Das schleswig-holsteinische Frontale im germanischen Museum.
Zu den wertvollsten Schätzen des germanischen Museums zählt ein in der
Kirche aufgestelltes Frontale. Es dürfte nicht überflüssig sein, das
Interesse der Besucher der Sammlung auf dieses schon durch seine
Seltenheit und sein Alter kostbare Stück zu lenken.
Die Seitenwände, vornehmlich aber die Vorderwand des Altares zu
schmücken, sei es durch Vorhänge, sei es durch eine Vorsatztafel
(antependium, frontale, antemensale) ist jedenfalls eine sehr alte
Sitte, welche bis in die frühchristliche Zeit zurückreicht. Auf dem bis
etwa zum Jahre 1000 gewöhnlich vom Ciborium überdachten Altar durften
nur die notwendigsten Geräte aufgestellt werden, das Kruzifix, die
Leuchter, das Meßbuch und außerdem Reliquienbehälter. Für figurale
Darstellungen bot sich also kein geeigneterer Platz, als die Seitenwände
und die Vorderseite des Altares. Letztere wählte man naturgemäß
vorwiegend zur Anbringung bildlichen Schmuckes. Meistens scheint man
sich dabei einer metallenen Tafel bedient zu haben, sehr häufig auch des
Holzes, oder in Rahmen gespannter Gewebe. In einzelnen Fällen wurde
Stein verwandt. Diese Altarvorsätze waren beweglich und konnten nach
Bedarf entfernt oder gewechselt werden. Für die weitere Entwicklung des
Altarschmuckes wurde die Neigung zur Aufstellung einer immer größeren
Anzahl prächtiger Reliquienbehälter auf der Altarplatte (mensa) von
Bedeutung. Diese Gegenstände beengten den Raum der Mensa. Um nun diesen
wieder für ungehinderte Ausübung der heiligen Handlung zu gewinnen, ohne
doch den prächtigen Schmuck der goldenen und silbernen Reliquienbehälter
entbehren zu müssen, errichtete man hinter der Mensa eine sie
überragende Steinwand (retabulum) die zur Aufstellung kirchlicher
Prunkgefäße diente. Das Retabulum selbst bot eine neue Fläche für
Anbringung figuraler Darstellungen, die man nicht unbenutzt ließ. In
derselben Weise, wie beim Schmuck der Stirnwand des Altares verfuhr man
auch hier und so entwickelte sich über dem Frontale ein
Superfrontale[326]. Aus dem Retabulum mit dem Superfrontale ging unter
der Herrschaft der Gotik der reichgeschnitzte und bemalte, in die Höhe
und Breite wachsende Flügelaltar hervor, während gleichzeitig das
Frontale mehr und mehr seinen bildlichen Schmuck verlor und sich in eine
ornamental verzierte Altarbekleidung umwandelte. Das metallene
Antemensale verschwindet im Laufe der ersten Hälfte des XIII.
Jahrhunderts, an seine Stelle tritt die zuweilen geschnitzte, meist
bemalte Holztafel und vor allem gewebte Antependien.
[Fußnote 326: Außerordentlich interessant ist ein Altar aus dem XII.
Jahrhundert in Lisbjerg (Dänemark). Er besitzt bei einem reich
figuralgeschmückten Frontale ein Superfrontale, das in einreihiger
Darstellung den thronenden Christus, zu seinen Seiten je sechs Apostel
in Bogenstellung zeigt. Darüber wölbt sich auf medaillonverzierten
Untersätzen ein mächtiger Halbbogen, in dem der Kruzifixus mit Maria und
Johannes unter dem Kreuz sich befindet. Das Ganze wird gekrönt durch
einen Aufsatz, der unter einem mittleren größeren Bogen den thronenden
Heiland enthält, während in den nach beiden Seiten niedriger werdenden
drei Bögen anbetende Gestalten dargestellt sind.]
Aus der hier kurz gegebenen Entwicklung der Altarbekleidung ergibt sich,
daß sich das metallene Frontale mit figuralem Schmuck allgemein nur bis
zum Beginn der Gotik findet[327]. Die erhaltenen romanischen
Antemensalien sind in ihrer größeren Zahl gewebte, bemalte oder
gestickte Antependien, ferner bemalte, sehr selten geschnitzte
Holztafeln. Metallene Frontalien sind nur in geringer Anzahl überkommen.
