Und er brüllte, daß die Oberfläche des Weihers ganz rieselig wurde und
aussah wie Schmirgelpapier. „Also versuchen Sie’s, es ist ganz leicht.“
„Uhah!“ setzte Alois schüchtern an, verschluckte sich jedoch und mußte
hüsteln.
Der alte Löwe blickte ungeduldig zum Himmel auf: „Na, meinetwegen üben
Sie’s, wenn Sie allein sind, ich muß jetzt sowieso nach Hause.“
Er sah auf die Uhr: „Himmelsakra! schon wieder halb fünf! — Also
Servus!“ Und er salutierte flüchtig mit der Pranke und verschwand. — —
— — — —
— — — — — — — — —
Alois war wie betäubt — — — —: Also doch!!
Vor ganz kurzer Zeit erst hatte er das Gymnasium absolviert — hatte es
sozusagen schwarz auf weiß bekommen, daß er ein Schaf sei — und jetzt!
Gerade jetzt, wo er in den Staatsdienst treten sollte!
Und — und — und — Scholastika!
Er mußte weinen — Scholastika!!
So schön hatten sie alles miteinander verabredet, wie er vor Papa und
Mama hintreten solle usw.
Und Mama Bovis hatte noch zu ihm gesagt — neulich —: „Junge, den alten
Schnucke, den halte dir warm, der hat ein Viechsgeld; — das wäre so
ein Schwiegervater für dich bei deinem Riesenappetit.“ — Und immer
lebendiger zogen die Ereignisse der letzten Tage vor Alois’ innerem
Auge vorüber: Wie er auf einem Spaziergange Herrn Schnucke über sein
blühendes Aussehen und seinen Reichtum Elogen gemacht hatte: „Herr
von Schnucke haben, wie ich vernahm, in Syrien einen so schwunghaften
Exporthandel in Trommelschlägeln unterhalten, und das soll, höre ich,
den Grundstock zu Ihrem Reichtum gelegt haben!?“ — — „Auch hab’ ich
gehandelt dermit —“, hatte Herr Ceterum etwas zögernd geantwortet, ihn
aber dabei recht argwöhnisch von der Seite angesehen.
„Sollte ich da am Ende etwas Dummes gesagt haben?“ — hatte sich Alois
damals gedacht — „aber man spricht doch allgemein — — — — — — —“ — —
Ein Geräusch schreckte ihn jetzt aus seinen Träumereien. — Also alles,
alles sollte jetzt zu Ende sein! Alois legte sein Haupt auf die Tatzen
und weinte lange und bitterlich.
Tag und Nacht vergingen, — da hatte er sich durchgerungen.
Übernächtig, tiefe Schatten um die Augen, ging er zur Herde, trat
mitten unter sie, richtete sich majestätisch auf und rief:
„Uh——hah!“
Ein ungeheures Gelächter brach los.
„Pardon, ich meine damit,“ stotterte Alois verlegen — „ich meine damit
nur — — ich bin nämlich ein Löwe.“ Ein Augenblick der Überraschung,
allgemeine Stille, und wiederum erhoben sich großer Lärm, höhnische
Worte, Warnungsrufe, lautes Lachen.
Erst als Dr. Simulans, der Herr Pastor, hinzutrat und Alois in strengem
Tone befahl, ihm zu folgen, legte sich der Tumult.
Es mußte ein langes, ernstes Gespräch gewesen sein, das die beiden
miteinander führten, und als sie zusammen aus dem Bambusdickicht
traten, da leuchteten des Predigers Augen in frommem Eifer. „Sei dössen
eingedenk, mein Sohn,“ waren seine letzten Worte, — „mannigfaltig sind
die Fallstricke des bösen Feindes! Tag und Nacht versuchet ör uns, auf
daß wir gögen den Stachel löcken, dörweilen wir im Fleische wandeln
allhier.
Siehe, das ist ös ja eben, wir allesamt sollen trachten, das Löwentum
in uns niederzuwerfen und in Demut zu verharren, daß wir einen +nojen+
Bund schließen und unsere Bitten erhöret werden — hier zeitlich und
dort öwiglich.
Und was du gesehen und gehört gestern morgens dort am Weiher, das
vergiß; — ös war nicht Wirklichkeit, — war teuflisch Gaukelspiel dös
bösen Feindes! Anathema!
Eines noch, mein Sohn! Heiraten ist gut, und ös wird dir die finstern
Dünste des Fleisches vertreiben, die den Teufeln ein Wohlgefallen sind,
so freie denn die Jungfrau Scholastika Cöterum und sei zahlreich wie
der Sand am Meere.“
Er hob seine Augen zum Himmel, — „das wird dir helfen des Fleisches
Bürde tragen und — (hier wurde seine Rede zum Gesang):
lär—nee zu lei—deen
oh—näh zu klaa—geen!“
Und dann schritt er von hinnen.
— — — — — — — — —
Alois’ Augen standen voll Tränen.
Drei Tage lang sprach er kein Wort, reinigte nur rastlos sein Inneres
von allen Schlacken, und als ihm eines Nachts im Traum eine Löwin
erschien, die angab, der Geist seiner Mutter zu sein und verächtlich
dreimal vor ihm ausspuckte, da trat er erhobenen Hauptes vor den Herrn
Pastor — jauchzend, daß nunmehr die Blendwerke der Hölle von ihm
abgelassen hätten und er von nun an das Denken wolle ganz und gar sein
lassen, um sich um so blinder der Leitung des Herrn Pastors hinzugeben.
Der Herr Pastor aber hielt in beredten Worten Fürsprache für ihn um
die Hand der Jungfrau Scholastika bei ihren Eltern.
Zwar wollte Herr Ceterum anfangs nichts hören, war sehr wild und rief
immer: „Er is nix, er hat nix“, aber schließlich fand seine Ehegattin
den Schlüssel zu seinem Herzen: „Schnucke“, sagte sie, „Schnucke, was
willst de eigentlich, was hast de gegen Alois? Schau — — — er is doch
+blond+.“ —
Und tags darauf war Hochzeit.
Bäh!