Frontale aus der Kirche zu Quern in Holstein.]

Die Frontalien des XII. Jahrhunderts geben sehr oft Vorgänge aus der

Heilsgeschichte, meist in 3 Reihen von Bildern, wieder, so das

Antemensale aus Stroddetorp im Museum zu Stockholm[336] ferner die Reste

eines norwegischen kupfernen Frontale, das Bendixen in den Bergens

Museums Aarsberetning for 1890 bespricht. Um 1200 scheinen die früher

beliebteren scenischen Darstellungen der Anbringung einzelner Figuren in

umgrenztem Felde zu weichen und für Letztere wurde Einteilung und Inhalt

der Darstellung, wie sie die Querner Tafel zeigt, typisch. Bis in die

Zeit der Gothik hinein hat sich diese Tradition, ohne freilich zur

ausschließlichen Herrschaft zu gelangen, erhalten. So finden wir in

einem hölzernen gotischen Antemensale in Riseby (Kreis Eckernförde) das

Haupt in den Anfang des XII. Jahrhunderts setzt[337] bei gleicher

Einteilung Christus mit den Aposteln in gleicher Anordnung wieder.

Dasselbe ist in einem ungefähr gleichzeitigen norwegischen Frontale aus

der Kirche von Ulvik in Hardanger[338] der Fall, nur ist hier die

Aureole abweichend gestaltet.

Die Darstellung des Heilandes in der Aureole, umgeben von den

Evangelistensymbolen, ist in romanischer und frühgotischer Zeit eine

überaus häufige. Seit dem XII. und XIII. Jahrhundert scheint man meist

die, auch in unserer Tafel angewandte Reihenfolge der Symbole

(geflügelter Mensch und Adler oben, Löwe und Ochse unten) bevorzugt zu

haben.

Es würde aber doch nicht unbedenklich erscheinen, die Reihenfolge der

Evangelistensymbole als weiteren Anhaltspunkt zur Datierung der Querner

Tafel zu benützen. Ebensowenig dürfte die Darstellung der Symbole in

ganzer Figur (wie in dem Querner Altarvorsatz) oder in halber Figur (wie

im Komburger Frontale) auf einen zu verschiedenen Zeiten allgemein

üblichen Gebrauch zurückzuführen sein. Auch ist es mir zweifelhaft, ob

die anthropomorphe oder nichtanthropomorphe Gestaltung der Symbole ein

für die Datierung zu benutzendes sicheres Merkmal bildet. Dagegen darf

zur Bestimmung der Entstehungszeit darauf hingewiesen werden, daß Petrus

in dem uns vorliegenden Antemensale als Attribut den Schlüssel in den

Händen hält. Das XII. Jahrhundert stellt die Apostel entweder mit einer

Schriftrolle oder mit einem Buch versehen dar. Die Gotik charakterisiert

die einzelnen Apostel durch bestimmte Attribute. Das XIII. Jahrhundert

beginnt damit, Petrus mit einem solchen zu versehen und zwar wird ihm

entweder das Schwert gegeben, wie die aus dem Frontale zu Hellewadt

erhaltene Figur des Apostels zeigt, oder man stellt ihn den Schlüssel

tragend dar. Ich möchte glauben, daß die letztere Art der

Charakterisierung des Petrus die jüngere ist. Jedenfalls scheint die

Petrusfigur aus dem Hellewadter Frontale, die neben dem Schwert auch

noch die ursprüngliche Schriftrolle trägt, älter zu sein, sie stammt,

wie oben gesagt, aus der Zeit um 1200. Das Querner Frontale würde danach

in den Anfang des XIII. Jahrhunderts zu setzen sein.[339]

[Fußnote 335: Haupt Bau- und Kunstdenkmäler der Provinz

Schleswig-Holstein. Bd. I, S. 34.]

[Fußnote 336: Fleury, la mes pl. LXXXVIII.]

[Fußnote 337: Haupt. Bd. I, S. 185.]

[Fußnote 338: Bendixen, Bergens Museums Aarsberetning for 1893.]

