Und dann viererlei Gläser?! Pfui Teufel! — Was kann man dagegen tun?
— Ich versinke in dumpfes Brüten. —
Ein rettender Gedanke: „Sie, Oberkellner, schicken Sie sofort zu Franz
Maader, Weinhandlung in der Eisengasse, um eine große Steinflasche
Otschischciena, verstehen Sie? Otschischciena — O—tschisch—ciena!“
Ein Geräusch an der Tür!
Ein fraisfarbener Mantel mit wabernden blonden Federn und einem blauen
Mühlstein tritt ein. — Ich mache drei Schritte auf das Phantom zu und
verbeuge mich ernst und feierlich.
„Izzi Pizzi“, stellt sich der Mantel zuerst vor.
„Baron Semper Saltomortale vom Vorgebirge Athos“, erwidere ich ruhig
und würdevoll.
Zwei blaue, große Augen schauen mich mißtrauisch an. — Ich reiche der
Dame den Arm und führe sie zu Tisch.
Was ist denn das?! Ein schwarzer Seidenklumpen mit Schmelztropfen sitzt
bereits dort? — Ich reiße die Augen auf: Teufel! bin ich verrückt
geworden? Oder war die Alte am Ende im Klavier versteckt gewesen?
Ich schiebe der Schönen den Sessel unter.
Er ist wirklich ein Ausländer, denkt sie.
„Meine Erzieherin,“ stellt sie die Alte vor, „Sie gestatten doch.“
Der Kellner kommt herein, ich stürze ihm entgegen und stelle ihn noch
an der Tür: „Sie, ich zahle weder Schusterrechnungen, noch etwaige
gestrige Zechen — und dann: die Krachmandeln ohne Schale, verstanden —
daß mir keine Vielliebchen drunter sind, überhaupt ...“
Der Kellner zwinkert verständnisvoll mit dem rechten Auge; — ich
drücke ihm ein Trinkgeld in die Hand, wie es sonst nur regierende
Herzöge bekommen.
„Und den Stock hängen Sie mir auch her,“ setze ich +laut+ hinzu, damit
die Damen keinen Verdacht schöpfen.
Izzi Pizzi bestellt selbst: „Zuerst bringen S’ Kaviar — bringen S’
gleich die ganze Blechbüchs’n, damit man nöt immer klingeln muß ...“
„Kaviar ist sehr gesund“, wendet sie sich zu +mir+ und wirft mir einen
Glutblick zu. —
„In meiner Heimat trägt sogar jeder Gentleman eine Zitrone bei sich“,
füge ich verständnisinnig hinzu.
— — — — — — — — —
„Der Kaviar ist leider ausgegangen, vielleicht Ölsardinen gefällig?“
sagt der Kellner.
Izzi Pizzi fährt auf: „Aber draußen steht doch noch eine ganze Büchse
voll!“
„Da ist Schrot drin, Fräulein“, erwidert der Wackere, eingedenk des
erhaltenen Trinkgeldes. —
„Also Krebse — zwölf Stück!“
„Izzi ist ein seltener Vorname“, sage ich zu ihr, als sie mit dem
Bestellen endlich fertig ist.
„Izzi ist nur mein Bühnenname, eigentlich heiße ich Ida. — So eine,
wie d’ Ida war noch nie da.“
„Geistreich, wie alle Wienerinnen, mein Fräulein.“
„Das sagt der Graf auch immer, nöt wahr, Izzi?“ wirft die Alte mit
süßlicher Miene dazwischen.
„Der Graf, der immer so eifersüchtig ist?“ frage ich.
„Sie wissen ...?“ —
„Grafen sind immer eifersüchtig“, ist meine Antwort.
Ich behandle die Chansonette wie eine ~grande dame~ und lege noch nie
gesehene exotische Manieren an den Tag.
Der Alten tritt bereits der Schweiß auf die Stirn — von dem ewigen,
verbindlichen Lächeln.
Izzi heuchelt verhaltene Glut und hängt rachsüchtig im Geist an die
Zahl, die sie in Verbindung mit meinem Portemonnaie in Gedanken trägt,
eine Null an.
