Beatrix klammerte sich an den Arm ihres Verlobten. „Ich fürchte mich
unsagbar in dieser grauenhaften Dunkelheit hier. — Warum bringt man
kein Licht —“
„Sst, sst, ruhig alle,“ flüsterte Corvinus, „sst! Hört ihr denn
nichts!? — Es nähert sich leise irgend etwas. Oder ist es schon im
Zimmer?“
— — — „+Dort! Dort steht jemand+,“ fuhr plötzlich Pherekydes auf,
„dahier, — kaum zehn Schritte vor mir, — ich sehe es jetzt ganz genau.
+Heda, Sie!+“ — rief er überlaut, und man hörte seine Stimme beben vor
verhaltener Furcht und Erregung. — — —
— „+Ich bin der Bildhauer Pasqual Iranak-Essak+“, sagte jemand mit
einer Stimme, die nicht heiser klang und doch seltsam aphonisch war.
„+Sie wollen sich den Kopf abgießen lassen! — Schätze ich!+“
„Nicht ich, hier unser Freund Kassekanari, Musiker und Komponist“,
machte Pherekydes den Versuch, in der Dunkelheit Corvinus vorzustellen.
Ein paar Sekunden Stille.
„Ich kann Sie nicht sehen, Herr Iranak-Essak, wo stehen Sie?“ fragte
Corvinus.
„Ist’s Ihnen nicht hell genug?“ antwortete spöttisch der Albino.
„Machen Sie beherzt ein paar Schritte nach links — es ist hier eine
offene Tapetentür, durch die Sie müssen —, sehen Sie, ich komme Ihnen
schon entgegen.“
Es schien, als schwebte bei den letzten Worten die klanglose Stimme
näher heran, und plötzlich glaubten die Freunde einen weißlichgrauen
verschwommenen Dunst an der Wand schimmern zu sehen, — die undeutlichen
Umrisse eines Menschen.
„Geh nicht, geh nicht, um Christi willen; wenn du mich lieb hast,
gehst du nicht“, — flüsterte Beatrix und wollte Corvinus zurückhalten.
Dieser wand sich leise los: „Aber Trixie, ich kann mich doch nicht so
blamieren, er denkt gewiß schon, wir fürchten uns alle.“
Und entschlossen ging er auf die weißliche Masse zu, um mit ihr im
nächsten Augenblick hinter der Tapetentür in der Finsternis — zu
verschwinden.
— Beatrix jammerte angsterfüllt vor sich hin, und die Herren versuchten
alles mögliche, ihr Mut einzuflößen.
„Seien Sie doch ganz unbesorgt, liebes Fräulein,“ tröstete Saturnilus,
„es geschieht ihm nichts.
Und wenn Sie das Abgießen +sehen+ könnten, würde es Sie sehr
interessieren und unterhalten. Zuerst, wissen Sie, kommt gefettetes
Seidenpapier auf Haare, Wimpern und Augenbrauen. — Öl aufs Gesicht,
damit nichts haften bleibt, — und dann drückt man, auf dem Rücken
liegend, den Hinterkopf bis an die Ohrränder in eine Schüssel
mit nassem Gips. Ist die Masse hart geworden, wird auf das noch
freiliegende Gesicht — etwa eine Faust stark — wiederum nasser Gips
gegossen, so daß das ganze Haupt wie in einen großen Klumpen eingehüllt
erscheint. Nach dem Erhärten werden die Verbindungsstellen aufgemeißelt
und so ergibt sich die Hohlform für die prächtigsten Abgüsse und
Konterfeis.“
„Da muß man doch unfehlbar ersticken“, jammerte das junge Mädchen.
Saturnilus lachte: „Natürlich, — wenn man nicht zum Atmen Strohhalme in
Mund und Nasenlöcher gesteckt bekäme, die aus dem Gips herausragen, —
so müßte man ersticken.“
Und um Beatrix zu beruhigen, rief er laut ins Nebenzimmer:
„Meister Iranak-Essak, dauert’s lange und wird es weh tun?“
Einen Augenblick herrschte tiefe Stille, dann hörte man die klanglose
Stimme von ferne antworten, — wie aus einem dritten, vierten Zimmer
herüber oder wie durch dicke Tücher hindurch:
„+Mir+ tut’s gewiß nicht weh! Und Herr Corvinus wird sich wohl kaum
beklagen, — — he, he. Und lange dauern?! Manchmal dauert’s bis zu zwei
und drei Minuten.“
Etwas so unerklärlich Erregendes, ein so unbeschreiblich boshaftes
Frohlocken lag in diesen Worten und der Betonung, mit der sie der
Albino sprach, daß es wie ein erstarrendes Schrecken auf die Zuhörer
fiel.