Doch darf man daraus nicht den Schluß ziehen, sie wären seltener
angewandt worden, denn der Not und dem Kampfe der Zeiten mußten solche
Stücke leichter als weniger kostbare zum Opfer fallen. Dieses Schicksal
hatte z. B. eine am Ende des XII. Jahrhunderts aus Gold und Silber
gefertigte Altartafel des Klosters Petershausen. So wurde auch im XVI.
Jahrhundert der mit Edelsteinen gezierte Altar aus dem Dom zu Merseburg,
ein Geschenk Kaiser Heinrich II., Kriegsbeute.
Doch sind einige metallene Altarvorsätze in Deutschland erhalten
geblieben: Im Schatze des Münsters zu Aachen 17 getriebene Goldplatten
aus dem X. Jahrhundert[328], ein goldenes Frontale, das Kaiser Heinrich
II. 1019 dem Münster zu Basel gestiftet hat[329]. Jetzt befindet es sich
im Hotel Cluny zu Paris. In der Stiftskirche zu Komburg in Württemberg
ist ein kupfernes, vergoldetes, mit Emailarbeit und Edelsteinschmuck
versehenes Frontale aus dem XII. Jahrhundert[330]; ferner ist das
Antemensale der Ursulakirche in Köln zu nennen, von gleicher Arbeit und
aus gleicher Zeit wie das vorige[331]. Ein hervorragendes Werk deutscher
Emailarbeit ist das Frontale in Kloster-Neuburg, das in drei Reihen die
Heilsgeschichte zur Anschauung bringt[332].
Das zuletzt entdeckte unter der geringen Anzahl in Deutschland
erhaltener Frontale ist das im germanischen Museum aufgestellte, aus
Quern in Angeln (Kreis Flensburg, Schleswig-Holstein) stammende.
Erwähnt wird das Querner Frontale von Haupt in seinen Bau- und
Kunstdenkmälern der Provinz Schleswig-Holstein Bd. I. S. 321; ferner in
der schleswig-holsteinischen Kirchengeschichte, nach hinterlassenen
Handschriften von H. N. A. Jensen, herausgegeben von A. L. J. Michelsen
Bd. II. S. 267. Auch in Ottes Handbuch der kirchlichen Kunstarchäologie
des deutschen Mittelalters Bd. I. S. 136 findet es eine kurze Erwähnung.
Eine ausführlichere Beschreibung widmet ihm J. P. Trap in seiner
Statistisk-topographisk Beskrivelse af Hertug-demmet Slesvig Bd. II. S.
500 und 501. Endlich darf wohl angenommen werden, daß das von J. von
Schröder in seiner Topographie des Herzogtums Schleswig S. 414 erwähnte
kupferne Altarblatt mit dem Brustbild Christi und den vier
Evangelistenzeichen unser, hier allerdings ungenau beschriebenes
Frontale sein soll. Wenigstens haben meine Nachforschungen am Orte
selbst keinen Anhalt ergeben für die Annahme, daß noch ein zweites
kupfernes Altarblatt in Quern sich befunden habe.
[Fußnote 327: Von einem metallenen gotischen Antemensale mit figuraler
Darstellung spricht Bouillart in seiner Geschichte der Abtei von St.
Germain. Er berichtet von einem Frontale (1404) mit Säulenbündeln und
Fialen, in dessen Nischen die Bilder des Johannes, des Philippus, des
Germanus und der heiligen Catharina stehen. Laib und Schwarz, Studien
über die Geschichte des christlichen Altars S. 19.]
[Fußnote 328: Abbildung aus'm Weerth. Tafel XXXIV. 1.]
[Fußnote 329: Abbildung Laib und Schwarz, Studien über die Geschichte
des christlich. Altars. Tafel IV. Fleury, La messe Pl. LXXXVI. Anton
Springer, Handbuch der Kunstgeschichte Bd. II. S. 198 u. s. w.]
[Fußnote 330: s. Paulus. Kunstdenkmäler von Würtenberg. Laib und
Schwarz, Studien über die Geschichte des christlichen Altars. Tafel V.