„Multiplizieren Sie sie mit fünf“, fahre ich unvermittelt heraus. —
Entsetzt zuckt die Kleine zusammen: „Wie kommen Sie darauf? Was sagen
Sie da?“
Kann er Gedanken lesen? denkt sie.
Die Gardedame glotzt mich stier an und scheint zu glauben, ich sei
verrückt geworden.
Ich sinne nach irgend einer unklaren Antwort, da bringt der Kellner die
Krebse.
Die beiden „Damen“ warten verlegen auf mich, was ich wohl Seltsames mit
den Krebsen beginnen werde.
Ich lasse sie warten und putze sorgsam mein Monokel.
Die Alte hüstelt und rückt an ihrem Schmelzskalp. Die Junge nestelt an
ihrer Bluse.
Endlich erbarme ich mich, blicke schmerzlich auf meine Fingernägel,
nehme einen Krebs und wickle ihn in meine Serviette, die ich sodann vor
mich auf den Tisch lege. —
Izzi hat es mir bereits nachgemacht, nur die Alte traut sich noch nicht
recht.
Dann schlage ich mit der Faust darauf und wickle den zertrümmerten
Krebs wieder aus.
Die Alte ist starr vor Staunen. „Krebsflecken gehen nicht aus der
Wäsche“, fährt es ihr heraus.
„Kusch“, murmelt halblaut die Junge und gibt ihr einen Fußtritt unter
dem Tisch.
In meinem Herzen jubelt die Hölle.
— — — — — — — — —
„Der Rheinwein war sauer, und der Burgunder hat an Stich g’habt“, hat
die kleine Ida gesagt, ganz glücklich, daß das dumme Essen vorbei und
mit ihm die Gelegenheit, sich arg zu blamieren.
Die Alte hat nur geknabbert.
Siehst du, alte Bestie, denke ich mir, hättest du Mythologie studiert,
so wüßtest du jetzt, was der gottselige Tantalus damals gelitten hat!
Aber jetzt kommt der Sekt, du dummer Fex, und +trinken+ kann jeder, wie
er will, da gibt’s keine Arabesken, denkt sich die Alte und wirft mir
einen grünen Blick zu.
„Kühlen Sie vorläufig nur eine Flasche Pommery, ~goût américain~,
Kellner; wir werden dann zu einer andern Marke schreiten, und jetzt
entkorken Sie mal den Steinkrug da und bringen Sie zwei mittelgroße
Wassergläser dazu — eines für die gnädige Frau! — Ihnen, mein Fräulein,
wage ich nicht anzubieten,“ wende ich mich zu Izzi, „es erhitzt das
Blut ein wenig.“
„Was ist denn drin?“ fragt die Kleine neugierig.
„Otschischciena — Tischwein auf Deutsch, ein russischer Labetrunk, den
wir immer vor dem Champagner nehmen — Damen und Herren —, sieht genau
aus wie gewöhnliches Wasser, — Sie sehen“, sage ich und schenke das
Glas der Alten voll.
Das meinige fülle ich unbemerkt mit wirklichem Trinkwasser.
„Man muß das ganze Glas auf einen Ruck hinunterstürzen, sonst leidet
der Geschmack darunter; ich werde mir erlauben, es Ihnen vorzumachen,
gnädige Frau — sehen Sie, so ...“
Ich weiß nicht, woraus Otschischciena gemacht wird, ich weiß auch
nicht, ob der Erfinder dieses Getränkes überhaupt ein lebender Mensch
war, ich weiß nur eines, rauchende Salpetersäure ist lauwarmes
Weihwasser dagegen.
Ein Gefühl des Mitleides beschlich mich, wie ich sah, daß die alte Frau
das volle Glas wirklich so hinunterstürzte.
Selbst Chingagook, der große Häuptling der Mohikaner, wäre tot
zusammengebrochen.
Die Gardedame aber verzog keine Miene, sie hatte die Augen
niedergeschlagen und griff nach ihrer Frisur.
Sie wird jetzt eine lange Hutnadel hervorziehen und sie mir ins
Herz bohren, denke ich mir. Doch nichts Ähnliches geschieht. Die
Alte schaut mir voll ins Gesicht mit dankbarem Blick: „Wirklich
ausgezeichnet, Herr Baron.“
„Ich möchte auch einmal kosten“, lispelt Izzi und macht einen kleinen
Schluck.
Dann fischt sie ein hineingefallenes Insekt aus dem Glas und trällert
so gewiß: „Die +Flieg’n+ kommt mir +spanisch+ vor, +spanisch+ vor,
+spanisch+ vor.“
Ich lasse mich aber nicht aus der Rolle bringen und bleibe so
konventionell wie zuvor.
Als Izzis Knie das meine drückt, sage ich Pardon und werfe einen
scheuen Blick auf die „Erzieherin“.
Das wird der Kleinen zu dumm, und sie schickt die Alte endlich
ärgerlich schlafen.
Ich lege der Gnädigen den Steinkrug an die Brust und wünsche ihr eine
recht geruhsame Nacht. —
— — — — — — — — —
Also jetzt werden sie der Reihe nach kommen, die alten bekannten
Geschichten: daß es Ida auch nicht an der Wiege gesungen worden war,
und so; daß sie sich einem Kavalier hingab, nur um ihres Bruders
Spielschulden zu decken. Die Alte, die eben ging, stamme noch aus der
Zeit, als sie selbst, noch ein Wildfang, sich auf den herrschaftlichen
Gütern ihres Vaters herumgetummelt; eine alte treue Dienerin! — Und
wie sie den Grafen hasse, der sie so eifersüchtig bewacht, — nur ein
paar Gulden in der Hand, um einige kleine Schulden: Schusterrechnung
und dergleichen, zu bezahlen, die sie zu stolz ist, ihm einzugestehen
— und sie würde ihm auf der Stelle den Laufpaß geben. — Und dann die
Kolleginnen! — Ach Gott, schamlose Dinger — besser, gar nicht davon zu
reden! —
Ich sehe Izzi forschend an. — Richtig, sie hat ein ernstes Gesicht
aufgesetzt und macht bereits Märchenaugen.
„Etelka Horváth ist heute abend das letztemal aufgetreten, das Publikum
hat schon gezischt“, beginnt sie.
Aha, denke ich mir, Abwechslung macht das Leben schön; die fängt einmal
von hinten an.
„Heute schläft sie schon drüben im Hotel Bavaria, die — die — — na —
die — die Ungarin. — Ich selbst wohne hier im Hause, im ‚Schwarzen
Roß‘, oben im ersten Stock. — Von sieben Uhr abends darf ich weder
ausgehen, noch auch Besuche auf meinem Zimmer empfangen. Der Graf ist
ein elender Tyrann“, fährt sie fort.
„Und dann ist es obendrein Polizeivorschrift“, werfe ich träumerisch
ein.
„Auch das,“ gibt sie verlegen zu, „aber von 9 Uhr früh an kann man mich
besuchen, — bis 12 Uhr liege ich im Bett!“
Pause.
Mein Fuß streift den ihren.
Sie lehnt sich zurück, sieht mich durch halbgeschlossene Lider an,
knirscht mit den Zähnen und beginnt hastig zu atmen. —
Ich reiße sofort den Federnmantel von der Wand und lege ihn um ihre
Schultern: „Sie müssen sich schlafen legen, liebes Kind, Sie fiebern ja
förmlich?“
— — — — — — — — —
Wir gehen über den Hof zurück zum Stiegenhaus.
Beim Portier bleibt Izzi zum Abschied stehen: „Gehen Sie schon nach
Hause oder noch ins Café, Baron?“
„Ich muß morgen zeitig aufstehen und gleich um neun Uhr einen Besuch
machen,“ antworte ich, und schaue ihr tief in die Augen; „ich habe
heute abend mein Herz verloren, — aber werden Sie auch nichts verraten?“
Die Kleine schüttelt unsicher den blauen Samtmühlstein.
