war so: Seine Mutter hatte ihn geboren und war sofort gestorben.
Vergebens hatte er getrachtet, mit seinen runden Pfoten, die so weich
waren wie Puderquasten, sie aufzuwecken, denn er verschmachtete vor
Durst in der sengenden Mittagsglut.
„Wie die Sonne frühmorgens die Tautropfen schlürft, wird sie auch sein
Leben austrinken“, murmelten pathetisch die wilden Pfauen oben auf
der Tempelruine, machten Prophetengesichter und schlugen rauschend
stahlblau schimmernde Räder.
Und wären nicht die Schafherden des Emirs des Weges gezogen, hätte es
auch so kommen müssen.
Da aber wendete sich das Schicksal.
„Hirten haben wir nicht, unberufen, die dreinreden dürften,“ meinten
die Schafe — „warum sollen wir diesen jungen Löwen also nicht mitnehmen?
Übrigens die Witwe Bovis macht’s gewiß gern, erziehen ist ja ihre
Leidenschaft. Seit ihr Ältester nach Afghanistan geheiratet hat — (die
Tochter des fürstlichen Oberwidders) —, fühlt sie sich sowieso ein
bißchen einsam.“
Und Frau Bovis sagte kein Wort, nahm das Löwenjunge zu sich, säugte und
hegte es — neben Agnes, ihrem eigenen Kind.
Nur der Herr Schnucke Ceterum aus Syrien — schwarz gelockt und mit
krummen Hinterbeinen — war dagegen. Er legte den Kopf schief und sagte
melodisch: „Scheene Sachen werden da noch emol ’erauskommen“, aber
weil er immer alles besser wußte, kümmerte sich niemand um ihn. — Der
kleine Löwe wuchs erstaunlich, wurde bald getauft und erhielt den Namen
„Alois“.
Frau Bovis stand dabei und fuhr sich ein ums andere Mal über die Augen;
— und der Gemeindeschöps trug ins Buch ein: „Alois †††“, und statt
eines Familiennamens drei Kreuze.
Damit aber jeder sehen könne, daß hier wahrscheinlich eine uneheliche
Geburt vorliege, schrieb er es auf eine Extraseite.
Alois’ Kindheit floß dahin wie ein Bächlein.
Er war ein guter Knabe, und nie gab er — von gewissen Heimlichkeiten
vielleicht abgesehen — Grund zur Klage. — Rührend war es anzusehen,
wie er heißhungrig mit den andern weidete und die Schafgarbe, die sich
ihm widerspenstig immer um die langen Eckzähne legte, in kindlicher
Unbeholfenheit mühsam zerkaute.
Jeden Nachmittag ging er mit klein Agnes, seinem Schwesterchen, und
ihren Freundinnen ins Bambusgehölz spielen, und da war des Scherzens
und der Lustbarkeiten kein Ende.
Alois, hieß es dann immer, Alois, zeig mal deine Krallen, bitte, bitte,
und wenn er sie recht lang herausstreckte, erröteten die kleinen
Mädchen, steckten kichernd die Köpfe zusammen und sagten: „Ffui, wie
unanßtändig“; aber sie wollten es doch immer wieder sehen.
Zur kleinen schwarzhaarigen Scholastika, Schnucke Ceterums lieblichem
Töchterlein, entwickelte sich in Alois frühzeitig eine tiefe
Herzensneigung.
Stundenlang konnte er an ihrer Seite sitzen, und sie bekränzte ihn mit
Vergißmeinnicht.
Waren sie ganz allein, so sagte er ihr das wunderschöne Gedicht auf:
„Willst du nicht das Lämmlein hüten,
Lämmlein ist so fromm und sanft,
Nährt sich von des Grases Blüten
Spielend an des Baches Ranft.“
Und sie vergoß dabei Tränen tiefster Rührung.
Dann tollten sie wieder durch das saftige Grün, bis sie umfielen.
Kam er abends erhitzt vom kindlichen Spiele nach Hause, sagte Frau
Bovis, seine Mähne nachdenklich betrachtend, immer nur: „Jugend hat
keine Tugend,“ — und — „Junge, wie du heute wieder mal unfrisiert
aussiehst!“ (Sie war so gut.)
Alois reifte zum Jüngling, und das Lernen war seine Lust. In der Schule
allen ein Vorbild, glänzte er stets durch Fleiß und gute Sitten, — und
im Singen und in „Vaterländischer Ruhmesgeschichte“ hatte er durchwegs
I~a~.
„Nicht wahr, Mama,“ sagte er immer, wenn er mit einem Lob des Herrn
Lehrers heimkam, „nicht wahr, ich darf später in die Kadettenschule?“
Da mußte sich jedesmal Frau Bovis abwenden und eine Träne zerdrücken.
