„Den versiegelten Brief von Prag — die olle Reliquie!“ — schrien alle
durcheinander.
„Ich verstehe doch kein Wort, wenn Sie so brüllen, Messieurs“ — und
Trixie zog das Fenster zu, „aber warten Sie, gleich bin ich unten,
— ich suche nur den Hausschlüssel und schleiche mich an der braven
Gouvernante vorbei.“
Und in wenigen Minuten war sie vor dem Tor.
„Reizend, entzückend, — so im weißen Ballkleid, im grünen Mondschein“,
die jungen Herren umdrängten sie, ihr die Hand zu küssen.
„Im +grünen+ Ballkleid, — im +weißen+ Mondschein“, — Beatrix knixte
kokett und verbarg abwehrend ihre winzigen Hände in einem riesigen
Muff, — „und mitten unter lauter ganz +schwarzen Femrichtern+! Nein,
muß so ein ehrwürdiger Orden etwas Verrücktes sein!“
Und neugierig musterte sie die langen, feierlichen Gewänder der Herren
mit den unheimlichen Kapuzen und den goldgestickten kabbalistischen
Zeichen.
„Wir sind so Hals über Kopf davongelaufen, daß wir uns gar nicht
umkleiden konnten, Trixie“, entschuldigte sich Corvinus und ordnete
zärtlich ihr seidenes Spitzentuch.
Dann erzählte er ihr in fliegenden Worten von der Reliquie, „dem
versiegelten Brief von Prag“, der verrückten Prophezeiung und daß sie
einen prächtigen Mitternachtsspaß ersonnen hätten.
Nämlich zu dem Bildhauer Iranak-Essak zu laufen, einem höchst kuriosen
Kerl, — der in der Nacht arbeite, weil er ein Albino sei, übrigens aber
eine wertvolle Erfindung gemacht habe: — eine Gipsmasse, die sofort an
der Luft hart und unverwüstlich werde wie Granit. Und dieser Albino
solle ihm nun rasch einen Gesichtsabguß verfertigen — —
„Dieses Konterfei nehmen wir dann mit, wissen Sie, mein Fräulein,“
fiel Fortunat ein, „nehmen ferner den ‚geheimnisvollen Brief‘, den Sie
uns gütigst im Archiv aufstöbern und ebenso gütig herabwerfen wollen.
Wir öffnen ihn natürlich sofort, um den Blödsinn, der darin steht, zu
lesen, und begeben uns dann ‚verstört‘ in die Loge.
Natürlich wird man uns bald nach Corvinus fragen, und wo er denn
stecke. Da wollen wir laut weinend die entweihte Reliquie zeigen
und gestehen, er habe sie aufgemacht, und plötzlich sei unter
Schwefelgestank der Teufel erschienen und habe ihn beim Kragen genommen
und in die Luft entführt; Corvinus aber, der das vorausgesehen, habe
sich vorher noch schnell in Iranak-Essaks unzerstörbarem Gipsstein
abgießen lassen, zur Sicherheit! Um die schauerlich-schöne Prophezeiung
‚vom gänzlichen Verschwinden aus dem Reiche der Umrisse‘ ~ad absurdum~
zu führen. Und hier sei nun diese Büste, und wer sich als etwas
Besonderes dünke, ob einer der alten Herren, oder alle zusammen, oder
die Adepten, die den Orden gegründet, vielleicht der liebe Gott selber,
— der trete vor und zerstöre das Steinbild — — wenn er könne. Übrigens
lasse Bruder Corvinus alle recht herzlich grüßen, und in längstens zehn
Minuten werde er aus dem Hades zurück sein.“
„Weißt du, Schatz, das hat noch das Gute,“ unterbrach Corvinus,
„daß wir damit den letzten Ordensaberglauben entwurzeln, die öde
Zentenarfeier abkürzen und um so schneller dann zum fröhlichen Gelage
kommen.
Aber jetzt Adieu und gute Nacht, denn: eins, zwei, drei, im
Sauseschritt — läuft die Zeit — — —“
„Wir laufen mit,“ ergänzte jauchzend Beatrix und hängte sich in ihres
Bräutigams Arm, — „ist’s weit von hier zu Iranak-Essak — — — heißt er
nicht so? Und wird ihn auch ganz gewiß nicht der Schlag treffen, wenn
wir in solchem Aufzug bei ihm einbrechen?!“
„Wahre Künstler trifft nie der Schlag“, — schwur Saturnilus, einer der
Herren. — „Brüder! Ein Hurra, Hurra, für das mutige Fräulein!“
Und vorwärts ging’s im Galopp.
Über den Teinhof, durch mittelalterliche Torbogen, krumme Gassen, um
geschweifte Ecken herum und an barocken, verwitterten Palästen vorbei.
Dann machte man halt.
„Hier wohnt er, Nummer 33,“ sagte Saturnilus atemlos — „Nummer 33,
nicht wahr, ‚Ritter Kadosh‘? Schau du hinauf, du hast bessere Augen.“
Und schon wollte er läuten, da öffnete sich plötzlich das Haustor
nach innen, und gleich darauf hörte man eine scharfe Stimme Worte
in Niggerenglisch die Treppen hinaufkreischen. Corvinus schüttelte
erstaunt den Kopf: „~The gentlemen already here?!~ — Die Gentlemen
+bereits+ hier, — das ist ja, als hätte man schon auf uns gewartet!!
Vorwärts also, aber Vorsicht, es ist stockdunkel hier; Licht haben wir
nicht, in unseren Kostümen fehlen schlauerweise die Taschen und mit
diesen daher auch die so beliebten Schwefelhölzer.“
Schritt für Schritt tappte die kleine Gesellschaft vorwärts —
Saturnilus voran, hinter ihm Beatrix, dann Corvinus und die andern
jungen Herren: Ritter Cadosh, Hieronymus, Fortunat, Pherekydes, Kama
und Hilarion Termaximus.
Enge, gewundene Treppen empor nach links und nach rechts, der Kreuz und
der Quer.
Durch offene Wohnungstüren und leere, fensterlose Zimmer tasteten
sie sich, immer der Stimme folgend, die unsichtbar und anscheinend
ziemlich weit entfernt vor ihnen herging und ihnen kurz die Richtung
wies.
Endlich landeten sie in einem Raum, in dem sie wohl warten sollten,
denn die Stimme war verstummt, und niemand antwortete mehr auf ihre
Fragen.
Nichts regte sich.
— — — — — — — — —
„Es scheint ein uraltes Gebäude zu sein, mit vielen Ausgängen, wie
ein Fuchsbau, — eines jener seltsamen Labyrinthe, wie sie noch aus
dem 17. Jahrhundert her in diesem Stadtviertel stehen,“ sagte endlich
halblaut Fortunat, „und das Fenster dort geht wohl auf einen Hof, daß
so gar kein Schein hereinfällt!? — Kaum daß sich das Fensterkreuz etwas
dunkler abhebt —“
„Ich denke, eine hohe Mauer dicht vor den Scheiben nimmt alles Licht“
— antwortete Saturnilus — „finster ist es hier, — nicht die Hand sieht
man vor Augen.