„Dann will ich es Ihnen anvertrauen: Ich bin ganz weg in die süße
Etelka, Ihre reizende Kollegin.“
Izzi fegt die Treppe hinauf, ich aber stehe seelenvergnügt und pfeife
mir eins:
„Denn die Rose —
Und das Mädchen —
Will betro—gen —
Sein.“
~Bal macabre~
Lord Hopeleß hatte mich aufgefordert, doch an seinem Tisch zu sitzen,
und stellte mich den Herren vor.
Es war spät nach Mitternacht, und ich habe mir die meisten Namen nicht
gemerkt.
Den Doktor Zitterbein kannte ich schon früher.
„Sie sitzen ja immer allein, es ist schade,“ hatte er gesagt und mir
die Hand geschüttelt, — „warum sitzen Sie immer allein?“
Ich weiß, daß wir nicht viel getrunken hatten und dennoch unter jenem
feinen, unmerklichen Rausche standen, der uns manche Worte nur wie
von weitem hören läßt, und wie ihn die Nachtstunden bringen, wenn
Zigarettenrauch und Weiberlachen und seichte Musik uns umhüllt.
Daß aus einer Cancanstimmung wie dieser — aus einer Atmosphäre von
Zigeunermusik, Cake-Walk und Champagner ein Gespräch über phantastische
Dinge auftauchen konnte?! Lord Hopeleß erzählte etwas.
Von einer Brüderschaft, die allen Ernstes existiere, von Menschen —
besser gesagt, von Toten oder Scheintoten, — Leuten aus besten Kreisen,
die im Munde der Lebenden schon seit langem gestorben seien, sogar auf
dem Friedhof Leichensteine und Grüfte mit Namenszug und Todesdatum
besäßen, in Wirklichkeit aber in jahrelangem, ununterbrochenem
Starrkrampfe irgendwo in der Stadt, im Innern eines altmodischen
Hauses, bewacht von einem buckligen Diener mit Schnallenschuhen und
gepuderter Perücke, den man den gefleckten Aron nenne, empfindungslos,
geschützt vor Verwesung, in Schubladen lägen. — In gewissen Nächten
trete ihnen ein mattes, phosphoreszierendes Leuchten auf die Lippen,
und damit sei dem Krüppel das Zeichen gegeben, eine geheimnisvolle
Prozedur an den Halswirbeln dieser Scheinleichen vorzunehmen. Sagte er.
Frei könnten ihre Seelen dann umherschweifen — auf kurze Zeit von
ihren Leibern gelöst — und sich den Lastern der Großstadt hingeben.
Mit einer Intensität und einer Gier, die selbst nicht für den
Raffiniertesten ausdenkbar sei.
Unter anderem fände da ein vampirartiges, zeckenhaftes Sichansaugen
an die von Laster zu Laster taumelnden Lebenden statt, — ein Stehlen,
ein Sichbereichern am Nervenkitzel der Massen. Sogar Satzungen habe
dieser Klub, der übrigens den kuriosen Namen Amanita führen solle,
und Statuten und strenge Bestimmungen, die Aufnahme neuer Mitglieder
betreffend. Doch darüber läge ein undurchdringlicher Schleier des
Geheimnisses.
Das Ende dieses Gespräches des Lord Hopeleß konnte ich nicht mehr
verstehen, zu laut fielen die Musikanten mit dem neuesten Gassenhauer
ein:
„Ja, ja die Kla—re
Ist mir die wah—re.
Trala, trala, trala,
Tra—lalala—la.“
Die grotesken Verrenkungen eines Mulattenpaares, das dazu eine Art
Niggercancan tanzte, all dies wirkte wie die wortlose Verstärkung des
verstimmenden Einflusses, den die Erzählung auf mich genommen.
In diesem Nachtlokal mitten unter geschminkten Straßendirnen,
frisierten Kellnern und brillant-hufeisengeschmückten Zutreibern bekam
der ganze Eindruck etwas Lückenhaftes, Verstümmeltes und gerann in
meinen Sinnen zu einem grauenvollen, halblebenden Zerrbild.
