I.

Das germanische Museum erwarb für sein Kupferstichkabinet auf der

Auktion der großen Bibliothek[319], die zum größten Teil aus der

stattlichen Bücherei des gräflichen Schlosses Lobris in Schlesien

stammte, ein fliegendes Blatt aus den ersten Jahren des 16.

Jahrhunderts, das sowohl seines Inhalts als seiner Herkunft wegen einer

eingehenden Publikation würdig ist.

[Illustration: Fig. 1.]

Der doppelseitig bedruckte Bogen in Folio enthält auf drei Seiten über

je einer Labyrinthdarstellung, die verschiedene Form, nämlich die eines

Quadrates, eines Dreieckes und eines Kreises (vgl. die Abbildungen, die

in der Hälfte der Originalgröße hier wieder gegeben sind) mit

figürlichen Zuthaten zeigen, einen zweispaltigen lateinischen

Distichentext; die vierte Seite ist mit zweispaltigem lateinischem

Prosatexte bedruckt. Sowohl äußere Gründe, die Typen, die

Holzschnittmanier und dessen Stil, als auch andere positive Fingerzeige,

wie Namen von nachweisbaren Persönlichkeiten, weisen auf Nürnberg als

den Entstehungsort des meines Wissens bisher unbeschriebenen und

unbekannten Blattes hin. Es entstammt den dortigen Humanistenkreisen und

bietet den Anlaß zu interessanten Beobachtungen aus denselben.

[Fußnote 319: Auktionskatalog von Ludwig Rosenthals Antiquariat in

München. Auktion 22. April 1895, Nr. 1182. Der Preis betrug 86 M. Herr

Ludwig Rosenthal hatte die Liebenswürdigkeit, dem Museum die hier

folgenden Abbildungen aus dem Katalog geschenkweise zu überlassen.]

Zuerst folge eine genaue Reproduktion des Textes.

[Illustration: Fig. 2.]

_Figura Labyrinthi._

Sebastianus Calcidius at lectorem.

Ut varios flexus Labyrinthique ianua cernis

Tensas multiplici tramite late vias

Cernis et anfractus fallaci ambage recuruos

Qui faciles gressus explicitosque negant

Sic iaculis feriet blandus quem forte cupido

Ducit in errores innumerosque dolos

Que si vitassent multorum corda virorum

Mars non strauisset sanguinolenta manu

Non tot prodissent armate ex Aulide classes

Non viribus danaum diruta Troia foret

Sic qui tranquillam gestis traducere vitam

Inceste veneris noxia tela fuge.

Uive memor leti.

(Hierunter steht im Originale Fig. 1.)

Figura Labyrinthi

Sebastianus Calcidius des Basilisco

Debilis heu nimium subtili pendula filo

Mortalis vita est / vndique pressa malis

Mille habet hec postes: quibus est seuicia leti

Usque adeo variis tradita plena modis

Sybilo adest testis rauco terrens basiliscus

Uiroso afflatu statim queque necans

Uive memores leti.

(Hierunter steht Fig. 2.)

_Figura Labyrinthi._

Joannes Stabius Austriacus

ad labyrinthi inspectores.

Dum varios flexus dum multiplices labyrinthi

Conspicis errores / innumerasque vias

Te vite humane cursum / seriemque / laborem /

Et tristes curas / cernere cuncta puta

Sic cum leticia / metu / spe / cumque dolore

Optima queque dies / et mala queque fugit

Flexibus ex illis queris / qui euadere possit

Silua Achademie / quem fouet / ille potest

Comite virtute / duce sapientia.

Andreas Kunhofer Nurmbergensis ad eundam.

Qui vacuus monstris / labyrinthi tutus in omnes

Se recipit flexus / multiplicesque dolos /

Egressu facili superat quia lumina cuncta /

Omnia virtuti peruia namque patent

Ast amor inuisus / thaurus / prolesque biformis

Cui quatiunt mentem / cui quoque monstra prenunt

Incidot errores varios / variosque rotatio

Uoluitur in preceps / et mala multa subit

Patere et sustine.

(Hierunter steht Fig. 3.)

