Der Albino

I

„Sechzig Minuten noch — bis Mitternacht“, sagte ‚Ariost‘ und nahm die

dünne, holländische Tonpfeife aus dem Mund.

„Der dort“ — und er wies auf ein dunkles Porträt an der

rauchgebräunten Wand, dessen Züge kaum mehr kenntlich waren — „der

dort wurde Großmeister gerade vor hundert Jahren weniger sechzig

Minuten.“

„Und wann zerfiel unser Orden? — Ich meine, wann sanken wir zu

Zechbrüdern herab, wie wir’s jetzt sind, Ariost?“ fragte eine Stimme

aus dem dichten Tabakqualm heraus, der den kleinen altertümlichen Saal

erfüllte.

Ariost flocht die Finger durch seinen langen weißen Bart, fuhr wie

zögernd über die Spitzenhalskrause an seinem samtnen Talar: — — „Es

wird in den letzten Dezennien gewesen sein — — — vielleicht — kam

es auch nach und nach.“

„Du hast da eine Wunde in seinem Herzen berührt, Fortunat“,

flüsterte ‚Baal Schem‘, der Arche-Zensor des Ordens im Ornate der

mittelalterlichen Rabbiner, und trat aus dem Dunkel einer Fensternische

an den Frager heran zum Tisch. — „Sprich von etwas anderem!“

Und laut fuhr er fort: „Wie hieß denn dieser Großmeister im profanen

Leben?“

„Graf Ferdinand Paradies,“ antwortete rasch jemand neben Ariost,

verständnisvoll auf das Thema eingehend, „ja, illustre Namen waren das

damaliger Zeit — und früher noch. Die Grafen Spork, Norbert Wrbna,

Wenzel Kaiserstein, der Dichter Ferdinand van der Roxas! — Sie alle

zelebrierten das ‚Ghonsla‘ — den Logenritus der ‚asiatischen Brüder‘

im alten Angelusgarten, wo jetzt die Hauptpost steht. Vom Geiste

Petrarcas umweht und Cola Rienzos, die auch unsre ‚Brüder‘ waren.“

„So ist es. Im Angelusgarten! Nach Angelus de Florentia benannt, Kaiser

Karls IV. Leibarzt, bei dem Rienzo Asyl fand bis zu seiner Auslieferung

an den Papst“, fiel eifrig der ‚Skribe‘ Ismael Gneiting ein.

„Wißt ihr aber auch, daß von den ‚Sat-Bhais‘, den alten asiatischen

Brüdern, sogar Prag und — und — und Allahabad, kurz, alle jene Städte,

deren Name soviel wie ‚die Schwelle‘ bedeutet, begründet wurden?! Gott

im Himmel, welche Taten, welche Taten!

Und alles, alles verraucht, verflogen.

Wie sagt doch Buddha: ‚Im Luftraum bleibet keine Spur‘. — Das waren

unsere Vorfahren! Wir aber Saufbrüder!! — Saufbrüder!! hip hip hurra;

— es ist zum Lachen.“

Baal Schem machte dem Sprecher Zeichen, er möge doch schweigen. — Der

aber verstand ihn nicht und redete weiter, bis Ariost sein Weinglas

heftig zurückstieß und das Zimmer verließ.

„Du hast ihn verletzt,“ sagte Baal Schem ernst zu Ismael Gneiting,

„seine Jahre schon hätten dir Rücksicht gebieten sollen.“

„Ah bah,“ murrte dieser, „habe ich ihn denn kränken +wollen+? Und wenn

auch!

Übrigens wird er ja zurückkommen.

In einer Stunde beginnt die hundertjährige Feier, der er doch beiwohnen

+muß+.“

„Immer ein Mißton, wie ärgerlich,“ meinte einer der Jüngeren, „hat es

sich doch so gemütlich getrunken.“

Verstimmung lag über der Tafelrunde.

Stumm saßen alle um den halbkreisförmigen Tisch und sogen an ihren

weißen, holländischen Pfeifen.

In den mittelalterlichen Ordensmänteln, behangen mit kabbalistischen

Zieraten, sahen sie wie eine spukhafte Versammlung seltsam und

unwirklich aus in dem trüben Lichte der Öllampen, das kaum bis in die

Ecken des Zimmers und hin zu den vorhanglosen gotischen Fenstern drang.

„Werde ihn besänftigen gehen, den Alten“, sagte endlich ‚Corvinus‘, ein

junger Musiker — und ging hinaus.

Fortunat neigte sich zum Arche-Zensor: „Corvinus hat Einfluß auf ihn? —

Corvinus?!“

Baal Schem brummte etwas in den Bart: — Corvinus sei mit Beatrix,

Ariosts Nichte, verlobt.

Wieder nahm Ismael Gneiting die Rede auf und sprach von den vergessenen

Glaubenssätzen des Ordens, der zurückreiche bis in die graue Vorzeit,

wo die Dämonen der Sphären noch die Vorfahren des Menschen gelehrt.