Boisserée Denkmäler Tafel XXVII.]
[Fußnote 331: Abbildung Bock, das heilige Köln. Tafel XVIII. 69.]
[Fußnote 332: siehe darüber: Der Altaraufsatz im regul. Chorherrenstift
zu Kloster-Neuburg, von Dr. Gustav Heider. Karl Drexsler. Das Stift
Kloster-Neuburg.]
Das Frontale im germanischen Museum stammt aus der St. Nicolaikirche in
Quern, einem romanischen Quader- und Feldsteinbau, der in seiner
ursprünglichen Form dem XII. Jahrhundert angehören mag. Die Altartafel
wurde, wie Haupt mutmaßt, am Ende des XVII. Jahrhunderts mit Flügeln
versehen, die eine schlecht gemalte Darstellung des Abendmahls und der
Kreuzigung enthalten. In dieser Form diente sie als Altaraufsatz. Unter
dem 31. Oktober 1881 beschloß das Kirchenkollegium, das Antependium,
welches seit 1869 hinter dem Altar gehangen hatte, und dessen
Altertumswert niemand ahnte, nebst zwei messingenen Altarleuchtern für
300 Mk. zu verkaufen[333]. Eine Zeit lang war das Antemensale im
Hamburger Museum für Kunst und Gewerbe ausgestellt und wurde schließlich
vom germanischen Nationalmuseum in Nürnberg erworben.
Die Querner Altartafel ist zwei Meter lang und ein Meter hoch, von stark
vergoldetem Kupferblech, aus einzelnen unregelmäßig geschnittenen
Platten zusammengesetzt. Die Aureole in der Mitte der Tafel ist 580 mm.
hoch, 432 breit, der obere Rand hat 30, die innere Abschrägung 32 mm.
Die Bogennischen haben eine Höhe von 340 und eine Breite von 60 mm. Der
mittlere Ornamentstreifen ist 40 mm. breit. Die Figuren haben folgende
Maaße: Die Christusfigur mit der Gloriole 400 mm., der geflügelte Mensch
290 mm., die übrigen Figuren messen 270-280 mm. von der Hake bis zum
Scheitel. Die unbärtigen Köpfe haben ein Maaß von 45-50 mm., die
bärtigen von 60-70 mm.
Inhalt und Einteilung der Tafel sind die für das Frontale um 1200
allgemein üblichen. In kräftig getriebenem Relief, das die Köpfe und
oberen Körperpartien besonders stark hervortreten läßt, zeigt sie in
einer von den vier Evangelistensymbolen in der Reihenfolge Matthäus,
Johannes oben, Marcus, Lucas unten, umgebenen, zugespitzten elliptischen
Aureole den Salvator auf tuchbehangenem Thron, die rechte Hand segnend
erhoben, die linke auf das Buch des Lebens gestützt. Die Füße stehen auf
einem Schemel. Der bärtige Kopf des Heilands ist von einer Gloriole
umgeben, welche die Kreuzform in bekannter Weise enthält. Das Bild hebt
sich von schuppenartig gemustertem Grund ab. Über der Aureole ist die
Taube, unter der Aureole das Lamm mit Heiligenschein und Fahne in
typischer Darstellung gegeben. Zu beiden Seiten des großen Mittelfeldes
sind je sechs Apostel zu drei und drei über einander in romanischer
Rundbogenstellung angeordnet. Petrus ist durch den Schlüssel
ausgezeichnet, die übrigen Apostel tragen das Buch. Die obere und untere
Bogenstellung werden durch einen Ornamentstreifen getrennt; ebenso ist
die Aureole durch Ornamentstreifen gebildet. Ein Rundstab scheidet die
Tafel von dem nach innen abgeschrägten Rand. Auf letzterem findet sich
in Beziehung auf das Salvatorbild die mit Gold gemalte Inschrift: Sum
lux eterna residens in sede superna. -- Lux ego sum vite per me sup
astra venite.
[Fußnote 333: Eine Mitteilung, die ich dem Herrn Pastor H. Flor in
Groß-Quern verdanke.]