Die vierte Seite nimmt ein Brief des bekannten Humanisten Johannes

Stabius ein, den derselbe ans Ingolstadt »diuersorio nostro litterario«,

wo er lehrte, »dem doctissimo ac integerrimo viro domino Conrado

Hainfogel, Nurembergen, arcium et philosophie magistro«, sandte. Er

bezieht sich zuerst auf die während seines Nürnberger Aufenthaltes

gepflogenen humanistischen Studien und Interessen und führt dann sein

Vorhaben aus, die Ansichten der hervorragendsten Autoren über das

zwischen ihnen öfters besprochene Labyrinth dem Freunde mitzuteilen und

dies kurze Blatt, dem Illustrationen beigegeben seien, zu widmen. Auf

diese Einleitung folgt die Aufzählung der vier Labyrinthe, die Plinius

in der historia naturalis kennt, nämlich das ägyptische, das kretische,

das leonische und das italienische, in dem König Porsenna beigesetzt

sein soll.

[Illustration: Fig. 3.]

Eine historisch-antiquarische Zusammenstellung der Notizen des Plinius,

Herodot, Strabo, Diodorus Siculus und Virgilius bildet den Beschluß des

Briefes, der in »Florentissima Achademia Ingelstadiensi« geschrieben

wurde.

»Andreas Kunhofer Nurmbergensis« ist uns sonst nur noch aus den Briefen

Dürers aus Venedig bekannt. Er ist offenbar ein Nürnberger, wohl ein

Verwandter des Konrad Kunhofer[320], der 1424 zu Rom war, 1426 zu

Nürnberg dem Herzog Johann von Bayern, Graf Ludwig von Oettingen und den

Priestern auf dem Heilthumsstuhle die Reliquien zeigen half. In einem

Verzeichnis der alten Nürnberger Juristen wird er aufgeführt als: »a

1427. Meister Cunrad Kunhofer unser Jurist«. Ferner war er Pfarrer zu

St. Lorenz, Dr. dreier Fakultäten und Stifter des ältesten bekannten

Stipendiums (1445) für je einen Theologen, Juristen und Mediziner. 1452

stiftete er ein Fenster im Chor von St. Sebald (das fünfte rechts),

dessen Zeichnung nach Thode (S. 117) vielleicht auf eine Zeichnung von

H. Pleydenwurff zurückgeht. Andreas Kunhofer, der »Endres Kunhoffer«

Dürers in seinen venezianischen Briefen, wird in denselben, verschiedene

Male genannt. So schreibt Dürer unter dem 28. Februar 1506 an Wilibald

Pirkheimer (Lange-Fuhse S. 24, 19): »Lieber Herr, Euch läßt Endres

Kunhoffer sein Dienst sagen. Er wird Euch itzt bei dem nächsten Boten

schreiben«. Dasselbe schreibt er unter dem 8. März 1506 (Lange-Fuhse 26,

25). Er erwähnt da einen Brief Kunhofers an Pirkheimer, der letztern

bitten will, »ihn gegen die Herren (d. h. den Rath) verantworten, so er

nit zu Badow (Padua) wil beleiben. Er spricht, es sei der Lehr halben

ganz nix für ihn.« Am 25. April meldet er dem Freunde, daß »Kunhofer

todtlich krank ist« (Lange-Fuhse 30, 32). Die Hauptstelle aber enthält

das Postscriptum des Briefes vom 18. August 1506 (Lange-Fuhse 33, 10

ff.) die hier folgt: »Item Endres ist hie, läßt Euch sein willig Dienst

sagen, ist noch nit am schtärksten, hat Mangel an Geld. Warn sein lange

Krankheit und Verschuld hat ihms alls gfressen. Ich hab ihm selbs acht

Dukaten geliehen. Aber saget Niemands davon, daß es ihm nit fürkomm. Er

mecht sunst gedenken, ich thäts aus Mistreu: Ihr sollt auch wissen, daß

er sich also eins ehrberen weisen Wesens hält, daß ihm Jdermann wol

will.«

[Fußnote 320: Roth. Verzeichniß aller Genannten d. größeren Raths. 1802.

S. 32. Dipt. Laurent. in der Beschrbg. der Lorenzer Kirche S. 35 f.

Waldau, Nürnberger Zion S. 21 f. Siebenkees Mat. Bd. II. 661. Literar.

Blätter II. 304. Lochner, Die Personennamen in Albrecht Dürers Briefen

aus Venedig. S. 37. Die im Nürnberger Stadtarchiv aufbewahrten Libri

litterarum bringen ebenfalls verschiedene Male den Namen, so einen

Cunhofer 1492, so einen Fritz Künhofer von Unterrüsselbach in den Jahren

1492 und 1493.]

Ob Andreas Kunhofer thatsächlich auf dem Rosenkranzbilde mit abgebildet

ist, wie Neuwirth in seiner Studie angibt, kann nicht entschieden

werden. Aber soviel geht aus den Briefen und aus den Distichen des

Labyrinthflugblattes hervor, daß Kunhofer kein Handwerker war, wie

Thausing (L 377.) annahm, sondern offenbar ein junger Gelehrter und

wahrscheinlich ein Jurist war, der aus dem Nürnberger Humanistenkreise

stammte und seine Studien in Padua fortsetzte, offenbar allerdings nicht

zu seiner Zufriedenheit. Seine wahrscheinliche Verwandtschaft mit dem

gelehrten obenerwähnten Konrad Kunhofer ließe ebenfalls eher auf einen

Akademiker als einen Handwerker schließen.

Über Sebastianus Calcidius war nichts, über Konrad Hainfogel nichts

bestimmtes zu eruiren. Daß Hainfogel Nürnberger war, geht aus der

Apostrophe des Johannes Stabius hervor. Außerdem treffen wir den Namen

verschiedene Male in den Geschichtsbüchern der Stadt, den libri

litterarum, welche das städtische Archiv aufbewahrt. So verkauft der

Priester Konrad Haynfogel, der also offenbar mit dem unsrigen identisch

ist, im Jahre 1492 aus einer am Markte liegenden Behausung 2 fl.

Eigenzins (L 8. 22b). Derselbe verkauft 1493 eine Badestube am weißen

Thurm mit Nebenhaus an Gerhaus Fuchs (L 9. 241b); diese Badestube hatte

er in demselben Jahre dem Erhart Wagner abgekauft (L 9. 172). Wir können

also annehmen, daß dieser offenbar begüterte Priester Hainfogel, ebenso

wie Kunhofer, dem Nürnberger Humanistenkreise angehört hat, der in den

letzten Jahren des 15. Jahrhunderts blühte und die glänzendsten Namen zu

den seinen zählen durfte, so einen Conrad Celtes und einen Johannes

Stabius[321], der als Mitglied der von Celtes begründeten Sodalitas

Renana und Danubiana sicher öfters zu Nürnberg war. Einen direkten

Beweis dafür enthält ja auch sein Brief an Hainfogel. Seit dem Jahre

1498 höchstwahrscheinlich lehrte er in dem nicht zu entfernten

Ingolstadt, das er im Jahre 1503 mit dem Lehrstuhl an der Wiener

Hochschule vertauschte. Später als kaiserlicher Historiographus schrieb

er ja den lateinischen Text zur »Ehrenpforte« des Kaiser Maximilian und

im Jahre 1515 gab er, wieder im Verein mit Albrecht Dürer, eine

Weltkarte heraus. Seine Beziehungen zu Nürnberg, sowohl die

litterarischen, als die künstlerischen, haben lange bestanden und waren

immer rege geblieben, denn sowohl der Druck als die Illustrationen des

in die Jahre 1500-1502 fallenden Labyrinthflugblattes sind Nürnberger

Ursprungs, wie die folgende Untersuchung erweisen wird.

Eine kurze Entwicklungsgeschichte der Ikonographie der

Labyrinthdarstellungen aus der Antike durch das Mittelalter bis zur

Neuzeit wird sich in Artikel II anschließen. Sie soll einen Überblick

geben über die verschiedenen Deutungen und Darstellungen und wird eine

Lücke ausfüllen, da sie in dieser Fassung bisher fehlte.

[Fußnote 321: Vgl. Krones in der Allgemeinen Deutschen Biographie XXXV

S. 337, wie weitere Literatur, ferner Prantl, Geschichte der

Ludwig-Maximiliansuniversität in Ingolstadt, Landshut etc. I. S. 137;

vgl. auch II. 486 Nr. 16.]

_Nürnberg._

Mitteilungen aus dem germanischen Nationalmuseum. Jahrgang 1896 · 第 22 / 37 题