„Er weiß ja nicht, der gute Junge,“ seufzte sie, „daß dort nur
wirkliche Schafe aufgenommen werden“, — streichelte ihn, zwinkerte
verheißungsvoll mit den Augen und sah ihm gerührt nach, wenn er,
hochaufgeschossen, wie er war, mit dem ein wenig dünnen Hals und den
weichen ~X~-Beinen der Flegeljahre wieder hinaus an seine Schulaufgaben
ging.
— — — — — — — — —
„Der Herbst zog ins Land“, da hieß es eines Tages: Kinder, vorsichtig
sein, ja nicht zu weit außerhalb spazieren gehen, besonders nicht in
der Dämmerung, wenn die Sonne zu sinken beginnt, — wir kommen jetzt in
gefährliches Gebiet. — Der persische Löwe — nämlich — mordet und würgt
dort.
Und immer wilder wurde das Pundshab und immer finsterer das Gesicht,
das die Landschaft schnitt.
Die steinernen Finger der Berge von Kabul krallen sich in die
Niederungen, — Bambusdschungel starrt wie gesträubtes Haar, und auf den
Sümpfen treiben träge die Fieberdämonen mit lidlosen Augen und atmen
vergiftete Mückenschwärme in die Luft.
Die Herde zog durch einen Engpaß, ängstlich und schweigend. Hinter
jedem Felsblock Todesgefahr.
Da machte ein hohler, schauerlicher Ton die Luft beben, — in wilder,
besinnungsloser Furcht stürmte die Herde davon.
Hinter einem Felsen hervor schoß ein breiter Schatten gerade auf Herrn
Schnucke Ceterum los, der nicht rasch genug vorwärts kam.
Ein riesiger alter Löwe!
Herr Schnucke wäre rettungslos verloren gewesen, hätte sich nicht
in diesem Augenblick etwas Merkwürdiges ereignet. Mit Gänseblümchen
bekränzt, ein Sträußchen Georginen hinter dem Ohre, kam Alois mit
schmetterndem „Bäh, bäh!“ im Galopp vorbei.
Als hätte vor ihm der Blitz eingeschlagen, hielt der alte Löwe im
Sprung inne und stierte in maßlosem Staunen dem Fliehenden nach.
Lange konnte er keinen Laut hervorbringen, und als er endlich ein
wütendes Gebrüll ausstieß, antwortete ihm Alois’ „Bäh, bäh!“ schon aus
weiter Ferne.
Eine ganze Stunde noch blieb der Alte in tiefem Grübeln stehen; alles,
was er je über Sinnestäuschungen gelesen und gehört, ließ er an seinem
Geist vorüberziehen.
Vergebens!
Die Nacht fällt rasch und kalt vom Himmel im Pundshab; fröstelnd
knöpfte sich der alte Löwe zu und ging in seine Höhle.
Aber er konnte keinen Schlaf finden, und als das gigantische Katzenauge
des Vollmondes grünlich durch die Wolken starrte, brach er auf und
setzte der geflohenen Herde nach.
Gegen Morgengrauen erst fand er Alois — die Blumenkränze noch im Haar —
süß schlummernd hinter einem Strauche.
Er legte ihm die Pranke auf die Brust, und mit entsetztem „Bäh!“ fuhr
Alois aus dem Schlafe.
„Herr, so sagen Sie doch nicht immer ‚bäh!‘. Sind Sie denn wahnsinnig?
Sie sind doch ein Löwe, um Gottes willen“, brüllte ihn der Alte an.
„Da irren, bitte —,“ antwortete Alois schüchtern, „ich bin ein Schaf.“
Der alte Löwe schüttelte sich vor Wut. „Sie, — wollen Sie mich
vielleicht zum besten haben?! Frozzeln Sie gütigst meinetwegen die Frau
Blaschke — — —.“
Alois legte die Tatze beteuernd aufs Herz, blickte ihm treuherzig ins
Auge und sagte tiefbewegt:
„Mein +Ehrenwort+, — ich bin ein Schaf!“
Da entsetzte sich der Alte, wie tief sein Stamm gesunken, und ließ sich
Alois’ Lebensgeschichte erzählen.
„Das alles,“ meinte er dann, „ist mir zwar gänzlich schleierhaft, aber
daß Sie ein Löwe und kein Schaf sind, steht fest, und wenn Sie’s nicht
glauben wollen — zum Teufel —, so vergleichen Sie unser beider Bild
hier im Wasser.
Und jetzt lernen Sie zuvörderst mal anständig brüllen, schauen Sie — so: