Eine Menge umstehender Personen Zeigen sich in geschäftiger Stellung

1) _der Kayser_, in steiffer Kleidung, nimmt ihr mit beeden Händen

den Scepter und den Reichsapffel aus den Ihrigen, mit diesen worten:

_Ich will dich leichter machen!_

2) _der König von Franckreich_ trennt mit einer Hand die breiten

Treßen von ihrem Rock und läßt mit der andern ihre Armbänder Von

den Händen und spricht: _wozu dienet der viele Schmuck an einer

krancken Person, er Beschweret sie nur._

3) _der König von Preußen_ in einem fürchterlichen Harnisch dringet

hiezu, reißet ihr das Halsband vom Hals, hält ihr den Säbel an die

Kehle, mit denen Worten: _Machet Platz, ihr Herren! Ihr müßet

Lufft machen wann es angehen will._

4) _der Churfürst von der Pfaltz und der Landgraf von Hessen

Caßel_ stehen dem Kayser zur Seiten, und schüttet ein jeder ein

Brech-Pulver in den Löffel mit den Worten: _wir wollen ihr was zu

brechen geben._

5) _der König Von Engelland_ hält ein Gläßgen Gold Tinctur in

Händen und zeiget sie der krancken Person von weitem, und spricht

mit den worten: _das wäre wohl die beste Panace!_

6 _die Republic Holland_ als ein Apotheker Gesell gekleidet, stehet

hinter der Krancken ihren Stuhl, hält in der Hand einen großen

bündel Recepte, und in der andern Hand eine Clistir Spritze, aus

seinem Mund gehen die Worte: _Ich kan nicht darzu kommen, und wer

weiß ob meine Artzney bezahlet wird?_

7) _Der Churfürst von Sachsen_ langet mit der Hand über die

Vorstehende hinweg, und reibet dem Patienten Balsan unter die

Nase, mit den worten: _Ich helffe so gut ich kan, ich kan mir

selber nicht helffen._

8) _die Kayserin von Rußland_ stehet von ferne u. siehet mit einem

Perspectiv oder fern Glaß auf die krancke Person und spricht: _Sie

erholt sich wieder!_

9) _der Türckische Kayser_ stehet in der Thür des Zimmers, und

schüttet einen Löffel Voll Magentropffen in den Hals, über ihm

stehen die worte: _ich brauche meine Medicin selber!_

10) _Ein österreicher_ läßt ihr am lincken Fuß, _Ein Ungar_ aber am

rechten Fuß Zur ader, über ihm stehen die Worte: _in desparaten

Kranckheiten muß man desparate Mittel brauchen._

Auf der andern Seite siehet man _Teutschland_ mit Vielen Wunden

getödet, auf der Erde in seinem eigenen blute liegen, mit der

überschrifft: _also muß man heutzutag die Patienten curiren!_«

Ob es sich bei vorstehender Beschreibung in der That um einen

Kupferstich, bezw. ein Flugblatt mit einem solchen, oder ob es sich nur

um eine Fiktion handelt, vermag ich im Augenblick nicht zu sagen[69].

Freuen wir uns vor Allem, daß unser Vaterland die lange zum Spott und

zum Vorteil der Nachbarn gespielte Rolle der »kranken Person« seit dem

Anbruch des neuen deutschen Reiches und hoffentlich für immer

ausgespielt hat.

S. 277 bietet eine satirische Kleinigkeit von ähnlicher Tendenz, die

sich in erweiterter Fassung auch auf S. 588 f. wiederfindet:

»_Friedens-Congreß

d. 15ten Jan. 1761_

Die letztern Briefe von Pariß verkündigen einen nahen allgemeinen

Frieden, und daß der Congreß wird hier gehalten werden.

Mitteilungen aus dem germanischen Nationalmuseum. Jahrgang 1896 · 第 5 / 37 题