Aus der Plakettensammlung (I.).]

[Fußnote 54: Ein interessantes Beispiel einer Compilation aus

verschiedenen Vorlagen zu einem Gesamtbilde bietet eine Plakette im

Goethemuseum (Schuchardt, Goethes Kunstsamml. II, S. 23. Nr. 34) zu

Weimar, die von einem Meister herrührt, der sich in seinen sämtlichen

Arbeiten eng an Jost Amman anschließt und von dem auch unser Museum eine

Reihe von Plaketten besitzt. Dargestellt ist die Erbauung Carthagos

durch Dido. Fast sämtliche Vorbilder halten die Neuwen Liuischen Figuren

des Jost Amman, Frankfurt 1573, geliefert. Dido und König Jarbas, zwei

mit dem Zerschneiden der Kuhhaut beschäftigte Männer und die beiden, die

mit den Lederstreifen das gekaufte Land umziehen, sind Tafel XL

entnommen. Die Begleitung Didos ist nach Tafel XLIIII »Amilcar wirt von

den Carthaginensern beschickt« gearbeitet, der Krieger links hinter Dido

findet sich Taf. VII »Numa Pompilius der andere König in Rom«, während

uns der barhäuptige Mann mit hohem Stehkragen und Schnürenrock auf Seite

J 2b (Psalmo I) der Neuwen Biblischen Figuren von Amman, Frankfurt 1569,

begegnet. Und obgleich die einzelnen Teile auf diese Weise

zusammengesucht sind, sind sie doch in einer Art zusammengestellt, die

uns vor dem Kompositionstalente des Künstlers die größte Hochachtung

abnötigte.]

Unsere Sammlung besitzt von H. G. nachfolgende Stücke vgl. Taf. I:

1) Scylla und Minos. K. P. 203. Katal. 528 (dort irrtümlich Aeneas und

Dido bezeichnet). Rund. Durchm. 0,182 m. Bleiguß.

In der Mitte der Platte Minos, nach links gallopierend, mit Helm

bedeckt, in der Linken den Feldherrnstab haltend, den er auf die Hüfte

stützt. Links von ihm ein barhäuptiger Mann in begrüßender Stellung,

rechts ein Krieger mit Helm und Lanze. Im Vordergrunde zwei sitzende

Krieger, den Rücken dem Beschauer zugewandt. Weiter im Hintergründe

sieht man rechts die Krieger des Minos, links drei Frauen der Scylla.

Letztere ist zweimal vertreten: wie sie von einem Turme aus Minos

zuwinkt und wie sie, von einer Frau begleitet, ihrem Geliebten das

Lebenshaar ihres Vaters Nisos zuträgt. Sämtliche Personen in antiker

Gewandung. Im Hintergrunde Meer mit Delphinen und Schiffen, Architektur

etc. Vorn unten auf der Platte befindet sich ein Baumstumpf mit der

Inschrift: 1569 H G. Geflechtartige Umrahmung.

Das Vorbild zu dieser Darstellung finden wir in Johan. Posthii

Germershemii tetrasticha in Ovidii metamor. lib. XV. quibus accesserunt

Vergilii Solis figurae elegantiss. & iam primum in lucem editae.

Frankfurt, Feyerabent. 1563. 8. S. 91. Die Scenerie ist hier allerdings

bedeutend einfacher, da Solis den Gegenstand in zwei Holzschnitten

behandelt. Solis ist aber auch nicht der Erfinder, sondern er hat fast

sämtliche Abbildungen zu den Metamorphosen aus La vita et metamorfoseo

d'Ovidio, Figurato & abbreuiato in forma d'epigrammi da M. Gabriello

Symeoni. A Lione per Giouanni di Tornes, 1559. 8. übernommen[55].

[Illustration]

[Fußnote 55: Die Holzschnitte in der Ausgabe des Posthius sind

dieselben, wie die in der gleichfalls 1563 bei Feyerabent erschienenen

Ausgabe der Metamorphosen, die Nagler, Monogr. III, N. 570, 5 citiert.

Die Abbildungen des Virgil Solis sind im Vergleich zu der Lioner Ausgabe

von 1559 gegenseitig, vergrößert und nur vereinzelt mit geringen

Änderungen versehen. (Über die Offizin des Jean de Tournes in Lion cf.

J. Reimers, Peter Flötner. 1890. S. 33 ff.). Solis hat aus der Lioner

Ausgabe die Abbildungen S. 36, 43, 57, 67, 77, 80, 84, 85, 88, 101, 118,

127, 176, 181, 182, 186, 187 nicht übernommen. Entweder sind die

betreffenden Scenen gar nicht, oder selbständig von Solis bearbeitet. Zu

den letzteren, die also nicht auf die Lioner Ausgabe zurückzuführen

sind, gehören in der Ausgabe des Posthius die Holzschnitte: S. 71, 72,

74, 83, 101, 109, 113, 117. Holzschnitt S. 27 (bei Posthius) hat unten

in der Mitte das Monogramm des Holzschneiders -BV- mit dem Schnitzmesser

links, was bei Nagler, Monogr. I. N. 2096 nachzutragen ist. Ebenso gibt

Nagler, Monogr. III, N. 570, 5 nur 6 Holzschnitte an mit dem Zeichen des

Holzschneiders [Zeichen: b]. Dieses Zeichen findet sich indessen, in

verschiedenen Größen, auch auf den Schnitten: Met. IV, 9 Perseus befreit

Andromeda. V. 4 Pyreneus von den Musen gestraft. V, 7 Ceres verwandelt

einen Knaben in eine Eidechse. IX, 7 Byblis verfolgt ihren Bruder. XII,

1 Opferung der Iphigenie. XIII., 10 Aeneas trägt seinen Vater aus dem

brennenden Troia.]

Für die weitere Verbreitung und Benutzung der Plakette stehen mir zwei

Beispiele zu Gebote. Erstens besitzt unsere Kupferstichsammlung unter

Nr. 4015 eine Punzenarbeit (siehe die verkleinerte Abbild, im Text), die

von einer nicht sehr geschickten Hand nach der Plakette gearbeitet

wurde. Der Stich erscheint natürlich gegenseitig, die Perspektive

mangelhaft, auffallend schlecht besonders in der Gruppe der Krieger, an

die Stelle von Gräsern und Büschen hat der Copist häufig einfach Steine

treten lassen. Monogramm und Jahreszahl auf dem Baumstumpf fehlen.

Solcher Punzenarbeiten sind uns eine große Anzahl erhalten. Sie

entstammen den Goldschmiedewerkstätten und dienten als Vorlagen für

Treibarbeiten. Die Zeichnung wird auf die Kupferplatte übertragen und

die Umrißlinien mit Punzen eingeschlagen. Die Linien bestehen daher aus

einzelnen Punkten, und, um dem Treiber anzugeben, welche Partien höher

und welche flacher im Relief gehalten worden sollen, werden die Punkte

je nachdem tiefer oder flacher, dichter an einander, oder weiter von

einander abstehend eingetrieben. Schattengebung ist für die Zwecke der

Punzenarbeiten überflüssig, und erst, als auch diese Gattung in der

zweiten Hälfte des 16. Jahrh. sich zu selbständigen Kunstwerken

ausgestaltete, finden wir auch den Schatten beigefügt. Bei unserem

Stich, der nach der Art seiner Behandlung lediglich den Zweck einer

Vorlage gehabt hat, ist auffallend die Ursache seines Entstehens. Wozu

war ein Stich nötig, nachdem das Vorbild in Form einer Plakette, also

eines brauchbareren und praktischeren Modells schon gegeben war? Es mag

wohl der Grund darin zu suchen sein, daß mit der Vervielfältigung einer

Plakette immerhin manche Umständlichkeiten verknüpft waren, daß ihre

Aufbewahrung größere Sorgfalt verlangte, wenn die Einzelheiten,

Baumschlag, Gesichtszüge etc., nicht, wie wir es an vielen Beispielen in

unsern modernen Sammlungen noch sehen können, gedrückt, abgerieben und

unkenntlich gemacht werden sollten. Wir müssen annehmen, daß die

Goldschmiede der damaligen Zeit ausnahmslos gewandte Zeichner und

geschickte Techniker waren, die Umsetzung einer Plakette in eine

Zeichnung ging ihnen leicht von der Hand und das Arbeiten nach einem

Stich bereitete ihnen keine Schwierigkeit. Es tritt uns häufig die

Erscheinung entgegen, daß plastische Arbeiten nach einer Plakette im

Gegensinne erscheinen. Ich glaube, daß wir in solchem Falle stets einen

Stich als Zwischenglied anzunehmen haben. Auch nach unserer Plakette

existiert eine Goldschmiedearbeit im Gegensinne, zu der aber nicht die

angeführte Punzenarbeit unserer Kupferstichsammlung die Vermittelung

gewesen sein kann, sondern zu der wir einen anderen Stich als Vorlage

voraussetzen müssen. Die Arbeit, eine silber-vergoldete Schale, befand

sich im Besitze Spitzers, und ist abgebildet in »La collection Spitzer«

III, orfèvrerie civile Pl. VIII. Die Beschreibung lautet dort (S. 25 Nr.