Dafür spricht auch der Stil der Figuren selbst. Auf den ersten Blick

erinnern die in lange Gewänder gehüllten, wenig proportionierten

Gestalten, mit den schmalen, schräg abfallenden Schultern, den stark

herausgetriebenen Köpfen und den mehr in die Fläche zurücktretenden

nackten Füßen an die Plastik des beginnenden XI. Jahrhunderts, etwa an

die Erzthür im Dom zu Hildesheim. Bei aufmerksamerer Betrachtung

entgehen uns aber in dieser unbeholfenen und zum Teil rohen Arbeit nicht

die Züge, welche die Kunstblüte im Anfang des XIII. Jahrhunderts

auszeichnen. Der Trieb nach treffenderer Wiedergabe des Wirklichen, nach

freierer Bewegung der Gestalten und die nicht ungeschickte Behandlung

des Stofflichen. Die rechte, segnend erhobene Hand des Heilandes ist

noch völlig konventionell. Sie steht fast in rechtem Winkel zum Arm,

eine Haltung, die in Wirklichkeit außerordentlich schwierig, wenn nicht

unmöglich sein würde. Die Stellung der Finger der segnenden Hand (der

kleine Finger und der Ringfinger sind eingeschlagen, während die übrigen

3 Finger gestreckt sind) findet sich schon sehr früh, z. B. auf dem

erwähnten Buchdeckel des heiligen Bernward im Domschatz zu Hildesheim

und vielen anderen Stücken; ebenso noch in der spätromanischen Zeit, u.

a. in einer Miniatur in einem Evangelienbuch aus der ersten Hälfte

des XIII. Jahrhunderts in der Königl. Schloßbibliothek zu

Aschaffenburg.[340] -- Gut beobachtet dagegen ist die Stellung des

linken Beines; es ist stark angezogen, um dem Buche als Stütze zu

dienen. Bekleidet ist der Heiland mit einem langen, weitärmlichen

Gewand, das am Halse mit einem breiten, gemusterten Kragen abschließt

und in der Mitte des Körpers von einem breiten etwas nach oben

verschobenen Gürtel gehalten wird. Nur über die linke Schulter geworfen

ist ein Mantel, welcher das linke angezogene Bein bis übers Knie deckt.