Mit Bezug auf die Bestimmung des Altares heißt es weiter: Est deus hic
regnans hic sacratur et ebibitur roseus cruor agni per quem sulphurei
tepuit violentia stagni. -- Die erste Umschrift beginnt über der letzten
Bogennische links von der Aureole und endigt unter Petrus. Dort setzt
die zweite Umschrift ein.
Der Querner Tafel fast gleich nach Inhalt und Einteilung ist das dem
XII. Jahrhundert angehörende Antemensale aus der Stiftskirche zu Komburg
in Württenberg. In der Mitte zeigt es gleichfalls die Aureole in Gestalt
einer zugespitzten Ellipse mit der hier allerdings stehenden und auch
sonst abweichenden Heilandfigur. Durch gerade verlaufende
Ornamentstreifen wird das Mittelfeld von den Seitenfeldern abgetrennt.
In den so um die Aureole entstehenden vier Zwickeln sind die
Evangelistensymbole angebracht in derselben Reihenfolge wie auf der
Querner Tafel. Die Seitenfelder gleichfalls durch gerade verlaufende
Ornamentstreifen abgeteilt und darin von der Querner Tafel abweichend,
enthalten in gleicher Anordnung, zu drei und drei über einander
beiderseits je 6 Apostel. Die Reihenfolge unter den Aposteln selbst ist
allerdings insofern eine andere, als in dem Komberger Antemensale
Petrus, der hier noch nicht mit dem Schlüssel dargestellt ist, in der
oberen Reihe rechts zu nächst dem Mittelfelde steht, während er in dem
Querner Frontale an der entsprechenden Stelle in der unteren Reihe
rechts seinen Platz gefunden hat.
Dem Komburger Antemensale nahe verwandt ist die Altartafel in St. Ursula
in Köln. Die übrigen von mir angeführten metallenen Frontalien aus
Deutschland weichen völlig ab von dem Typus, den die Querner Tafel
zeigt. So stellt der berühmte goldene Altarvorsatz aus dem Münster zu
Basel unter 5 hohen schmalen säulengetragenen Rundbögen Christus mit den
3 Erzengeln und dem heiligen Benedictus dar. Die Tafel aus
Klosterneuburg entbehrt ganz des plastischen Schmuckes, sie giebt in
vortrefflicher Emailarbeit die Heilsgeschichte wieder.
In Schleswig-Holstein selbst finden sich einige hölzerne Altarvorsätze,
die bezüglich ihrer Einteilung und des Inhalts ihrer Darstellung
bemerkenswerte Ähnlichkeit mit der Querner Tafel zeigen. Zunächst ist in
der alten Kirche zu Ekwadt (Kreis Apenrade) vor der Mensa ein
spätromanischer, um 1200 gefertigter Vorsatz[334], der genau dieselbe
Einteilung hat. Die Mitte nimmt die Aureole ein in Form einer
zugespitzten Ellipse, die hier freilich keinen Raum mehr für eine
Darstellung der Taube und des Lammes (über und unter sich) freiläßt.
Dagegen sind für die Anbringung der 4 Evangelistenzeichen an gleicher
Stelle wie bei der Querner Tafel Teile von der Ellipse durchschnittener
Bögen ausgespart. Zu beiden Seiten des Mittelfeldes finden wir auch hier
in 2 Reihen je 3 Bögen. Leider sind die Figuren aus dem Frontale
verloren gegangen. Man darf jedoch bei der völligen Gleichheit der
Einteilung des Rahmens auch annehmen, daß der von ihr umschlossene
figürliche Inhalt derselbe war, wie ihn das Querner Antemensale besitzt.
Wir dürfen das um so unbedenklicher thun, als sich in Hellewadt[335], in
der Nähe Ekwadts, ein dem Ekwadter gleiches Frontale befand, welches
zwar 1878 zerstört ist, aus dem sich aber ein thronender Christus und 8
Apostel erhalten haben. Beachtenswert sind beide Stücke auch deswegen,
weil Bögen, Säulen und Figuren nicht nur gemalt, sondern in
Holz geschnitzt sind. Ein ähnliches Stück soll sich in der
Universitätssammlung zu Christiania befinden.
[Fußnote 334: Haupt Bau- und Kunstdenkmäler der Prinz
Schleswig-Holstein. Bd. I, S. 24.]
[Illustration: Taf. IV.