66): «A I'intérieur de la coupe est figurée la légende de Scylla. Nisus

(?), vêtu en guerrier antique, monté sur un cheval au galop, occupe le

centre de la composition. A droite et à gauche, des groupes de guerriers

(!). Au fond, on aperçoit Scylla tenant à la main la mèche de cheveux

qu'elle a coupée a son père; on la voit encore sur le haut d'une tour

qui fait partie de l'enceinte d'une ville, au dernier plan: fond de

paysage et de fabriques. Sur le bord de la coupe, à l'intérieur, est

gravée l'inscription suivante qui explique le sujet: Quid non cogit amor

testis Niseia virgo | ausa in purpurea regna pater[56] coma | fatali

tondere manu quid moenibus hostem | arces, hoste magis nata timenda tibi

est. Heu quanto stetit unius tonsura capilli Scylla tibi en tecum patria

versa tua est nil agis at vobis male sit nox somne cupido quorum opera

tantum suscipere ausa scelus. (?)

Sur le bord de la coupe, à l'intérieur, un poinçon: un écusson chargé

d'un V.

In Bezug auf die Landschaft ist der Meister dieser Arbeit sehr

selbstständig vorgegangen, sie hat durch seine vereinfachende

Behandlungsweise eher gewonnen, als verloren. Die manirierten Wolken

sind verschwunden, die Architekturteile aber sind sehr mäßig

ausgefallen. Der linke Eckturm der Stadt im Vordergrunde ist völlig

mißraten. Scylla hat, in näherer Anlehnung an Solis, einen großen Busch

Haare in der Rechten, damit an der Bedeutung ihrer Person kein Zweifel

sein kann. Der Baumstumpf mit dem Monogramm und der Jahreszahl fehlt.

[Fußnote 56: Auf der Platte steht deutlich und richtig paterna.]

2) Verkleinerter Ausschnitt aus der unter 1) angeführten Darstellung von

Scylla und Ninos. Copie. K. P. 888. Kat. 531. 0,05 × 0,45 m. Bleiguß.

3) Eberjagd. K. P. 461. Kat. 530. Rund. Durchm. 0,17 m. Arabeskenartige

Umrahmung. Bleiguß.

Ein nach links gallopierender Reiter in antiker Gewandung, mit Federhut,

in der Linken einen Jagdspeer schwingend und ein Jäger mit der Saufeder

dringen auf einen von 4 Hunden angefallenen Eber ein. Im Vordergrunde

rechts auf einem Baumstumpf 1570 H. G.

4) Tod des Adonis. Von Jagdscenen umgeben. K. P. 204. Kat. 605. Rund.

Durchm. 0,159 m. Bleiguß.

Adonis, nackt, liegt nach rechts im Schoße der bekleideten Venus, von

links beugt sich Amor zu ihm nieder, im Vordergrunde Schild, Horn,

Jagdspeer und Mantel. Im Hintergrunde sieht man nach rechts den Eber

enteilen. Durchm. des Mittelstücks incl. des umrahmenden Kranzes 0,065

m. Der Rand ist in einer Breite von 0,042 m von Jagdscenen bedeckt,

unter denen sich die bei 3) aufgeführte mit geringen Änderungen rechts

oberhalb der Venus wiederholt. Der Jäger steht nicht links, sondern

rechts vom Eber und hat die Saufeder bereits dem Wild in die Seite

gestoßen. Den Reiter sehen wir, etwas verändert, links von der Gruppe.

5) Der Angler. K. P. 205. Kat. 529. Durchm. 0,17 m. Umrahmung wie bei

1). Bleiguß.

Im Vordergrunde links sitzt ein nach rechts gewandter Mann am Ufer eines

Flusses und angelt. Ein Korb hängt über einem Zweige im Wasser, ein

zweiter steht am Ufer. Der Fluß ist belebt durch Vögel, Fische und

Kähne. In der reichausgestatteten Landschaft bemerkt man rechts eine

Mühle, links antike Gebäudeteile. Rechts dem Angler gegenüber befindet

sich auf einem Baumstumpf die Inschrift: 1570. H. G.

6) Vulcan und 3 Cyclopen mit schmieden beschäftigt. K. P. 202. Kat. 602.

Rund. Durchm. 0,17 m. Kranzartige Umrahmung. Bleiguß.

Vulcan, vor einem Ambos in offener Landschaft sitzend, und 3 stehende

Cyclopen schmieden. Links die Feueresse, rechts Venus, die ihre rechte

Hand auf Amors Haupt gelegt hat. Sämtliche Personen sind nackt.

7) Das Urteil Salomonis. K. P. 208. Kat. 603. Rund. Durchm. 0,17 m.

Umrahmung ähnlich wie bei 3). Bleiguß.

Salomo, bartlos, sitzend in freier Landschaft, mit Scepter in der

Rechten, vor ihm ein Scherge, der in der linken Hand das lebende Kind am

Bein, in der Rechten das Schwert hält. Im Vordergrunde die beiden

klagenden Weiber, zwischen ihnen noch einmal das Kind, liegend. Im

Hintergrunde zwei bärtige Männer, deren einer das Liktorenbeil trägt.

Rechts turmartiges Gebäude, von dessen Brüstung, ähnlich wie bei 1), ein

Weib herunterschaut. Aus der Thüre, von der eine Treppe zum Erdboden

führt, tritt eine Person mit einem Korbe in der Hand.

Schuchardt. Goethes Kunsts. II. S. 26 Nr. 74.

8) u. 9) Hirsch- und Eberjagd in der Art des H. G. K. P. 254 u. 253.

Kat. 548. 549. 0,022 × 0,093 m. Bleiguß.

Ein Hirsch, nach links entfliehend, wird von Jägern und Hunden verfolgt.

Ein Reiter mit Jagdhorn. Im Vordergrunde links ein Kreuz.

In der Mitte ein Reiter mit Jagdspeer, rechts ein von Hunden

angefallener Eber, links laufender Mann mit zwei Hunden.

Nagler, Monogr. III. Nr. 974 erwähnt: »In der fürstlichen Sammlung zu

Wallerstein befindet sich ein Pulverhorn mit einer runden getriebenen

und vergoldeten Platte, welche den Saturnus vorstellt, wie er die nackte

Wahrheit der aufgehenden Sonne entgegenführt. Ein düsterer Dämon sucht

sie vergebens wieder niederzuhalten, denn schon schwebt die

Friedenstaube über dem Lande. Die Umschrift besagt: Abstrusum Tenebris

Tempus Me Educit In Auras. -- H. G. 1570.«

Leider konnte mir eine Abbildung oder nähere Beschreibung dieses

Pulverhorns nach gütiger Mitteilung des Herrn Bibliothekar Dr. Grupp

augenblicklich nicht zur Verfügung gestellt werden, wohl aber ist mir

durch die Liebenswürdigkeit der Verwaltung der archaeologischen

Abteilung des Darmstädter Museums der Abguß einer Plakette zugegangen,

die zweifellos das Modell zu der Platte des Pulverhorns darstellt. Die

Plakette, rund, hat einen Durchmesser von 0,083 m., ohne den mit der

Inschrift versehenen Rand 0,063 m. Die Darstellung entspricht genau der

Beschreibung Naglers. Aber das erste Wort der Umschrift lautet nicht

Abstrusum, sondern ABSTRVSAM, außerdem steht noch in der inneren

Plakette mit kleineren Buchstaben: VERITAS· FILIA· TEMPORIS· Wenn Nagler

also richtig zitiert, so hätten wir hier einen Beweis dafür, daß die

Plakette nicht als Andenken von einer ausgeführten Treibarbeit

abgegossen ist, sondern daß der Meister zunächst die Plakette

herstellte, um nach ihr zu arbeiten, dann aber bei der Platte für das

Pulverhorn den Fehler des Modells nicht nachahmte, sondern korrigierte.