Wie wenn die Zeit in unbewachten Momenten plötzlich einen geräuschlos
hastenden Schritt tue, verbrennen Stunden in unserm Rausche zu
Sekunden, wie Funken in der Seele aufglimmend, um ein krankhaftes
Geflecht kurioser, waghalsiger Träume, geschlungen aus wirren
Begriffen, aus Vergangenheit und Zukunft, zu beleuchten.
So höre ich noch aus dem Dunkel der Erinnerung heraus eine Stimme
sagen: „+Wir sollten dem Klub Amanita eine Karte schreiben.+“
Wie ich jetzt schließen kann, muß also das Gespräch immer wieder zum
selben Thema zurückgekehrt sein.
Dazwischen dämmern mir Bruchstücke kleiner Wahrnehmungen auf, wie
das Zerbrechen eines Likörglases, ein Pfiff, — dann, daß eine
Französin auf meinem Knie gesessen, mich geküßt, mir Zigarettenrauch
in den Mund geblasen und die Zungenspitze ins Ohr gesteckt habe.
Später wieder schob man mir eine verschnörkelte Karte hin, ich solle
mitunterschreiben, und mir fiel der Bleistift aus der Hand, — und dann
ging es wieder nicht, weil mir die Kokotte ein Glas Champagner über
die Manschette goß.
Deutlich weiß ich nur, wie wir alle mit einem Schlage ganz nüchtern
wurden und in unseren Taschen, auf und unter dem Tische nach der Karte
suchten, die Lord Hopeleß mit aller Gewalt zurückhaben wollte, die aber
spurlos verschwunden blieb.
— — — — — — — — —
„Ja, ja die Kla—re
Ist mir die wah—re“
kreischten die Geigen den Refrain und versenkten unser Bewußtsein immer
wieder in tiefe Nacht.
Wenn man die Augen schloß, glaubte man sich auf einem dicken, schwarzen
Samtteppich liegen —, aus dem nur vereinzelte rubinrote Blumen
aufleuchteten.
„Ich will etwas zu essen haben,“ hörte ich jemand rufen, — — „was, —
was? — — Kaviar — Blödsinn. Bringen Sie mir — bringen Sie mir, na —
bringen Sie mir eingemachte Schwämme.“
Und wir aßen alle saure Schwämme, die mit einem würzigen Kraut in einer
fadenziehenden, wasserhellen Flüssigkeit schwammen.
„Ja, ja die Kla—re
Ist mir die wah—re.
Trala, trala, trala,
Tra—lalala—la.“
— — — — — — — — —
Da saß plötzlich an unserem Tische ein seltsamer Akrobat in einem
schlotterigen Trikot und rechts daneben ein maskierter Buckliger mit
einer weißen Flachsperücke.
Neben ihm ein Weib; und alle lachten.
Wie ist er nur hereingekommen, mit — denen? Und ich drehte mich um:
außer uns war niemand mehr im Saal.
Ach was, dachte ich mir, — — ach was.
Es war ein sehr langer Tisch, an dem wir saßen, und der größte Teil des
Tischtuches schimmerte weiß, — leer von Tellern und Gläsern.
„Monsieur Phalloides, tanzen Sie uns doch etwas vor“, sagte einer der
Herren und schlug dem Akrobaten auf die Schulter.
Sie sind vertraut miteinander, träumte ich mir zurecht, wahr — —
wahrscheinlich sitzt er schon lange hier, der — der — — — das
Trikot.
Und dann sah ich den Buckligen zu seiner Rechten an, und seine
Blicke begegneten meinen. Er trug eine weißlackierte Maske und ein
verschossenes, hellgrünes Wams, ganz zerlumpt und voll aufgenähter
Flecken.
Von der Straße!
Wenn er lachte, war es wie ein schwirrendes Rasseln.
„~Crotalus! — Crotalus horridus~“, fiel mir ein Wort aus der Schulzeit
ein; ich wußte seine Bedeutung nicht mehr, aber ich schauderte, wie ich
es mir leise vorsagte.
Da fühlte ich die Finger der jungen Dirne unterm Tisch an meinem Knie.
„Ich heiße Albine Veratrine“, flüsterte sie stockend, als wolle sie ein
Geheimnis verraten, wie ich ihre Hand faßte.
Sie rückte dicht neben mich, und ich erinnerte mich dunkel, daß sie mir
einmal ein Glas Champagner über die Manschette gegossen hatte. — — Ihre
Kleider strömten einen beißenden Geruch aus, man mußte fast niesen,
wenn sie sich bewegte.
„Sie heißt natürlich Germer, — Fräulein Germer, wissen Sie“, sagte der
Doktor Zitterbein laut.
Da lachte der Akrobat kurz auf und sah sie an und zuckte mit den
Achseln, als ob er etwas Entschuldigendes sagen wolle.
Ich ekelte mich vor ihm, er hatte handbreite Hautentartungen am Halse
— wie ein Truthahn, aber krausenartig — ringsherum und von blasser
Farbe.
Und sein mattfleischfarbenes Trikot schlotterte an ihm von oben bis
unten, weil er engbrüstig und mager war. Auf dem Kopfe trug er einen
flachen, grünlichen Deckel mit weißen Tupfen und Knöpfen. Er war
aufgestanden und tanzte mit einer, die hatte eine Kette gesprenkelter
Beeren um den Hals.
Sind neue Frauenzimmer hereingekommen? fragte ich Lord Hopeleß mit den
Augen.
„Es ist die Ignatia — meine Schwester“, sagte Albine Veratrine, und wie
sie das Wort „Schwester“ sagte, blinzelte sie mich aus den Augenwinkeln
an und lachte hysterisch.
Dann streckte sie mir plötzlich die Zunge heraus, und ich sah, daß
sie einen trockenen, langen, roten Streifen mitten darauf hatte, und
entsetzte mich.
Es ist wie eine Vergiftungserscheinung, dachte ich mir, warum hat sie
einen roten Streifen? — — Es ist wie eine Vergiftungserscheinung.
Und wieder hörte ich wie von weitem die Musik:
„Ja, ja die Kla—re
Ist mir die wah—re“,
und ich wußte bei geschlossenen Augen, wie alle im Takt dazu mit den
Köpfen nickten. — — — —
Es ist wie eine Vergiftungserscheinung, träumte ich und wachte in einem
Kälteschauer auf:
Der Bucklige in dem grünen, fleckigen Wams hatte eine Dirne auf dem
Schoße und zupfte ihr mit eckig zuckenden Händen, wie im Veitstanz und
als wolle er den Rhythmus einer unhörbaren Musik angeben, die Kleider
ab.
Dann stand Doktor Zitterbein mühsam auf und knöpfte ihr die
Achselbänder los.
— — — — — — — — —
„Zwischen Sekunde und Sekunde liegt immer eine Grenze, die ist nicht
+in+ der Zeit, die ist nur gedacht. Das sind so Maschen, wie bei
einem Netz“ — hörte ich den Buckligen reden, — „und diese Grenzen
zusammengezählt sind noch immer keine Zeit, aber wir denken sie doch, —
einmal, noch einmal, noch eine, eine vierte — —
Und wenn wir nur in diesen +Grenzen+ leben und die Minuten und Sekunden
vergessen und nicht mehr wissen, — dann sind wir gestorben, dann leben
wir den Tod.
Ihr lebet fünfzig Jahre lang, davon stiehlt euch die Schule zehn: sind
vierzig.
Und zwanzig frißt der Schlaf: sind zwanzig.
Und zehn sind Sorgen, macht zehn.
Und fünf Jahre regnet es: bleiben fünf.
Von diesen fürchtet ihr euch vier hindurch vor morgen, so lebet ihr ein
Jahr — — +vielleicht+!
Warum wollt ihr nicht sterben?!
Der Tod ist schön.
Da ist Ruhe, immer Ruhe.
Und kein Sorgen um morgen.
Da ist die schweigende Gegenwart, die ihr nicht kennt, da ist kein
Früher und kein Später.
