Bl. 12b ist leer. --

Wenn Hans Folz in seinem Spruchgedicht von der Pestilenz, wie wir

gesehen haben, mehrfach hervorhebt, daß er die gereimte Form absichtlich

gewählt habe, damit sich seine Lehren und Rezepte leichter dem

Gedächtnisse einprägen möchten, so hatte er ohne Zweifel Recht mit dem

Glauben, daß nur auf diese Weise der großen Masse des Volkes mit seinem

Büchlein wirklich gedient sein könne. Hat doch das frühere Mittelalter,

von demselben Gedanken geleitet, gelegentlich noch ganz andere Dinge in

Reime gebracht, und verdanken wir doch noch heutzutage die schönen

Schmalzischen Genusregeln, den kürzlich erschienenen ersten Teil einer

gereimten Übertragung des neuen Bürgerlichen Gesetzbuches für das

Deutsche Reich und so manches Andere der gleichen menschenfreundlichen

Absicht. Aber Gefühl und Verstand der Gebildeten wird sich doch in der

Regel gegen eine solche mechanische Lernweise sträuben, und gerade in

der Zeit des erwachenden Humanismus und bei einem so schrecklichen

Gegenstande, wie es die Beulenpest war, konnten Folzens Reime dem

Geschmack der höheren Stände nicht entsprechen. Andererseits aber mußte

man sich doch sagen, daß Folz mit seinem tüchtigen ärztlichen Wissen und

der großen Popularität, deren er sich als Poet erfreute, der rechte Mann

zur Abfassung verständiger und wirksamer Unterweisungen über die Natur,

Verhütung und Behandlung der verheerenden Seuche sei. So ward denn der

Dichter, kurz nachdem er sein Gedicht von der Pestilenz hatte in Druck

ausgehen lassen, von Anton Haller, offenbar einem Angehörigen der

bekannten Nürnberger Patrizierfamilie, aufgefordert, noch einmal und

zwar in Prosa ein Traktätlein darüber abzufassen »von etlicher wegen,

den das vngereimt pas gewon ist«; und dieser Bitte ist Hans Folz noch im

selben Jahre in der That nachgekommen. Ein Exemplar seines Prosatraktats

von der Pestilenz hat nun letzthin für die Bibliothek des

historisch-pharmazeutischen Zentralmuseums erworben werden können,

und da ich dieses Schriftchen weder in den einschlägigen

litteraturgeschichtlichen Werken noch in den typographischen und

bibliographischen Handbüchern irgendwo erwähnt gefunden habe, so

verlohnt es sich wohl, über die neue Erwerbung an dieser Stelle etwas

ausführlicher zu berichten.

Es ist ein Heftchen von 16 Blatt in kl. 8o, mit genau denselben Typen

und auf dem gleichen, vortrefflichen Papier (Wasserzeichen: Ochsenkopf

mit Stande und Kreuz) wie das vorbesprochene Gedicht, und noch

augenscheinlicher als dieses von einem Dilettanten, d. h. von Hans Folz

selbst gedruckt. Bl. 1a enthält in vier kurzen Zeilen den Titel:

»Item von der pestilencz ein hübsch

nüczlich vnd kurcz begriffes trac

tetlin getrukt im mcccc vnd in

dem lxxxii iare hans folcz«

[Illustration: Fig. 2.]

Bl. 1b ist beifolgend in der Größe des Originals wiedergegeben (Fig. 2).

Anstatt der Anrufung des heiligen Sebastian als des Schutzpatrons der

Pestkranken, die sich in dem Spruchgedicht gleich zu Anfang findet,

sehen wir hier einen ziemlich rohen Holzschnitt, das Martyrium des

Heiligen darstellend dem Texte vorgedruckt. Dieser selbst ist in

mehrfacher Beziehung von nicht geringem Interesse. Zunächst müssen wir

noch einige Augenblicke bei dem Eingang verweilen, nach welchem oben

bereits die kurze Entstehungsgeschichte des Werkes mitgeteilt worden

ist. Folz nennt hier den Antonius Haller seinen »besundern guten

freunt,« was uns, da an der Zugehörigkeit Hallers zum Patriziat der

Stadt doch wohl nicht zu zweifeln ist[314], einen willkommenen Einblick

in die gesellschaftliche Stellung Folzens, die eine recht angesehene

gewesen zu sein scheint, gewährt. Nur nebenbei sei bemerkt, daß jener

»Anthoni Haller« wahrscheinlich identisch ist mit einem anderen Haller,

an den sich einmal der Schreiber eines Teils der Weimarer

Fastnachtpielhandschrift Q 566, -- es handelt sich um eine Version von

Folzens »Pharetra contra iudeos« -- in ein paar Zeilen wendet[315],

woraus dann wohl die Identität jenes Schreibers mit Hans Folz gefolgert

werden könnte[316]. Weiter aber ergiebt sich aus den Eingangsworten

auch, wie bereits angedeutet wurde, ein Rückschluß auf das Ansehen,

welches Folz als Arzt genoß. Und fürwahr, wer diese kernige Prosa liest,

der wird sich der Einsicht, es mit einem bedeutenden Menschen, mit einem

tüchtigen Charakter zu thun zu haben, nicht verschließen können.

