Stockend fuhr er fort: „Ich möchte euch gern eine lange Geschichte
erzählen; — und mein Herz ausschütten, bevor sie zurückkommen — die
andern, — und ehe das neue Jahrhundert einzieht.“
Lord Kelwyn in dem Thronsessel sah auf und machte eine Bewegung mit
der Hand, und die übrigen nickten zustimmend.
Ariost sprach weiter: „Ich muß es kurz machen, sollen meine Kräfte
ausreichen bis zum Ende. Hört also.
Vor dreißig Jahren, ihr wißt, war Doktor Kassekanari Großmeister und
ich sein erster Arche-Zensor.
Das Steuer des Ordens lag nur in unserer Hand. — Doktor Kassekanari
war Physiolog — ein großer Gelehrter. Seine Vorfahren stammten aus
Trinidad — ich denke von Negern — daher wohl seine grauenhafte
exotische Häßlichkeit! Doch das wißt ihr alle noch.
Wir sind Freunde gewesen; — wie aber heißes Blut auch die festesten
Dämme niederreißt, so — — —. Kurz, ich betrog ihn mit seiner Frau
Beatrix, die schön war wie die Sonne und die wir beide liebten über
alle Maßen. — —
Ein Verbrechen unter Ordensbrüdern!!
— — — Zwei Knaben hatte Beatrix, und einer von ihnen — Pasqual — war
mein Kind.
Kassekanari entdeckte die Untreue seiner Gattin, ordnete seine
Angelegenheiten und verließ Prag mit den beiden kleinen Kindern, ohne
daß ich es hätte verhindern können.
Zu mir hat er kein Wort mehr gesprochen, mich nicht einmal mehr
angeblickt.
Wie er sich aber an uns rächte, das war entsetzlich. Daß ich heute noch
nicht fasse, wie ich es überleben konnte.“
Einen Augenblick lang schwieg Ariost und starrte wie geistesabwesend an
die gegenüberliegende Wand. Dann fuhr er fort:
„Nur ein Hirn, das die finstere Phantasie eines Wilden mit der
durchdringenden Verstandesschärfe des Gelehrten, des tiefsinnigsten
Kenners menschlicher Seelenvorgänge verband wie das seine, konnte
den Plan ersinnen, der Beatrix das Herz im Leibe verbrannte, mir
arglistig den freien Willen stahl und mich langsam hinein +zwang+ in
die Mitschuld an einem Verbrechen, das grauenvoller kaum gedacht werden
kann.
Meiner armen Beatrix erbarmte sich wohl bald der Wahnsinn, und ich
segne die Stunde ihrer Erlösung.“
Des Sprechers Hände schlugen wie im Fieber und verschütteten den Wein,
den er zur Stärkung zum Munde führen wollte.
„Weiter! Nicht lange war Kassekanari fort, da kam ein Brief von ihm mit
einer Adresse, die alle ‚wichtigen Nachrichten‘, wie er sich ausdrückte
— an ihn befördern werde — +wo immer er sich auch aufhalten möge+.
Und gleich darauf schrieb er, nach langem Grübeln sei er zur
Überzeugung gekommen, der +kleine Manuel+ sei mein Kind, der jüngere
Pasqual dagegen zweifellos das seinige.