Ein zweites Exemplar dieser Plakette, weit besser erhalten als das

Darmstädter, aber ohne Rand, also auch ohne das Monogramm, befindet sich

in Kassel. Eine Photographie davon verdanke ich Herrn Prof. Dr. K.

Lange. Es gehört dieses Stück zu den besten Arbeiten des Meisters H. G.

Von den Nachfolgern Flötners steht unserem Plakettisten in der

Behandlung von figürlichen Darstellungen der durch eine große Reihe von

Punzenarbeiten bekannte Meister J. S. am nächsten. Was A. Winkler im

Jahrbuch der kgl. preuß. Kunstsammlungen Bd. XIII, S. 100 von diesem

schreibt:

Besonders charakteristisch ist die Behandlung der Landschaft, zumeist

eine Verbindung deutscher Fluß-, Dorf- und Städtelandschaft mit

antik-römischen Reminiscenzen paßt ebenso auf Flötner und H. G. Auch die

Wassermühle, die übrigens auch Jost Amman gern verwendet, ist ein

bevorzugtes Motiv beider. Endlich erinnere ich noch an die Ähnlichkeit

der Wolkenbehandlung zwischen H. G. und I. S. Lauter _ähnliche_ Motive,

die doch von jedem einzelnen Meister in origineller Weise wieder

durchgebildet sind, die aber auf eine gemeinsame Schule schließen

lassen, welche von Flötner ausgegangen ist.

_Nürnberg._

Dr. _F. Fuhse_.

Oswald und Kaspar Krell.

(Vergl. Dürers Porträt Oswalds in der Münchener Alten

Pinakothek.)

Wie bei jedem Kunstwerk das Verständnis des Gegenstandes, des Inhalts,

dessen, was der Künstler hat ausdrücken wollen, eine der

Hauptbedingungen des künstlerischen Genusses ist, so auch beim Porträt:

richtig beurteilen und voll würdigen können wir eine Leistung auf diesem

Gebiete erst, wenn wir mit dem Gegenstande -- hier also der

Persönlichkeit des Dargestellten -- bekannt gemacht sind. Aus diesem

Grunde werden auch einige Aufschlüsse über Oswald Krell, die sich mir

bei Gelegenheit anderer Studien in den hiesigen Archiven ergeben haben,

vielleicht um so mehr willkommen sein, als bisher über diesen Mann

nichts weiter bekannt war, als daß Dürer im Jahre 1499 sein Bildnis

gemalt hat[57]. Wohl mit Recht vermutet Thausing (Dürer I, 193), daß es

das erste Porträt war, das von dem jugendlichen Meister auf

ausdrückliche Bestellung gemalt wurde, denn schon das Aussehen des

Mannes ist nicht der Art, daß man sich dadurch hätte angezogen fühlen

können. »Es ist keine einnehmende Persönlichkeit«, sagt Thausing, »die

hier in aller Herbigkeit ihrer Erscheinung dargestellt ist. Der

knochige, bartlose Kopf des jungen Mannes ist etwas nach links gewandt,

und ernst, fast mürrisch, blicken die Augen aus den äußersten Winkeln

heraus.« Diese von dem in der königl. Pinakothek zu München befindlichen

Bilde abgelesene kurze Charakteristik wird durch einen Blick auf die

Thatsachen, die wir aus dem Leben Oswald Krells und über seine

Familienverhältnisse beibringen können, im wesentlichen bestätigt --

gewiß ein Zeichen für die hohe Kunststufe, welche Dürer als Porträtist

bereits zu Ausgang des 15. Jahrhunderts erreicht hatte.

Das Geschlecht der Krell oder Kreel gehört zu den Nürnberger Ehrbaren

Familien. In einer Urkunde vom 16. August 1490 kommt ein Franz Krell mit

dem Zusatz der «Erbar» als Mitglied des größeren Rates vor[58]. Oswald

erscheint in den im Kreisarchiv Nürnberg verwahrten Ratsprotokollen

zuerst im Jahre 1497, wo über ihn und Wolf Ketzel vom Rat eine Strafe

verhängt wird, weil sie einen ehrsamen Bürger[59], den Hans Zamasser, in

einem Fastnachtsspiel als Narren verhöhnt haben. Sie sollen dafür einen

Monat »auf einen versperrten Turm« wandern, es wird ihnen aber

freigestellt, sich von der Hälfte dieser Strafe mit Geld loszukaufen.

Alles bittliche Ansuchen hilft dagegen nichts, nur ein Aufschub der

Strafe, d. h. ihrer Abbüßung, wird den beiden Übelthätern endlich

gewährt[60]. Freilich kommt in den Notizen, die sich auf diesen Fall

beziehen, der Name Krell überhaupt nicht vor. Es heißt nur »Oswald, der

Gesellschaft von Ravensburg Diener«; da aber nach einer ziemlich

gleichzeitigen Urkunde im Nürnberger Stadtarchiv Oswald Krell damals in

der That »ein diener vnd handler (an anderer Stelle heißt es: »factor

vnd handler«) der gesellschafft zu Rauenspurg« war, so ist an seiner

Identität mit jenem losen Spötter nicht zu zweifeln[61].

[Fußnote 57: Vgl. T. de Wyzewa in der Gazette des Beaux-Arts 1890, 1.

August: »Oswald Krell réalise l'idéal de l'obscurité et du peu

d'importance; on n'a pu découvrir ni d'où il venait, ni qui il était, et

rien ne nous est resté de lui, à part son nom et son image.«]

[Fußnote 58: Freiherrl. von Holzschuhersches Archiv (im Germanischen

Museum) Perg.-Urk. vom 16. Aug. 1490.]

[Fußnote 59: Nach Aufzeichnungen Lochners im Nürnberger Stadtarchiv,

deren genauere Bezeichnung -- es handelt sich um eine Randbemerkung in

den sogenannten Selekten -- ich mir leider nicht gemerkt habe, besaß ein

Zamasser ein Haus am Markt in der Nähe der Fleischbrücke.]

Viele Jahre hören wir nichts mehr von ihm. Dann taucht sein Name

plötzlich wieder auf; aber inzwischen ist aus dem Handlungsdiener, der

die Interessen einer fremden kaufmännischen Gesellschaft[62]

wahrzunehmen hatte, ein selbständiger Mann, wie es scheint ein

angesehener Kaufherr zu Lindau im Bodensee[63] geworden, dessen

Bürgschaft in einer Kriminalsache von dem Rat zu Nürnberg gewünscht

wird. Wiederum ist es keineswegs ein sauberer und für seine Familie

ehrenvoller Handel, in den Oswald hineingezogen wird, wenn diesmal auch

nicht er, sondern sein Bruder Kaspar Krell der Schuldige war. Der

ziemlich abenteuerliche Hergang dieser Angelegenheit bietet manches

sittengeschichtlich Interessante, und so will ich ihn hier in Kürze

erzählen, obgleich dabei für das Verständnis des Dürerschen Gemäldes,

von dem unsere Betrachtung ausging, nicht mehr viel zu gewinnen ist.

[Fußnote 60: [R(ats)-P(rotokolle) 1497 (Heft) II, (Blatt) 15b] Tercia

post domini oculi (_28. Febr._) _1497_:

Es ist bey einem erbern Rat erteylt wolff ketzel vnnd den oßwalt der

geselschafft von Rafenspurg diener, yr yden ein monat vff ein versperten

thurn, zu straffen, den halben teyl mit dem leyb zuuerpringen aber den

anndern halben teyl mag Ir yder mit dem geltt darauff gesetzt ablosen,

Darumb das sie Hannsen Zamasser, mit einem faßnacht Spil als ein narren

gehondt haben.

