Aus seinen Worten klang eine dunkle Rachedrohung, und ich konnte mich
einer leisen Regung selbstsüchtiger Beruhigung nicht erwehren, meinen
kleinen Sohn Pasqual, den ich anders ja nicht zu schützen vermochte,
infolge dieser Verwechslung gegen Haß und Verfolgung gefeit zu wissen.
So schwieg ich denn und tat unbewußt den ersten Schritt jenem Abgrunde
zu, aus dem es kein Entrinnen mehr gab.
Viel, viel später erschien es mir wie Arglist, — — als habe Kassekanari
mich an eine Verwechslung nur glauben lassen, um mir die unerhörtesten
Seelenqualen aufzubürden.
Langsam zog das Ungeheuer die Schraube zu.
In regelmäßigen Intervallen, mit der Pünktlichkeit eines Uhrwerks
trafen mich seine Berichte über gewisse physiologische und
vivisektorische Experimente, die er, — ‚um fremde Schuld zu sühnen und
zum Wohle der Wissenschaft‘ — an dem kleinen Manuel — der ja nicht
+sein+ Kind sei, ‚wie ich doch stillschweigend zugegeben‘ — vornehme,
— wie an einem Wesen vornehme, das seinem Herzen ferner stehe als ein
beliebiges Versuchstier.
Und Photographien, die beilagen, bestätigten die entsetzliche Wahrheit
seiner Worte. — Wenn solch ein Brief ankam und verschlossen vor
mir lag, da glaubte ich, ich müsse meine Hände in lodernde Flammen
strecken, um die furchtbare Folter zu übertäuben, die mich bei dem
Gedanken zerriß, wieder von neuen gesteigerten Schrecknissen erfahren
zu müssen.
Nur die Hoffnung, endlich, endlich doch den wahren Aufenthalt
Kassekanaris entdecken und das arme Opfer befreien zu können, hielt
mich vom Selbstmord zurück.
Stundenlang lag ich auf den Knien, Gott anflehend, mich die Kraft
finden zu lassen, den Brief ungelesen zu vernichten.
Aber niemals fand ich die Kraft dazu.
Immer wieder habe ich die Briefe geöffnet, und immer wieder bin ich in
Ohnmacht zusammengebrochen. Kläre ich ihn auf über seinen Irrtum, sagte
ich mir vor, so fällt wohl sein Haß auf meinen Sohn, der andere aber —
der Unschuldige — ist erlöst!
Und ich griff zur Feder, um alles zu schreiben, zu beweisen.
Doch der Mut verließ mich — ich konnte nicht wollen und wollte nicht
können und wurde so zum Missetäter an dem armen kleinen Manuel, — der
doch auch Beatrix’ Kind war, — — — indem ich schwieg.
Das fürchterlichste jedoch in allen meinen Qualen war das gleichzeitige
grauenvolle Emporzüngeln eines fremden, finstern Einflusses in mir,
über den ich keine Gewalt hatte, der sich in mein Herz schlich, — leise
und unwiderstehlich — eine Art haßerfüllter Befriedigung, daß es sein
eigenes Fleisch und Blut sei — gegen das das Ungeheuer raste.“
Die Logenbrüder waren aufgesprungen und starrten Ariost an, der sich in
seinem Sessel kaum aufrecht erhielt und die Sätze mehr flüsterte als
sprach.
„Jahrelang hat er Manuel gefoltert —, ihm Martern zugefügt, deren
Schilderung ich nicht über die Lippen bringe — hat ihn gefoltert
und gefoltert, bis ihm der Tod das Messer aus der Hand schlug, —
hat Bluttransfusionen von weißen entarteten Tieren und solchen, die
das Tageslicht scheuen, an ihm vollzogen, ihm die Gehirnteilchen
exstirpiert, die nach seinen Theorien die guten und milden Regungen
im Menschen erwecken, — und ihn dadurch zu dem gemacht, was er einen
‚seelisch Gestorbenen‘ nannte. Und mit der Ertötung aller menschlichen
Regungen des Herzens, aller Keime des Mitleids, der Liebe, des
Erbarmens, trat bei dem armen Opfer, genau wie Kassekanari in einem
Briefe vorausgesagt, auch die +körperliche+ Degeneration ein, jenes
grausige Phänomen, das die afrikanischen Völker den ‚echten, weißen
Neger‘ nennen. — —
Nach langen, langen Jahren verzweiflungsvollen Forschens und Suchens —
die Verhältnisse des Ordens und meine eigenen ließ ich achtlos ihrer
Wege treiben — gelang es mir endlich (Manuel war und blieb spurlos
verschwunden) meinen Sohn — als Erwachsenen aufzufinden.
Aber ein letzter Schlag traf mich dabei: Mein Sohn nannte sich
+Emanuel+ Kassekanari — — —!
Derselbe Bruder ‚Corvinus‘, den ihr ja alle in unsrem Orden kennt.
+Emanuel+ Kassekanari.
Und er behauptet unerschütterlich, niemals mit dem Vornamen Pasqual
genannt worden zu sein.
+Seitdem verfolgt mich der Gedanke, daß der Alte mich belogen und
Pasqual und nicht Manuel verstümmelt haben könnte, — daß also doch
mein Kind zum Opfer gefallen ist.+ — Die Photographien damals zeigten
die Gesichtszüge so undeutlich, und im Leben sahen die Kinder einander
zum Verwechseln ähnlich. — — — —
— — — — — — — — —
+Doch das darf, das darf, das darf ja nicht sein+, — das Verbrechen,
all die ewiglange Gewissenspein umsonst! — Nicht wahr?“ schrie
plötzlich Ariost wie ein Wahnsinniger auf; — „nicht wahr, sagt
Brüder, nicht wahr, ‚Corvinus‘ ist mein Sohn, mir wie aus den Augen
geschnitten!“
Die Brüder sahen scheu zu Boden und brachten die Lüge nicht über die
Lippen.
Nickten nur stumm.
Ariost sprach leise zu Ende:
„Und manchmal in schreckhaften Träumen, da fühle ich mein Kind verfolgt
von einem scheußlichen weißhaarigen Krüppel mit rötlichen Augen, der
— lichtscheu — im Zwielicht haßerfüllt auf ihn lauert: Manuel, der
verschwundene Manuel, — der — der grauenhafte — — ‚+weiße Neger+‘.“
Keiner der Logenbrüder konnte ein Wort hervorbringen.
— — Totenstille. — —
Da, — als ob Ariost die stumme Frage gefühlt hätte — sagte er halblaut,
wie erklärend vor sich hin: „Ein seelisch Gestorbener! — Der weiße
Neger — — ein +echter+
+Albino+.“
— Albino? — — Baal Schem taumelte an die Wand.
„Barmherziger Gott, der Bildhauer! — Der Albino Iranak-Essak!“
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