Chimäre

Reifes Sonnenlicht liegt auf den grauen Steinen, — der alte Platz

verträumt den stillen Sonntagnachmittag. —

Aneinandergelehnt schlummern die müden Häuser mit den verfallenen

Holztreppen und heimlichen Winkeln, — mit den treuen Mahagonimöbeln in

den kleinen altmodischen Stuben.

Und warme Sommerluft atmet durch wachsame offene Fensterchen.

Ein Einsamer geht langsam über den Platz zur Kirche des heiligen

Thomas, die fromm herabsieht auf das ruhige Bild. Er tritt ein. —

Weihrauchduft.

Seufzend fällt die schwere Tür zurück an das Lederpolster.

Verschlungen ist der laute Schein der Welt — grünrosa fließen

die Sonnenstrahlen durch schmale Kirchenfenster auf die heiligen

Steinquadern. — Hier unten ruhen die Frommen aus vom wechselnden Sein.

Der Einsame atmet die tote Luft. — Gestorben sind die Klänge, andächtig

liegt der Dom im Schatten der Töne. — Das Herz wird ruhig und trinkt

den dunklen Weihrauchduft.

Der Fremde blickt auf die Schar der Kirchenbänke, die, weihevoll zum

Altar hingebeugt, wie auf ein kommendes Wunder warten.

Er ist einer jener Lebendigen, die das Leid überwunden haben und

mit andern Augen tief hineinsehen in eine andere Welt. Er fühlt den

geheimnisvollen Atem der Dinge: das verborgene, lautlose Leben der

Dämmerung.

Die verleugneten, heimlichen Gedanken, die hier geboren wurden, ziehen

unstet — suchend — durch den Raum. Wesen ohne Blut, ohne Freude und Weh

— wachsbleich, wie die kranken Gewächse der Dunkelheit.

Verschwiegen schwingen die roten Ampeln — feierlich — an langen

geduldigen Stricken; — der Luftzug von den Flügeln der goldenen

Erzengel bewegt sie. —

— Da. Ein leises Scharren unter den Bänken. — Es huscht zum Betstuhl

und versteckt sich.

Jetzt kommt es um die Säule geschlichen:

Eine bläuliche Menschenhand!

Auf flinken Fingern läuft sie am Boden hin: eine gespenstische Spinne!

— Horcht. — Klettert eine Eisenstange empor und verschwindet im

Opferstock.

Die silbernen Münzen darin klirren leise.

Träumend ist ihr der Einsame mit den Augen gefolgt, und seine Blicke

fallen auf einen alten Mann, der im Schatten eines alten Pfeilers

steht. — Die beiden sehen sich ernst an.

„Es gibt viel gierige Hände hier“, flüstert der Alte.

Der Einsame nickt.

— — — — — — — — —

Aus dem nächtigen Hintergrunde ziehen trübe Gestalten heran. Langsam —

sie bewegen sich kaum.

Betschnecken!

Menschenbüsten — Frauenköpfe mit schleiernden Umrissen auf kalten,

schlüpfrigen Schneckenleibern — mit Kopftüchern und schwarzen,

katholischen Augen — saugen sie sich lautlos über die kalten Fliesen.

„Sie leben von den leeren Gebeten“, sagt der Alte. „Jeder sieht sie,

und doch kennt sie keiner, — wenn sie tagsüber bei den Kirchentüren

hocken.“

Wenn der Priester die Messe liest, schlafen sie in den Flüsterecken.

„Hat sie mein Hiersein im Beten gestört?“ fragt der Einsame. —

Der Alte tritt an seine linke Seite: „Wessen Füße im lebendigen Wasser

stehen, der ist selber das Gebet! Wußte ich doch, daß heute einer

kommen würde, der +sehen+ und +hören+ kann!“ —

Gelbe Lichtreflexe hüpfen über die Steine, wie Irrlichter.

„Sehen Sie die Goldadern, die sich hier unter den Quadern hinziehen?“

Das Gesicht des Alten flackert.

Der Einsame schüttelt den Kopf: „Mein Blick dringt nicht so tief. —

Oder meinen Sie es anders?“

Die heimtückischen Champignons: und andere Geschichten · 第 52 / 149 题