In ganz derselben Weise finden wir den Salvator aus dem Antemensale zu

Hellewadt bekleidet, auch dort liegt der Mantel nur auf der linken

Schulter, ist dann freilich über beide Beine geschlagen und rechts im

Gürtel befestigt. Große Ähnlichkeit mit dem Salvator in der Querner

Tafel zeigt der thronende Heiland in dem norwegischen Antemensale im

Museum zu Bergen, nur thront er dort auf dem Bogen und hat zu beiden

Seiten der Gloriole das Alfa und Omega. Leider ist in dem Querner

Frontale der Kopf des Heilandes eingedrückt, doch kann man deutlich

erkennen, daß bei der Behandlung des Bartes und Haares zu feinerer

Ausarbeitung der Stichel angewandt ist. Seine Anwendung finden wir nur

noch einmal bei dem Apostel in der vom Mittelfeld aus ersten Bogennische

oben rechts im Frontale wieder. Die Figuren lassen ein gewisses Streben

nach natürlicherer und freierer Gestaltung nicht verkennen. Bei

Einzelnen wird der oft nicht ganz geglückte Versuch gemacht, durch die

Kleidung die Körperformen sehen zu lassen, so bei dem geflügelten

Menschen, dem Symbol des Matthäus. Hier ist auch die Behandlung des

Faltenwurfes eine recht gute. Beim Petrus zeigen sich die Knie deutlich

durch das Gewand. Einer der Apostel (im Frontale rechts unten der

äußerste), ist ganz in Profilansicht gegeben. Er schreitet eilend

vorwärts und die Kontouren seines Beines heben sich deutlich im Stoff

ab. Überhaupt ist die Absicht unverkennbar, möglichsten Wechsel in

Haltung und Gebärden der Figuren eintreten zu lassen. Wenn dennoch

einmal 2 Gestalten große Ähnlichkeit mit einander zeigen, wie die beiden

unbärtigen Apostel (in der oberen Reihe die äußersten), so muß man zur

Erklärung in Betracht ziehen, daß es gar nicht leicht ist, 12 Figuren,

die durch gleiche Bedeutung und gleiche Raumbeschränkung gebunden sind,

überall in abweichender Stellung zu zeigen. Dazu kommt, daß die Figuren

durch Säulen getrennt, keine Beziehungen zu einander haben. Allerdings

könnte es scheinen, als ständen die 3 Apostel oben rechts in einem

gewissen inneren Zusammenhang. Die beiden äußeren Figuren wenden sich

der mittleren zu. Auch die Fußstellung würde mit solcher Annahme im

Einklang sein. Doch ist das wohl nicht mehr als ein zufälliges

Zusammentreffen, denn unter den übrigen Aposteln ist irgend eine

Beziehung nicht zu konstatieren. -- Die meist bärtigen Köpfe der Apostel

haben entschieden eine in die Augen fallende Ähnlichkeit, dennoch

besteht das Streben zu individualisieren wie in der Haltung und Bewegung

so auch hier; man betrachte z. B. den Kopf des Petrus, ferner den des

über Petrus stehenden Apostels mit dem zugespitzten Vollbart. Hier ist,

wie bereits erwähnt, zur feineren Behandlung des Haares auch der Stichel

angewandt. -- Ein bemerkenswerter realistischer Zug zeigt sich in der

Wiedergabe der Tierleiber. So ist der geflügelte Ochse, wenn auch nicht

völlig richtig wiedergegeben, doch gut beobachtet in Bezug auf seine

Bewegung und nicht ungeschickt modelliert. Die Wendung des Kopfes mit

der herabhängenden Wampe findet sich freilich auch öfter in romanischen

Werken früherer Zeit, ebenso das Hervortreten der großen und kleinen

Rippen. Beim Löwen, wo der Anfertiger auf Vorbilder oder seine Phantasie

angewiesen war, finden wir eine ganz typische Wiedergabe, die Füße sind

sogar stilisiert. Einen naturalistischen Zug bekundet dagegen wieder die

Bildung des Halses bei dem geflügelten Menschen. Hier zeigen sich

deutlich die Knorpelringe des Kehlkopfes. -- Nach Allem dürfen wir wohl

im Stil der Figuren trotz ihrer augenfälligen Mängel Züge der Kunst des

beginnenden XIII. Jahrhunderts als festgestellt annehmen.

[Fußnote 339: Abbild. u. a. Anton Springer, Handbuch der

Kunstgeschichte. Bd. II, S. 145.]

[Fußnote 340: Abbild. Knackfuß deutsche Kunstgeschichte. Bd. I, S. 251.]

Der Mittelstreifen und der obere Rand der Aureole zeigen 2 einander

verwandte spätromanische Ornamente, die, zierlich in Zeichnung und

Ausführung, viel Verständnis für die Füllung des Raumes beweisen und in

ihrer Arbeit einen merkwürdigen Kontrast zu dem übrigen groben

ornamentalen Schmuck des Frontales bilden. Von Letzterem fallen

besonders die urnenartigen Gebilde in den Bogenzwickeln auf. Sie

bestehen aus einem oberen, von einem Knopfe gekrönten, überquellenden

und einem sich nach unten, unter Anschluß an die Linien des

Bogenzwickels verengenden Teil. Dieser ist durch eine horizontale Linie

geteilt und läßt unter ihr deutlich eine quadratische Vertiefung

erkennen. Der obere Teil zeigt vom krönenden Knopf abwärts verlaufende

Striche, mehr oder weniger deutlich unter der Farbe erkennbar. Ferner

läuft eine Horizontale von einem Knopf zum anderen, nicht überall in

gleicher Höhe über den Bögen. Unter ihr zu beiden Seiten der

vortretenden Bogenwölbung ist wieder je eine quadratische Vertiefung zu

bemerken. -- Die deutschen Frontalien geben uns keinerlei Analogien für

diese eigenartige Dekoration. Wohl aber zeigen nordische Arbeiten

Ähnliches. In dem Superfrontale des Altares zu Lisbjerg (Dänemark)

findet sich eine sehr ähnliche Bogenstellung, die in den Zwickeln klar

erkennbare Architektur zeigt. Bei mangelhafterer Ausführung könnte sie

recht wohl zu Formen führen, wie sie die Querner Tafel über den Bögen

hat. In dem norwegischen kupfernen Frontale im Museum zu Bergen läßt

sich auch hierin eine nahe Verwandtschaft mit der Querner Tafel

konstatieren. Die Platten der zweiten und dritten Reihe haben dort

nämlich in den Bogenzwickeln fast völlig gleiche Gebilde, nur kann man

dort etwas deutlicher als hier erkennen, daß Türme mit Fenstern

dargestellt werden sollten. So darf wohl angenommen werden, auch die

Dekoration über den Bögen der Querner Tafel sollte Architektur

darstellen. Die Verwendung von Architekturformen, Kuppeln und Türmen,

über der Bogenstellung ist ja eine keineswegs seltene, sie will in

naiver Weise gleichzeitig die Außen- und Innenansicht eines Domes geben.

