Der Wurf gelingt

Nacht war’s, halb zehn, fahl wie ein Knochen stierte der Mond vom

Himmel, da buchstabierte Veronika die Theaterzettel an der Ecke, und

mißtrauisch sah ein Schutzmann von weitem zu.

Wilhelm Tell (in volkstümlicher Bearbeitung),

D’Schmalzler Vroni (Hinterstoißer Zyklus),

Linzerische Bua’m,

Hüu-a-oa-hoahüa (Mundart),

Auf der Alm, da gibt’s koa Sünd’,

Antonius und Cleopatra auf dem Dorfe

Das Wildschwein nickte befriedigt.

Dann tat es plötzlich einen furchtbaren Satz, warf den Schutzmann um,

raste durch die Straßen und zur Seitentür ins Theater hinein, durch

lange Gänge kreuz und quer, trampelte den neuen Pappendeckel-Fafner

kaputt und fuhr dem Tenoristen Herrn Povidlsohn zwischen den Beinen

durch, gerade als er hinter der Szene sang:

„Mit dem Feil, dem Boochen

durch Gebürch und Dahl

kommt der Schütz gezoochen

frühüh, am Mohorgenstrahl.“

Der Vorhang war soeben in die Höhe gerauscht, hinter einem

Leinwandfelsen kniete Wilhelm Tell, und das Publikum wartete

gespannt auf einige Verse von ihm, ehe er aus dem Hinterhalt auf den

ahnungslosen österreichischen Beamten abdrücken werde.

Da sprang das Schwein wie der Blitz auf die Bühne.

Und erst langsam, dann schneller, immer schneller vollführte es ein

idiotisches Getrappel auf den Brettern.

Hie und da quiekte es schrill dazwischen.

Wilhelm Tell war geflüchtet und hatte sich laut weinend hinter die

Kulissen verkrochen. Den Souffleur hatte der Schlag getroffen. Nur im

Publikum rührte sich nichts.

Minutenlang kam kein Laut aus dem schwarzen gähnenden Rachen des

Zuschauerraums.

Dann aber brach es los wie ein Erdbeben.

„Allppenkunscht, Allppenkunscht, der Dichchter ischt sichcherlichch ous

der Schwiez gsi“, röchelte ein Schweizer Kritiker ohne Hemdkragen.

Rechtschaffene Männer mit Hirschhornknöpfen wuchsen aus dem Boden,

hinter wallenden Bärten, die blauen treu-dreieckigen Augen mit

deutscher Biederkeit gefüllt.

Im Stehparterre war eine Druse pechschwarz gekleideter Oberlehrer

aufgeschossen, und aus ihrer Mitte stieg ein hohler Ton ekstatisch

zum Himmel an: „Anz Pfaderland, anz dojre, schlüs düch an.“ Es war

da des Patriotismus kein Ende mehr! Und der einzige Oskar-Wilde- und

Maeterlinck-Verehrer der Stadt, ein degenerierter Zugereister, hielt

sich zitternd in der Toilette verborgen.

Veronika war ein gemachtes Schwein von Stund an. Immer wieder mußte

es den famosen Schuhplattler wiederholen und Arm in Arm mit dem Herrn

Regisseur unzählige Male vor der Rampe erscheinen.

Das Stück konnte gar nicht zu Ende gespielt werden, — Geßler blieb

unerschossen zum großen Ärger der anwesenden Schweizer — und in den

Korridoren noch wollte sich die Begeisterung nicht legen. Und fast wäre

es zu Tätlichkeiten gekommen, als der Herr Charcutier Schoißengeyer aus

Linz es wagte, mitten in den allgemeinen Enthusiasmus hinein bedenklich

den Kopf zu schütteln und sich zu den Worten: „I woaß nöt, i glaub halt

allaweil, ’s is a Sau“, hinreißen zu lassen.

— — — — — — — — —

Veronikas Ruhm wuchs von Tag zu Tag. Ein „Veronikatheater“ wurde

gegründet, und Schliersee, Bayerns berühmte Jodlquelle, als

mutmaßlicher Geburtsort der Künstlerin, war in aller Munde. Kein Stück

dürfe mehr die Zensur passieren, wenn es nicht mindestens 500 Meter

über dem Meeresspiegel spielte, gellte der Schrei der Zeit.

An alle Fürstenhöfe drang die frohe Kunde, schon wieder sei die

deutsche bodenständige Kunst auferstanden; — und selbst die scheue

norddeutsche Herzogin Meta wurde aufmerksam und ließ sich berichten.

„Ach, lieber Graf,“ so sagte eines Tages die hohe Frau, „wie heißt doch

nur das neue urwüchsige Bauerndrama, das so allgemein gefällt? Der — —

der — — Seppell, — ach, es war ja aber noch ’ne Bezeichnung oder ein

Vorname bei, der — — der — —“

„Es läßt sich nur unzulänglich ins Hochdeutsche übersetzen, Hoheit“,

hatte da errötend der Zeremonienmeister erwidert. „Der äh, der äh, der

— ‚Fäkalien-Joseph‘, das käme dem Sinne noch am nächsten. Ein neu

aufgefundenes Fragment,“ fuhr er dann hastig fort, um das Peinliche des

Eindrucks zu verwischen, „ein Fragment aus dem Nachlasse des leider

allzu früh verewigten Volksdichters Hinterstoißer, voll packenden

Realismusses und so ganz mitten aus dem pulsierenden Leben des Volkes

geschöpft. Wie denn überhaupt Xaver Hinterstoißer es wie kein zweiter

verstand, sich an die Natur anzulehnen. Ja, wahrlich, wahrlich: ~natura

artis magistra~.“

Und da hatte die hohe Frau neugierige Augen gemacht und sogleich die

Reise nach Süddeutschland angeordnet, um nicht die letzte zu sein.

3

Die heimtückischen Champignons: und andere Geschichten · 第 35 / 149 题