[R.-P. 1497, II, 17a] Quinta post domini Oculi (_2. März_) _1497_.

Es ist erteylt, In der sachen Zwischen dem Zamesser, vnd wolffen ketzel

auch dem oßwalt, das es ein erber Rat bej der straff die In vormalen Im

Rat erteylt ist entlich sol pleyben, vnd kein enndrung dar Innen thun

lassen.

[R.-P. 1497, III, 9b] Tercia post domini palmarum (_21. März_) _1497_:

Es ist abermalen Im Rat erteylt das es bej der straff die [man] dem

ketzell vnnd dem Oßwallt von wegen des Zamasserß auffgelegt hat,

nochmalen sol pleyben.

[R.-P. 1497, IV, 13b] Quinta post misericordiae dominj (_13. April_)

_1497_:

Oßwallten der gesellschafft von Rafenspurg diener ist frist zu seiner

straff geben bis vff pfingsten.

[R.-P. 1497, VI, 16b] Tercia post Viti (_20. Juni_) _1497_:

Wo der oßwalt sein straf itzo halbe wil verpringen sol [man] Im zu dem

anndern Halben teyl biß vff Jacobj frist geben.

[R.-P. 1497, VII, 4a] Tercia post Johannis Baptiste (_27. Juni_) _1497_:

Es ist abermalen erteylt das Oßwalt sein straff verpringen sol wie am

nachsten im Rat erteylt ist.]

[Fußnote 61: Stadtarchiv. Libri litterarum. Bd. X. Fol. 82b, leider ohne

Datum, aber ohne Zweifel in die neunziger Jahre des 15. Jahrhunderts

gehörend. Es handelt sich um Summen, welche Hieronymus Behaim, Bürger zu

Nürnberg und Blasius Krieg zu Breslau verschiedenen Leuten für

gelieferte Kaufmannswaren schuldig sind. Unter den Gläubigern erscheint

auch Oswald Krell, der 248 Gulden zu fordern hat.]

[Fußnote 62: Ohne Zweifel jene große patrizische Handelsgesellschaft zu

Ravensburg, an deren Spitze im 15. Jahrhundert die uralte Familie

Hundbiß stand. Vgl. darüber F. Hafner, Geschichte von Ravensburg (1887)

S. 94, 269, 441 u. ö.]

Im Februar des Jahres 1511 wurde Kaspar Krell von Lindau wegen

mancherlei Diebereien plötzlich festgenommen und unter Androhung der

Folter verhört. Welcher Art seine Diebstähle gewesen sind, geht aus den

Ratsprotokollen nicht mit Sicherheit hervor. Er gestand sie aber ein und

würde auf dem für ihn angesetzten »ernstlichen Rechtstag« vermutlich zum

Tode durch den Strang verurteilt worden sein, wenn sich nicht

hochgestellte Persönlichkeiten: der Bischof von Regensburg, Kurfürst

Friedrich von Sachsen, die kaiserliche Majestät selbst für ihn verwendet

hätten. Die Wichtigkeit, welche der Sache beigelegt worden zu sein

scheint, dann der Umstand, daß wir Kaspar Krell einmal im Verein mit

einer ganzen Anzahl anderer Häftlinge erwähnt finden, läßt vermuten, daß

wir es in ihm mit keinem gewöhnlichen Diebe, sondern eher mit einem

Strauchritter, sogenanntem Placker, oder etwas Ähnlichem zu thun haben,

der sich vielleicht guter Beziehungen zu den verschiedenen fürstlichen

Höfen erfreute. Kaiser Maximilian befürwortete sogar seine Freilassung.

Darauf aber konnte sich der Rat nicht einlassen. Er sicherte ihm zwar

auf das Drängen der Fürsten das Leben zu, ließ aber Kaspar Krell bis auf

Weiteres im Loch liegen. Der Probst von St. Sebald wurde beauftragt, der

kaiserlichen Majestät die Gründe für dieses Verhalten des Rates

auseinander zu setzen und sein Schreiben gleich so einzurichten, daß »Ir

Mt an ainen Rate ainich weitter Mandata nit außgeen lass, denselben

Caspar frey ledig zu geben, in ansehung was sich ain Rate bey Ime

besorgen müß.« Aber im Grunde wäre man doch -- gegen die nötige

Sicherheit -- des gefährlichen Menschen gern ledig gewesen, zumal man

nicht recht wußte, was man nun mit ihm anfangen sollte. Man ließ ihn

Urfehde schwören, glaubte sich aber dadurch noch keineswegs genügend

gegen neue Schädigung und Anfeindung von seiner Seite gedeckt und trat

daher gleichzeitig in Unterhandlungen mit den von Kaspar Krell selbst

vorgeschlagenen Bürgen. Seiner »Freundschaft«, die sich wohl

gleichzeitig für ihn verwendet hatte, ward angesagt, man sei geneigt,

falls außer ihnen noch Kaspars Eltern, sowie sein Bruder Oswald Krell in

Lindau zur Stellung der nötigen Sicherheit zu bewegen sein würden,

solche Bürgschaft gelten zu lassen. Das aber machte Schwierigkeiten. Die

Krellen in Lindau konnten sich mit dem Rat nicht so bald über die als

Bürgschaft zu zahlende Summe einigen, und während die Verhandlungen noch

schwebten, geschah etwas, das eine wesentliche Verschlechterung der Lage

Kaspars im Gefolge haben sollte. Die Maid des alten Lochhüters --

gemeint ist wohl seine Tochter -- hatte sich in den Gefangenen verliebt,

und mit ihrer Hilfe machte Kaspar einen Fluchtversuch, der aber mißlang.

Gebunden ward er in das Loch zurückgeschafft, dort in Ketten gelegt und

aufs Neue mit der Folter bedroht. Vielleicht hat man sie ihm auch zu

kosten gegeben, doch reichte wahrscheinlich die Beschaffenheit des

Lochgefängnisses allein hin, auch einen starken Mann mürbe und den

gesundesten krank zu machen; das können wir aus einigen Andeutungen

schließen.

[Fußnote 63: Wenn zu Anfang des 16. Jahrhunderts von Lindau ohne

weiteren Zusatz die Rede ist, ist wohl immer Lindau i. B. gemeint. Über

dessen Bedeutung für den damaligen Handelsverkehr s. L. v. Ranke, Zur

deutschen Geschichte (Sämtliche Werke. 3. Aufl. 1888. VII. Bd.) S. 34.]

Inzwischen war es wieder Winter geworden. Zu Anfang des neuen Jahres

1512 bat der Gefangene, beichten und das heilige Sakrament empfangen zu

dürfen. Beides wurde ihm gewährt und außerdem zugelassen, daß er alle

Samstag ein Licht in seinem Kerker brennen möge, ein Gnadengesuch seiner

Geliebten jedoch, von der es hieß, daß Kaspar sie im Loch zur Ehe

genommen habe, abschlägig beschieden. Zugleich ließ der Rat unter der

Hand und durch allerlei Mittelspersonen erneute Versuche machen,

namentlich Oswald Krell zu den gewünschten, volle Sicherheit

verbürgenden Zugeständnissen zu bewegen. Sogar dem Lochhüter ward einmal

ein Wink gegeben, Gelegenheit zu bieten und zu verstatten, daß Kaspar

Krell wieder an seine Freundschaft schreibe. Aber Oswald blieb hart. Im

September erkrankte Kaspar; so dürfen wir wohl aus der Mitteilung

schließen, daß ihm eine Hauptwaschung und Aderlaß erlaubt wurde. Ein

Schermesser, besagte die Verordnung, dürfe aber nicht an ihn kommen.

Vermutlich wollte man ihn in recht verwahrlostem, bejammernswürdigem

Zustand seinen Verwandten gegenübertreten lassen, deren Ankunft man

erwartete. Aber noch bis zum November blieben diese aus. Dann erst, als

die Brüder Kaspars -- ob Oswald darunter war, wird nicht gesagt --

eingetroffen waren und im Beisein Nikolaus Hallers eine Unterredung mit

ihrem elenden Bruder gehabt hatten, kamen endlich die Unterhandlungen

über die zu leistende Bürgschaft in rascheren Fluß. Die nächste Folge

davon war, daß Kaspar aus dem Loch in »das obere Stübchen« umquartiert

wurde; doch blieb er auch hier noch mit einer Kette an die Wand

geschlossen. Immerhin fehlte nicht viel und es wäre unter vergeblichen

Hin- und Herschreibereien zwischen Nürnberg und Lindau auch dieses Jahr

zu Ende gegangen. Da kam kurz vor Jahresschluß die Befreiung. Auf Grund

welcher Vereinbarung sich der Rat dazu verstand, ist uns nicht

überliefert. Wir hören nur, daß am 29. Dezember dem Kaspar Krell sein

Geld und seine Kleider, die ihm bei seiner Einlieferung ins Gefängnis

abgenommen worden waren, wieder ausgehändigt wurden. Nur ein Becher, der

vermutlich zu den ehemals geraubten Gegenständen gehörte, verblieb

zunächst in den Händen des Rats, »ob sich vielleicht jemand finde, dem

er zustehe.« Das ist die letzte Notiz über Kaspar Krell, und auch

Oswalds Name kommt seitdem in den Nürnberger Ratsprotokollen nicht

wieder vor[64].

[Fußnote 64: Ich gebe hier im Zusammenhang diejenigen Ratsverlässe,

welche der vorstehenden Darstellung des Falles Kaspar Krell, zu Grunde

liegen:

[R.-P. 1510, XII, 4a] Secunda Scolastice (_10. Febr._) _1511_:

Casper Krell vmb weitter dieberey zu red hallten, wo er gutlich nit

sagen will weethun.

[ebenda, 5a] Tercia post Scolastice (_11. Febr._) _1511_:

Caspar Krellen von Lindaw ist vmb sein geubter vnd bekandte dieberey

auff nachsten Pfincztag ein ernstlicher recht tag gesatzt.

[ebenda 7b] Quinta post Scolastice (_13. Febr._) _1511_:

Herzog Friedrichen von Sachsen Churfursten anzaigen das vff sein und deß

Bischoffs von Regenspurgs Furbitt Caspar kreel deß lebens gesichert sey.

[ebenda 10b] Tercia post Juliane (_18. Febr._) _1511_:

Die vrfehd vnd purgschafft Caspar krells soll man allso seiner

freuntschafft, wie die gelesen Ist, furhallten, vnd Inen ain abschrifft

dauon geben.

[ebenda 13b] Sabato Petrj ad kathedram (_22. Febr._) _1511_:

Vff furbitt Herczog Friedrichs von Sachsen Churfürsten sind diese

hernach geschribne personen begeben vnd Ihnen Ir uffgelegte straff

nachgelassen vnd gesichert nemlich Steffan Fellnstain desgleichen Hans

banntzer wo er sich mit deß entleibten freuntschafft vertregt,

deßgleichen Bernhardin Mewes wo er sich mit der widerparthey vnd ainem

Rate verträgt.

[14a] Aber diser Person halben Ist deß Herczogen furbitt gelaint nemlich

Hanns Schrecken Leonhardten werner Margrethe wegerheim Hansen

Krafftshofer, Mathes Henlin Kungund Gollnerin Hannsen Widmann zue

klainrewt Conntzen Schmid Fritzen gast Hannsen Ennter Fritzen kolben.

Vnd Caspar Krell soll Im loch bis vff vollziehung der purgschafft ligen

bleiben.

[R.-P. 1510, XIII, 18a] Sabato post Oculj (_29. März_) _1511_:

Caspar Krellen freundschafft Soll man ansagen, wo Sy irn Freund Oßwald

Krellen zu Lindaw vermugen, so woll man den zusampt Inen vnd des Caspars

vater und mutter zu pürgen annemen.

[R.-P. 1511, II, 4b] Secunda post vocem Jocunditatis (_26. Mai_) _1511_:

Caspar krellen bruder sagen Soll morgen wider vmb antwt manen.

[ebenda 5a] Tercia post Vrbanj (_27. Mai_) _1511_:

Caspar Krellen soll man noch (vnentschlossen was enndtlich mit Ime zu

handeln sey) allso ligen lassen, vnd dem Brobst Sebaldj schreiben ainen

Rate vff der k. Mt schrifft seiner halben zuuerantworten vnd zufurkomen

das Ir Mt an ainen Rate ainich weitter Mandata nit außgeen lass

denselben Caspar frey ledig zu geben In ansehung was sich ain Rate bey

Ime besorgen müß.

Vnd Casparlins freunden Anntwt zu geben ain Rate wöll vff Ir schrifft

selber anntwurt geben, vnd dann der angepotten purgschafft halben hab

ain Erber Rate Inen vor lawttern beschaid vnd anntwt geben dabey lass es

ain Rate bleiben.

[R.-P. 1511, III, 1b] Sabato post corporis Christi (_21. Juni_) _1511_:

Den krellen zu Lynndaw so ytzo Irs Sons vnd brvders halben Caspar krelln

geschriben haben antwt zu geben ain Rate hab denselben Caspar deß lebens

vff furbitt der fursten vnd gnugsam purgschafft so man ainem Rate

verwendt hab gesichert vnd darumb sey ainem Rate Ir angepottne

purgschafft alls vngnugsam nit annemlich.

[ebenda 8b] Secunda post pet. & paulj (_30. Juni_) _1511_:

Caspar Krellen weitter der maid halben Im Loch die Ime zu seiner

erledigung hanndtreich gethan haben soll zu red hallten, pynnden vnd

bedroen.

[ebenda 7 u. 9] 2 Notizen ziemlich des gleichen Inhalts.

[R.-P. 1511, X, 11a] Secunda post Erhardj (_11. Jan._) _1512_:

Caspar Krellen soll man vergonnen zu peichten vnd das heylig Sacrament

zu empfahen.

Deßgleichen Ist Ime zuglassen das er alle Samstag ain liecht Im loch

geprauchen mag doch das Ime allweg ain ketten an das pain gelegt werde.

Vnd soll bey dem Blarer haimlich angregt werden damit ain Rate seiner

erledigung halb durch oßwald Krellen stattlich angesucht werde vnd das

soll thun Caspar Nützel.

[R.-P. 1511. XII, 22a] Quarta post Oculj (_17. März_) _1512_:

Des alten Lochhüters maid ir begern vmb entledigung Caspar Krellen der

Sy im loch zu der Ehe genomen haben soll ablainen.

[R.-P. 1512, III, 23a] Secunda post Visitacionis (_5. Juli_) _1512_:

Dem Lochhüter soll man wincken das er Caspar Krell zulaß an sein

freundschafft zu schreiben.

[R.-P. 1512, V, 15b] Quinta post crucis Exaltacionis (_17. Sept._)

_1512_:

Dem Casperla Krell Soll man vergonnen daß habt waschen ader lassen aber

Ime mit keim messer nit Scheren Mit güter gwarsam.

[R.-P. 1512, VIII, 14 a] Tercia Othmari (_16. Nov._) _1512_:

Des Casperlas Crellen brüder gestatten mit Im zu reden doch In beywesen

N. Hallers.

[ebenda 14 b]:

Casparn Krell soll man In das ober stublin an ainer Ketten verwarn so

lang die Verschreibung wider von Lynndaw kompt.

[1512. X, 4a] Quarta thome Canthuariensis (_29. Dez._) _1512_:

Caspar Krellen soll man sein gelt vnd claider so in seinem fenglichen

annemen Zuuerwarung genommen sind wider zustellen Aber den Pecher

derweil er den nicht geuordert lennger behalten, ob sich ymand finden

wollt, dem er Zustund.]

_Nürnberg._

_Th. Hampe._

Zu Baldungs »Madonna mit der Meerkatze«.