Sehr oft findet sie sich in Miniaturmalereien, aber auch in der kleinen

und großen Plastik. Als Beleg für letztere erinnere ich z. B. an die

Chorschranke der Michaelskirche in Hildesheim.

Die Kapitäle und Basen der Säulen in dem Querner Frontale sind, wo sie

nicht verloren gingen, teils ornamentiert, teils glatt. Ein

systematischer Wechsel bei der Anwendung beider Formen läßt sich nicht

feststellen. Die glatten Stücke bilden einfach einen von 2 Rundstäben

eingefaßten Wulst. Die ornamentierten Kapitäle und Basen tragen

entschieden das Gepräge der ersten Hälfte des XIII. Jahrhunderts. Auf

dem gleichfalls von Rundstäben eingefaßten Mittelstück wechseln

langgestielte Dreipaßblätter mit kurz gestielten, über denen sich zur

Ausfüllung des Raumes kugelartige Gebilde befinden, die unter der

Übergoldung nicht deutlich zu erkennen sind. Besonders beachtenswert

ist, daß in dem Südportal der Querner Kirche selbst ein ganz ähnliches

Kapitäl vorkommt[341]. Das auch dort von 2 Rundstäben eingefaßte

Mittelstück hat ebenfalls, allerdings etwas abweichend gestaltete

Dreipaßblätter. Das Südportal gehört offenbar dem Anfang des XIII.

Jahrhunderts an. Es ist spitzbogig, wechselt mit roten und schwarzen

Backsteinen, der innere Stab trägt das eben beschriebene Kapitäl, seinen

Sockel bilden noch roh glasierte, schwarze, backsteinere Basen mit den

romanischen Eckblättern.

[Fußnote 341: Abbild. Haupt. Bd. I, S. 321, Fig. 458.]

Es haben in der Querner Kirche im Anfang des XIII. Jahrhunderts also

Umbauten stattgefunden. Nicht unwahrscheinlich ist die Annahme, daß bei

dieser Gelegenheit auch das Frontale, welches, wie wir gesehen haben,

gleichfalls den Beginn des XIII. Jahrhunderts entstammt, zum Schmucke

des Altares angeschafft wurde.

Nach Stil und Technik gehört die Querner Tafel dem Norden an. Und da

sich, wie wir sehen, ähnliche, wenn auch nicht in Metall gearbeitete

Altarvorsätze in Schleswig-Holstein gefunden haben (die Antemensale aus

Ekwadt und Hellewadt), dürfen wir annehmen, daß auch das Querner

Frontale im Lande selbst entstanden ist[342].

Leider ist das Querner Frontale mit Farbe dick überstrichen. Der Grund

der Aureole, sowie der Bogennischen ist blau. Die Figuren sind nochmals

übergoldet. Die Flächen über den Bögen zeigen ein Braunrot, darin sind

die architektonischen Gebilde in den Zwickeln von hellerem Braun, unter

dem ein grüner Anstrich liegt, mit vergoldetem oberen Teil. Die

Ornamentstreifen sind dunkelgrün mit Ausnahme eines links von der

Aureole durch ein glückliches Geschick dem Anstrich entgangenen Stückes

und des durchbrochenen vergoldeten Ornamentsstreifens in der inneren

Abschrägung der Aureole. Die Säulen sind rot und weiß marmoriert und,

wie die Innenfläche der Aureole, durch einen schwarzen Streifen

eingefaßt. Kapitäle und Basen sind übergoldet. In den Bogennischen hat

man ohne Verständnis für die Bedeutung der Bogenstellung den Boden mit

gemaltem Pflanzenwuchs bedeckt. -- Die wenig schöne Bemalung könnte etwa

aus der Zeit stammen, in der man das Antemensale mit den schlecht

gemalten Flügeln versah und zum Schreinaltar umbildete. -- Eine weitere

gewaltsame Umbildung muß der Altarvorsatz auch insofern erlitten haben,

als man ihm eine neue Unterlage, entschieden vor der Zeit seiner letzten

Bemalung gab. Die einzelnen unregelmäßig geformten Platten sind offenbar

nicht mehr auf der ursprünglichen Holzunterlage; sie sind nicht, wie es

in der Entstehungszeit der Querner Tafel geschah, mit Kupfernieten,

sondern mit groben geschmiedeten Nägeln befestigt. -- Jede Figur ist aus

einer Platte für sich gearbeitet, die ausgetriebenen Formen wurden, um

dem durch die Bearbeitung dünn gewordenen Kupfer Halt zu geben, mit

einer Art Harz ausgegossen. Diese Füllungsmasse scheint stellenweise

verloren gegangen zu sein, wie der eingedrückte Kopf des Salvators

vermuten läßt. Die die Figur umrahmenden Platten sind einfach

übergenagelt und zwar zum Teil so unachtsam, daß ein Stück der Figuren

verdeckt wird, so der obere Rand des Nimbus bei dem geflügelten Menschen

und dem Apostel im erstem Bogen links. Die Platten, aus denen die Taube

und das Lamm gearbeitet sind, zeigen deutlich die schräg abgeschnittenen

Ränder. An einigen Stellen lassen die nicht ganz zureichenden

Metallstücke den Holzuntergrund sehen. -- Die Säulenkapitäle und Basen

sind auf die über einen runden Holzstab geschlagenen Säulen mit

geschmiedeten Nägeln leicht befestigt. Die verschiedene und nicht im

regelmäßigen Wechsel angewandte Form derselben legt den Gedanken nahe,

man habe die glatten Kapitäle und Basen später, als man das romanische

Ornament der Erhaltenen nicht mehr verstand, zur Ergänzung der etwa

verloren gegangenen Kapitäle und Basen hinzugethan. Doch zeigen auch

andere nordische Frontale, so das norwegische im Museum zu Bergen,

denselben unregelmäßigen Wechsel zwischen glatten und ornamentierten

Stücken. -- Spätere Zuthat dagegen ist unzweifelhaft der

Ornamentstreifen der inneren Abschrägung der Aureole. Er zeigt in

durchbrochener Arbeit ein romanischen Stil imitierendes, von der

Feinheit der Ornamente auf den anderen Streifen weit entferntes,

übergoldetes Ornament auf schwarzem Grund. -- Alles übrige ist

ursprünglich und echt. Ein Zweifel könnte höchstens bezüglich des nicht

gestrichenen in seinem alten Glanze erhaltenen Ornamentsstreifens links

von der Aureole entstehen. Doch ergab die Untersuchung, daß das Metall

dem bei den echten Teilen des Frontale verwandten Material gleich sei.

[Fußnote 342: Ob auch die von Haupt Bd. II, S. 320 erwähnten kupfernen,

stark vergoldeten Altäre, die im Hl. Geisthaus in Schleswig gewesen sein

sollen, derselben oder einer späteren Zeit angehören, ist mir

unbekannt.]

_Nürnberg._

_Gustav Brandt._

Geschnitzte friesische Thüren im germanischen Museum.

(Mit 1 Lichtdrucktafel).

Im letzten Heft 5 unserer »Mitteilungen« hatten wir das speziell auf den

Halligen übliche nordfriesische Haus kennen gelernt, woran wir nunmehr

die Schilderung einiger in unserem Besitze befindlichen

Einrichtungsstücke schließen, die im gegebenen Zeitpunkt bei der

Ausstattung eines friesischen Zimmers Verwendung finden sollen. Das

Glanzstück derselben bilden zwei geschnitzte eichene Stubenthüren, das

bedeutendste Profanaltertum, welches die Halligen bargen und welches

sich eines nicht geringen Rufes erfreute. Die Thüren stammen von

Nordmarsch, der Schwestergemeinde der Hallig Langeneß-Nordmarsch, einer

Insel, die lange Zeit durch einen mächtigen Schlot (Graben, der mit der

See in Verbindung stehend an Ebbe und Flut teilnimmt) in zwei annähernd

gleiche Hälften getrennt war. Das Haus, welches sie schmückten, war

eines der ältesten Halliggebäude vom Anfang des 18. Jahrhunderts, in

welchem sich vortreffliche Wandkacheln und manches wertvolle Möbelstück

befanden, woraus insgesamt geschlossen werden darf, daß es sich von

Anfang an eines behaglichen Wohlstandes erfreut habe. Die in die Thüren

eingeschnitzten Inschriften bilden den Beweis, daß sie in die Blütezeit

des Halligwohlstandes zurückzudatieren sind, von dem ich in meinem

vorigen Aufsatze sprach. Das Haus sah ich bei meinem Halligbesuch im

Jahre 1893 noch vollständig eingerichtet, aber rettungslos dem Untergang

geweiht, weil die Werft, auf der es stand, die Peterswerft, schon damals

in gefahrdrohender Weise vom Wasser zerstört war, so daß sie in den

heftigen, andauernden Orkanen der beiden folgenden Jahre demselben

Schicksal verfiel, wie schon so viele Halligwerften: dem völligen

Zusammenbruch und Hinabgleiten in die tobende Brandung schwerer

Sturmfluten.

Die beiden Thüren, die wir mit A und B bezeichnen wollen, befanden sich

als Pendants in einem ziemlich kleinen Wohnzimmer von ungefähr 3-3½ m.

Tiefe und Breite und kaum 2½ m. Höhe. Vom Flur aus betrat man es durch

die Thür A, während B in eine Kammer führte. Das Haus war feucht,

weshalb die Flächen der vier größeren Thürfüllungen in der Mitte, die

geschnitzten Rahmen an den oberen Ecken auseinandergeborsten sind, die

Bretter der anschließenden Holzwände aber Spuren von Vermoderung

erkennen lassen, während das Eichenholz der Thüren selbst der Fäulnis

Widerstand zu leisten vermochte. Sie sind ein Produkt der in ganz

Friesland geübten Liebhaberkunst des Holzschnitzens, zu deren Ausübung

auf unseren Inseln der sehr geringe Verkehr mit dem Festlande

beigetragen haben mag, wodurch die Bewohner darauf angewiesen waren,

viele Gebrauchsgegenstände selbst zu verfertigen, und die

Vertrautheit mit der Holzbearbeitung, wie sie bei der Ausübung des

Schiffzimmermanns-Gewerbes erforderlich ist. An Holz selbst aber gebrach

es trotz des mangelnden Baumwuchses auf den Inseln nicht, man fand es an

allen Sandplatten und Inselgestaden als Strandgut, das früher noch

häufiger gewesen sein muß als jetzt, wo Leuchttürme und ein

ausgebildetes Warnungssystem die Schiffe von den gefährlichen Untiefen

fernhalten. Daß kein Berufsschreiner sie angefertigt habe, scheint mir

schon aus den nicht ganz übereinstimmenden Maßen hervorzugehen, denn der

Thürflügel A hat eine Höhe von 187.5, B von 189 cm., die geschnitzten

Rahmenleisten der letzteren außerdem auf der Angelseite 200, auf der

Schloßseite 202 cm. Höhe, wie auch sonst noch kleine Unregelmäßigkeiten

festgestellt werden können, z. B. in der Breite der geschnitzten

Rahmenflächen, die bei A 10, bei B 9-9,3 cm. beträgt, u. s. w.

Jede Thür hat eine Breite von 82 cm. und ist durch eine doppelt

überschobene obere und untere und eine schmale einfach überschobene

Mittelfüllung gegliedert, die also auf der Rückseite aus der übrigen

Fläche hervortreten. Die eigentlichen Bilder der oberen und unteren

Paneele von A und B haben je eine dreifach zusammengesetzte Umrahmung,

bestehend aus einem immer wiederkehrenden, überaus steif stilisierten

Pflanzenornament mit phantastischen großen roten Blumen in Breite von 8

cm. zwischen zwei Kehlstoßleisten, die der doppelten Ueberschiebung

entsprechen. Das obere Paneel von A zeigt in 34,2:34,6 cm. zwei ganz

symmetrische Säulenhallen mit roter Stoffdraperie. Unter der linken

Halle sitzt der Evangelist Matthäus auf einem hochlehnigen Polsterstuhl;

vor ihm kniet ein Engel und hält ihm das Evangelienbuch, in welches er

schreibt, ihm zur Linken steht ein Tisch mit blumenerfüllter, schlanker

Amphora. Unter der rechten Halle sitzt Markus hinter einem gotischen

gedeckten Tisch auf einem Bänkchen mit schwellendem Polsterkissen. Auf

dem Tische steht ein kleines Schreibpult mit dem Evangelienbuch, vor

welchem der Apostel, in tiefes Nachdenken versunken, sitzt, die Feder in

der Hand. Vor dem Tisch steht der Löwe und blickt zu seinem Herrn empor.