Zunächst wendet er sich -- vom Gedankengang des Gedichtes weicht der des

Traktätleins erheblich ab -- gegen die, welche auch aus religiösen

Gründen meinen, daß niemand durch menschliche Kunst der Seuche

widerstehen, der Krankheit vorbeugen könne. Dann also, sagt Folz

»hette got erczney vm sunst erschaffen, vnd also würden die erczt

verlossen, vnd so hette auch salamon vergebes geret: ere den arczt

vm deiner notturfft willen.« »Dar vmb«, heißt es später weiter,

»so sech ein yder auff, wan sich selbs sol niemant verkürczen, so

er doch nit weys, ob die erczney hilflich sein möcht oder nit,

vnd ob er sie verliesse vnd müste sterben, möcht er in sich

schlaen, sich selbs verkürczt haben.

hie mit ich bewert will haben, fil peßer den arczat gesucht vnd die

dötlich gifft geflohen, dan im selber des sterbes vrsach geben, so

doch der mensch nicht dester minder got seinen willen heim

seczt.«

Nun folgen die Verhaltungsmaßregeln und Rezepte, die einer genaueren

Prüfung und Würdigung zu unterziehen, ich wieder Anderen, solcher Sache

Kundigen überlassen muß. Dabei geht es gelegentlich kräftig über die

schlechten Ärzte und Quacksalber her, die nicht jeden einzelnen Kranken

nach seiner besonderen Individualität behandelten:

[Fußnote 314: Namentlich wegen des Zusatzes »eines regiments behütung

vnd beschirmung halben«. In Biedermanns »Geschlechtsregister des

Hochadelichen Patriciats zu Nürnberg« habe ich ihn allerdings nicht

gefunden und neben der patrizischen existierte in Nürnberg auch eine

bürgerliche Familie Haller.]

[Fußnote 315: Diese Zeilen lauten nach Victor Michels, Studien über die

ältesten deutschen Fastnachtspiele (QF. 77. Heft), Straßburg 1896 S.

235: _Lieber haller jch habe fast geeilt vnd ser poeß geschriben pittue

mir daz nit verunclimpfen vnd wo ir eß nit lessen konet So schickt nach

mir oppffere mich euch vnd all den euren zw allen wolgefallen wegenn vnd

potten allezeit vnvertrossen._]

[Fußnote 316: Der Beweis dafür würde sich allerdings nur durch eine

Vergleichung der Schrift des betreffenden Abschnittes in Q 566, die

übrigens sehr verblaßt sein soll, mit der von Hans Folz geschriebenen

ehemals Habelschen jetzt Conradyschen Sammlung seiner Gedichte erbringen

lassen.]

»wan sie weder die complex des krancken noch der kranckheit gancz

kein vnter scheyt haben.

vnd also leyt ein plinter den andern vnd fallen peid in die gruben,

wen ich selbs einen gesehen hab, der mit einer purgaczen, die er

yder man gab, sich selber schnel hin richtet.

Sülch erczt dürfften eins eigen spitals oder kirchofs in einer stat.

Aber ein weyser, fürsichtiger rot solt ob einem sülch sein vnd

keinem rohen leyen fraw oder man besunder in der kunst vngeüpt

des nit zu sehen, so es den wissende vnd lang erfaren schwer ist

-- ich sweig, das von sülchen erczten mancher gichtig, vnsinig,

contract, lam, auseczig oder in die hin faleden sucht felt oder

an einer sülchen purgaczen pald erstickt. aber als man den

schuster vm hosen flickens willn suchen wolt, also sucht man nun

erczney pey pecken, plattnern, rotschmiden, goldsmiden vnd alten

weybern vnd fil andern lant bescheissern, die ir ercznei mit

dörechter zeignus der prif besteten weln, vnd das fil mer ist: so

sucht man auch erczney pey den iüden, der es keinem erlaupt ist

pei verwerffung aus irer sinagog, dan allweg den zehenden zu

erdöten oder auf das minst erlemen oder eim ein gift ein zu

füren, die sich über ein iar zwey, drew erst fint; do claupt auf

die puczpirn«[317].

Sodann werden 14 Präservativmittel angeführt und besprochen, hierauf

noch die Symptome der Krankheit und endlich das Sterben des von der Pest

Befallenen beschrieben:

»Item die zeichen des dots sint: differ atem, begerung des kuln

luffts, vmsleglung mit henden vnd füssen, groß angst, steti vnru,

truckner munt, swercz der zungen, dürrer hust, endrung der

vernunfft, kalter sweis, zeherung der augen, grosser graw, fil

vndewung, scheissen vnd prunczen an das pet, schaumig stul,

feucht oder schwarcz, heilstet suchen, kerung zu der wend, geher

hunger, verswindung der aposten[318], vnsetiger durst, zitern dez

pulß, swarczer prun -- dan gnad im got

_A M E N_«

Dieser Schluß des Tractats steht auf Blatt 16a. Bl. 16b ist leer, nur

hat in unserem Exemplar eine gleichzeitige Hand noch einen frommen

Spruch darauf geschrieben:

»O angele meus

Angelus dei

plenus misericordie

Miserere mei.«

Auf Hans Folzens sonstiges Leben und Wirken werde ich demnächst an

anderer Stelle Gelegenheit haben ausführlicher einzugehen.

[Fußnote 317: »_do claupt auf die puczpirn_« augenscheinlich eine

sprichwörtliche Redensart, deren Sinn indessen nicht ganz klar ist. Das

Wort »Butzbirne«, eigentlich »Birne mit dem Butzen«, kommt gerade in

derartigen Redensarten mehrfach in der Bedeutung von Prügel, Ohrfeige

vor; vgl. Grimms Wörterbuch II, 588 unter Butzbirne, VII, 2282 unter

Putzbirne. Also etwa: da hebt denn die Prügel auf, da bedankt euch denn

für die Prügel.]

[Fußnote 318: »_aposten_« eine Pluralbildung von apostema. apostem --

Geschwulst.]

_Nürnberg._

_Th. Hampe._

Eine Nürnberger Labyrinthdarstellung aus dem Anfange des 16.

Jahrhunderts.

Mitteilungen aus dem germanischen Nationalmuseum. Jahrgang 1896 · 第 21 / 37 题