Das hab’ ich gehört:
Zu einer Zeit lebte ein alter Musiker in dieser Stadt; arm und
verlassen. Das Zimmer, in dem er wohnte, in dem er einen Teil der Nacht
zubrachte und einen Teil des Tages, war eng, düster, armselig, und in
dem armseligsten, engsten, düstersten Viertel gelegen.
Nicht von je war der Alte so verlassen gewesen. An Jahre konnte er
zurückdenken, an Jahre voll Pracht und Prunk — und was an Glanz die
Erde dem Reichsten bietet, das hatte sie einst ihm geboten.
Was an Freude die Erde dem Freudvollen bietet, das hatte sie einst ihm
geboten.
Was an Wonnen und Schönheit die Erde dem Glücklichen bietet und dem
Schönen bietet, das hatte sie auch ihm geboten.
An einem Tage aber war die Wende in seinem Glücke gekommen. So wie an
einem hellen Morgen die Sonne aufsteigt in wolkenlosem Himmel, ihren
Höhepunkt erreicht an Klarheit, um dann niederzugehen und in trübes
Dunkel zu tauchen, in dichtes Dunkel zu tauchen, in undurchdringliches
Dunkel zu tauchen, dann unsichtbar wird, in Nacht versinkt.
Und als die Wende in seinem Glücke gekommen war und jeder neue Tag
neues Unheil brachte, hatte er Hilfe im Gebet gesucht; — auf daß sein
Untergang aufgehalten werde, auf den Knien gelegen lange und viele
Nächte.
Aber Pracht und Prunk verblaßten, Freude und Glanz schwanden dahin,
sein Reichtum zerbrach. Sein Weib verließ ihn, sein Kind starb, als er
in seiner Armut nichts mehr besaß, es zu pflegen.
Da hatte er um nichts mehr gebetet.
— So trat seine Seele in die Dunkelheit. —
Wie in tiefer Nacht, wenn Finsternis die Formen und Kanten und Farben
der Dinge und Wesen verschlungen hat, und eines vom andern nicht mehr
kann unterschieden werden, — wie in tiefer Nacht der Himmel sich leise,
unmerklich hellt vom Schimmer des kommenden Mondes und flüsternd die
verschwundenen Formen und Kanten der Dinge und Wesen zu einem andern
Leben weckt, so tauchten leise, unmerklich, flüsternd aus dem Dunkel
seines Herzens die Worte auf, die er einstmal vernommen, gelesen
irgendwo, irgendwann in der Zeit seines Reichtums, — die Worte des
Buddha:
„Daher schließ dich an Liebes nicht,
Geliebtes lassen ist so schlimm!
Kein Daseinsband verstricket den,
Dem nichts mehr lieb noch unlieb ist.
Aus Liebem sprießet Gram hervor,
Aus Liebem sprießet Furcht hervor,
Wer sich von Liebem losgesagt,
Hat keinen Gram und keine Furcht.
Dem Lebenstrieb entsprießt der Gram,
Dem Lebenstrieb entsprießt die Furcht:
Wer losgelöst vom Lebenstrieb,
Hat keinen Gram und keine Furcht.“
Da trat seine Seele in die Dämmerung.
Alles Wünschen und alles Hoffen war von ihm abgefallen, aller Gram,
alle Gier, alles Leid, alle Freude.
Morgens, wenn er erwachte, sandte er seine Liebe und sein Mitleid nach
Osten, nach Westen, nach Süden, nach Norden, nach oben, nach unten,
und wenn er seine Arbeit begann, murmelte er: „Der Buddha ist meine
Zuflucht“, und wenn er sich schlafen legte, murmelte er: „Der Buddha
ist meine Zuflucht.“
Wenn er sein karges Mahl einnahm, wenn er trank, wenn er aufstand oder
sich niedersetzte, wenn er fortging oder wiederkam, murmelte er: „Der
Buddha ist meine Zuflucht.“
Verschlossen wurden da die Tore seiner Sinne, daß Wünschen und Hassen,
— Gier, Leid und Freude keinen Einlaß mehr fanden.
An Feiertagen, wenn die Glocken läuteten, — zuweilen —, holte er eine
Glasplatte hervor und befestigte sie an seinem Tisch, schüttete feine
Sandkörner darauf, und wenn er mit dem Bogen seines Cello an dem Rande
des Glases niederstrich, daß es sang, schwingend und klingend, tanzte
der Sand und bildete kleine, feine, regelmäßige Sterne. — Klangfiguren.
Und wie die Sterne und Formen entstanden, wuchsen und vergingen und
wieder entstanden, gedachte er dumpf der Lehre des Buddha Gautama vom
Leiden, von der Leidensentstehung, von der Leidensvernichtung, von dem
zur Leidensvernichtung führenden Pfad. —
„Der Buddha ist meine Zuflucht.“
In das Land zu ziehen, wo die Heiligen leben, die um nichts mehr zu
beten haben —, wo einst der Erhabene, Vollendete geweilt — der Aszet
Gotamo — und den Weg zur Freiheit gewiesen, — war seine glühende
Sehnsucht.
Dort zu suchen, zu finden den Kreis der wenigen Erkorenen, die den
lebendigen Sinn der Lehre behüten, den von Herz zu Herzen vererbten,
unverdeuteten, unverwirrten, zur atmenden Kraft gewordenen, — war
seine glühende Sehnsucht.
Und das Geld zu erwerben, nach Indien pilgern zu können, in das Land
seiner glühenden Sehnsucht, spielte er mit verschlossenen Sinnen sein
Cello in Schenken seit Tagen und Wochen und Monaten und vielen, vielen
Jahren.
Wenn seine Gefährten ihm seinen schmalen Teil reichten, von dem, was
sie ersammelt, dachte er an den Erhabenen, Vollendeten, — daß er Ihm
wieder näher sei um einen Schritt: „Der Buddha ist meine Zuflucht.“
Weiß und gebrechlich war er so geworden, da kam der Tag, der ihm die
letzten noch fehlenden Kreuzer brachte.
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In seinem armseligen düstern Zimmer stand er und starrte auf den Tisch.
Was sollte das Geld dort auf dem Tisch!? — Warum hatte er es gesammelt?
Sein Gedächtnis war erloschen.
Er sann und sann, was sollte das Geld dort auf dem Tisch!
Sein Gedächtnis war erloschen.
Er wußte nichts mehr und konnte nicht mehr denken. Nur immer wieder und
wieder, wie eine Welle aus den Wassern springt und zurückfällt, tauchte
der Satz auf in seinem Hirn: „Der Buddha ist meine Zuflucht. Der Buddha
ist meine Zuflucht.“
Da öffnete sich die Tür, und sein Gefährte, der Geiger, ein
mildtätiger, mitleidsvoller Mensch, trat herein.
Der Alte hörte ihn nicht und starrte auf das Geld.
„Wir sammeln heute für die Kinder der Armen“, sagte endlich leise der
Geiger.
Der Alte hörte ihn nicht.
„Wir sammeln heute für die Kinder derer, die vom Wege stehen.
Wir alle, arm und reich. — Daß sie nicht frieren und nicht verderben,
nicht hungern. Daß sie gepflegt werden, wenn sie krank sind. — — —