Herr Dr. Stiassny hatte die Liebenswürdigkeit mich darauf aufmerksam zu

machen, daß das neue Bild des germanischen Museums, welches ich im

letzten Hefte des vorigen Jahrgangs Hans Baldung zuwies, bereits in der

Litteratur erwähnt ist. Es ist dies von Seiten Scheiblers (Repertorium

X, 28) und Stiassnys (Wiener Kunstchronik XI. Nr. 28, S. 721) geschehen,

aber allerdings in so wenig detaillierenden Ausdrücken, daß eine

Identifikation unmöglich war, zumal in Anbetracht der unzähligen Bilder

einer »Madonna mit Kind aus der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts«. Ich

hatte mir allerdings schon längere Zeit diese »Madonna bei Postrat

Beisch in Stuttgart« auf Grund dieser Zitate notiert, aber da von Seiten

des Verkäufers s. Zt. keine Angaben gemacht wurden, so war die Identität

der Beisch'schen Madonna mit unserem Bilde in der That absolut

unersichtlich. Ich habe nun unser Bild vor ganz kurzer Zeit nochmals mit

Hauptwerken des Meisters in Freiburg und Frankfurt verglichen, ferner

mit den Handzeichnungen, Stichen und Holzschnitten und muß auf meiner

Ansicht beharren: das Bild ist meines Erachtens sicher in Baldungs

Atelier entstanden und höchstwahrscheinlich ein Werk seiner eigenen

Hand.

_Nürnberg._

_Dr. Edmund Braun._

Der Meister der nürnberger Madonna[65].

Treten wir vor ein bedeutendes Kunstwerk, so ist eine der ersten Fragen,

die sich uns aufdrängen, wer hat es gemacht. Die Frage ist begreiflich

und gerechtfertigt, nicht nur vom Standpunkte des Historikers aus,

sondern für jeden verständnisvollen Beschauer. Was uns interessiert, was

uns anzieht oder abstößt, ist nicht nur das Kunstwerk als solches,

sondern auch die Individualität des Künstlers, welche aus ihm spricht.

So viele Irrtümer unvermeidlich unterlaufen, wenn Künstlernamen einzig

aus stilistischen Kriterien bestimmt werden, man wird da, wo

schriftliche Nachrichten oder gute Traditionen fehlen, immer wieder auf

diese Bestimmungsweise geführt werden.

Unter den plastischen Werken der beginnenden deutschen Renaissance wird

die nürnberger Madonna (G. M. 314, Städtische Kunstsammlung Plastik 5)

stets in erster Linie genannt. Vielfach wird sie als das bedeutendste

Werk der deutschen Plastik des frühen 16. Jahrhunderts bezeichnet, oft

ist sie besprochen, in Abgüssen und Abbildungen ist sie allgemein

verbreitet und bewundert.

Die Bezeichnung eines Kunstwerkes als bedeutendstes ist stets eine

relative, insbesondere besteht zwischen Kunstwerken, bei welchen in

erster Linie der intensive Ausdruck der Empfindung angestrebt wird und

solchen, welche mehr die formal harmonische Schönheit der Erscheinung

betonen, eine ästhetische Antinomie. Erstere haben eine höhere

individuelle, letztere eine mehr typische Bedeutung, und unvermeidlich

muss bei ihnen der Ausdruck der Gemütsbewegungen um einige Grade

herabgestimmt werden. Und doch können zwei Werke dieser beiden Gattungen

die gleiche Vollendung besitzen und bezüglich der Gattungen selbst sind

wir nicht berechtigt, die eine der anderen überzuordnen. Wohl aber sind

wir darüber klar, daß erstere mehr dem malerischen, letztere mehr dem

plastischen Ideal entspricht. Die nürnberger Madonna, welche wohl mit

Recht als Teil einer Kreuzigungsgruppe betrachtet wird, gehört zu

letzterer Gattung. Die Figur ist das Werk eines großen Künstlers,

welcher an formaler Begabung, an reinem Schönheitssinn alle seine

Zeitgenossen überragt. Eine so ungewöhnliche Sicherheit des plastischen

Könnens ist Niemanden angeboren, sie wird nur allmählig in ernster

Arbeit erworben. Es ist ganz ausgeschlossen, daß der Meister nur diese

eine oder nur wenige Arbeiten geschaffen habe. Solche sind aber bis

jetzt nicht bekannt geworden. Ob ihm die Pietà in der S. Jakobskirche in

Nürnberg zugewiesen werden darf, ist zum mindesten fraglich.

Daß aber das ganze Werk eines so großen Meisters bis auf eine Figur zu

Grunde gegangen sei, ist höchst unwahrscheinlich.

[Illustration: Nürnberger Madonna.]

Halten wir daran fest, daß die Figur eine nürnberger Arbeit ist, und es

ist kein ausreichender Grund vorhanden, sie einer anderen oberdeutschen

Schule zuzuweisen, so ist längst erkannt, daß sie weder von Veit Stoß,

noch von Adam Kraft sein kann. Beide Künstler halten an dem

spätgotischen, plastisch malerischen Stile des 15. Jahrhunderts fest,

ihre Arbeiten sind von starker und tiefer Empfindung durchweht, welche

selbst vor gewaltsamen Stellungen nicht zurückschreckt. Von einer

Zuweisung der Madonna an einen von ihnen kann keine Rede sein. Anders

stellt sich ein Vergleich mit den Arbeiten Peter Vischers, ein

Vergleich, der bis jetzt nicht angestellt wurde. Peter Vischer ist seit

den großen Meistern des 13. Jahrhunderts der erste deutsche Bildhauer,

in dem die strengsten Stilgesetze der Plastik lebendig sind. Es ist

etwas Objektives in seiner Kunst, seine Figuren haben gattungsmäßige,

typische Bedeutung. Gegenüber den scharf individualisierten

Persönlichkeiten Krafts oder gar Dürers haben seine Menschen etwas

Allgemeines. Er individualisiert nicht mehr, als sich mit der harmonisch

linearen Schönheit der Gesamterscheinung vereinigen läßt, auf welche

sein Absehen in erster Linie gerichtet ist. Demgemäß sind auch die

Bewegungen maßvoll und die Gewandung ist von klassischer Einfachheit,

die Körperform mehr hebend als verhüllend. Von den untersetzten

Verhältnissen der Apostelfiguren am Grabmale des Erzbischofs Ernst von

Magdeburg geht er später zu schlanken Proportionen über. Die Apostel am

Sebaldusgrab haben sieben und mehr Kopflängen.

[Fußnote 65: Auf die stilistischen Eigentümlichkeiten der Figur, welche

dieselbe mehr der Metall- als der Holzplastik zuweisen, hat Dr. H.

Stegmann schon früher aufmerksam gemacht.]

Die charakteristischen Merkmale von Peter Vischers statuarischen

Arbeiten, namentlich von den Aposteln des Sebaldusgrabes finden sich

wieder an der Nürnberger Madonna. Die plastischen Motive und der Fluß

der Linien sind von einer Harmonie und Klarheit, wie sie die deutsche

Schnitzkunst vorher nie erreicht hatte. Das Bewegungsmotiv ist von oben

bis unten einheitlich durchgeführt, hier stören keine Verrenkungen und

Härten wie bei anderen Schnitzwerken der gleichen Zeit. Eine milde

Stimmung beherrscht das ganze Werk.

Nun sind diese übereinstimmenden Momente an und für sich noch kein

Beweis für Vischers Autorschaft, sie gewinnen aber dadurch erheblich an

Gewicht, daß Vischer mit seiner plastischen Auffassung in seiner Zeit

ganz allein steht. Beobachtungen von Einzelheiten kommen hinzu. Vischer

liebt in der Gewandbehandlung lang gezogene Falten, der Fall der

Obergewänder ist breit, zuweilen etwas schwer. Auch an der Madonna ist

der Faltenwurf ähnlich behandelt. Man vergleiche den Fall des Mantels in

beistehender Skizze mit dem der Schwester des Lazarus vom Epithaph der

Margareta Tucher. Von der Knitterigkeit, von den barock gebauschten

Rändern der Gewänder, wie sie noch Veit Stoß liebt, ist hier keine Spur

mehr zu sehen. Auch die Behandlung der Hände und das rund vorspringende

Kinn hat in anderen Werken Vischers seine Analoga.

[Illustration: Tucher'sches Epitaph.]

[Illustration: Nürnberger Madonna.]

Endlich aber ist die Figur -- worauf schon Dr. Stegmann aufmerksam

gemacht hat -- überhaupt nicht im Holzstil, sondern im Metallstil

gedacht und ausgeführt.