Von den schweren, düsteren Prophezeiungen, die alle, alle mit der

Zeit ihre Erfüllung gefunden hätten, Buchstabe um Buchstabe, Satz

für Satz, daß es einen verzweifeln lasse an der Willensfreiheit der

Lebenden; — und von dem „versiegelten Briefe von Prag“, der letzten

echten Reliquie, die heute noch der Orden besitze. „Kurios! Wer ihn

vorwitzig öffnen wolle, diesen ‚~sealed letter from Prague~‘, ehe

die Zeit erfüllet sei, der — — — wie heißt es doch im Original,

‚Lord Kelwyn‘?“ wandte Ismael Gneiting fragend seinen Blick zu einem

uralten Bruder, der zusammengesunken und unbeweglich gegenüber in einem

geschnitzten und vergoldeten Lehnstuhl saß. „+Der verderbet, ehe er

beginnt!+ Sein Angesicht wird die Finsternis verschlingen und nicht

mehr herausgeben.“ — — —?

„Die Hand des Schicksals wird seine Züge verbergen im Reiche der

Form bis zum Jüngsten Tag,“ ergänzte langsam der Greis, bei jedem

Worte mit dem kahlen Kopfe nickend, als wolle er den Silben besondere

Kraft verleihen — „und wird sein Gesicht austilgen aus der Welt der

Umrisse. Unsichtbar wird sein Antlitz werden: unsichtbar für alle Zeit!

+Verschlossen gleich dem Kern in der Nuß+ — — —, gleich dem Kern in

der Nuß.“

— Gleich dem Kern in der Nuß! — die Brüder in der Runde sahen sich

erstaunt an.

Gleich dem Kern in der Nuß! — seltsames, unverständliches Gleichnis!

— — — — — — — — —

Da ging die Tür auf, und Ariost trat ein.

Hinter ihm der junge Corvinus.

Der zwinkerte den Freunden fröhlich zu, als wolle er sagen, alles sei

wieder in Ordnung mit dem Alten.

„Frische Luft! Lassen wir frische Luft ein“, sagte jemand und ging zu

den Fenstern und öffnete eins.

Viele standen auf und schoben ihre Sessel zurück, hinauszusehen in

die Vollmondnacht, wie die Mondesstrahlen opalgrün auf dem buckligen

Pflaster des Altstätter Rings glänzten.

Fortunat wies auf den blauschwarzen Schlagschatten, der von der

Teinkirche über das Haus hinweg auf den alten, menschenleeren Platz

fiel und ihn in zwei Hälften zerschnitt: „Die riesige Schattenfaust

da unten mit den zwei vorgestreckten Spitzen — die mit Zeige- und

Merkurfinger nach Westen deutet, ist sie nicht wie das uralte

Abwehrzeichen gegen den bösen Blick?“

— — — — — — — — —

In den Saal kam der Diener und brachte neue Chiantiflaschen — mit

langen Hälsen — wie rote Flamingos — — — —

Um Corvinus hatten sich in einer Ecke seine jüngeren Freunde geschart

und erzählten ihm halblaut und lachend von dem „versiegelten Briefe von

Prag“ und der verrückten Prophezeiung, die sich an ihn knüpfe.

Aufmerksam hörte Corvinus zu, dann blitzte es übermütig in seinen Augen

auf wie ein lustiger Einfall.

Und in hastigem Flüsterton machte er seinen Freunden einen Vorschlag,

den sie mit Jubel begrüßten.

So ausgelassen wurden ein paar von ihnen, so ausgelassen, daß sie auf

einem Bein tanzten und sich vor Tollheit kaum mehr zu halten wußten.

— — — —

— — — — — — — — —

Die Alten waren allein.

Corvinus hatte sich mit seinen Kumpanen in großer Eile auf eine halbe

Stunde beurlaubt; er müsse sich bei einem Bildhauer das Gesicht in Gips

abgießen lassen, um ein spaßiges Vorhaben, wie er sagte, noch rasch vor

Mitternacht, ehe die große Feier beginne, auszuführen. — — — — —

— — — „Närrische Jugend“, murmelte Lord Kelwyn. — — —

„Das muß wohl ein seltsamer Bildhauer sein, der so spät noch arbeitet“,

sagte jemand halblaut.

Baal Schem spielte mit seinem Siegelring: „Ein Fremder, +Iranak-Essak+

heißt er, sie sprachen vorhin von ihm. Er soll nur in der Nacht

arbeiten und bei Tage schlafen; — — er ist ein Albino und verträgt

kein Licht.“

— — „Arbeitet nur in der Nacht?“ wiederholte zerstreut Ariost, der das

Wort Albino überhört hatte.

— — Dann blieben alle stumm eine lange Zeit.

„Ich bin froh, daß sie fort sind — die Jungen“, brach endlich Ariost

gequält das Schweigen.

„Wir zwölf Alten sind so wie die Trümmer aus jener vergangenen Zeit,

und wir sollten zusammenhalten. — Vielleicht treibt dann unser Orden

nochmals ein frisches grünes Reis. — — — — —

Die heimtückischen Champignons: und andere Geschichten · 第 46 / 149 题