Da liegt die schweigende Gegenwart, die ihr nicht kennt! — Das sind die
verborgenen Maschen zwischen Sekunde und Sekunde im Netz der Zeit.“
— — — — — — — — —
Die Worte des Buckligen sangen in meinem Herzen, und ich blickte auf
und sah, wie dem Mädchen das Hemd heruntergefallen war und sie nackt
auf seinem Schoße saß. Sie hatte keine Brüste und keinen Leib — nur
einen phosphoreszierenden Nebel vom Schlüsselbein zur Hüfte.
Und er griff mit den Fingern in den Nebel hinein, da schnarrte es wie
Baßsaiten, und rasselnd fielen Stücke Kesselstein heraus. — So ist der
Tod, fühlte ich — wie Kesselstein.
Da hob sich langsam die Mitte des weißen Tischtuches wie eine große
Blase, — ein eisiger Luftzug wehte und verwehte den Nebel. Glitzernde
Saiten kamen ans Licht, die zogen sich vom Schlüsselbein der Dirne bis
zur Hüfte. Ein Wesen, halb Harfe, halb Weib!
Der Bucklige spielte darauf, träumte mir, ein Lied von Tod und
Lustseuche, das klang in einen fremdartigen Hymnus aus:
„In Leiden kehrt sich um die Lust,
In Wohl gewiß nicht, — sicherlich!
Wer Lust ersehnt, wer Lust erkürt,
Erkürt sich Leid, ersehnt sich Leid:
Wer nimmer Lust ersehnt, erkürt,
Erkürt, ersehnt sich nimmer Leid.“
Und mir kam ein Heimweh nach dem Tode bei diesen Strophen, und ich
sehnte mich nach dem Sterben.
Doch im Herzen bäumte sich das Leben auf — ein dunkler Trieb. Und Tod
und Leben standen drohend einander gegenüber; das ist der Starrkrampf.
Mein Auge war unbeweglich, und der Akrobat beugte sich über mich, und
ich sah sein schlotteriges Trikot, den grünlichen Deckel auf seinem
Kopf und die Halskrause.
„Starrkrampf“, wollte ich lallen und konnte nicht.
Wie er von einem zum andern ging und ihnen lauernd ins Gesicht blickte,
wußte ich, wir sind gelähmt: er ist wie ein +Giftschwamm+.
Wir haben giftige Schwämme gegessen und ~Veratrum album~ dabei, das
Kraut des weißen Germers.
Das alles sind Nachtgesichte!
Ich wollte es laut rufen und konnte nicht.
Ich wollte zur Seite sehen und konnte nicht.
Der Bucklige mit der weißlackierten Maske stand leise auf, und die
anderen folgten ihm und ordneten sich schweigend in Paare.
Der Akrobat mit der Französin, der Bucklige mit der menschlichen Harfe,
Ignatia mit Albine Veratrine. — So zogen sie im fersenzuckenden
Cake-Walk-Schritt zu zwei und zwei in die Wand hinein.
Einmal noch drehte sich Albine Veratrine nach mir um und machte eine
obszöne Bewegung.
Ich wollte meine Augen zur Seite drehen oder die Lider schließen und
konnte nicht, — ich mußte immer die Uhr sehen, die an der Wand hing,
und wie ihre Zeiger wie diebische Finger um das Zifferblatt schlichen.
Dabei tönte mir in den Ohren das freche Couplet:
„Ja, ja die Kla—re
Ist mir die wah—re.
Trala, trala, trala,
Tra—lalala—la“,
und wie ein ~Basso ostinato~ predigte es in der Tiefe:
„In Leiden kehrt sich um die Lust:
Wer nimmer Lust ersehnt, erkürt,
Erkürt, ersehnt sich nimmer Leid.“
Ich genas von dieser Vergiftung nach langer, langer Zeit, die andern
aber sind alle begraben.
Sie waren nicht mehr zu retten, — hat man mir gesagt, — als Hilfe kam.
Ich aber ahne, man hat sie scheintot bestattet, wenn auch der
Arzt sagt, Starrkrampf komme nicht von giftigen Schwämmen,
Muskarinvergiftung sei anders; — ich ahne, man hat sie alle scheintot
begraben und muß schaudernd an den Klub Amanita denken und den
gespenstischen buckligen Diener, den gefleckten Aron mit der weißen
Maske.