Die unruhigen, knitterigen und gebauschten Falten der Holzfiguren zielen

auf eine malerische Wirkung ab, welche Polychromie und Vergoldung zur

Voraussetzung hat; bei unserer Figur ist eine Steigerung der Wirkung

durch farbige Behandlung kaum denkbar. Schon die Verteilung von Ober-

und Unterkleid ist eine solche, daß durch ein Auseinanderhalten mittels

Farbe nur eckige und unschöne Überschneidungen entstünden, welche der

plastischen Erscheinung nicht zum Vorteil gereichen würden. Die großen

Flächen des Mantels würden in anderer als der dermaligen grünlichen

Farbe eben auch nicht viel anders erscheinen als jetzt.

Wohl aber würde die ganze Gewandung bei einer Ausführung in Bronze durch

die Glanzlichter auf den Höhen und die dunkeln Schatten in den Tiefen

der Falten sehr wesentlich belebt werden.

Es sei noch darauf hingewiesen, daß der grünliche Anstrich der Figur

nicht modern, sondern alt und mehrmals erneuert ist.

Mit dem Gesagten ist eine ziemliche Wahrscheinlichkeit für Peter

Vischers Autorschaft gewonnen. Es darf indes nicht verschwiegen werden,

daß zur Gewißheit manches fehlt.

Wenn auch Vischer von den kurzen Verhältnissen der magdeburger Figuren

später zu schlankern übergeht, so überschlanke Figuren, wie die

nürnberger Madonna sind von ihm doch nicht bekannt. Und die Ausführung

ist sorgfältiger, als wir es sonst von Vischer gewöhnt sind.

Man möchte vielleicht, wenn man die Autorschaft Peter Vischers

bezweifelt, an einen seiner Söhne denken, allein solange wir deren

künstlerische Individualität nicht genauer kennen, wird sich auch nicht

entscheiden lassen, ob etwa statt des Vaters, einer der Söhne, als

Meister der Figur in Frage kommt.

_Nürnberg._

_Gustav von Bezold._

Das Gedenkbuch des Georg Friedrich Bezold, Pfarrers zu

Wildenthierbach im Rothenburgischen.

Durch Schenkung seitens des Herrn Direktors von Bezold ist das

germanische Museum letzthin in den Besitz einer Handschrift gelangt,

die, wie eine kurze Charakterisierung des Inhalts zeigen wird, manchen

willkommenen Beitrag zur Kenntnis insbesondere der Kulturgeschichte des

18. Jahrhunderts liefert. Viele Eintragungen freilich können nur ein

beschränktes, lokalgeschichtliches Interesse erwecken, andere dagegen

verdienen auch in weiteren Kreisen ohne Zweifel Beachtung. Diese

Doppelnatur unseres (mit Ausschluß des Registers und eines später

hinzugebundenen Heftes von 41 Seiten mit allerlei biblischen Zitaten und

Nachweisen) 658 nummerierte Quartseiten zählenden Manuskripts erklärt

sich leicht aus der Lebensstellung und Sinnesart des Sammlers und

Schreibers.

Es ist der reichsstädtisch rothenburgische Pfarrer Georg Friedrich

Bezold, welcher den Codex um die Mitte des vorigen Jahrhunderts, aber

gewiß im Laufe mancher Jahre zusammengeschrieben hat. Seine Familie, die

seit dem 15. Jahrhundert in Rothenburg nachweisbar ist, gehörte zu den

ratsfähigen Geschlechtern und sein Oheim Georg Christoph Bezold stand

noch zu Ende des 17. Jahrhunderts dem Rate der freien Reichsstadt als

Consul d. h. Bürgermeister vor. Er selbst aber (geb. 1710) hatte, wie

sein Vater Johann Albert, der Pfarrer an der Kirche zum heiligen Geist

gewesen war, die Theologie zum Lebensberuf erwählt und die Tochter des

Pfarrers Johann Michael Stock zur Frau genommen, dessen Geschlecht

bereits seit mehreren Menschenaltern der kleinen evangelischen Gemeinde

von Wildenthierbach -- auch einfach Thierbach genannt -- ihre Seelsorger

gegeben hatte. 1734 starb der alte Pfarrherr, wie es in den

genealogischen Notizen auf S. 67 des Gedenkbuches, aus denen wir unsere

Kenntnis schöpfen, heißt: »ex improviso bombardae ictu militis

Würzburgensis«, und im Amte folgte ihm sein Schwiegersohn, der die

Pfarrei bis zu seinem im Jahre 1771 erfolgten Tode bekleidet zu haben

scheint. Wenigstens folgte ihm, wie eine spätere Eintragung a. a. O.

ergibt, in diesem Jahre als Pfarrer von Wildenthierbach sein Sohn Ernst

Albert Bezold.

Von seinem stillen Erdenwinkel aus hat der Schreiber unserer Handschrift

Jahrzehnte lang dem Treiben der Welt zugesehen. An beschaulicher Muße

wird es ihm wohl nicht gefehlt haben, sonst würde er schwerlich große

Abschnitte seines Gedenkbuches in zierlicher Druckschrift ausgeführt

und, wo etwa seine Vorlagen größere oder kleinere Vignetten und

Zierleisten aufwiesen, auch diese mit sorgfältiger Feder wiedergegeben

haben. Bewunderungswürdig ist in der That die Ausdauer und Hingabe, mit

der er selbst umfänglichere Flugschriften bis auf die Form der

Buchstaben getreu kopiert hat.

Von ihm selbst rührt in dem Codex nur wenig her. Es sind da vor Allem

Aufzeichnungen über Wind und Wetter, Beobachtungen, wie sie dem

Landgeistlichen besonders nahe liegen mußten, zu nennen. Die Einkleidung

ist zuweilen originell genug und verrät uns bereits die ausgesprochene

Vorliebe des Pfarrers für absonderliche, »curieuse« Gegenstände und

Geschichten. So zählt er auf Seite 85 in seinen »Anmerkungen über das

1766ste Jahr« »der Nachwelt zum unvergeßlichen Angedenken« acht

»Merkwürdigkeiten« des Winters 1766 auf 67, die sich alle lediglich auf

die Witterung beziehen, auf. Daß er aber zugleich mit feinem Sinn für

Witz und Humor begabt war, zeigen sogar seine »Dicta quaedam breviter

explicata« (S. 377 ff.), teils eigene teils fremde Auslegungen von

Bibelstellen, in welchen ein schalkhafter Humor nicht selten das

theologische Element überwiegt. Da notiert er sich beispielsweise:

»1. Tim. VI, 9: Denn die da reich werden wollen, die fallen in

Versuchung und Stricke und in Viele thörigte und Schädliche

Begierden, welche die Menschen Versenken ins Verderben und

Verdammniß; den der Geitz sey eine Wurtzel alles Übels, und

durchstechen sich selbst mit Vielen todes Schmertzen«

und bemerkt dazu:

»Aus diesem Dicto hat eine nachsinnende Feder, Von denen See-Würmern

in Holland und deren Vermuthender ursach folgende courieuxe

Observation gezogen: .... Der heil. Geist Brauche durch den

Apostel das Wort »Schädliche«, und dieses Wort heiße nach dem

Grund Text [Griechisch: blaberos], deßen derivation von

[Griechisch: bliptô] oder [Griechisch: eaptô] und [Griechisch:

iptô], noceo, ich schade, DaVon dan herkomme [Griechisch: ips,

ipos] vermis cornua corrodens, ein Wurm der Hörner durchnaget,

mit Hörnern armiret. -- Weilen nun in Holland in sonderheit die

Geldgierigkeit und Begierde reich zu werden durch die Handlung zu

waßer und zu land, wie bekandt herschet, so hat Gott zur straffe,

wie sie selbst bekennen, .... diese schädliche Würmer ...

gesandt, welche ihre hornharte Pfähle an den Teichen

durch-Brechen und das Land in äußerste Gefahr der überschwemmung

und des Verderbens setzen.«

Man hört förmlich bei dieser an den Haaren herbeigezogenen,

umständlichen Erklärung den wackeren Pfarrherrn von Wildenthierbach

hinter seinem Buche leise lachen.

