+ (Ticīnum), erst nach

dreijähriger Belagerung erobert, wird Hauptstadt seines Reiches. Unter

seinen Nachfolgern werden langobardische Herzogtümer in +Friaul+,

+Spoleto+, +Benevent+ gegründet. Unter oströmischer Herrschaft bleiben

nur +Venedig+, +Ravenna+, +Neapel+, und +Kalabrien+.

Die Bischöfe von ~Rom~ wissen ihrem Gebiete, dem ~Patrimonium Petri~,

die Unabhängigkeit zu sichern (später Berufung auf eine +Schenkung

Konstantins+ in den um die Mitte des 9. Jahrh. entstandenen,

gefälschten pseudo-isidorischen Dekretalen).

[589.]

+Authari+ (Sohn +Klephs+), der 3. König des Langobardenreiches,

vermählt mit Theodelinde, Tochter des +Bayern+herzogs Garibald,

durch deren Einfluß der Übertritt der Langobarden vom +Arianismus+

zur +katholischen Lehre+ bewirkt wird. Gleichzeitig vollzieht sich

dieselbe Umwandlung im spanischen ~Westgotenreich~, welches 585 durch

Unterwerfung des +Suebenreiches+ erweitert ist.

[590–604.]

~Gregor I.~ (der Große), Bischof von Rom, befestigt das Ansehen des

~Papsttums~. (Pápa, d. h. Vater, früher der Name jedes christlichen

Bischofs, bald dem Nachfolger +Petri+ ausschließlich beigelegt.) --

Sendung von Glaubensboten zu den Angelsachsen nach +England+ (597), der

Abt +Augustinus+ begründet das Erzbistum +Canterbury+. -- Ausbreitung

der ~Klöster~; Mönchsregel des h. +Benedikt+ von Nursia, der 529

das Mutterkloster des Benediktiner-Ordens auf dem Monte Cassino in

Kampanien gründete. Nach dem Untergang des weströmischen Reiches ist

die +römische Kirche+ von größter Bedeutung für die Erhaltung und

Fortbildung der aus dem Altertum überlieferten +Kultur+.

§ 2. Frankenreich unter den Merowingern.

(Vgl. S. 143.)

[511.]

Nach Chlodwigs Tode +erste+ Teilung (doch nicht völlige

Gebietstrennung) des Frankenreiches. Seine vier Söhne herrschen

gemeinsam, aber mit gesondertem Hofhalt zu +Metz+, +Orléans+, +Paris+,

+Soissons+.

[531–532.]

Das Reich der ~Thüringer~ wird von Theoderich, dem ältesten der Brüder,

durch den Sieg bei +Scheidungen+, das der ~Burgunder~ von den jüngeren

Söhnen Chlodwigs: +Chlodomer+, +Childebert+, +Chlotar+, erobert.

Der +nördliche+ Teil Thüringens (bis zur +Unstrut+) fällt an die

+Sachsen+ als Bundesgenossen der Franken in dem Kriege; in das

+Main+gebiet, welches ebenfalls zum alten Thüringerreich gehörte,

ziehen fränkische Ansiedler ein (Ost+franken+).

Nach dem Untergang des ostgotischen Reiches Erwerbung der +Provence+

(536); auch die +Bayern+ (entstanden aus Vereinigung der Markomannen

und Quaden (S. 131) mit anderen Volks-Stämmen) schließen sich dem

Frankenreiche an; sie behalten aber ihr heimisches Herzogsgeschlecht,

die Agilolfinger.

[558–561.]

Das Frankenreich wieder vereinigt unter ~Chlotar I.~, Chlodwigs

jüngstem Sohn, der seine Brüder überlebt. Nach seinem Tode +zweite+

Teilung, zuerst in vier, dann in drei Reichsteile: Austrasien,

Neustrien, Burgund. Es folgt eine Zeit der Zerrüttung; +Brunhild+,

eine westgotische Königstochter, veranlaßt ihren Gemahl +Sigibert+ von

Austrasien zum Kriege gegen seinen Bruder +Chilperich+ von Neustrien,

der ihre Schwester verstoßen und sich mit +Fredegunde+ vermählt hat.

Chilperich ermordet 584, darauf Kampf der Adelsparteien.

[613–628.]

Zweite Wiedervereinigung des ganzen Frankenreiches durch ~Chlotar II.~

von Neustrien, Sohn der Fredegunde. Brunhild gefangen, gemartert und zu

Tode geschleift.