Pherekydes krampfte seines Nebenmannes Arm. „Seltsam, wie der
redet! Hast du es gehört? — Ich halte es nicht mehr länger aus vor
wahnsinnigem Angstgefühl. Woher kennt er denn plötzlich Kassekanaris
Logennamen ‚Corvinus‘? Und gleich anfangs wußte er, weshalb wir
gekommen sind?!! Nein, nein; — ich muß hinein. Ich muß wissen, was da
drinnen vorgeht.“
In diesem Augenblick schrie Beatrix auf. „Da, — da oben, da oben, — was
sind das für weiße, scheibenförmige Flecke dort, — an der Wand! —“
„Gipsrosetten, nur weiße Gipsrosetten,“ wollte sie Saturnilus
beruhigen, „ich habe sie auch schon gesehen, es ist viel heller jetzt —
und unsere Augen sind besser an die Dunkelheit gewöhnt — —“
Da schnitt ihm eine heftige Erschütterung, die durch das Haus lief wie
der Fall eines schweren Gewichtes, — das Wort ab.
Die Wände zitterten, und die weißen Scheiben fielen herab mit
klingendem Schall wie von glasiertem Ton, rollten einen Schritt weit
und lagen still.
Gipsabgüsse verzerrter menschlicher Gesichter und Totenmasken.
Lagen still und grinsten mit leeren weißen Augen zur Decke empor.
Aus dem Atelier drang ein wilder Lärm herüber. Poltern, Fallen von
Tischen und Stühlen.
Dröhnen — —.
Ein Krachen, wie von splitternden Türen, als schlüge ein Rasender um
sich im Todeskampf und bahne sich verzweifelt einen Weg ins Freie.
Ein stampfendes Laufen, dann ein Anprall — — und im nächsten Augenblick
brach ein heller, unförmlicher Steinklumpen durch die dünne Stoffwand —
Corvinus’ umgipster Kopf! — Und leuchtete — mühsam sich bewegend — weiß
und gespenstisch aus dem Zwielicht. Körper und Schultern aufgehalten
von den kreuzweise stehenden Latten und Sparren.
Mit einem Ruck hatten Fortunat, Saturnilus und Pherekydes die
Tapetentür eingedrückt, um Corvinus beizuspringen: doch kein Verfolger
war zu sehen.
Corvinus, in der Wand eingekeilt bis zur Brust, wand sich in
Konvulsionen.
Im Todeskrampf bohrten sich seine Nägel in die Hände seiner Freunde,
die, fast von Sinnen vor Entsetzen, ihm beistehen wollten.
„Werkzeuge! Eisen!“ heulte Fortunat, „holt Eisenstangen, schlagt den
Gips entzwei, — er erstickt! +Das Scheusal hat ihm die Halme zum Atmen
herausgezogen — — — und den Mund vergipst!+“
Wie rasend stürzten viele umher, Rettung zu bringen, Sesselstücke,
Latten, was sich in der blinden Eile fand, zerbrach an der Steinmasse.
Umsonst!
Eher wäre ein Granitblock zersplittert.
Andere stürmten durch die finsteren Räume und schrien und suchten
vergebens nach dem Albino, zertrümmerten, was in den Weg kam;
verfluchten seinen Namen; fielen in der Dunkelheit zu Boden und
schlugen sich wund und blutig.
— — — — — — — — —
— — — — Corvinus’ Körper regte sich nicht mehr.
Wortlos und verzweifelt umstanden ihn die „Brüder“.
Beatrix’ herzzerreißendes Schreien gellte durch das Haus und weckte ein
grausiges Echo, und ihre Finger riß sie blutig an dem Stein, der das
Haupt ihres Geliebten umschloß.
— — — — — — — — —
Lang, lang war Mitternacht vorüber, da erst hatten sie den Weg ins
Freie gefunden aus dem finsteren, unheimlichen Labyrinth und trugen
gebrochen und stumm durch die Nacht die Leiche mit dem steinernen Kopf.
Kein Stahl, kein Meißel hatte vermocht, die grausame Hülle zu sprengen,
und so hat man Corvinus begraben im Ornate des Ordens:
„+unsichtbar das Antlitz und verschlossen
gleich dem Kern in der Nuß+.“