Im Übrigen besteht der Inhalt so gut wie ausschließlich in Abschriften,

deren Vorlagen nicht immer leicht festzustellen sind. Es wurde bereits

erwähnt, daß ihm mehrfach Flugblätter und Flugschriften als solche

gedient haben, die heute teilweise zu den Seltenheiten zählen. Vieles

auch entnahm er der »Frankfurter gelehrten Zeitung«, die er sich

gehalten zu haben scheint, oder der »Erlanger Realzeitung«, der

»Berliner Zeitung« etc., anderes ist aus Chroniken zusammengetragen, aus

den Werken gleichzeitiger Dichter, wie Gellert, Gleim, Gottsched u.

a. abgeschrieben. Es verrät keinen besonders entwickelten

historisch-wissenschaftlichen Sinn, daß Angaben über das Woher den

einzelnen Abschnitten und Gedichten nur selten hinzugefügt sind.

Gleich der erste umfängliche Eintrag in sein Gedenkbuch (S. 1 ff.) zeigt

ihn zwar als guten Rothenburger Patrioten und überzeugten,

glaubenseifrigen Protestanten, aber als schlechten Historiker, denn zu

einer Sammlung von Nachrichten »von der geseegneten Reformation allhier

in Rotenburg hätten ihm wohl bessere Quellen zu Gebote gestanden als die

ziemlich wertlose Kompilation Albrechts[66] aus der er seine Weisheit

geschöpft hat. In einer anderen ähnlichen »Sammlung allerhand

merkwürdiger Sachen«, die sich auf Franken, insbesondere aber wieder auf

Rothenburg beziehen (S. 397 ff.), wird ein Lobgedicht auf Rothenburg

angeführt, welches folgendermaßen beginnt:

»Rotenburg die Edel Berühmte Stadt

Von Schloß und Burg den Nahmen hat.«

Ich kenne dies Gedicht auch aus einem dem 16. und 17. Jahrhundert

angehörenden Sammelbande, Ms. 153 fol. der großherzogl. Hofbibliothek zu

Darmstadt, wo es auf Bl. 39 f. jedoch in sehr veränderter und bedeutend

erweiterter Fassung erscheint und sich für ein Werk Hans Sachsens

ausgibt, der in den Schlußversen als Dichter genannt wird. (»Dz wunscht

von Nurmberg Hans Sachs, Gott geb dz sein kirch darinnen wachs«). Wenn

nun auch das Gedicht in der Form, wie es uns heute vorliegt, alle

Zeichen des Apokryphen an sich trägt und keine Spur von dem Geist des

Nürnberger Dichters erkennen läßt, so wäre doch immerhin möglich, daß es

in Erinnerung und unter Zugrundelegung eines verloren gegangenen Hans

Sachsischen Poems entstanden wäre. Und selbst wenn dies nicht der Fall

sein sollte, wäre das in der Darmstädter Handschrift enthaltene Gedicht

als eine frühe Unterschiebung -- die Hand, welche es schrieb, gehört der

zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts an -- nicht uninteressant und ein

Gegenstück zu dem bekannteren Lobspruch auf die Stadt Rostock, der

gleichfalls Hans Sachs fälschlicherweise zugeschrieben ist[67].

[Fußnote 66: Vgl. _Bensen_, _Historische Untersuchungen über die

ehemalige Reichsstadt Rotenburg_ (Nürnberg 1837), S. 19.]

Doch zurück zu dem Gedenkbuch des G. F. Bezold! Was dasselbe sonst über

Ereignisse und Verhältnisse im Rothenburger Ländchen enthält, ist von

keinem besonderen Belang. Allenfalls dürfte die Aufzählung sämtlicher

Landpfarrer der Rothenburger Diöcese von den Zeiten der Reformation bis

zu Lebzeiten des Schreibers (S. 45 ff.) für die Rothenburger

Lokalgeschichte hin und wieder als Quelle benutzt werden können.

Zuweilen wird auch ein Gelegenheitsgedicht oder ein Spottlied, wie das

auf den bestraften Nachtigallenfänger und deutschen Schulmeister Vester

in Rothenburg (S. 35 f.) wiedergegeben, aber von dem eigentlichen Leben

und Treiben in und um Rothenburg oder von der Politik der freien

Reichsstadt während des 18. Jahrhunderts erfahren wir nichts. Wir wissen

freilich zur Genüge aus Bensens vortrefflicher Schilderung (a. a. O. S.

383 ff.), wie traurig es in dieser Beziehung seit lange, ja eigentlich

seit dem Ausgang des Mittelalters, um das Rothenburger Gemeinwesen

bestellt war, wo sich im Kleinen wiederholt, was zur selben Zeit auch

größere Reichsstädte allmählich in eine ganz unhaltbare Lage geraten

ließ: rücksichtslose Interessenpolitik, Protektionswesen und

finanzieller Verfall im Innern, kraftlose, feige Nachgiebigkeit nach

außen. Man erinnere sich nur an die Geschichte von dem preußischen

Lieutenant Stirzenbecher aus dem Jahre 1762, die Bensen erzählt, oder an

jene andere Episode von 1800. Siebzehn französische Soldaten waren

damals auf einem Beutezuge in die Stadt eingedrungen und verlangten eine

Brandschatzung von 40,000 fl. Bereits saßen die geängstigten Räte

beieinander, um über die Aufbringung der Summe zu beraten, als eine

kleine Anzahl beherzter Bürger, über solche Schmach erbittert, sich

erhob und die Franzosen mit Heugabeln aus der Stadt hinaustrieb[68].

Zwei Jahre später wurde bekanntlich die Stadt vom Reichstage dem

Kurfürsten von Bayern übergeben.

Es ist kein Wunder, wenn unter solchen Umständen die Blicke der

Nachdenklicheren, tiefer Angelegten über die engen Grenzen ihres kleinen

in Verfall geratenen Freistaates hinüberschweiften, die großen

Weltereignisse mit Spannung und lebhaftestem Anteil verfolgend, als

könne fremde Größe ihnen einen Ersatz bieten für die Ärmlichkeit der

kleinlichen Verhältnisse, welche sie umgaben.

Zu starkem eigenen Denken freilich oder auch nur zu überlegtem,

verstandesmäßigem Politisieren konnte man sich schwer erheben, und so

ist es denn auch hier wieder in erster Linie der Treppenwitz der

Weltgeschichte, das Anekdotenhafte und Absonderliche an den großen

Ereignissen und Persönlichkeiten der Zeit, das den Schreiber unseres

Codex interessiert. Kleine Charakterzüge, satirische und witzige Exkurse

aller Art finden sich in Menge in sein Gedenkbuch eingezeichnet, und da

es sich dabei großenteils um Dinge von allgemeinerem Interesse handelt,

so mögen einige Proben solcher Eintragungen hier folgen:

[Fußnote 67: Vgl. _Giske_ in _Schnorrs Archiv für Litteraturgeschichte

X_ (1881) S. 13 ff.]

[Fußnote 68: _Bensen_ S. 397.]

S. 506 notiert er sich:

»Alß der König von Preußen Zu Ende des 1756sten Jahrs an einem

Sonntag in Dreßden den Herrn D. am Ende in der Evangelische Kirche

mit Vergnügen predigen hören, auch in der Catholische Schloß Capelle

der Music bey einer halben Stunde zugehört und darauf in die

Reformirte Kirche gieng, wo H. Dietrich prediger war, und

besagter Dietrich Bey dem Königl. Eintritt, mitten unter Rede

anfieng: »_Halber Gott! großer Friedrich!_« sprach der König von

Verdruß über diese übertriebene Rede aus dem Steg Reif Zu ihm,

laut: »_Gantzer Narr, kleiner Dietrich!_« und gieng sogleich mit

seinem Gefolge wieder aus der Kirche.

S. 507 liest man:

»_Teutschland als ein kranckes Frauenzimmer Vorgestellt_

in einem Gemählde, von P:P. aus dem Englischen 1757.

_Teutschland_ sitzet unter der Gestalt eines prächtig gekleideten,

und mit allerhand Kleinodien ausgezierten Frauenzimmers, auf

einem Stuhl, in der rechten Hand hält sie den Scepter, in der

Lincken den Reichsapffel. Sie gleichet einer krancken Person, die

in eine ohnmacht zu sincken beginnt, und den Kopff über den Stuhl

hangen läßt, aus ihrem Mund gehen die worte: »_Ihr Kinder helfft

mich doch!_«

Mitteilungen aus dem germanischen Nationalmuseum. Jahrgang 1896 · 第 4 / 37 题