~Verfassung des Frankenreiches~: Das Land ist in +Gaue+ (+pagi+)

eingeteilt, deren Vorsteher die vom König ernannten +Grafen+

(+comites+) sind; die Gaue zerfallen in +Hundertschaften+ (+centenae+).

Jede Hundertschaft hat ihre Gerichtsstätte, +Malberg+ genannt, wo unter

Leitung ihres Vorstehers (centenarius) oder des Grafen die Freien

zum Gerichtstag (+Ding+) erscheinen. Das Volksrecht aufgezeichnet

als +lex Salica+ (schon unter Chlodwig) und +lex Ripuaria+; das

Deutsche war Volkssprache, aber nicht Schriftsprache. Altgermanisches

Gerichtsverfahren: Eideshelfer, Zweikampf, Gottesurteile durch

siedendes Wasser oder glühendes Eisen. Totschlag kann durch Wergeld

gesühnt werden. Oberstes Gericht das Hofgericht des Königs.

Stände des Volkes: Freie, Halbfreie oder Hörige (+liti+) und

Unfreie (+Leibeigene+). Die Mitglieder des königlichen Gefolges

(+antrustiones+) haben das dreifache +Wergeld+ der Freien. Freie, die

sich in den Schutz eines Mächtigeren oder des Königs begeben, sind

dessen +Vasallen+. Sie empfangen von ihm Grundbesitz zum Nießbrauch;

daraus entwickelt sich in der karolingischen Zeit das +Lehnswesen+

(+beneficium+ oder +feudum+, das Lehngut, im Gegensatz zum Eigengut,

+allodium+).

Die aus römischer Zeit vorhandenen +Städte+ behalten eine gewisse

Bedeutung als Bischofsitze; die Einwohner sind aber meistens Halbfreie

oder Unfreie. Die zahlreichen +Kirchengüter+ erhalten allmählich

Befreiung von der Gerichtsbarkeit der Grafen (+Immunität+); ein von dem

Bischof oder Abt erwählter Schutzherr (+advocatus+, +Vogt+) übt dann

die Gerichtsbarkeit.

Zum Kriegsdienst sind alle Freien verpflichtet (+Heerbann+); die

Vasallen ziehen unter Führung ihres Beschützers (+senior+) zu Felde,

die übrigen unter Führung des Grafen. In Reichsteilen, die früher

selbständig waren (Aquitanien, Bretagne, Bayern, Thüringen), hat

der +Herzog+ (+dux+) den Oberbefehl über den Heerbann mehrerer

Grafschaften. Bei der jährlichen Heeresmusterung (+Märzfeld+, später

+Maifeld+) versammelt der König die Großen zu Beratungen (+placita+)

und verkündet mit ihrer Zustimmung +Gesetze+.

Die wichtigsten Hofämter sind: Seneschall, Marschall (comes stabuli),

Kämmerer, Mundschenk, Kanzler, Pfalzgraf (+comes palatii+ oder

+palatinus+). Der +Majordomus+, ursprünglich Vorsteher der königlichen

Hofhaltung, gewinnt allmählich die größte Macht als Stellvertreter des

bald hier, bald dort residierenden Königs.

Unter +Chlotar II.+ hat jeder der drei großen Reichsteile einen eigenen

+Majordomus+; unter seinem Sohne +Dagobert+ kommt ~Pippin~ (der Ältere)

zu besonderem Ansehen in Austrasien. Dessen Enkel ~Pippin~ (der

Mittlere) macht sich durch den

[687.]

Sieg bei +Testri+ (unweit St. Quentin) über den Majordomus von

Neustrien zum +Majordomus des ganzen Frankenreiches.+

Sein Sohn ~Karl Martel~ gilt, obgleich er noch nicht den Königstitel

annahm, als Begründer der Dynastie, welche das entartete Haus der

Merowinger verdrängte.

§ 3. Das oströmische Reich.

Nach Attilas Tode (S. 142) Aufhören der Bedrängnis durch die +Hunnen+.

Das wieder erstarkende Reich bewahrt unter despotischen, aber oft

von ihrer Umgebung abhängigen Herrschern noch Jahrhunderte lang die

griechische Kultur.

[~527–565~]

~Justinian I.~ läßt durch seinen Minister +Tribonianus+ aus den

Gesetzen früherer Kaiser und den Schriften früherer Rechtsgelehrter ein

umfassendes Gesetzbuch, ~Corpus iuris civilis~, zusammenstellen. Teile

desselben: 1. +Institutiones+, 2. +Pandectae+ oder +Digesta+, 3. +Codex

Justinianeus+, 4. +Novellae+ später hinzugefügt.

[~532.~]

~Nika-Aufstand~ in Konstantinopel, veranlaßt durch die Parteien der

Rennbahn, die sich mit dem Schlachtruf +Nika+ gegen die Regierung

erheben, aber bald unter sich uneinig werden. Die +Blauen+, von

+Belisars+ Truppen unterstützt, siegen über die +Grünen+. Ein großer

Teil der Stadt durch Brand zerstört, dann schöner wiederhergestellt.

Großartige Prachtbauten, z.B. 25 neue Kirchen, darunter die

+Sophienkirche+.

Kriege gegen die +Germanen+ (s.S. 144); Afrika und Italien für die

oströmische Herrschaft wiedergewonnen. Im Osten Bedrängnis durch die

~Perser~, welche in Syrien eindringen. Blüte des Sassanidenreiches (S.

133) unter König +Kosru I.+, die altpersische +Masda+religion (S. 17)

herrscht dort in neuer Kraft. Die Donaugrenze wird mit Mühe geschützt

gegen Einfälle der +Bulgaren+ und +slavischen+ Stämme; zu deren

Bekämpfung wird das mongolische Volk der +Avaren+ gewonnen, welches

seine Wohnsitze in den Steppen an der Donau und Theiß nimmt, wo früher

die Hunnen hausten.

Unter den folgenden Kaisern Verfall des Reiches. Italien geht

größtenteils verloren (S. 145); +Bulgaren+ und +Serben+ siedeln sich

südlich der Donau an, doch unter Oberhoheit des Reiches.

[627.]

~Heraklios II.~ besiegt die +Perser+ bei den Ruinen von +Ninive,+

verliert aber bald darauf Syrien und Ägypten durch das erobernde

Vordringen der Araber. Der übrige Bestand des Reiches ist gesichert.

[668–675.]

Unter Kaiser +Konstantin IV.+ Abwehr der wiederholten Angriffe der

Araber auf +Konstantinopel+ (das griechische Feuer).

[726.]

+Leo III.+ verbietet nach abermaliger Abwehr der Araber den

+Bilderdienst.+ Dadurch werden langdauernde kirchliche Streitigkeiten

veranlaßt; die Parteien der Bilderdiener und Bilderstürmer

bekämpfen einander, bis die Kaiserin +Irene+ 787 den Bilderdienst

wiederherstellt. Nach ihrem Tode erneuter Streit: +Leo V.,+ siegreich

gegen die Bulgaren, verbietet 815 den Bilderdienst, wird 820 von

Verschwörern ermordet; endlich entscheidet 842 die Kaiserin +Theodora+

zu Gunsten des Bilderdienstes.

§ 4. Mohammed und das Kalifat.

Die ~Arăber~, lange Zeit durch die Natur ihres Landes vom Völkerverkehr

ferngehalten, erheben sich unter der Einwirkung einer neuen +Religion+

aus der Stammverfassung zur Gründung einer Reichsmacht. Diese tritt in

Kampf gegen das christliche Europa.

~Mohammed,~ geb. 571 zu Mekka, aus dem Stamme Kureïsch, lernt auf

Handelsreisen nach Syrien die jüdische und die christliche Religion

kennen, zieht sich öfters in die Einsamkeit zurück, tritt dann

unter seinem Stamme als Prophet auf. Hauptsatz seiner Lehre, des

~Islâm~: Es ist nur ein Gott (Allah), und Mohammed sein Prophet. Die

Gläubigen (+Moslemin+) sind zu Gebeten, Fasten, Almosen, Wallfahrten

verpflichtet; Gerechtigkeit die Haupttugend. Vielweiberei gestattet.

Glaube an Vorherbestimmung (Fatalismus), sinnliche Vorstellungen vom

Fortleben im Paradiese.

[622.]

Mohammeds Flucht (~Hedschra~) von +Mekka+ nach +Medina+ Anfang einer

neuen Zeitrechnung bei den Völkern, die den Islam annehmen.

[630.]

Mohammeds Rückkehr; er reinigt die +Káaba+, das alte Heiligtum in

Mekka, von Götzenbildern. Bald ganz Arabien ihm untertan. Er stirbt

632, sein Grab in Medīna. Seine Nachfolger die ~Kalifen~:

[632–634.]