Oben mitten zwischen beiden Säulenhallen erblicken wir die Taube des

heil. Geistes in einem Strahlenkranze, wie auch die Häupter der

Evangelisten von einem goldenen Heiligenschein umgeben sind.

Die Mittelfüllung besteht aus einer oblongen, glatten Kartusche mit dem

in Oelfarbe aufgemalten Namen Ebeneser; umrahmt ist letztere von einem

horizontal 4, vertikal 8,5 cm. breiten geschnitzten Pflanzenornament von

nicht ungefälligem Schwung in zierlicher Spätrenaissance, das sich in

seiner freieren Anmut vorteilhaft abhebt von den übrigen

steifstilisierten Ornamentschnitzereien. Die Dimensionen des so

bearbeiteten Paneels sind 18:56 cm.

In der unteren Füllung tritt aus seiner Umrahmung ein Vollschiff heraus,

das mit geschwellten Segeln, wehender Flagge und Wimpeln durch die

Wellen streicht, wahrscheinlich der Walfischfänger, dessen glücklichen

Reisen der Verfertiger der Thüren als eifriger Teilnehmer seinen

Wohlstand verdankte. Möven umflattern das stolze Fahrzeug, dessen

gedrungener, fester Bau sehr wohl geeignet erscheint, den Gefahren des

Eismeeres zu trotzen. Die Friesen lieben es noch heut, Bildnisse von den

Schiffen zu besitzen, auf denen sie gefahren sind, man findet sie als

Zeichnungen, Gemälde, Reliefschnitzereien und zierlich gearbeitete

Modelle in allen Häusern, sogar als Kachelkompositionen, wie wir früher

gesehen haben. Daß wir es hier mit einem Walfischfänger zu thun haben,

dessen blau-weiß-rote Flagge auf Schleswig-Holstein hinweist, ersehen

wir aus den Inschriften, die in die oberen Querleisten des äußeren

Thürrahmens eingeschnitten sind, und zwar auf jedem die Hälfte eines

mißlungenen Verses:

DURCH GLUCK UND -- WALFISCHFANGST (A)

GIBT GOT MIR -- HAUS UND LAND (B)

Größenverhältnisse des Schiffsbildes: 33,5 × 43 cm.

Die geschnitzten Umrahmungen der Paneelbilder der zweiten Thür B

gleichen ganz denjenigen von A. Die obere Füllung behandelt hier die

Apostel Lucas und Johannes in unverkennbarer Uebereinstimmung der

Auffassung und des Arrangements, wie in dem entsprechenden Paneel von A,

so daß der Schnitzer nach Vorlagen desselben Künstlers gearbeitet zu

haben scheint. Wem diese Vorlagen aber zuzuschreiben sind, vermag ich

nicht zu entscheiden, vielleicht haben wir dabei an einen

Bibelillustrator zu denken. Links von dem Beschauer sehen wir, abermals

unter einer Säulenhalle, geschmückt durch eine schöngeschwungene

Purpurdraperie mit goldener Franse, den Apostel Lucas auf einer mit

schwellenden Polstern belegten Bank vor einem Schreibtisch sitzen,

beschäftigt mit der Niederschrift seines Evangeliums. Ihm zur Linken

ragt ein Crucifix bis zum Dache der Halle, zur Rechten liegt am Boden

sein Attribut, der Ochse, neben dem Tisch ebenfalls auf dem Boden steht

eine blumengefüllte Amphora, doch niedriger als die auf dem Tische des

Matthäus. Gegenüber sitzt Johannes, sein Evangelienbuch auf den Knieen

haltend und ebenfalls eifrig mit Schreiben beschäftigt. Den Hintergrund

erfüllt hier eine von Bäumen umgebene, hochragende Stadt mit spitzen

Türmen (wohl Jerusalem), links neben ihm steht sein Adler und über ihm

in einer Wolke thront Christus, eine Hindeutung auf seine Eigenschaft

als Lieblingsjünger des Herrn. Zwischen beiden Evangelisten schwebt

wieder die Taube in goldenem Strahlenkranze, und goldene Nimben

verklären die Häupter der beiden Evangelisten, auf diesem Bilde sogar

die symbolischen Tiere, was bei A nicht der Fall ist.

[Illustration: Taf. V.

Mitteilungen aus dem germanischen Nationalmuseum. Jahrgang 1896 · 第 35 / 37 题