~Abu Bekr~, Schwiegervater des Propheten. Entstehung des 114 Suren

umfassenden ~Koran~, der später ergänzt wird durch Aufzeichnung

mündlich überlieferter Aussprüche des Propheten (die +Sunna+). Spaltung

der Gläubigen in +Sunniten+, welche diese anerkennen, und +Schiiten+,

welche sie verwerfen und ~Ali~, den Schwiegersohn Mohammeds, als dessen

einzig rechtmäßigen Nachfolger betrachten. (Die Perser z. B. sind

Schiiten, die Türken Sunniten.)

[634–644.]

~Omar~, Begründer der arabischen Herrschaft im Orient: 1. Zerstörung

des +Neupersischen Reiches+ der Sassaniden; der Feldherr Saad zieht 636

als Sieger in Ktesiphon ein.

2. Dem +oströmischen+ Reiche entreißt Omar +Syrien+ und +Palästina+

(Damaskus 635, Jerusalem 637); sein Feldherr Amru erobert +Ägypten+

(Alexandria 641). Gründung der Städte +Kairo+ und +Basra+ (am Schatt

el Arab). Die erobernden Araber nehmen vieles von der persischen und

griechischen Kultur an, machen aber ihre Religion und Sprache zur

herrschenden.

Innere Kriege unter den beiden folgenden Kalifen; +Othman+ wird 656 in

einem Aufstande zu Medina ermordet, +Ali+, Mohammeds Schwiegersohn, 661

durch Verschwörer.

[~661–750.~]

~Die Omaijaden.~

+Muawija+, Urenkel des Omaija, eines Verwandten Mohammeds, gründet

eine +sunnitische+ Dynastie, verlegt die Residenz von Medina nach

~Damaskus~. Seine Feldherrn belagern Konstantinopel vergeblich; in

Kleinasien beginnen langdauernde Kämpfe, da das byzantinische Reich

starken Widerstand leistet. +Nordafrika+ wird von den Arabern gewonnen;

697 zerstören sie Karthago.

[711.]

Der Feldherr +Tarik+ setzt nach +Spanien+ über, herbeigerufen von

Graf Julian, dem Statthalter von Ceuta, gegen den Westgotenkönig

Roderich. Er landet bei dem nach ihm benannten Berge Dschebel al-Tarik

(Gibraltar) und vernichtet durch die siebentägige Schlacht am Guadalete

und Saladofluß bei ~Xeres de la Frontera~ das +Westgotenreich+. Nur ein

kleines christliches Königreich +Asturien+ behauptet sich im Norden der

Halbinsel.

[717.]

Konstantinopel wiederum vergeblich belagert; dagegen wird das

Indusland, Baktrien, Sogdiana dem Islam unterworfen. Im Innern

häufige Kämpfe mit den Anhängern Alis; Entfaltung der Künste und

Wissenschaften, namentlich unter +Welid I.+ (705–715), welcher die

prachtvolle Moschee zu Damaskus baut.

[750.]

Merwan II. wird in der blutigen Schlacht am +Zab+ (Nebenfluß des

Tigris) besiegt von +Abul Abbas+, der das Geschlecht der Omaijaden

ausrottet; nur +Abdurrahman+ entkommt nach +Spanien+ und gründet dort

ein selbständiges Kalifat in Cordova. Hier wie in Granada (Alhambra)

großartige Baudenkmäler aus jener Zeit erhalten.

[~750–1258.~]

~Die Abbassiden.~

Neue Residenz ~Bagdad~; glänzende Regierung +Harun al Raschids+

786–809, von den Dichtern gepriesen. Blüte des Handels, der Architektur

und der Wissenschaften (Philosophie, Mathematik, Geographie,

Naturforschung, Medizin) unter seinem Sohne +Mamun+ 813–833. Bagdad,

Damaskus, Mekka, Kairo Mittelpunkte der arabischen Kultur. Die

Nachfolger haben mit Aufständen zu kämpfen.

§ 5. Frankenreich unter den Karolingern.

~Karl Martel~ (der Hammer, Majordomus 714–741) unterwirft die

unbotmäßigen Großen des Reiches, bekämpft die +Friesen+ und +Sachsen+,

sichert das Frankenreich gegen die vordringenden +Araber+ durch die

siebentägige

[732.]

Schlacht ~zwischen Tours und Poitiers.~

Auszug aus der Alten, Mittleren und Neueren Geschichte · 第 15 / 49 段